5. und 6. Dezember 1941.

„DES HERRN LETZTE ERDENSTUNDEN“.

„Der Herr ruht, sein Körper ist zum Skelett abgemagert. Seine Wangen sind eingefallen, ja völlig aufgezehrt, die Haut ist straff gespannt, gut durchblutet, von frischer Farbe. Und seine Augen strahlen im köstlichen Feuer von überirdischer Schönheit, alles umfassend!

Das Strahlen dieser Augen wirkt heute stärker als je zuvor auf mich. Als Arzt sieht man sonst bei derartigem Körperschwund matte, müde Menschenaugen, die wohl manchmal fiebrig und unruhig ängstlich flackern. Die Augen des Herrn aber, diese schönen, strahlenden Augen!

Das Lichtkreuz ist scharf abgesetzt auf seiner Stirn, weiß ist es, auch in der Nähe sichtbar, die Haut scheint hier nicht durchblutet zu sein, so weiß ist sie. Scharf zeichnet sich das Profil des edlen Kopfes ab. Die Hände haben fast jegliche Muskulatur verloren, und doch ist die Haut überall straff gespannt; nichts ist welk oder schlaff.

Nur die Stimme hat keine Kraft mehr. Es ist nur ein leises Flüstern, das man aus nächster Nähe verstehen kann.

Die Damen verlassen das Zimmer und ich bin mit ihm allein. Ganz nahe sitze ich am Bett und lausche seinen Worten:

„Das Wasser ist herrlich, eine Kostbarkeit, welche die Menschheit noch gar nicht zu schätzen weiß. Der Mensch ahnt ja noch nicht einmal, was Wasser ist! - Schön ist es!“

Ich spüre, wie der Herr jetzt mit diesem Element verbunden ist, es in sich selbst erlebt. Seine Gedanken wandern, glücklich, überaus glücklich ist sein Gesicht. Fest liegt seine rechte Hand auf der meinen, und wenn er spricht, drückt er fast mit jedem Wort dabei meine Hand.

„In der Klinik in Dresden habe ich etwas erleben dürfen was so überirdisch schön und einzig ist, daß ich es Ihnen nicht sagen kann“.

Nach längerem Schweigen spricht der Herr weiter:

„Es war schon nötig, daß ich in Dresden in der Klinik untersucht wurde, damit die Menschheit einmal weiß, daß ich kein organisches Leiden gehabt habe!“

Und nach kürzerer Pause weiter:

„Im Frühjahr will ich nach Wörishofen fahren und das Wasser genießen. -- Bald werde ich auch irdisch führen. In der Nähe der Burg soll eine Gralsklinik erstehen, die Sie leiten werden, dorthin kommen jedes Jahr von jeder Nation ein oder zwei Beste, um zu lernen und dieses Wissen darnach ihrem Volk weiter zu geben -- "

„Ja -- so wird es werden!“

Seine Gedanken wandern - - - dann wendet er sich mir wieder zu und sagt zu mir: „Bitte sorgen Sie dafür, daß die Beiden (Frau Maria und Fräulein Irmingard) mich nicht immer so quälen mit allem möglichen, was ich essen soll. Ich erhalte jetzt andere Nahrung von Gott Vater selbst. Das Irdische quält mich. Es ist alles richtig wie es geschieht. Ich will jetzt nur flüssige Kost haben und nur ganz wenig. - Können Sie noch bei mir bleiben?“

„So lange es der Herr wünscht", antwortete ich.

„Dann bleiben Sie bitte über Nacht hier, es beruhigt mich.“

Ich versprach es und die Liebe übermannte mich und ich legte meinen Kopf auf seine rechte Hand, da streichelte er mich und sagte:

„Karlheinz, ich weiß es, Du bist mein Freund, ich liebe Dich, aber anders als die Menschen dies meinen. - Ich werde Dich führen an meiner Hand. Du bist mein Karlheinz.“

Und er gab mir seinen Segen und neue Kraft mit beiden Händen, die er mir auf Stirn und Hinterkopf legte. Ich war wie betäubt, darnach stand ich auf, um die Untersuchung vorzunehmen.

Das Herz schlug ruhig, gleichmäßig und kräftig, Puls war in Ordnung, der Blutdruck hatte den niedrigen Wert von R R 125/80.

Doch hatte der Herr auch früher, im Sommer vor Kriegsausbruch, öfter derartig niedrige Blutdruckwerte gehabt. Es war somit nichts besonderes und kein Gedanke kam mir, daß irgendwelche Behandlung notwendig wäre.

Inzwischen war es Abend geworden und ich führte die Damen wieder herein:

„Dies ist mein Karlheinz“, sagte der Herr zu ihnen und deutete lächelnd auf mich. Nun erzählte ich ihm, daß auch Hellmuth Müller (Schlauroth) da wäre, der sich große Sorgen um ihn gemacht hätte. Ob er den Herrn sehen dürfte?

„Ja, wenn er nicht geraucht hat,“

Ich ging hinunter und holte ihn. Der Herr nahm seine Hand und flüsterte:

„Meine Freunde sind mir immer willkommen!“

Darnach schickte er uns mit Frau Maria zum Abendessen, während Fräulein Irmingard bei ihm blieb. Nachdem ich später zu einer kleinen Hilfeleistung von den Damen noch einmal hinaufgebeten worden war, schickte mich der Herr gegen 1/210 Uhr schlafen.

In mir arbeitete die Kraft ganz gewaltig, es summte in beiden Armen wie Starkstrom, an der rechten Schulter war ein peinigendes Brennen und der Kopf war ganz schwindlig. Ich lag ganz still und spürte das gewaltige Schaffen der Wesenhaften in dem Haus. Großes bereitete sich vor. Ab und zu schlummerte ich für kurze Zeit. Um einhalb vier Uhr morgens wurde ich wie von dem Schnarren eines Weckers wach, stand sofort auf und ging zum Herrn. Er war zusammen mit den Damen bereits wach, begrüßte mich mit einem Lächeln und sagte:

„Was will denn der schon, er soll doch schlafen“. Aber er freute sich doch, daß ich bei ihm war.

Allmählich wurde er immer unruhiger. Auch der Puls begann jetzt schlecht zu werden, und das Bewußtsein schwand teilweise. Das Bild hatte sich völlig verändert. Ich wurde sehr besorgt. Gegen fünf Uhr morgens gab ich schließlich dem Herrn auf vielfaches Drängen der Damen eine herzstärkende Einspritzung in die Muskulatur des linken Unterarmes. Er lächelte und sagte:

„Ihr dürft nicht irdisch denken, dann hemmt Ihr mich“.

Bald war er nicht mehr bei Bewußtsein. Der Puls setzte stellenweise aus. Da waren die Damen ganz verzweifelt und Frau Maria fragte mich, was zu tun wäre? Ich riet ihr den Herrn zu behandeln. Es geschah und ich mußte den Puls kontrollieren. Dieser gewaltige Vorgang der sich begegnenden Lichtkräfte nahm mir fast den Verstand. Die Behandlung wurde erst in längeren, dann in kürzeren Abständen wiederholt. Der Zustand verschlechterte sich jedoch weiter zusehends. Schließlich fragte mich Fräulein Irmingard, ob ich für den äußersten Fall noch ein Mittel zur Verfügung hätte?

Ich antwortete:

„Es geht jetzt der Atem Gottes durch das Haus, da hängt es nicht von dem Wollen oder Können eines Menschen ab, ob der Herr hier auf der Erde verbleibt oder nicht“, - „Ich beuge mich in ehrfürchtiger Demut diesem gewaltigen Geschehen“.

Der Atem des Herrn wurde immer oberflächlicher, der Körper warf sich immer unruhiger hin und her. Als der Herr wieder auf einen kurzen Augenblick zu sich kam, da fragte ich ihn, indem ich mein Ohr an seinen Mund brachte:

„Bleibt der Herr bei uns?“

Er nickte und antwortete:

„Ich habe versprochen!“

Das war das Letzte, was er sagte - - .

Von da ab wurde er immer unruhiger, schüttelte fast dauernd den Kopf und bewegte in seinem starken Abwehrkampf beide Arme, wobei er mit der Rechten wie im Schwertkampf fast ständig zuschlug, um dann wieder beide Arme vorzuhalten. Dieses Abwehren wurde immer stärker, immer schneller und so ging es weiter, fast eine ganze Stunde lang.

Um sechzehn Uhr und einige Minuten verließ der Herr den irdischen Körper. . . . . Und Frau Maria rief ihm nach:

„Imanuel, willst Du wirklich von uns gehen?“

Nachdem der Tod des Herrn eingetreten war, kamen im Speisezimmer die Damen mit Herrn Hellmuth Müller und mir zusammen. Nach der Empfindung von Gieseke (der Hausbesitzer) war es zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden, ob der Herr nicht doch wieder in seinen Erdenkörper zurückkehren würde, und Herr Gieseke drängte uns Menschen das Haus zu verlassen, damit das Trigon allein sein könnte.

Wir gingen somit hinunter ins „Halali“ und blieben noch etwas auf, um dann zu Bett zu gehen. Herr Müller-Schlauroth schlief mit mir zusammen. Vor dem Einschlafen brach bei ihm der ganze Kummer um den Verlust seines geliebten Herrn durch; er brauchte sich wirklich seiner Tränen nicht zu schämen. In diesem gelösten Seelenzustand versprachen wir uns beide im Gedenken an unseren über alles geliebten Herrn eine treue Freundschaft zu halten. Allmählich schlief dann jeder ein.

Am frühen Morgen des siebenten Dezember stand Herr Müller-Schlauroth auf, da er mit dem ersten Zuge nach Dresden fahren wollte, um für das Begräbnis des Herrn Sorge zu tragen. Noch beim Anziehen kam Herr Gieseke zu uns ins Zimmer. Nachdem Herr Müller fort war, kamen wir zwei in ernstes Gespräch und auch bei Otto Gieseke zerbrach die Trauer um den Heimgang seines geliebten Herrn den äußeren Halt. Unter Tränen versprachen auch wir uns gegenseitig Freunde zu werden und zu bleiben im Gedenken an ihn, den Inhalt unseres Lebens.

Nachdem ich dann beim Bürgermeister von Kipsdorf das Notwendige veranlaßt hatte, begab ich mich hinauf in das Haus, wo die Damen meiner warteten. Zusammen mit der Wäscherin reinigten wir den Körper des Herrn. Darnach kleidete ich ihn in ein zartgelbes Seidenhemd, das er als Kleidungsstück zu den ersten Feiern getragen hatte. Es hatte doppelte Ärmel, von denen der innere eng anlag und an den Handgelenken manschettenartig zu knöpfen war, der äußere deckte weit fallend den Oberarm bis zum Ellenbogen. Eine mattgoldene Borte verzierte Hals und Handgelenke. Schneeweiße, hoch heraufreichende Strümpfe wirkten wie Beinkleider eines königlichen Heerführers. Die Hände faltete ich über den Schoß. Weißgespannt war das Linnen, auf dem er lag.

Das Kissen der Jünger lag unter seinem Haupte. Zu beiden Seiten des Kopfes waren kleine Tischchen gestellt, auf denen vielarmige Leuchter standen.

Majestätisch lag er da:

IMANUEL, der Gralskönig.

Wie gemeißelt das Antlitz mit den edlen Zügen, die Hände gefaltet, das Hemd wie ein Krönungsrock bis zur Hälfte der Unterschenkel reichend, die Füße bedeckt mit wunderzarten Strümpfen die sich faltenlos anschmieg-ten. Die Beine etwas seitlich gestellt, sodaß die Füße nicht zusammen kamen.

So wirkte er, wie er war, königlich!

Und die Kerzen wurden angezündet, Blumen über Blumen kamen in das Zimmer.

Alles war bereitet, um die göttlichen Frauen und die Getreuen zu ihm zu lassen“, -

Hier endet der Bericht des Herrn Dr. Karlheinz Hütter, Facharzt für innere Krankheiten, Görlitz in Schlesien.

Ich habe mich nach dem Erdentod des Menschensohnes mehr denn einmal gefragt, weshalb gerade die Berufenen und Jünger, die ihn seit den Anfangstagen seines irdischen Wirkens kannten, die den Vorzug hatten, in seiner Nähe zu weilen und auch jene, die ihn in der Ferne mehr denn alles liebten, schätzten und ehrten, weshalb gerade diese in seiner letzten Stunde nicht bei ihm weilen durften? Ich habe dies je und je unendlich schmerzlich empfunden, nicht nur für mich, auch für die, welche gleich mir von ihm örtlich getrennt waren und jene besonders, die ich ehedem zu ihm und dem Gral führen durfte.

Darum vermochte ich auch nicht, - mir eigenste Eindrücke von dem Heimgang Imanuels und dem Schlußakt der Tragödie, seiner Beerdigung in Bischofswerda, unverlöschlich in mein Gedächtnis zu brennen, war vielmehr angewiesen, mich auf anderer Bemerkungen, Bilder oder kurze Aussprüche zu verlassen. Und um Einzelheiten die Hohen Damen nach meiner Rückkehr zum Berge des Heils zu befragen, hielt mich innere Scheu und Feinempfinden ab, der Hohen Damen leidvolle Wunde nicht wieder zum Bluten zu bringen.

Aus diesen Gründen vermag ich nur noch einige Bemerkungen dem Hauptaugenzeugenbericht des Herrn Dr. med. Hütter anzugliedern. Diesem Bericht lege ich besondere Bedeutung bei, aufrechten Glaubens, daß er den Tatsachen entspricht. Von Fräulein Gerda Köckeritz, mit welcher der Herr in Kipsdorf noch öfters gesprochen hat, weiß ich, daß er

Dr. Karlheinz Hütter liebte.

„Einmal blieb der Herr vor mir stehen“, erzählte mir Fräulein Köckeritz ein ander Mal, „als ich ihn auf einem Spaziergang in Kipsdorf begleiten durfte und sagte plötzlich:“

„Nein ich komme nicht mehr auf den Heiligen Berg, - meine Heim-sehnsucht ist so groß, daß sie alles andere übertönt“.

Am dreizehnten Oktober 1946 wurde meine Frau nach der üblichen Sonntagmorgenandacht im Gralstempel von Frau Maria in ihrem Audienzzimmer im Verwaltungsbau empfangen, Das Gespräch führte auf die Eigenart der kristallklaren, weichen, doch weithin tragenden Stimme des Herrn. Frau Maria betonte, daß sie einzig war, unnachahmbar und doch müßten sich sämtliche Leser der Gralsbotschaft bemühen, der Stimme des Herrn wenigstens nahe zu kommen. Wohl hatte der Jünger Hugo von Eickstädt, Brasilien, die Stimme des Herrn auf Grammophon-platten zu übertragen versucht, doch Frau Maria sagte, daß sie nicht glückten und möglicherweise sei es lichtbestimmt, daß die göttliche Stimme“ der Menschheit nicht erhalten bleiben solle. Frau Maria erzählte weiter meiner Frau den Vorfall in der Klinik zu Dresden, den Dr. Hütter in seinem Bericht wohl nur kurz streifte.

„Der Herr habe im dortigen Krankenhaus, also kurze Zeit nur vor seinem Abscheiden, allen um ihn versammelten Ärzten, Kranken-schwestern und sonstigen Anwesenden vom Geheimnis des Blutes gespro-chen. Alles habe geschwiegen, nur seine feine Stimme sei zu hören gewesen, Allwissen spendend. Alle Umstehenden hätten andächtig gelauscht und obwohl auf den Gängen Telephone rasselten, Glocken schellten und Patienten sich stauten, hätten die um den Herrn herumstehenden Ärzte und Schwestern nur seinem Worte gelauscht, wie magnetisch angezogen und niemand hätte begonnen den Raum zu verlassen, um die gewohnten Tagespflichten wieder aufzunehmen.

Herr Dubbs aus Zürich teilte mir mit, daß der Herr ihm schon 1940 gesagt habe, daß er, der Herr, im Fall seines Todes Fräulein Irmingard beauftragt habe, die über alles Gralsgeschehen informiert sei, die Gralsbewegung zu leiten. Ferner sagte Herr Dubbs, er habe aus dem Mund des Herrn selbst vernommen, daß er sich bereits an seinem Geburtstag des achtzehnten April 1923 - einem Mittwoch - als Imanuel bewußt gewesen wäre.

Von Frau von Martius erhielt ich über Miss Angela Eastwood in London folgende Mitteilung:

„Am sechsten Dezember 1941 hatte Abdruschin mit einem Arzt eine Unterredung, als ersterer plötzlich seine Gesichtsfarbe wechselte. Der ihm befreundete Arzt bettete ihn auf eine Couch, wußte jedoch sehen daß er bereits ohne jedweden Ausruf verschieden war. Der Herr wurde am elften beerdigt und ungefähr zweihundertundfünfzig Trauergäste sahen den Sarg mit roten Rosen und wundervollen Kränzen bedeckt. Der amtierende Pfarrer wählte auf Bitte Frau Marias für seine Trauerrede folgende Worte:

„Ich bin die Wahrheit und das Leben, niemand. kommt zum Vater denn durch mich!“

Frau Maria beschrieb das Abscheiden des Herrn in einem ihrer Briefe an eine Dame in Wiesbaden mit folgenden Worten:

„In der Nacht vom fünften zum sechsten Dezember spürten wir wohl, daß sich etwas Großes vorbereitete.

In den Armen Irmingards und Marias öffnete er zum letzten Mal seine Augen, schon im Licht stehend und schauend daß er heimgekehrt war zum Vater.

Wir waren allein. . . . . . .“ -

In einem Brief an den jungen Herrn Wolfgang Manz schrieb Frau Maria wörtlich dieses:

„Ja, es ist unsagbar schwer für uns. Für ihn - er ist bei seinem Vater, er ist heimgekehrt aus einer dunklen, verfolgungslüsternen Welt - endlich hat er Ruhe gefunden und ist bei ihm Gleichgesinnten. Sein letzter Blick sonnig golden, unendlich glücklich, wird uns immer wieder Trost geben“.

Als Familie Fritsch aus der Gralssiedlung zu dritt kurz nach der Beerdigung in Bischofswerda Gelegenheit suchte, den Hohen Damen ihre Trauer zu versichern, vermochte Herr Fritsch sen. nur die Worte zu stammeln:“ Wie konnte so etwas passieren?“

Woraufhin Frau Maria entgegnete:

„Gott sei Dank ist es passiert!“

Nun möchte ich noch den offiziellen Bericht, der das feierliche Leichenbegräbnis des Menschensohnes schildert, folgen lassen:

11. Dezember 1941, 2 Uhr 30 bis 2 Uhr 45 Donnerstag."

In der Friedhofskapelle zu Bischofswerda in Sachsen Aufbahrung und stille Andacht mit leisester Orgelmusik.

Es betreten Frau Maria mit Fräulein Irmingard die Kapelle, gefolgt von Herrn Alexander und dem Ehepaar Herbert Vollmann.

Ein junger evangelischer Geistlicher bezeugt Frau Maria seine Ehrerbietung und tritt dann zum Altar, auf welchem ein aufgeschlagenes Buch liegt.

Er sagt:

„Ich bin gebeten worden, folgendes zu sprechen:

„ICH BIN DER WEG DIE WAHRHEIT UND DAS LEBEN, NIEMAND KOMMT ZUM VATER DENN DURCH MICH!“

Der Allewige hat Herrn Oskar Ernst Bernhardt am sechsten Dezember 1941 um sechzehn Uhr fünfzehn Minuten zu sich gerufen. Er ist hier geboren und seine Jugendjahre hat er hier verbracht, die er als die schönsten seines ganzen Lebens bezeichnet hat. Sein Wille war, den Men-schen den Weg zum Licht zu zeigen. Sein Erdenleben war einsam, schwer und hart. Nur seine Gattin, seine Tochter und wenige Freunde haben mit ihm die vielen Stunden des Leidens und die wenigen der Freude geteilt. Es war seine Sehnsucht schon lange, diese Erde verlassen zu dürfen. Als ihn der Ewige abgerufen, war er sechsundsechzig Jahre sieben Monate und achtzehn Tage auf dieser Erde.

Lasset uns beten:

ALLEWIGER, DEINE WEISHEIT UND GÜTE IST UNENDLICH, UND VOLLKOMMEN IST DEINE GERECHTIGKEIT! AMEN“.

Die Orgel spielt: „O Haupt voll Blut und Wunden!“

Über dem mit wundervollen Blumen übersäten Sarg hing überlebens-groß der gekreuzigte Gottessohn und darüber zeigt das Deckengebälk waagerecht ein großes gleichschenkliges Kreuz.

Alsdann tritt Frau Maria an den Sarg und läßt ihre Hand darauf ruhen.

Dann wurden die vielen schönen Kränze und Blumen aufgenommen und der Sarg von acht Männern getragen und nach kurzem Weg in die Erde gesenkt.

„ERDE DER ERDE, ASCHE DER ASCHE UND STAUB DEM STAUBE!“

Dann betete der Pastor das „Vater Unser“ und erteilte den evangeli-schen Segen:


„DER HERR SEGNE DICH UND BEHÜTE DICH, DER HERR ERHEBE SEIN ANGESICHT AUF DICH UND GEBE DIR FRIEDEN! AMEN“.

Hierauf traten alle Anwesenden nacheinander an das Grab, gaben noch Blumen hinein und drückten Frau Maria, Fräulein Irmingard und Herrn Alexander, sowie den nächsten Angehörigen die Hand“. –

Nachtragend möchte ich hiermit bekunden, was von verschiedenen Kreuzträgern und glaubwürdigen Persönlichkeiten bestätigt wurde, daß der Menschensohn nach seiner Entlassung aus dem Innsbrucker Gefängnis im September 1938 (l1) zufolge nazistischer Gestapovorschrift nicht ermächtigt, war mit irgendeinem seiner Anhänger Verbindung oder schriftlichen Verkehr zu unterhalten. Bis zu seinem Tode stand er unter steter polizeilicher Überwachung und mußte mehrfache peinlichste Untersuchungen und Ausforschungen über sich ergehen lassen. Darunter litt in sehr verständlicher Weise sein ganzes Befinden, nicht nur geistig, sondern auch physisch, was dazu beitrug, den Erdentod zu beschleunigen, der in normalen Zeiten so früh nie eingetreten wäre.

Sein Erdentod war der moralische Mord, den ihm die Menschheit, und unter ihr wiederum eine bestimmte Gruppe, bewußt und bösen Wollens bereitet hatte. -


Mit einem kurzen Auszug aus den „Tagebuchblättern“ einer Kreuzträ-gerin, die der feierlichen Beerdigung beiwohnen durfte und die als erstes Kind im Alter von elf Jahren von Imanuel selbst im Gralstempel auf Vomperberg zur Feier des Strahlenden Sternes 1932 versiegelt wurde (22), will ich vorliegenden Abschnitt meiner Niederschrift „Grals-Erleben“ beschließen.

Berlin-Lichtenfelde -West

Rittberg Haus, Kinderklinik,

12. Dezember 1941.

„Das war ein Tag gestern! - Wie froh und dankbar bin ich, daß ich fahren durfte! In der Bahn schon erlebten wir herrlichsten Sonnenaufgang. In Dresden traf ich, obwohl unverabredet, Frieda Bergmann. Wir hatten uns ein Wiedersehen einst anders vorgestellt.

Um zwei Uhr nachmittags kamen wir in Bischofswerda an. Frau Maria und Fräulein Irmingard waren in demselben Zug. Sie gingen erst noch in ein Hotel. Dann formte sich ein langer Zug von Trauernden nach dem Friedhof. Schön liegt die kleine Kirche inmitten dieses auf einer sanften Erhöhung.

Über dem Altar war an der Decke des Kirchenschiffes das gleichschen-klige Gralskreuz mit Lilien zwischen den Balken ersichtlich.

Der Sarg stand unter einem Kruzifix, über und über mit dunkelroten Rosen bedeckt.

Anklagend für die Menschheit ertönte das Lied:

„O Haupt voll Blut und Wunden!“

Ja, wir haben es fertig gebracht, auch dem zweiten Gottessohne die Dornenkrone auf das Haupt zu drücken, es ist furchtbar!

Und der Pfarrer sprach die Worte Frau Marias, die ungefähr lauteten:

„Und er folgte dem Ruf des Ewigen und hat somit die Aufgabe, den Menschen zu helfen und noch einmal das Licht und die Wahrheit zu bringen, erfüllt“.

Einzig die Gattin und die Tochter Irmingard standen ihm zur Seite und halfen ihm auf seinem schweren Leidenswege. Nur eine kleine Zahl von Menschen hielt ihm die Treue und folgte ihm nach.

Stürmisch war der Tag und es war, als wollten die Wesenhaften die Stelle reinfegen von eklem Gewürm und Dunkel, in der die irdische Hülle unseres Herrn ruhen sollte.

Der Sarg wurde aus der Kirche getragen und in das Grab gesenkt.

Wir durften noch alle einzeln Blumen auf den Sarg hinabwerfen und hierauf Frau Maria, Fräulein Irmingard, Herrn Alexander und Frau Elisabeth Vollmann die Hand reichen.

Dann ging ich mit Frieda Bergmann und Gerda Köckeritz in dem kleinen Lausitzer Städtchen spazieren. Wir besuchten das Geburtshaus des Herrn und wandten uns hierauf dem Bahnhof zu.

Während es noch regnete, kam die Sonne durch die Wolken und es baute sich ein wundervoller Regenbogen über die Landschaft. Es war wie ein letzter Gruß und froh waren wir, ihn geschaut zu haben.

Bevor wir endgültig zum Bahnhof schritten, trieb es uns noch einmal zurück zum Grab, an dem Herr Alexander noch immer stand.

Um achtzehn Uhr zwölf Minuten ging unser Zug nach Dresden. Wir eilten zum Bahnhof, wo ich Frau Reinhard noch begrüßen konnte. Sie war sehr lieb zu mir, und sah ich auch noch Frau Luft, Frau Gecks und Frau Bouvier.

Auf dem Bahnsteig kamen wir in die Nähe von Frau Maria und hörten deutlich ihre Stimme, Frau Illig drückte mir nur still die Hand.

Dann kam der Zug und wir saßen mit Herrn Alexander in einem Abteil. Auf dem Dresdner Bahnhof rief Frau Vollmann Gerda Köckeritz und mich und wir durften zu Frau Maria und Fräulein Irmingard kommen. War das schön und doch so traurig!

Darauf fuhren Gerda Köckeritz und ich nach Berlin weiter und ich langte gegen ein Uhr zu Hause an. Vom Anhalter Bahnhof telefonierte ich noch mit Mutti in Rehbrücke“.




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1 (1) Montag, den 19.9. 1938

2 (2) Schwester Beatrice

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