Der Erlöser.
Der Heiland am Kreuze! Zu Tausenden sind diese Kreuze aufgestellt, als Wahrzeichen dafür, daß Christus um der Menschheit willen litt und starb. .Sie rufen den Gläubigen von allen Seiten zu: „Denket daran!“ Auf einsamer Flur, in den belebten Großstadtstraßen, in stiller Kammer, in den Kirchen, an Gräbern und zu Hochzeits-feiern, überall dient es zum Trost, zur Stärkung und zur Mahnung. Denket daran! Um euerer Sünden willen ist es geschehen, daß der Gottessohn, der Euch das Heil zur Erde brachte, an dem Kreuze litt und starb.
Mit innigem Erschauern tritt der Gläubige herzu, in tiefer Ehrfurcht und voll Dankbarkeit. Mit Frohgefühl verläßt er dann die Stätte in dem Bewußtsein, durch den Opfertod auch seiner Sünden ledig geworden zu sein.
Du ernsthaft Suchender jedoch, geh hin, tritt vor das Wahr-zeichen heiligen Ernstes und bemühe dich, deinen Erlöser zu ver-stehen! Wirf ab den weichen Mantel der Bequemlichkeit, der dich so angenehm erwärmt und Wohlgefühl behaglichen Geborgenseins erzeugt, dass dich hindämmern läßt bis zu der letzten Erden-stunde, wo du dann jäh aus deinem Halbschlummer gerissen wirst, dich loslöst von der irdischen Befangenheit und plötzlich ungetrübter Wahrheit gegenüberstehst. Dann ist dein Traum schnell ausgeträumt, an den du dich geklammert hast, mit dem du dich in Tatenlosigkeit versenktest.
Deshalb erwache, deine Erdenzeit ist kostbar! Um unserer Sünden willen kam der Heiland, das ist unantastbar und buchstäblich richtig. Auch daß er um der Schuld der Menschheit willen starb.
Doch dadurch werden deine Sünden nicht von dir genommen! Das Erlösungswerk des Heilands war, den Kampf mit dem Dunkel aufzunehmen, um der Menschheit Licht zu bringen, ihr den Weg zu öffnen zur Vergebung aller Sünden. Wandern muß ein Jeder diesen Weg allein, nach des Schöpfers unumstößlichen Gesetzen. Auch Christus kam nicht, die Gesetze umzustoßen, sondern zu erfüllen. Verkenne doch nicht den, der dir dein bester Freund sein soll. Nimm für die wahren Worte nicht irrtümlichen Sinn.
Wenn es ganz richtig heißt: Um der Menschheit Sünden willen geschah dies alles, so ist damit gesagt, daß Jesu Kommen nur deshalb notwendig wurde, weil sich die Menschheit nicht mehr allein aus dem selbst geschaffenen Dunkel herauszufinden und von dessen Klammern zu befreien vermochte. Christus mußte diesen Weg neu bahnen und ihn der Menschheit zeigen. Hätte sich diese nicht so tief in ihre Sünden verstrickt, das heißt, wäre die Menschheit nicht denfalschenWeg gegangen, so würde das Kommen Jesu nicht notwendig geworden sein, ihm wäre der Kampf- und Leidensweg erspart geblieben. Deshalb ist es ganz richtig, daß er nur um der Sünden der Menschheit willen kommen mußte, wenn diese nicht auf dem falschen Wege ganz in den Abgrund, in das Dunkel gleiten sollten.
Das sagt aber nicht, daß damit jedem Einzelmenschen im Handumdrehen auch seine persönliche Schuld quittiert werden soll, sobald er nur wirklich an die Worte Jesu glaubt und darnach lebt. Lebt er aber nach den Worten Jesu, so werden ihm seine Sünden vergeben werden. Allerdings erst nach und nach zu einer Zeit, sobald die Auslösung durch die Gegenarbeit des guten Wollens nach den Worten Jesu in der Wechselwirkung erfolgt. Nicht anders. Zum Unterschiede dafür ist bei denen, die nicht nach den Worten Jesu leben, eine Vergebung überhaupt nicht möglich.
Das besagt nun aber nicht, daß nur Angehörige der christlichen Kirche Vergebung der Sünden erlangen können.
Jesus verkündete die Wahrheit. Seine Worte müssen deshalb auch alle Wahrheiten anderer Religionen mit enthalten. Er wollte nicht eine Kirche gründen, sondern der Menschheit den wahren Weg zeigen, der ebensogut auch durch die Wahrheiten anderer Religionen führen kann. Deshalb finden sich in seinen Worten auch so viele Anklänge an damals schon bestehende Religionen. Jesus hat diese nicht daraus entnommen, sondern, da er die Wahrheit brachte, mußte sich darin auch alles das wiederfinden, was in anderen Religionen schon von Wahrheit vorhanden war.
Verkleinere die Sendung Jesu und seine Worte nicht, indem du sie zu Einseitigkeit stempelst. Auch wer die Worte Jesu selbst nicht kennt und ernsthaft nach der Wahrheit und Veredelung strebt, lebt oft schon ganz im Sinne dieser Worte und geht deshalb mit Sicherheit auch einem reinen Glauben und der Vergebung seiner Sünden zu. Hüte dich deshalb vor einseitiger Anschauung. Es ist Entwertung des Erlöserwerkes, Herabzerrung des göttlichen Geistes.
Wer ernsthaft nach der Wahrheit, nach der Reinheit strebt, dem fehlt auch nicht die Liebe. Er wird, wenn auch manchmal durch harte Zweifel und Kämpfe, geistig von Stufe zu Stufe emporgeführt und, gleichviel, welcher Religion er angehört, schon hier oder auch erst in der feinstofflichen Welt dem Christusgeiste begegnen, der ihn dann letzten Endes weiter führt bis zu dem Vater, worin sich auch das Wort erfüllt: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“
Das „letzte Ende“ beginnt aber nicht mit den letzten irdischen Stunden, sondern auf einer gewissen Stufe in der Entwickelung des geistigen Menschen, für den das Hinübergehen aus der grobstofflichen in die feinstoffliche Welt nur eine Wandlung bedeutet.
Nun zu dem Geschehen des großen Erlösungswerkes selbst: Die Menschheit irrte in geistiger Dunkelheit. Sie hatte sich diese selbst geschaffen, indem sie sich mehr und mehr nur dem Verstande unterwarf, den sie erst mühsam großgezogen hatte. Damit zogen sie auch die Grenzen des Begriffsvermögens immer enger, bis sie gleich dem Gehirn bedingungslos an Raum und Zeit gebunden waren und den Weg zu Göttlichem, Unendlichem und Ewigem nicht mehr erfassen konnten. So wurden sie ganz erdgebunden, beschränkt auf Raum und Zeit. Jede Verbindung mit dem Licht, dem Reinen, Geistigen war damit abgeschnitten. Das Wollen der Menschen vermochte sich nur noch auf Irdisches zu richten bis auf wenige, die als Propheten nicht die Macht besaßen, durchzudrin-gen, freie Bahn zu schaffen zu dem Licht.
Durch diesen Zustand waren dem Übel alle Tore geöffnet. Geistiges Dunkel quoll herauf und strömte unheilbringend über die Erde. Das konnte nur ein Ende bringen: Geistigen Tod. Das Furchtbarste, das den Menschen treffen kann.
Die Schuld an allem diesen Elend aber trugen die Menschen selbst! Sie hatten es herbeigeführt, da sie freiwillig diese Richtung wählten. Sie hatten es gewollt und großgezogen, waren sogar noch stolz auf die Errungenschaft in ihrer maßlosen Verblendung, ohne in der so mühevoll selbst aufgezwungenen Beschränktheit des, Begreifens die Furchtbarkeit der Folgen zu erkennen. Von dieser Menschheit aus war kein Weg zu dem Licht zu schaffen. Die freiwillige Einengung war schon zu groß.
Wenn Rettung überhaupt noch möglich werden sollte, mußte von dem Licht aus Hilfe kommen. Sonst war der Untergang der Menschheit in das Dunkel nicht mehr aufzuhalten.
Das Dunkel selbst hat durch die Unreinheit eine größere Dichtheit, die geistige Schwere mit sich bringt. Wegen dieser Schwere vermag es von sich aus nur bis zu einer bestimmten Gewichtsgrenze emporzuringen, wenn ihm nicht von anderer Seite her eine Anziehungskraft zu Hilfe kommt. Das Licht aber besitzt eine seiner Reinheit entsprechende Leichtheit, die es ihm unmöglich macht. sich bis zu diesem Dunkel hinabzusenken.
Es ist dadurch zwischen beiden Teilen eine unüberbrückbare Kluft, in der der Mensch mit seiner Erde steht!
In der Menschen Hand nun liegt es, je nach Art ihres Wollens und Wünschens dem Lichte oder dem Dunkel entgegenzukommen, die Tore zu öffnen und die Wege zu ebnen, damit entweder das Licht oder das Dunkel die Erde überflutet. Sie selbst bilden dabei das Postament, durch dessen Wollenskraft Licht oder Dunkel festen Halt bekommt und von da aus mehr oder weniger kraftvoll wirken kann. Je mehr das Licht oder dasDunkel dadurch auf Erden Macht gewinnt, desto mehr überschüttet es die Menschheit mit dem, was es zu geben hat, mit Gutem oder Bösem, Heil oder Unheil, Glück oder Unglück, Paradiesesfrieden oder Höllenqual.
Der Menschen reines Wollen war zu schwach geworden, um in dem schon überhand genommenen schweren, alles erstickenden Dunkel auf Erden dem Lichte einen Punkt zu bieten, an den es sich halten konnte, mit dem es sich verbinden vermochte, derart, daß es in ungetrübter Reinheit und dadurch ungeschmälerter Kraft das Dunkel spaltete unddie Menschheit erlöste, die sich dann an der dadurch angeschlagenen Quelle Kraft holen und den Weg aufwärts finden konnte zu den lichten Höhen.
Dem Lichte selbst aber war es nicht möglich, sich so weit herabzusenken in den Schmutz, ohne daß ein starker Halt dazu geboten wurde. Deshalb musste ein Mittler kommen. Nur ein Gesandter aus geistigen Höhen konnte durch Menschwerdung die durch der Menschen Wollen gebildete dunkle Mauer sprengen und unter allem Bösen das grobstoffliche Postament für das göttliche Licht bilden, das fest mitten in dem schweren Dunkel steht. Von dieser Verankerung aus vermochten dann die reinen Strahlen des Lichtes die dunklen Massen zu spalten und zu zerstreuen, damit die Menschheit nicht vollständig im Dunkel versank und erstickte.
So kam Jesus um der Menschheit, der Sünde willen!
Die so geschaffene neue Verbindung mit dem Licht konnte bei der Reinheit und Stärke des Lichtgesandten nicht vom Dunkel abgeschnitten werden. Damit war für die Menschen ein neuer Weg zu den geistigen Höhen gebahnt. Von Jesus, diesem durch Mensch-werdung entstandenen irdischen Postament des Lichtes, gingen nun dessen Strahlen in das Dunkel durch das Wort, das die Wahrheit brachte. Er konnte diese Wahrheit unverfälscht übermitteln. da seine Verbindung mit dem Licht durch die Stärke derselben rein war und von dem Dunkel nicht getrübt zu werden vermochte.
Die Menschen werden nun aus ihrem Dämmerzustand aufge-rüttelt durch die gleichzeitig geschehenden Wunder. Diesen nachgehend stießen sie auf das Wort. Mit dem Hören der von Jesus gebrachten Wahrheit aber und dem Nachdenken darüber erwachte nach und nach in Hunderttausenden der Wunsch, dieser Wahrheit nachzugehen, mehr davon zu wissen. Und damit strebten sie dem Lichte langsam entgegen. Durch den Wunsch wurde das sie umgebende Dunkel gelockert, ein Lichtstrahl nach dem anderen drang sieghaft ein, indem die Menschen über die Worte nachdachten und sie für richtig fanden. Es wurde heller und heller um sie, das Dunkel fand keinen festen Halt mehr an solchen und fiel zuletzt von ihnen abgleitend zurück, womit es mehr und mehr an Boden verlor. So wirkte das Wort der Wahrheit in dem Dunkel wie ein keimendes Senfkorn und wie Sauerteig im Brote.
Und das war das Erlöserwerk des Gottessohnes Jesu, des Licht- und Wahrheitsbringers.
Das Dunkel, das die Herrschaft über die gesamte Menschheit schon zu haben wähnte, bäumte sich dagegen auf in wildem Kampfe, um das Erlöserwerk unmöglich zu machen. An Jesus selbst konnte es nicht heran, es glitt an seiner reinen Empfindung ab. Da war es selbstverständlich, daß es sich seiner willigen Werkzeuge bediente, die es zum Kampfe zur Verfügung hatte. Dies waren die Menschen, die sich ganz richtig Verstandesmenschen nannten, also sich dem Verstande fügten und somit mit dieser fest an Raum und Zeit gebunden waren, wodurch sie höhere, göttliche Begriffe, weit über Raum und Zeit stehend, nicht mehr erfassen konnten. Es wurde ihnen deshalb auch unmöglich, der Lehre der Wahrheit zu folgen. Sie alle standen ihrer eigenen Überzeugung nach auf zu „realem“ Boden, wie auch heute noch so viele. Realer Boden aber heißt in Wirklichkeit ein arg beschränkter Boden. Und alle diese Menschen waren gerade die Mehrzahl derer, die die Macht vertraten, also obrigkeitliche und religiöse Gewalt in den Händen hatten.
So peitschte das Dunkel in tobender Gegenwehr diese Menschen auf bis zu den groben Übergriffen, die sie gegen Jesus mit der in ihren Händen liegenden irdischen Gewalt ausübten.
Das Dunkel hoffte, dadurch Jesus wankend zu machen und noch im legten Augenblicke das Erlöserwerk zerstören zu können. Daß es diese Macht auf Erden überhaupt ausüben konnte, war lediglich Schuld der Menschheit, die durch ihre selbstgewählte falsche Einstellung ihren Begriffshorizont verengt und somit Dem Dunkel Oberhand gegeben hatte.
Diese Schuld allein war die Sünde der Menschheit, die alle anderen Übel nach sich zog.
Und um dieser Sünde der Menschheit willen mußte Jesus leiden! Das Dunkel peitschte weiter bis zum Äußersten: Jesus verwirkte den Kreuzestod, wenn er bei seinen Behauptungen blieb, der Wahrheit und Lichtbringer zu sein. Es galt die letzte Entscheidung. Eine Flucht, ein sich vollkommenes Zurückziehen von allem konnte ihn von dem Kreuzestod retten. Das aber würde einen Sieg des Dunkels im letzten Augenblicke bedeutet haben, weil dann das ganze Wirken Jesu wieder langsam im Sande verlaufen wäre und das Dunkel sich wieder siegreich über alles schließen konnte. Jesus hätte seine Mission nicht erfüllt, das begonnene Erlösungswerk wäre unvollendet geblieben.
Der innere Kampf in Gethsemane war hart, aber kurz. Jesus scheute den irdischen Tod nicht, sondern blieb standhaft und ging für die von ihm gebrachte Wahrheit ruhig in den irdischen Tod. Mit seinem Blute am Kreuze drückte er das Ziegel auf alles das, was er gesagt und gelebt hatte.
Durch diese Tat überwand er das Dunkel völlig, das den letzten Trumpf damit ausgespielt hatte. Jesus siegte. Aus Liebe zum Vater, der Wahrheit, aus Liebe zur Menschheit, der dadurch der Weg zur Freiheit in das Licht blieb, weil sie durch diesen Sieg an der Wahrheit seiner Worte bestärkt wurde.
Ein Entziehen durch die Flucht und das damit verbundene Aufgeben seiner Arbeit- hätte ihnen Zweifel bringen müssen.
Jesus starb also um der Menschheit Sünde willen! War die Sünde der Menschheit nicht, durch Abwendung von Gott in Einengung mit dem Verstand, so konnte sich Jesus sein Kommen ersparen, ebenso seinen Leidensweg und seinen Kreuzestod. Deshalb ist es ganz richtig, wenn es lautet: Um unserer Sünde willen kam Jesus, litt und starb den Kreuzestod!
Darin liegt aber nicht, daß du deine eigenen Sünden nicht selbst zu lösen hättest!
Du kannst es nur jetzt leicht, weil Jesus dir den Weg durch Überbringung der Wahrheit in seinen Worten gezeigt hat. So vermag auch der Kreuzestod Jesu nicht einfach Deine eigenen Sünden wegzuwaschen. Sollte derartiges geschehen, so müßten vorher die ganzen Gesetze des Weltalls gestürzt werden. Das geschieht aber nicht. Jesus selbst beruft sich oft genug auf alles das, „was geschrieben steht“, also auf das alte. Das neue Evangelium der Liebe hat auch nicht die Absicht, das alte der Gerechtigkeit zu stürzen oder abzustoßen, sondern zu ergänzen. Es will damit verbunden sein.
Vergiß deshalb nicht die Gerechtigkeit des großen Schöpfers aller Dinge, die sich nicht um ein Haar verrücken läßt, die ehern steht von Anbeginn der Welt und bis zu deren Ende! Sie würde gar nicht zulassen können, daß Jemand die Schuld eines anderen auf sich nimmt, um sie zu sühnen.
Jesus konnte um Anderer Schuld willen, also wegen der Schuld Anderer, kommen, leiden, sterben, als Kämpfer auftreten für die Wahrheit, aber er selbst blieb unberührt und rein von dieser Schuld, deshalb vermochte er sie auch nicht persönlich auf sich zu nehmen.
Das Erlöserwerk ist deshalb nicht geringer, sondern ein Opfer, wie es größer nicht sein kann. Jesus kam aus der lichten Höhe für dich in den Schmutz, er kämpfte um dich, litt und starb für dich um dir Licht zu bringen zu dem rechten Weg aufwärts, damit du dich im Dunkel nicht verlierst und untergehst!
So steht dein Erlöser vor dir. Das war sein gewaltiges Liebeswerk.
Gottes Gerechtigkeit blieb in den Weltgesetzen ernst und streng bestehen; denn was der Mensch säet, das wird er ernten, sagt auch Jesus selbst in seiner Botschaft. Kein Heller kann ihm nachgelassen werden auf Grund der göttlichen Gerechtigkeit.
Daran denke, wenn du vor dem Wahrzeichen heiligen Ernstes stehst. Danke innig dafür, dass dir der Erlöser mit seinem Wort den Weg neu eröffnete zur Vergebung der Sünden, und verlasse die Stätte mit dem ernsten Vorsatze, diesen dir gezeigten Weg zu gehen, damit dir Vergebung werden kann. Den Weg gehen aber heißt nicht etwa nur, das Wort zu lernen und daran zu glauben, sondern dieses Wort zu leben! Daran zu glauben, es für richtig zu halten und nicht in allem auch darnach zu handeln, würde dir gar nichts nützen. Im Gegenteil, du bist schlimmer daran als solche, die gar nichts von dem Worte wissen.
Deshalb wache auf, die Erdenzeit ist für dich kostbar!
Das Geheimnis der Geburt.
Wenn die Menschen sagen, daß in der Art der Verteilung der Geburten eine große Ungerechtigkeit liegt, so wissen sie nicht, was sie damit tun!
Mit großer Beharrlichkeit behauptet der eine: „Wenn es eine Gerechtigkeit gibt, wie darf ein Kind dann mit einer erblichen Krankheit belastet geboren werden! Das unschuldige Kind muß die Sünden der Eltern mit tragen.“
Der andere: „Das eine Kind wird in Reichtum, das andere in bitterer Armut und Not geboren. Dabei kann kein Glaube an Gerechtigkeit aufkommen.“
Oder: „Angenommen, den Eltern soll eine Strafe werden, so ist es nicht richtig, dass dies durch Krankheit und Tod eines Kindes geschieht. Das Kind muß doch dabei unschuldig leiden.“
Diese und ähnliche Reden schwirren zu Tausenden unter der Menschheit. Selbst ernsthaft Suchende zerbrechen sich manchmal den Kopf darüber.
Mit der einfachen Erklärung der unerforschlichen Wege Gottes, die alles zum Besten führen“, ist der Drang nach dem „Warum“ nicht aus der Welt geschafft. Wer damit zufrieden sein soll, muß sich stumpf darein ergeben, oder jeden fragenden Gedanken sofort als Unrecht unterdrücken.
So ist es nicht gewollt! Durch Fragen findet man den rechten Weg. Stumpfsinn oder gewaltsames Zurückdrängen erinnert nur an Sklaventum. Gott aber will nicht Sklaven! Er will nicht das stumpf-sinnige Sichfügen, sondern freies, bewußtes Aufwärtsschauen. Seine herrlichen, weisen Einrichtungen brauchen nicht in mystisches Dunkel gehüllt zu sein, sondern gewinnen an ihrer erhabenen, unantastbaren Größe und Vollkommenheit, wenn sie frei vor uns liegen! Unwandelbar und unbestechlich, in gleichmäßiger Ruhe und Sicherheit verrichten sie unaufhaltsam ihr ewiges Wirken. Sie kümmern sich nicht um Groll oder Anerkennung der Menschen, nicht um ihre Unwissenheit, sondern sie geben jedem Einzelnen bis auf das Allerfeinste abgetönt in reifen Früchten das zurück, was er als Saat ausstreute.
„Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher“, heißt es in dem Volksmunde so treffend über dieses Weben unbedingter Wechsel-wirkung in der ganzen Schöpfung, deren unverrückbare Gesetze die Gerechtigkeit Gottes in sich tragen und auswirken. Es rieselt, fließt und strömt, und ergießt sich über alle Menschen, gleichviel, ob diese es nun wünschen oder nicht, ob sie sich hingeben oder dagegen sträuben, sie müssen es empfangen als gerechte Strafe und Vergebung, oder Lohn in der Erhebung.
Wenn ein Murrender oder Zweifelnder nur ein einziges Mal einen Blick werfen könnte in das feinstoffliche, von straffem Geist durchzogene und getragene Wogen und Weben, das die ganze Schöpfung durchdringt, umfaßt, in dem sie ruht, das selbst ein Stück der Schöpfung ist, lebendig als ein ewig treibender Webstuhl Gottes, er würde sofort verschämt verstummen und bestürzt die Anmaßung erkennen, die in seinen Worten liegt. Die ruhige Erhabenheit und Sicherheit, die er erschaut, zwingt ihn abbittend in den Staub. Wie klein hat er doch seinen Gott gedacht! Und welche ungeheuere Größe findet er in dessen Werken. Er sieht dann ein, daß er in seinen höchsten irdischen Begriffen nur versuchen konnte, Gott herabzuzerren, die Vollkommenheit des großen Werkes zu schmälern mit dem vergeblichen Bemühen, es hineinzuzwängen in kleinliche Enge, die Verstandeszucht erschuf, die sich nie über Raum und Zeit erheben kann. Der Mensch darf nicht vergessen, daß er in dem Werke Gottes steht, selbst ein Stück des Werkes ist, und somit unbedingt auch den Gesetzen dieses Werkes unterworfen bleibt.
Das Werk aber umfaßt nicht nur irdischen Augen sichtbare Dinge, sondern auch die feinstoffliche Welt, die den größten Teil des eigentlichen Menschenseins und Menschenwirkens in sich trägt. Die jeweiligen Erdenleben sind nur kleine Teile davon, aber immer große Wendepunkte.
Die irdische Geburt bildet stets nur den Beginn eines besonderen Abschnittes in dem ganzen Sein eines Menschen, nicht aber dessen Anfang überhaupt.
Beginnt der Mensch als solcher seinen Lauf in der Schöpfung, so steht er frei, ohne Schicksalsfäden, die hinauszuziehen in die feinstoffliche Welt, durch Anziehungskraft der Gleichart unterwegs immer stärker werden, sich mit anderen kreuzen, ineinanderweben und zurückwirken auf den Urheber, mit dem sie verbunden blieben, so das Schicksal oder Karma mit sich führend. Die Auswirkungen gleichzeitig zurückströmender Fäden fließen dann ineinander, wodurch ursprünglich scharf ausgeprägte Farben andere Abtönungen erhalten und neue, kombinierte Bilder bringen.*1) Die einzelnen Fäden bilden den Weg der Rückwirkungen so lange, bis der Urheber in seinem Innenwesen keinen Anhaltspunkt mehr für die gleiche Art bietet, diesen Weg also von sich aus nicht mehr pflegt und frisch hält, wodurch sich diese Fäden nicht mehr festhalten können, nicht mehr einzuhaken vermögen und verdorrend von ihm abfallen müssen, gleichviel, ob es nun Übles oder Gutes ist.
Jeder Schicksalsfaden wird also durch den Willensakt bei dem Entschluß zu einer Handlung feinstofflich geformt, zieht hinaus, bleibt aber trotzdem in dem Urheber verankert und bildet so den sicheren Weg zu gleichen Arten, diese stärkend, gleichzeitig aber auch wieder von diesen Stärke erhaltend, die den Weg zurückläuft zu dem Ausgangspunkte. In diesem Vorgange liegt die Hilfe, die den nach Gutem Strebenden kommt, wie es verheißen ist, oder aber der Umstand, daß „Böses fortzeugend Böses muß gebären“.
Jedem Menschen bringen nun die Rückwirkungen dieser laufenden Fäden, zu denen er täglich neue knüpft, sein Schicksal, das er sich selbst geschaffen hat und dem er unterworfen ist. Jede Willkür ist dabei ausgeschlossen, also auch jede Ungerechtigkeit. Das Karma, das ein Mensch mit sich trägt und das wie eine einseitige Vorausbestimmung erscheint, ist in Wirklichkeit nur die unbedingte Folge seiner Vergangenheit, soweit diese sich in der Wechselwirkung noch nicht ausgelöst hat.
Der wirkliche Anfang des Seins eines Menschen ist immer gut, und bei vielen auch das Ende, mit Ausnahme derer, die durch sich selbst verloren gehen, indem sie zuerst von sich aus durch ihre Entschlüsse dem Übel die Hand reichten, das sie dann ganz ins Verderben zog. Die Wechselfälle liegen immer nur in der Zwischen-zeit, die Zeit des inneren Werdens und Reifens.
Der Mensch formt sich also stets sein zukünftiges Leben selbst. Er liefert die Fäden und bestimmt somit die Farbe und das Muster des Gewandes bis der Webstuhl Gottes durch das Gesetz der Wechselwirkung für ihn webt.
Weit zurück liegen oft die Ursachen, die bestimmend wirken für die Verhältnisse, in die eine Seele hineingeboren wird, ebenso für die Zeit, unter deren Einflüssen das Kind in die irdische Welt tritt, damit diese dann während seines Erdenwallens dauernd einwirkt und das erzielt, was zum Auslösen, Abschleifen, Abstoßen und Weiterbilden gerade dieser Seele notwendig ist.
Aber auch das geschieht nicht einseitig nur für das Kind, sondern die Fäden spinnen sich selbsttätig so, daß in dem irdischen auch eine Wechselwirkung liegt. Die Eltern geben dem Kinde gerade das, was es zu einer Fortentwickelung braucht, ebenso umgekehrt das Kind den Eltern, sei es nun Gutes oder Übles; denn zur Fortentwickelung und zum Aufschwunge gehört natürlich auch das Freiwerden von einem Übel durch Ausleben desselben, wodurch es als solches erkannt und abgestoßen wird. Und die Gelegenheiten dazu bringt stets die Wechselwirkung. Ohne diese würde der Mensch nie wirklich frei werden können von Geschehenem. Also liegt in den Gesetzen der Wechselwirkung als großes Gnadengeschenk der Weg zur Freiheit oder zum Ausstiege. Es kann daher von einer Strafe überhaupt nicht gesprochen- werden. Strafe ist ein falscher Ausdruck, da ja gerade darin die gewaltigste Liebe liegt, die dargereichte Hand des Schöpfers. zur Vergebung und Befreiung.
Das irdische Kommen des Menschen setzt sich zusammen aus Zeugung, Inkarnation und Gebären. Die Inkarnation ist der eigentliche Eintritt des Menschen in das irdische Sein?*2)
Tausendfältig sind nun die Fäden, die mitwirken zur Bestim-mung einer Inkarnation. Immer aber ist es auch in diesen Geschehnissen der Schöpfung eine bis zum allerfeinsten abgetönte Gerechtigkeit, die sich auswirkt und zu einer Förderung aller dabei Beteiligten treibt.
Dadurch wird die Geburt eines Kindes zu noch viel Heiligerem, Wichtigerem und Wertvollerem, als es im Allgemeinen angenommen ist. Geschieht doch damit gleichzeitig dem Kinde, den Eltern und auch .sogar eventuellen Geschwistern und anderen mit dem Kinde in Berührung kommenden Menschen mit dessen Eintreten in die irdische Welt eine neue, besondere Gnade des Schöpfers, indem sie damit alle Gelegenheit erhalten, in irgend einer Weise weiter zu kommen. Den Eltern kann durch notwendig werdende Krankenpflege, schwere Sorge oder Kummer die Gelegenheit zu geistigem Gewinn gegeben sein, sei es nun als Arznei, als einfaches Mittel zum Zweck, oder auch als wirkliche Ablösung einer alten Schuld, vielleicht sogar als Vorablösung eines drohenden Karmas. Denn es geschieht sehr oft, dass bei schon eingesetztem guten Wollen eines Menschen dessen eigene schwere Krankheit, die ihn selbst nach dem Gesetz der Wechselwirkung als Karma treffen soll, aus Gnade in Folge seines guten Wollens vorabgelöst wird durch aus freiem Entschlusse heraus erfolgende aufopfernde Pflege eines Anderen oder eines eigenen Kindes. Eine wirkliche Ablösung kann ja nur in der Empfindung erfolgen, in dem vollen Erleben. Bei Ausübung einer echt liebenden Pflege nun ist das Erleben oft noch größer als bei eigener Krankheit. Es ist tiefer in dem Bangen, dem Schmerze während der Krankheit des Kindes oder eines Anderen, den man wirklich als seinen lieben Nächsten -betrachtet. Ebenso tief auch die Freude bei dessen Genesen. Und dieses starke Erleben allein drückt seine Spuren fest in die Empfindung, in den geistigen Menschen, formt ihn damit anders und schneidet mit dieser Umformung Schicksalsfäden ab, die ihn sonst noch getroffen hätten. Durch dieses Abschneiden oder Fallenlassen schnellen die Fäden wie gespannter Gummi nach der Gegenseite zurück, den gleichartigen feinstoffli-chen Zentralen, von deren Anziehungskraft nunmehr einseitig gezogen. Damit ist jede weitere Wirkung auf den umgeformten Menschen ausgeschlossen, da der Verbindungsweg dazu fehlt.
So gibt es tausende Arten von Ablösungen in dieser Form, wenn ein Mensch freiwillig und gern irgend eine Pflicht .Anderen gegenüber auf sich nimmt, aus Liebe oder aus der Liebe verwandtem Mitleid heraus.
Jesus hat darin in seinen Gleichnissen die besten Vorbildergezeigt. Ebenso in seiner Bergpredigt und allen anderen Reden ganz deutlich auf die guten Erfolge derartiger Ausübungen hin-gewiesen. Er sprach dabei immer von dem Nächsten und zeigte damit den besten Weg zur Ablösung der Karmas und zum Aufstiege in schlichtester, lebenswahrster Form. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, mahnte er und gab damit den Schlüssel zu dem Tore alles Aufsteigens. Es muß sich dabei nicht immer um Krankheit handeln. Die Kinder, ihre notwendige Pflege und Erziehung, geben auf die natürlichste Art so viele Gelegenheiten, daß sie alles in sich bergen, was überhaupt nur zu Ablösungen in Betracht kommen kann. Und deshalb bringen Kinder Segen, gleichviel, wie sie geboren und entwickelt sind!
Das, was den Eltern gilt, gilt auch Geschwistern und allen, die viel mit Kindern in Berührung kommen. Auchdiese haben Gelegenheiten, durch den neuen Erdenbürger zu gewinnen, indem sie sich bemühen, sei es auch nurdurch Ablegung übler Eigenschaften oder ähnlichen Dingen, in Geduld, in sorgsamen Hilfeleistungen verschiedenster Art.
Dem Kinde selbst aber ist nicht weniger geholfen. Jeder ist durch die Geburt vor die Möglichkeit gestellt, ein gewaltiges Stück Weg aufwärts zu kommen! Wo es nicht geschieht, ist der Betref-fende selbst schuld daran. Dann hat er nicht gewollt. Deshalb ist jede Geburt als ein gütiges Gottesgeschenk zu betrachten, das gleichmäßig zur Verteilung kommt. Auch wer nun selbst keine Kinder hat, und nimmt ein fremdes Kind zu sich, dem ist der Segen nicht verkürzt, sondern nur noch größer durch die Tat der Annahme, wenn diese um des Kindes willen erfolgt und nicht zur eigenen Befriedigung.
Bei einer gewöhnlichen Inkarnierung nun spielt die Anziehungs-kraft der geistigen Gleichart als mitwirkend bei der Wechsel-wirkung eine führende Rolle. Eigenschaften, die als ererbt angesehen werden, sind in Wirklichkeit nicht vererbt, sondern lediglich auf diese Anziehungskraft zurückzuführen. Es ist nichts geistig von Mutter oder Vater Ererbtes dabei da das Kind ein ebenso abgeschlossener Mensch für sich ist, wie diese selbst, nur gleiche Arten in sich trägt, durch die er sich angezogen fühlte.
Doch nicht allein diese Anziehungskraft der Gleichart ist es, die bei der Inkarnierung ausschlaggebend wirkt, sondern es sprechen auch noch andere laufende Schicksalsfäden mit, an die die zu inkarnierende Seele gebunden ist und die vielleicht in irgend einer .Weise mit einem Angehörigen der Familie verknüpft sind, in die sie geführt wird. Alles das wirkt mit, zieht und führt zuletzt die Inkarnation herbei.
Anders aber ist es, wenn eine Seele eine freiwillige Mission auf sich nimmt, umentweder bestimmten irdischen Menschen zu helfen oder an einem Hilfswerke für die ganze Menschheit mitzuwirken. Dann nimmt eine Seele auch alles vorher gewollt auf sich, was sie auf Erden trifft, wodurch ebensowenig von Ungerechtigkeit gesprochen werden kann. Und der Lohn muß ihr ja dann in der Folge der Wechselwirkung dafür werden, wenn alles in aufopfernder Liebe geschieht, die aber wiederum. nicht nach dem Lohne fragt. In Familien, in denen erbliche Krankheiten sind, kommen Seelen zur Inkarnation, die diese Krankheiten durch Wechselwirkung zur Ablösung, Läuterung oder zum Vorwärtskommen brauchen.
Die führenden und haltenden Fäden lassen eine falsche, also ungerechte Inkarnation gar nicht zu. Sie schließen jeden Irrtum darin aus. Es wäre der Versuch des Schwimmens gegen einen Strom, der mit eiserner, unverrückbarer Gewalt seine geordneten Bahnen fließt und jeden Widerstand von vornherein ausschließt, sodaß es gar nicht einmal zu einem Versuche kommen kann. Unter genauer Beachtung seiner Eigenschaften aber spendet er nur Segen.
Und Beachtung findet alles auch bei freiwilligen Inkarnationen, bei denen die Krankheiten freiwillig zur Erreichung eines bestimmten Zweckes übernommen werden. Wenn vielleicht der Vater oder die Mutter durch eine Schuld die Krankheit auf sich lud, sei es auch nur durch Nichtbeachtung der natürlichen Gesetze, die eine unbedingte Rücksichtnahme auf Gesunderhaltung des anvertrauten Körpers fordern, so wird der Schmerz darüber, diese Krankheit auch wieder an dem Kinde zu sehen, schon eine Sühne in sich tragen, die zur Läuterung hinführt, sobald der Schmerz echt empfunden wird.
Besondere Beispiele anzuführen hat wenig Zweck, da jede einzelne Geburt durch die vielverschlungenen Schicksalsfäden ein neues Bild ergeben würde, abweichend von den anderen, und sogar jede Gleichart sich durch die feinen Abtönungen der Wechselwirkungen in ihren Mischungen in tausendfältigen Variationen zeigen muß.
Nur ein einfaches Beispiel sei gebracht: Eine Mutter liebt ihren Sohn derart, daß sie ihn mit allen Mitteln verhindert, durch eine Heirat von ihr zu gehen. Sie fesselt ihn dauernd an sich. Diese Liebe ist falsch, rein egoistisch, selbstsüchtig, auch wenn die Mutter nach ihrer Meinung alles, bietet, um dem Sohne das Erdenleben so schön wie möglich zu machen. Sie hat mit ihrer selbstsüchtigen Liebe zu Unrecht in das Leben ihres Sohnes eingegriffen. Die wahre Liebe denkt nie an sich selbst, sondern immer nur zu Gunsten des geliebten Anderen und handelt danach, auch wenn es mit eigener Entsagung verknüpft ist. Die Stunde der Mutter kommt, da sie abgerufen wird. Der Sohn steht nun allein. Es ist für ihn zu spät geworden, um noch den freudigen Schwung zur Erfüllung seiner eigenen Wünsche auf zubringen, den die Jugend verleiht. Trotz allem hat er dabei noch etwas gewonnen; denn er löst durch die herbeigeführte Entsagung irgend etwas aus. Sei es nun eine Gleichart aus seinem früheren Sein, womit er gleichzeitig der inneren Vereinsamung in einer Ehe ausgewichen ist, die ihn sonst bei Verheiratung hätte treffen müssen, oder irgend etwas anderes. Es gibt in solchen Dingen nur Gewinn für ihn. Die Mutter aber hat ihre selbstsüchtige Liebe mit hinüberge-nommen. Die Anziehungskraft geistiger Gleichart zieht sie deshalb unwiderstehlich zu Menschen hin mit gleichen Eigenschaften, da sie in deren Nähe die Möglichkeit findet, in dem Empfindungsleben solcher Menschen einen kleinen Teil ihrer eigenen Leidenschaft mitempfinden zu können, wenn diese ihre selbstsüchtige Liebe anderen gegenüber ausüben. Dadurch bleibt sie erdgebunden. Wenn nun bei den Menschen, in deren Nähe sie sich dauernd befindet, eine Zeugung erfolgt, kommt sie durch diese Bindung des sich geistig Aneinanderkettens zur Inkarnation. Dann wendet sich das Blatt. Sie muß nun als Kind unter der gleichen Eigenschaft des Vaters oder der Mutter dasselbe erleiden, was sie einst ihrem Kinde erleiden ließ. Sie kann sich nicht lösen von ihrem Elternhause trotz ihres Verlangens und der sich bietenden Gelegenheiten. Damit wird ihre Schuld getilgt, indem sie durch das Erleben an sich selbst derartige Eigenschaften als Unrecht erkennt und damit davon befreit wird.
Durch die Verbindung mit dem grobstofflichen Körper, also der Inkarnation, wird jedem Menschen eine Binde vorgelegt, die ihn hindert, sein rückwärtiges Sein zu überschauen. Auch das ist, wie alles Geschehen in der Schöpfung, nur zu dem Vorteile des Betreffenden. Es liegt darin wieder die Weisheit und die Liebe des Schöpfers. Würde sich ein Jeder auf das frühere Sein genau besinnen, so bliebe er in seinem neuen Erdenleben nur ruhiger Beobachter, danebenstehend, in dem Bewusstsein, einen Fortschritt damit zu gewinnen oder etwas abzulösen, worin ebenfalls nur Fortschritt liegt. Es würde aber gerade dadurch dann für ihn kein Vorwärtskommen werden, sondern vielmehr eine grobe Gefahr des Abwärtsgleitens bringen. Das Erdenleben soll natürlich erlebtwerden, wenn es Zweck haben soll. Nur was innerlich mit allen Höhen und Tiefen durchgelebt, also durchempfunden wird, hat man sich zu Eigen gemacht. Wenn ein Mensch von vornherein die genaue Richtung stets klar wüßte, die ihm nützlich ist, so gäbe es für ihn kein Erwägen, kein Entscheiden. Dadurch könnte er wiederum keine Kraft und keine Selbständigkeit gewinnen, die er unbedingt notwendig hat. So aber nimmt er jede Situation seines Erdenlebens wirklicher. Jedes wirklich Erlebte prägt Eindrücke fest in die Empfindung ein, in das Unvergängliche, das der Mensch mit hinübernimmt bei seiner Wandlung als sein eigen, als ein Stück von ihm selbst, neu nach den Eindrückengeformt. Aber auch nur das wirklich Erlebte, alles andere erlischt mit dem irdischen Tode. Das Erlebte aber bleibt als abgeklärter Extrakt des Erdendaseins sein Gewinn! Zu dem Erlebten gehört nicht alles Erlernte. Sondern von dem Erlernten nur das, was man sich davon durch Erleben zu eigen machte. Der ganze übrige Wust des Erlernten, wofür so mancher Mensch sein ganzes Erdendasein opfert, bleibt als Spreu zurück. Deshalb kann jeder Augenblick des Lebens nie ernst genug genommen werden, damit durch die Gedanken, Worte und Werke starke Lebenswärme pulsiert, sie nicht zu leeren Gewohnheiten herabsinken.
Das neugeborene Kind erscheint nun durch die bei der Inkar-nierung vorgelegte Binde als vollkommen unwissend und wird deshalb irrtümlich auch für unschuldig angesehen. Dabei bringt es oft ein gewaltiges Karma mit, das ihm Gelegenheiten bietet, frühere Irrwege auszulösen in dem Ausleben. Karma ist in der Vorausbestimmung nur die notwendige Folge des Geschehenen. Bei Missionen eine freiwillige Übernahme, um damit das irdische Verständnis und die irdische Reife zur Erfüllung der Mission zu erlangen, soweit es nicht zur Mission selbst gehört.
Deshalb sollte der Mensch nicht mehr murren über Ungerech-tigkeit bei den Geburten, sondern dankbar zu dem Schöpfer blicken, der mit jeder, einzelnen Geburt nur neue Gnaden spendet!
Ist okkulte Schulung anzuraten?
Diese Frage muß mit einem absoluten „Nein“ beantwortet werden. Okkulte Schulung, zu der im Allgemeinen die Übungen zur Erlangung von Hellsehen, Hellhören usw. zählen, ist ein Hemmnis zur inneren freien Entwickelung und zum wirklichen geistigen Aufschwunge. Was damit großgezogen werden kann, darunter verstand man in der Vorzeit die sogenannten Magier, sobald die Schulung einigermaßen günstig verlaufen war.
Es ist ein einseitiges Vorwärtstasten von unten nach oben, wobei der sogenannte Erdenbann nie überschritten werden kann. Es wird sich bei allen diesen eventuell zu erreichenden Vorkommnissen immer nur um Dinge niederer und niederster Art handeln, die die Menschen an sich innerlich nicht: höher zu bringen vermögen, wohl aber irre führen können.
Der Mensch vermag damit nur in die ihm zunächst liegende feinstofflichere Umgebung zu dringen, deren Intelligenzen oft noch unwissender. sind als die Menschen selbst. Alles, was er damit. erreicht, ist, daß er sich ihm unbekannten Gefahren öffnet, vor denen er gerade durch Nichtöffnen geschützt bleibt.
Ein durch Schulung hellsehend oder hellhörend Gewordener wird in dieser niederen Umgebung oft auch Dinge sehen oder hören, die den Anschein des Hohen und Reinen haben, und doch weit davon entfernt sind. Dazu kommt noch die eigene, durch Übungen noch mehr gereizte Fantasie, die ebenfalls eine Umgebung erzeugt, die der Schüler dann tatsächlich sieht und hört, und die Verwirrung ist da. So ein durch künstliche Schulung auf unsicheren Füßen stehender Mensch kann nicht unterscheiden, kann mit dem besten Willen keine scharfe Grenze ziehen zwischen Wahrheit und Täuschung, sowie der tausendfältigen Gestaltungskraft im feinstofflichen Weben. Zuletzt kommen noch die niederen, für ihn unbedingt schädlichen Einflüsse dazu, denen er sich selbst freiwillig mit vieler Mühe geöffnet hat, denen er nicht eine fertige, höhere Kraft entgegenstellen kann, und so wird er bald ein steuerloses Wrack auf unbekannter See, das für alles, was mit ihm zusammentrifft, gefährlich werden kann.
Es ist genau so, sie wenn ein Mensch nicht schwimmen kann. Er ist vollkommen fähig, in einem Kahne ganz geborgen durch das ihm nicht vertraute Element zu fahren. Dem irdischen Leben vergleichbar. Zieht er aber während der Fahrt aus dem ihn schützenden Kahne eine Planke fort, so reißt er in den Schutz eine Lücke, durch die das Wasser eindringt, ihn seines Schutzes beraubt und hinabzieht. Dieser Mensch, des Schwimmens unkundig, wird dadurch nur ein Opfer des ihm unvertrauten Elementes.
So ist der Vorgang der okkulten Schulung. Der Mensch zieht damit nur eine Planke seines ihn schützenden Schiffes fort, lernt aber nicht schwimmen!
Es gibt aber auch Schwimmer, die sich Meister nennen. Schwimmer auf diesem Gebiete sind solche, die eine schon fertige Veranlagung in sich tragen und dieser durch einige Schulung die Hand reichten, um sie zur Geltung zu bringen, sie auch immer mehr zu erweitern suchen. In solchen Fällen wird sich also eine mehr oder weniger fertige Veranlagung mit künstlicher Schulung verbinden. Doch auch dem besten Schwimmer sind stets ziemlich enge Grenzen gesetzt. Wagt er sich zu weit hinaus, so erlahmen ihm die Kräfte und er ist zuletzt ebenso verloren wie ein Nichtschwimmer, wenn ... ihm, wie auch dem Nichtschwimmer, nicht Hilfe kommt.
Solche Hilfe kann aber in der feinstofflichen Welt nur aus der lichten Höhe kommen, aus dem reinen Geistigen. Und diese Hilfe wiederum kann nur dann heran, wenn der in Gefahr Befindliche in seiner seelischen Entwickelung eine bestimmte Stufe der Reinheit erreicht hat, mit der sie sich zu einem Halt verbinden kann. Und solche Reinheit wird nicht durch okkulte Schulung für Experimente erreicht, sondern kann nur kommen durch Hebung der inneren echten Moral in dauerndem Aufblick zu der Reinheit des Lichtes.
Ist ein Mensch nun diesem Wege gefolgt, der ihn mit der Zeit zu einem gewissen Grade innerer Reinheit bringt, die sich naturgemäß dann auch in seinen Gedanken, Worten und Werken wiederspiegelt, so erhält er nach und nach Verbindung mit den reineren Höhen und von dort in Wechselwirkung auch verstärkte Kraft. Er hat damit eine Verbindung durch alle Zwischenstufen hindurch, die er hält und an die er sich halten kann. Es währt dann nicht lange, so wird ihm alles das ohne eigene Mühe gegeben, was die Schwimmer vergebens zu erreichen strebten. Aber mit einer Sorgfalt und Vorsicht, die in den straffen Gesetzen der Wechselwirkung liegt, daß er immer gerade nur so viel davon bekommt, wie er in mindestens gleicher Stärke Gegenkraft zu geben vermag, womit jede Gefahr von vornherein beseitigt ist. Zuletzt wird die trennende Schranke, die mit den Planken eines Kahnes zu vergleichen ist, dünner und dünner und fällt schließlich ganz. Das ist dann aber auch der Augenblick, wo er wie der Fisch im Wasser sich in der feinstofflichen Welt bis hinauf zu lichten Höhen ganz zu Hause fühlt. Dies ist der einzig richtige Weg. Alles durch künstliche Schulung Verfrühte ist dabei verfehlt. Nur dem Fisch im Wasser ist das Wasser wirklich ungefährlich, weil es sein Element ist, für das er jede Ausrüstung in sich trägt, die auch ein geschulter Schwimmer nie erreichen kann.
Nimmt ein Mensch die Schulung vor, so geht dem Anfang ein freiwilliger Entschluß voraus, dessen Folgen er dann unterworfen ist. Deshalb kann er auch nicht damit rechnen, daß ihm Hilfe werden muß. Er hatte vorher seinen freien Willensentschluß.
Ein Mensch aber, der zu solchen Schulungen Andere veranlaßt, die dann dadurch Gefahren verschiedenster Art preisgegeben sind, hat einen großen Teil der Folgen als Schuld von jedem Einzelnen auf sich zu nehmen. Er wird an Alle feinstofflich gekettet. Unwiderruflich muß er nach seinem irdischen Ableben hinab zu den Vorausgegan-genen, die den Gefahren unterlagen, bis zu dem, der dabei am tiefsten sank. Nicht eher vermag er selbst emporzusteigen, als bis er jedem Einzelnen von denen wieder hinaufgeholfen hat, der Irrweg ausgelöscht und außerdem auch das dadurch Versäumte nachgeholt ist. Das ist der Ausgleich in der Wechselwirkung und gleichzeitig der Gnadenweg für ihn, das Unrecht gutzumachen und emporzukommen.
Hat ein solcher Mensch nun darin nicht nur durch das Wort, sondern auch durch die Schrift, gewirkt, so trifft es ihn noch schwerer, weil diese Schrift auch nach seinem eigenen irdischen Ableben weiterhin Unheil anrichtet. Er muß dann im feinstofflichen Weben abwarten, bis Keiner mehr hinüberkommt, der durch die Schrift sich irreführen ließ, dem er deshalb wieder abzuhelfen hat. Jahrhunderte können dabei vergehen.
Damit ist aber nicht gemeint, daß das Gebiet der feinstoff-lichen Welt im irdischen Leben unberührt und unerschlossen bleiben soll!
Innerlich Gereiften wird es stets zu rechter Stunde zufallen, daß sie sich zu Hause fühlen, was für andere Gefahren birgt. Sie dürfen die Wahrheit schauen und sie weitergeben. Aber dabei werden sie auch die Gefahren klar überblicken, die denen drohen, die durch okkulte Schulung einseitig hineinreichen wollen in die Niederungen ihnen unbekannten Landes. Sie werden niemals zu okkulten Schulungen Veranlassungen geben.
Spiritismus.
Spiritismus! Medienwissenschaft! Heftig brennt der Streit dafür und auch dagegen. Es ist nicht meine Aufgabe, über die Gegner und deren Eifer der Verneinung etwas zu sagen. Das würde Zeitver-schwendung sein; denn jeder logisch denkende Mensch braucht nur die Art der sogenannten Prüfungen oder Forschungen zu lesen, um selbst zu erkennen, daß diese völlige Unkenntnis undentschiedenes Unvermögen der „Prüfenden“ zeigen. Warum? Wenn ich das Erdreich erforschen will, muß ich mich nach der Erde richten und deren Beschaffenheit. Will ich dagegen das Meer ergründen, bleibt mir weiter nichts anderes übrig, als mich dabei nach der Beschaffenheit des Wassers zu richten und mich der Beschaffenheit des Wassers entsprechender Hilfsmittel zu bedienen. Dem Wasser mit Spaten und Schaufel oder mit Bohrmaschinen zu Leibe zu gehen, würde mich in meinen Forschungen wohl nicht weit führen. Oder soll ich etwa das Wasser verneinen, weil ich im Gegensatz zu der mir gewohnteren, festeren Erde mit dem Spaten glatt hindurchfahre? Oder weil ich nicht ebenso, wie auf fester Erde gewöhnt, mit den Füßen darauf wandern kann? Gegner werden sagen: Das ist ein Unterschied; denn das Dasein des Wasserssehe ich und fühle ich, das kann also niemand ableugnen!
Wie lange ist es her, daß man die Millionen buntfarbiger Lebewesen in einem Wassertropfen sehr energisch ableugnete, von deren Bestehen jetzt ein jedes Kind schon weiß? Und weshalb leugnete man? Nur weil man sie nicht sah! Erst, nachdem man ein Instrument erfand, das auf ihre Beschaffenheit eingestellt war, konnte man die neue Welt erkennen, sehen und beobachten.
Also auch mit der außerstofflichen Welt, dem sogenannten Jenseits!Werdet doch sehend! Und dann erlaubt euch ein Urteil! Es liegt an euch, nicht an der „anderen Welt“. Warum? Ihr habt außer euerem grobstofflichen Körper auch noch den Stoff der anderen Welt in euch, während die Jenseitigen euer Grobstoffliches nicht mehr besitzen. Ihr verlangt und erwartet, daß sich euch die Jenseitigen nähern (Zeichen geben usw.), die über keinerlei Grobstofflichkeit mehr verfügen. Ihr wartet herauf, daß sie ihr Bestehen euch nachweisen, während ihr selbst, die ihr außer dem Grobstofflichen auch ebenso über den Stoff der Jenseitigen verfügt, abwartend sitzt mit den Allüren eines Richters.
Schlagt ihr doch die Brücke, die ihr schlagen könnt, arbeitet endlich mit dem gleichen Stoff, der auch euch zu Gebote steht, und werdet dadurch sehend! Oder schweigt, wenn ihr es nicht versteht, und mästet weiter nur das Grobstoffliche, das das Feinstoffliche immer mehr beschwert. Einst kommt der Tag, wo sich das Feinstoffliche von dem Grobstofflichen trennen muß und dann ermattet liegen bleibt, weil es des Fluges ganz entwöhnt wurde; denn auch das ist alles den irdischen Gesetzen unterworfen wie der irdische Körper, Nur Bewegung bringt Kraft! Ihr braucht nicht Medien, um Feinstoffliches zu erkennen. Beobachtet nur das Leben, das euer eigenes Feinstoffliche in euch führt. Gebt ihm durch eueren Willen, der ja auch zum Feinstofflichen zählt, was es bedarf, um zu erstarken. Oder wollt ihr das Bestehen eueres Willens auch bestreiten, da ihr ihn nicht seht und nicht betasten könnt?
Wie oft fühlt ihr die Auswirkungen eueres Willens in euch selbst. Ihr fühlt diese wohl, könnt sie aber weder sehen noch anfassen. Sei es nun Erhebung, Freude oder Leid, Zorn oder Neid. Sobald der Wille Wirkung hat, muß er auch Kraft besitzen, die einen Druck erzeugt; denn ohne Druck kann keine Wirkung sein, kein fühlen. Und wo ein Druck ist, muß ein Körper wirken, etwas Festes von dem gleichen Stoff, sonst kann kein Druck entstehen.
Es müssen also feste Formen sein von einem Stoff, den ihr mit eurem grobstofflichen Körper, weder sehen noch betasten könnt. Und so ist die Stofflichkeit des Jenseits, die ihr nur mit der auch euch innewohnenden Gleichart zu erkennen vermögt.
Sonderbar ist der Streit über das Für und Wider eines Lebens nach dem irdischen Tode, eigentlich oft bis zur Lächerlichkeit. Wer ruhig, vorurteilsfrei und wunschlos zu denken vermag und beobachten vermag und beobachten kann, wird bald finden, daß tatsächlich alles, aber auch alles für die Wahrscheinlichkeit einer bestehenden andersstofflichen Welt spricht, die der jetzige Durchschnittsmensch nicht zu sehen vermag. Es sind soviele Vorgänge, die daran immer und immer wieder mahnen und die nicht einfach als Nichtbestehend achtlos zur Seite geschoben werden können. Dagegen ist für ein unbedingtes Aufhören nach dem irdischen Ableben weiter nichts vorhanden als der Wunsch Vieler, die sich damit gern jeder geistigen Verantwortung entziehen möchten, bei der Klugheit und Geschick lichkeit nicht in die Wagschale fällt, sondern nur das wirkliche Empfinden.
Doch nun zu den Anhängern des Spiritismus, Spiritualismus, der Medienschaften und so weiter, wie sie es auch nennen mögen, es kommt zuletzt auf eins heraus, auf grobe Irrtümer!
Die Anhänger sind oft der Wahrheit viel gefährlicher als Gegner, viel schadenbringender!
Von den Millionen sind nur wenige, die sich die Wahrheit sagen lassen wollen. Die meisten sind in einem Riesenkranze kleiner Irrtümer verstrickt, die sie den Weg daraus zu schlichter Wahrheit nicht mehr finden lassen. Woran liegt die Schuld? Etwa am Jensei-tigen? Nein! Oder an Medien? Auch nicht! Nur an dem Einzel-menschen selbst! Er ist nicht ernst und scharf genug gegen sich selbst, will vorgefaßte Meinungen nicht stürzen, scheut sich, ein selbstge-bautes Bild- vom Jenseits zu zertrümmern, das ihm in seiner Phantasie geraume Zeit heilige Schauer und gewisses Wohlbehagen gab. Und wehe dem, der daran rührt! Ein jeder Anhänger hat schon den Stein zum Wurf auf ihn bereit! Er klammert sich daran fest und ist bereit, viel eher Jenseitige Lügen- oder Neckgeister zu nennen, oder Medien der Mangelhaftigkeit zu zeihen, bevor er ruhig prüfend an sich selbst geht, überlegt, ob sein Begriff nicht etwa falsch gewesen ist.
Wo sollte ich da anfangen, das, viele Unkraut auszurotten! Es würde eine Arbeit ohne Ende sein: deshalb sei, das, was ich hier sage, nur für die, die wirklich ernsthaft suchen; denn nur, solche sollen finden.
Nachgetragen darf die Wahrheit niemals werden! Wer suchet, der wird finden, und wer anklopft, dem wird aufgetan! Wer darum bittet, dem wird auch gegeben werden! So steht das Wort und so soll es gehalten sein! Durch Nachtragen wird alle Heiligkeit entwertet. Höret!
Ein Beispiel: Ein Mensch besucht ein Medium, sei dies nun bedeutend oder nicht! Es sind noch andere mit ihm. Eine „Sitzung“ beginnt. Das Medium „versagt“. Es wird nichts. Die Folge? Es gibt Leute, die sagen darauf: Das Medium taugt nichts. Andere: Der ganze Spiritismus ist nichts. Prüfende werfen sich in die Brust und verkünden: Die oft erprobten medialen Eigenschaften des Mediums waren Schwindel; denn sobald wir kommen, wagt das Medium nichts. Und die „Geister“ schweigen! Gläubige und Überzeugte aber gehen bedrückt fort. Der Ruf des Mediums leidet und kann bei mehrmaligem „Versagen“ ganz verschwinden. Ist nun gar eine Art Manager für das Medium vorhanden, und sind Geldeinnah-men damit verbunden, so wird der Manager nervös das Medium drängen, daß es sich doch Mühe geben soll, wenn die Leute dafür Geld ausgeben usw. Kurz: Es gibt Zweifel, Spott, Unzufriedenheit, und das Medium wird bei einem neuen Versuche sich krampfhaft in medialem Zustand zu wühlen suchen, dabei in einer Art nervöser Selbstbetörung vielleicht sich selbst unbewußt etwas sagen, das es zu hören vermeint, oder aber zum direkten Betruge greifen, der z. B. einem Sprechmedium nicht sehr schwer wird. Urteil: Schwindel, Verneinung des ganzen Spiritismus, weil vielleicht einige der Medien unter genannten Umständen zum Betruge griffen, um zunehmender Feindschaft auszuweichen. Dazu einige Fragen:
1. In welcher Menschenklasse, wie sie auch sei, gibt es keine Schwindler? Verurteilt man wegen einiger Schwindler auch bei anderen Dingen gleich das Können der ehrlich Arbeitenden?
2. Warum gerade hierin und tatsächlich nirgends anderswo?
Diese Fragen kann sich jeder selbst leicht beantworten: Es muß ihm aber mindestens sehr auffallend erscheinen und unlogisch.
Wer aber trägt nun die Hauptschuld an solchen unwürdigen Zuständen? Das Medium nicht, wohl aber die Menschen selbst! Durch ihre etwas sehr einseitigen Anschauungen, vor allem aber durch ihre totale Unwissenheit zwingen sie das Medium, zu wählen zwischen ungerechten Anfeindungen oder Täuschungen.
Einen Mittelweg lassen die Menschen einem Medium nicht so leicht.
Ich spreche hierbei nur von einem ernstzunehmenden Medium, nicht von den zahlreichen medial Angehauchten, die ihre geringen Fähigkeiten in den Vordergrund zu drängen suchen. Es liegt mir auch fern, für die großen Gefolgschaften der Medien in irgend einer Weise einzutreten; denn eigentlicher Wert solcher sich um Medien scharender Spiritisten ist in den seltensten Fällen vorhanden, mit Ausnahme der ernsten Forscher, die sich diesem Neuland lernend, nicht aber unwissend richtend gegenüberstellen. Für die größte Zahl der sogenannten Gläubigen bringen diese Besuche oder „Sitzungen" keinen Fortschritt, sondern Stillstand oder Rückgang. Sie werden so unselbständig, daß sie sich selbst über nichts mehr entscheiden können, sondern immer den Rat „Jenseitiger“ dazu einholen müssen. Oft in den lächerlichsten Dingen, und meistens für irdische Kleinigkeiten:
Ein ernster Forscher aber ehrlich suchender Mensch wird sich dabei immer empören über die unsagbare Beschränktheit gerade solcher, die sich bei Medien seit Jahren als ständige Besucher „heimisch“ fühlen. Mit außerordentlich kluger und überlegener Miene reden sie den größten Unsinn und sitzen dann mit heuchlerischer Andacht da, um den angenehmen Nervenkitzel über sich ergehen zu lassen, den der Verkehr mit unsichtbaren Kräften in der Einbildung bringt. Viele Medien sonnen sich dabei in den schmeichlerischen Reden solcher alter Besucher, die in Wirklichkeit nur das eigen-süchtige Verlangen damit kundtun, das sie selbst recht viel erleben möchten. Das „Erleben“ aber ist für sie gleichbedeutend nur mit Hören oder Sehen, also Unterhaltenwerden. Zum „Erleben“ wird nie etwas in ihnen.
Was soll ein ernster Mensch nun bei solchen Vorkommnissen bedenken?
1. Daß ein Medium überhaupt nichts zu einem „Gelingen“ beitragen kann, außer sich innerlich zu öffnen, also hinzugeben, und im Übrigen abzuwarten; denn es ist ein Werkzeug, das benützt wird, ein Instrument, das allein keinen Klang hervorzubringen vermag, wenn es nicht gespielt wird. - Ein sogenanntes Versagen kann es also deshalb gar nicht geben. Wer davon spricht, zeigt eigene Beschränktheit, er soll die Hände davon lassen und auch keine Meinungen äußern, da er ja kein Urteil, haben kann. Genau wie jeder, dem das Lernen schwer fällt, auch die Universität vermeiden sollte. Ein Medium ist also einfach eine Brücke, oder ein Mittel zum Zweck
2. Daß dabei aber die Besucher eine große Rolle spielen! Nicht in ihrem Äußeren oder gar weltlichen Stande, sondern mit ihrem Innenleben! Das Inneneben ist, wie auch den größten Spöttern bekannt, eine Welt für sich. Es kann natürlich kein „Nichts“ sein mit seinen Empfindungen, mit seinen zeugenden und nährenden Gedanken usw., sondern es müssen logischerweise feinstoffliche Körper oder Dinge sein, die durch Druck oder Einwirkung Empfindungen erwecken; weil sonst keine solchen erstehen könnten. Ebensowenig können im Geiste Bilder gesehen werden, wenn nichts da ist. Gerade eine derartige Auffassung würde ja das größte Loch bedeuten in den Gesetzen exakter Wissenschaften. Also es muß etwas da sein, und es ist auch etwas da; denn der zeugende Gedanke schafft in der feinstofflichen, also jenseitigen Welt sofort entsprechende Formen, deren Dichtheit und Lebensfähigkeit von der Empfindungskraft der betreffenden zeugenden Gedanken abhängig ist. So entsteht also mit dem, was „Innenleben“ eines Menschen genannt wird, auch eine entsprechende feinstofflich gleichgeformte Umgebung um diesen.
Und diese Umgebung ist es, die ein Medium, das stärker auf die feinstoffliche Welt eingestellt ist, wohltuend oder unangenehm, sogar auch schmerzhaft berühren muß. Dadurch kann es vorkommen, daß wirkliche Kundgebungen aus der feinstofflichen Welt nicht so rein wiedergegeben werden, wenn das Medium durch Gegenwart von Menschen mit feinstofflich oder geistig unreinem Innenleben beengt, bedrückt oder verwirrt wird. Aber es geht noch weiter. Diese Unreinheit bildet eine Mauer für reinere Stofflichkeit, auch wenn diese von einem persönlichen Geiste, einem auch im Jenseits freien Willen geleitet wird, sodaß eine Kundgebung aus diesem Grunde gar nicht erfolgen kann, oder nur von gleich unrein-stofflicher Art
Bei Besuchern mit reinem Innenleben ist natürlich Verbindung mit entsprechender reiner stofflicher Umgebung möglich. Jeder Unterschied aber bildet eine unüberbrückbare Kluft! Daher die Unterschiede bei sogenannten Sitzungen, daher oft völliges Versagen oder eintretende Verworrenheit. Das alles besteht auf unverrückbaren, rein physikalischen Gesetzen, die im Jenseits genau so wirken wie im Diesseits.
Somit kommen die abfälligen Berichte von „Prüfenden“ in ein anderes Licht. und wer die feinstofflichen Vorgänge zu beobachten imstande ist, muß lächeln, da sich so mancher Prüfende mit seinem Berichte sein eigenes Urteil spricht, sein eigenes Innenleben preisgibt, nur seinen Seelenzustand kritisiert.
Ein zweites Beispiel: Ein Mensch besucht ein Medium. Es geschieht ihm, daß ein hinübergegangener Verwandter durch das Medium zu ihm spricht. Er fragt ihn dabei um Rat über eine vielleicht ganz wichtige irdische Angelegenheit, Der Hinübergegangene gibt ihm darüber einige Anweisungen, die der Besucher wie ein Evangelium, eine Offenbarung aus dem Jenseits entgegennimmt, sich dann genau darnach richtet und dadurch . . . hineinfällt, oft schweren Schaden erleidet.
Die Folge? Der Besucher wird in erster Linie an dem Medium zweifeln, in seiner Enttäuschung und aus dem Ärger des Schadens heraus vielleicht gegen das Medium arbeiten, in manchen Fällen sogar sich verpflichtet fühlen, öffentliche Angriffe zu führen, um Andere vor dem gleichen Schaden und Hereinfalle zu bewahren. (Hier müßte ich nun anschließend das jenseitige Leben erklären, wie ein solcher Mensch sich dadurch ähnlichen jenseitigen Strömungen öffnet durch die Anziehungskraft der geistigen Gleichart und wie er dann als Werkzeug solcher Gegenströmungen zum Eiferer zu werden vermag in dem stolzen Bewußtsein, für die Wahrheit einzutreten und der Menschheit damit einen großen Dienst zu erweisen, während er sich in Wirklichkeit zu einem Sklaven der Unreinheit macht und sich ein Karma aufbürdet, zu dessen Lösung er ein Menschenalter und noch mehr benötigt, aus dem dann immer wieder neue Fäden ausgehen, sodaß ein Netz entsteht, in das er sich verstrickt, er zuletzt überhaupt nicht mehr ein noch aus weiß, und dann feindlich umso wütender eifert.)
Oder der enttäuschte Besucher wird, wenn er das Medium nicht als Schwindel betrachtet, mindestens sehr zweifelnd dem ganzen Jenseitigen gegenüberstehen oder den üblichen bequemen Weg einschlagen, den Tausende gehen, und sich sagen: „Was geht mich schließlich das Jenseits an. Darüber mögen sich Andere den Kopf zerbrechen. Ich habe Besseres zu tun“. Das „Bessere“ aber ist, durch Gelderwerben nur dem Körper zu dienen und sich damit noch mehr von dem Feinstofflichen zu entfernen. Woran aber liegt nun eigentlich die Schuld? Nur wieder an ihm selbst! Er hatte sich ein falsches Bild gemacht, indem er das Gesagte wie ein Evangelium hinnahm. Das war sein Fehler ganz allein und kein Verschulden Anderer. Womit hat er sich nun ein falsches Bild gemacht? Weil er annahm, daß ein Hinübergegangener durch seine Feinstofflichkeit gleichzeitig auch zum Teil allwissend oder doch wenigstens mehrwissend wurde. Darin liegt der Irrtum vieler Hunderttausende. Alles, was ein Hinüberge-gangener mehr weiß durch seine Wandlung, ist, daß er wirklich mit dem sogenannten Sterben nicht aufgehört hat zu sein.
Das ist aber auch alles, solange er nicht die Gelegenheit wahr-nimmt, in der feinstofflichen Welt weiterzukommen, was auch dort von seinem eigenen freien Entschlusse abhängig ist. Er wird also die Befragung um irdische Dinge in dem guten Wollen, den Wunsch zu erfüllen, seine Meinung kund tun, auch in der Überzeugung daß er damit das Beste gibt; aber er ist selbst unbewusst garnicht in der Lage, irdische Dinge und Verhältnisse so klar zu beurteilen, wie ein noch darin lebender Mensch in Fleisch und Blut, da ihm die Grobstoff-lichkeit abgeht, die er zu richtiger Beurteilung unbedingt nötig hat. Sein Standpunkt muss also ein ganz anderer sein. Doch er gibt das was er vermag, und gibt damit im besten Wollen auch das Beste. Es ist also weder ihm noch dem Medium ein Vorwurf zu machen. Er ist deshalb auch kein Lügengeist, wie wir überhaupt nur wissende und unwissende Geister unterscheiden sollten; denn sobald ein Geist sinkt, also unreiner und schwerer wird, verengt sich gleichzeitig auch ganz naturgemäß sein Horizont. Er gibt und wirkt stets das, was er selbst fühlt: Und er lebt nur der Empfindung, nicht dem berechnenden Verstande, den er nicht mehr hat, da dieser an das irdische Gehirn gebunden war, und damit auch an Raum und Zeit. Sobald es mit dem Sterben wegfiel, gab es für ihn kein Denken und kein Überlegen mehr, sondern nur ein Empfinden, ein unmittelbares, dauerndes Erleben!
Der Fehler liegt an denen, die im Irdischen, an Raum und Zeit Gebundenes noch Rat einholen wollen von denen, die die Einengung nicht mehr haben und deshalb auch nicht begreifen können.
Die Jenseitigen sind wohl in der Lage, zu erkennen, welche Richtung in irgend einer Sache die richtige und welche die falsche ist, aber dann muss der Mensch mit seinen irdischen Hilfsmitteln, also dem Verstande und seiner Erfahrung abwägen, wie er die rechte Richtung zu gehen vermag. Er muss es im Einklang mit allen irdischen Möglichkeiten bringen! Das ist seine Arbeit.
Auch wenn ein tief gesunkener Geist Gelegenheit und Einfluss und sprechen erlangt, so kann niemand sagen, daß er lügt oder falsch zu führen sucht, sondern er gibt das wieder, was er lebt, und sucht auch Andere davon zu überzeugen. Er kann nichts Anderes geben.
So sind zahllose Irrtümer in der Auffassung der Spiritisten. Ich müßte Wochen hindurch sprechen, um volle Aufklärung zu bringen.
Der „Spiritismus“ ist sehr anrüchig geworden, doch nicht aus sich selbst, sondern durch die größte Zahl der Anhänger, die schon nach wenigen und oft sehr kläglichen Ergebnissen begeistert wähnen, daß der Schleier für sie weggezogen sei und die dann eifrig Andere beglücken wollen mit einer Vorstellung vom feinstofflichen Leben, die sie sich selbst erdachten, die eine zügellose Phantasie erschuf und die vor allen Dingen ihre eigenen Wünsche völlig deckt. Selten stehen aber solche Bilder ganz im Einklang mit der Wahrheit!
Erdgebunden.
Das Wort wird viel gebraucht. Doch wer versteht dabei auch wirklich, was er damit sagt? „Erdgebunden“ klingt wie eine fürchterliche Strafe. Die meisten Menschen fühlen ein gelindes Grauen, fürchten sich vor denen, die noch erdgebunden sind. Dabei ist die Bedeutung dieses Wortes nicht so schlimm. Gewiß, es gibt so manches düstere, das diesen oder jenen erdgebunden werden läßt. Vorwiegend sind es aber ganz einfache Dinge, die zum Erdgebundensein hinführen müssen.
Nehmen wir z. B, einen Fall: Die Sünden der Väter rächen sich bis ins dritte und vierte Glied!
Ein Kind stellt in der Familie irgend eine Frage über das Jenseits oder über Gott, was es in der Schule oder Kirche gehört hat. Der Vater weist es kurz ab mit dem Bemerken: „Ach gehe mit dem dummen Zeug! Wenn ich gestorben bin, ist alles aus“. Das Kind stutzt, wird zweifelnd. Die wegwerfenden Äußerungen des Vaters oder der Mutter wiederholen sich, es hört dasselbe auch von Anderen, und zuletzt nimmt es deren Ansicht auf.
Nun kommt die Stunde, daß der Vater hinübergehen muß. Er erkennt dabei zu seinem Erschrecken, daß er damit nicht aufgehört hat zu sein. Nun wird der heiße Wunsch in ihm erwachen, sein Kind diese Erkenntnis wissen zu lassen. Dieser Wunsch bindet ihn an das Kind. Das Kind aber hört ihn nicht und fühlt nicht seine Nähe; denn es lebt nun in der Überzeugung, daß der Vater nicht mehr ist, und das steht wie eine feste, undurchdringliche Mauer zwischen ihm und seinem Vater. Die Qual des Vaters aber, beobachten zu müssen, daß das Kind durch seinen Anstoß nun den falschen Weg verfolgt, der es immer weiter ab von der Wahrheit treibt, die Angst, daß das Kind auf diesem falschen Wege den Gefahren tieferen Sinkens nicht auszuweichen vermag und vor allen Dingen viel leichter ausgesetzt ist, wirkt nun gleichzeitig als sogenannte Strafe für ihn, dafür, daß er das Kind auf diesen Weg leitete. Selten gelingt es ihm, diesem die Erkenntnis auf irgend eine Art beizubringen. Er muß sehen, wie sich die falsche Idee von seinem -Kinde weiter auf dessen Kinder überträgt, und so fort, alles als Mißerfolge seiner eigenen Verfehlung. Er kommt nicht los, bis einer der Kindeskinder den rechten Weg erkennt, geht, und auch Einfluß auf die anderen mit ausübt, wodurch er nach und nach gelöst wird und an seinen eigenen Aufstieg denken kann.
Ein anderer Fall: Ein Gewohnheitsraucher nimmt den starken Drang zum Rauchen mit hinüber; denn es ist Empfindung,also geistig. Dieser Drang wird zum brennenden Wunsche, und der Gedanke zur Befriedigung des Dranges hält ihn dort, wo er Befriedigung erreichen kann . . . auf Erden. Er findet sie, indem er Rauchern nachläuft und mit diesen in deren Empfindung auch genießt. Wenn Derartige kein schweres Karma an andere Stelle bindet, fühlen sie sich ganz wohl, sie werden sich einer eigentlichen Strafe sehr selten bewußt. Nur wer das ganze Sein überschaut, erkennt die Strafe in der unausbleiblichen Wechselwirkung, die dahin geht, daß der Betreffende nicht höher kommen kann, solange ihn der dauernd in „Erleben“ schwingende Wunsch zur Befriedigung an andere noch in Fleisch und Blutlebende Menschen auf Erden bindet, durch deren Empfindung allein er Mitbefriedigung erlangen kann.
So ist es auch mit sexueller Befriedigung, mit Trinken, ja sogar mit besonderer Vorliebe zum Essen. Auchda sind viele durch diese Vorliebe daran gebunden, in Küchen und Kellern herum-zustöbern, um dann bei dem Genießen der Speisen durch andere mit dabei sein und wenigstens einen kleinen Teil des Genusses nachempfinden zu können. Ernst genommen ist es natürlich Strafe
Aber der dringende Wunsch der Erdgebundenen läßt sie es nicht empfinden, sondern übertönt alles andere, und deshalb kann die Sehnsucht nach Edlerem, Höherem nicht so stark werden, daß es zum Haupterleben wird, ihn dadurch von dem anderenbefreit und hebt. Was sie eigentlich damit versäumen, wird ihnen garnicht bewußt, bis dieser Wunsch der Befriedigung, die ja immer nur eine kleine Teilbefriedigung durch andere werden kann, gerade dadurch wie eine langsame Entwöhnung nachläßt und verblaßt, sodaß andere noch in ihm ruhende Empfindungen mit weniger starker Wunschkraft nach und nach an gleiche und dann an erste Stelle kommen, wodurch sie sofort zum Erleben und damit zur Kraft der Wirklichkeit gelangen. Die Art der zum Leben gelangten Empfin-dungen bringt ihn dann dorthin, wo die Gleichart ist, entweder höher oder tiefer, bis auch diese wie die erste nach und nach sich auslöst durch Entwöhnung, und die nächste zur Geltung kommt, die noch vorhanden ist. So kommt mit der Zeit die Reinigung von all den vielen Schlacken, die er mit hinübernahm. Bleibt er da nicht bei einer letzten Empfindung einmal irgendwo stehen? Oder verarmt an Empfindungskraft? Nein! Denn wenn endlich die niederen Empfindungen nach und nach abgelebt, oder abgelegt sind, und es höher geht, erwacht die Dauersehnsucht nach immer Höherem und Reinerem, und diesetreibt stetig aufwärts. So ist ein normaler Gang! Nun gibt es aber tausend Zwischenfälle. Die Gefahr des Sturzes oder Hängenbleibens ist viel größer, als in Fleisch und Blut auf Erden. Bist du schon höher und gibst dich einer niederen Empfindung hin, nur einen Augenblick, so wird dieses Empfinden unmittelbar Erleben und dadurch zur Wirklichkeit. Du bist verdichtet und wirst schwerer, sinkst hinab in gleichartige Regionen. Dein Horizont verengt sich damit, und du mußt dich langsam wieder hocharbeiten, wenn es dir nicht geschieht, daß du noch tiefer, immer tiefer sinkst. „Wachet und betet!“.ist deshalb kein leeres Wort. Jetzt ist das Feinstoffliche in dir noch geschützt durch deinen Körper wie durch einen festen Anker. Kommt aber dann die Loslösung im sogenannten Sterben und Zerfall des Körpers, so bist du ohne diesen Schutz und wirst als feinstofflich unwiderstehlich von der Gleichart angezogen, ob tief, ob hoch, du kannst dem nicht entfliehen. Nur eine große Triebkraft kann dir aufwärts helfen, dein starkes Wollen zu dem Guten, Hohen, das zur Sehnsucht und Empfindung wird, und damit auch zu dem Erleben und zur Wirklichkeit nach dem Gesetz der feinstofflichenWelt, die nur Empfindung kennt. Darum rüste dich, schon jetzt mit diesem Wollen zu beginnen, daß es nicht bei der Wandlung, die dich jede Stunde treffen kann, übertönt wird durch ein zu starkes irdisches Begehren! Wahre dich, o Mensch, und halte Wacht!
Ist sexuelle Enthaltsamkeit notwendig oder anzuraten?
Wenn sich die Menschen erst von dem Irrtume der Vorzüge sexueller Enthaltsamkeit werden losgerungen haben, wird auch viel Unglück weniger sein. Erzwungene Enthaltsamkeit ist ein Übergriff, der sich bitter rächen kann. Die Gesetze in der ganzen Schöpfung zeigen doch deutlich genug den Weg, wohin man auch blickt. Unterdrückung ist widernatürlich. Alles Widernatürliche aber ist ein Aufbäumen gegen die natürlichen, also die göttlichen Gesetze, das wie in allen Dingen auch hierin keine guten Folgen bringen kann. Es wird nicht gerade in diesem einen Punkte eine Ausnahme gemacht. Nur darf sich der Mensch nicht von der sexuellen Regung beherrschen lassen, darf sich nicht zum Sklaven seiner Triebe machen, sonst zieht er diese zur Leidenschaft groß, wodurch das Natürliche, Gesunde zum krankhaften Laster wird.
Der Mensch solldarüber stehen, das heißt: nicht etwa Ent-haltsamkeit erzwingen, sondern mit innerer, reiner Moral eine Kontrolle ausüben, damit Anderen dadurch nicht übel widerfahre.
Wenn mancher Mensch wähnt, durch Enthaltsamkeit geistig höher zu kommen, so kann es ihm leicht geschehen, daß er damit gerade das Gegenteil erreicht. Je nach seiner Veranlagung wird er mehr, oder weniger dauernd im Kampfe mit den natürlichen Trieben stehen.Dieser Kampf nimmt einen großen Teil seiner geistigen Kräfte in Anspruch, hält sie also im Bann, sodaß sie anderweit sich nicht betätigen können. Somit ist eine freie Entfaltung der geistigen Kräfte gehindert. Ein solcher Mensch leidet zu Zeiten an einer drückenden Gemütsschwere, die ihn an einem inneren, frohen Aufschwunge hindert.
Der Körper ist ein vom Schöpfer anvertrautes Gut, das der Mensch zu pflegen verpflichtet ist. Ebenso wie er sich dem Verlangen des Körpers nach Essen, Trinken, Ruhe und Schlaf, Blasen und Darmentleerung nicht ungestraft enthalten kann, wie Mangel an frischer Luft und zu geringe Bewegung sich bald unangenehm fühlbar macht, so wird, er auch nicht an dem gesunden Verlangen eines reifen Körpers zu sexueller Betätigung herumkünsteln können, ohne sich irgend einen Schaden damit zuzufügen.
Erfüllung des natürlichen Verlangens des Körpers kann das Innere des Menschen, also die Entwickelung des Geistigen, nur fördern, niemals hemmen, sonst würde es der Schöpfer nicht hineingelegt haben. Aber wie überall, so schadet auch hierin jede Übertreibung, Es muß scharf darauf geachtet werden, daß das Verlangen nicht etwa nur die Folge einer durch Lesen oder ändere Ursache künstlich angeregten Fantasie, eines geschwächten Körpers oder überreizter Nerven ist. Es muß sich wirklich nur um die Forderung eines gesunden Körpers handeln; die durchaus nicht sehr oft an den Menschen herantritt.
Das wird nur geschehen, wenn vorher zwischen beiden Ge-schlechtern bereits eine vollkommene geistige Harmonie eingesetzt hat, die zum Schluß manchmal auch einer körperlichen Vereinigung zustrebt.
Alle anderen Ursachen sind für beide Teile entehrend und unrein, unsittlich, auch in der Ehe. Dort, wo die geistige Harmonie nicht vorhanden ist, wird die Fortsetzung einer Ehe zur absoluten Unsittlichkeit.
Wenn die gesellschaftliche Ordnung hierin noch keinen rechten Weg fand, so vermag dieser Mangel nichts an den Naturgesetzen zu ändern, die sich nach menschlichen Anordnungen und falsch erzogenen Begriffen niemals richten werden. Den Menschen dagegen wird nichts weiter übrig bleiben, als ihre staatlichen und gesell-schaftlichen Einrichtungen zuletzt den Naturgesetzen, also den gött-lichen Gesetzen, anzupassen, wenn sie wirklich inneren Frieden haben und gesunden wollen.
Die sexuelle Enthaltsamkeit hat auch mit Keuschheit nichts zu tun. Enthaltsamkeit könnte höchstens in den Begriff „Züchtigkeit“ eingereiht werden, von Zucht, Erziehung oder Selbstzucht abgeleitet.
Unter wahrer Keuschheit ist die Reinheit der Gedanken zu verste-hen, aber in allen Dingen, bis hinab zu den beruflichen Gedanken. Keuschheit ist eine rein geistige Qualität, keine körperliche. Auch in der Erfüllung des Sexualtriebes kann die Keuschheit voll bewahrt werden durch gegenseitige Reinheit der Gedanken. Außerdem aber hat die körperliche Vereinigung nicht nur den Zeugungszweck, sondern es soll dabei der nicht minder wertvolle und notwendige Vorgang einer innigen Verschmelzung und Austausch gegenseitiger Fluide zu höherer Kraftentfaltung erfolgen.
1 *) Siehe: Schicksal, Heft 2.
2 *) Siehe: Erschaffung des Menschen, Heft 2.