EIN SONNTAGABEND IM GRALSHAUS AUF VOMPERBERG AM 15. JANUAR 1950.
Es jährte sich der Abend des fünfzehnten Januar zum neunzehnten Male seit jener denkwürdigen, unvergesslichen Stunde Anno 1931, in welcher Dr. Kurt Illig, ein namhafter Direktor vom Siemens-Schuckert Konzern in Berlin, meine Frau und mich mit dem Jüngerpaar Käthe Giesert und Lucien Siffrid in einer Gemeindeschulklasse auf der Weinmeisterstraße im dunklen Zentrum der deutschen Reichshauptstadt bekannt gemacht hatte.
Wir beide betraten gemeinsam damals Neu-Boden im geistigen Leben jener Zeit, die zwischen den beiden Weltkriegen brütete und Geistiges eher erstickte denn aufblühen ließ. Wie eine Flamme in der Dunkelheit begann damals die Stimme Lucien Siffrids, eines der ersten Jünger des Menschensohnes Imanuel, aufzuglühen wie Morgenröte am schwülen Himmel und in Gralsvorträgen aus der Botschaft „Im Lichte der Wahrheit“ von Abdruschin wahrhaft Wahrheit-Suchende aus dem Geistschlaf zu erwecken.
„Haltet den Herd Eurer Gedanken rein, Ihr stiftet damit Frieden und seid glücklich!“ (l1)
„Ihr habt das Glück oder das Unglück in eigener Hand! Hebet deshalb stolz das Haupt und frei und kühn die Stirn! Das Übel kann nicht nahen, wenn Ihr es nicht ruft! Wie Ihr es wollt, so wird es Euch geschehen!“ (2)
So brauste machtvoll aus dem Mund des Feuergeistes Lucien Siffrids das „lebende“ Wort des Weltenlehrers über die Köpfe in Andacht Schwei-gender und hinterließ im Innersten ihres Wesenskernes unverblaßbare Furchen anhebender geistiger Wiedergeburt.
Und wie in Preußens Königsstadt waren es in deutschen Landen, im Lande Luthers und Schillers und vieler anderer Geisteskönige, noch einige andere „Berufene“ des nun sich selbst erkannt habenden Gottessendlings, der wie kein anderer die Erfüllung des Gotteswortes in sich verkörperte; „Harret, sein, den Ich erkor, Euch zur Hilfe!“ (12) und nun sein Reich auf Erden zu bauen anhub, „Berufene“ wie Elisabeth Gecks in München, Hermann Wenng in Stuttgart, Hermine Otto in Hohenlimburg, die laut und freudig das Gralsevangelium zu verkünden begannen, während auf dem „Berge des Heils“ im Lande Tirol der Herr es selbst tat.
Während ich den Lichtsendling an dieser für immer geweihten Stätte auf Vomperberg in der Feier des „Strahlenden Sternes 1930“ erstmals persönlich hatte erleben dürfen, hörte meine Frau sein Heiliges Gotteswort zum ersten Mal aus dem Mund Lucien Siffrids.
Und es jährte sich der Abend des fünfzehnten Januar in anderer Hinsicht zum elften Male seit jenen ebenfalls unvergeßlichen Stunden, in denen ich zum letzten Mal mit dem „Grünen Ritter“ des Königs der Könige in Gestalt Dr. Illigs in London zusammen weilen durfte in Fleisch und Blut auf diesem irdischen Plan.
Weder er noch ich haben damals, als wir uns im Hochbetrieb der Acht-Millionenstadt im Herzen des Britischen Imperiums vor der Erosstatue in Piccadilly die Hände zum Abschied reichten, auch nur im leisesten geahnt, daß unsere Augen sich nie wieder in diesem Leben treffen würden, daß ein Granatsplitter der hoheitsvollen und kraftstrotzenden Gestalt des von der Vorsehung als Bahnbrecher zum Umbruch der Wissenschaft im kommenden Gralsreich auf Erden bestimmten Dr. Illig am achtzehnten April 1945, dem siebenzigsten Geburtstag des Menschensohnes, mitten ins Herz dringen würde, ihm damit den Erdentod bereitend.
Seit jenem letzten Zusammensein mit ihm auf englischem Boden verstrichen nun ebenfalls elf ungemein reiche, bedeutungsvolle und auch schicksalsschwere, alles von oben zu unterst, von unten zu oberst kehrende irdische Jahre im Welt- oder Gottgericht des Herrn.
Und abermals wies der Almanach auf einen fünfzehnten Januar zu Beginn jenes Jahres, das prominente Persönlichkeiten der Astrologie und der Astronomie, der Wissenschaften und der Politik als das Schnittjahr seiner Zeiten- und Weltenwende, das Umbruchsjahr in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts mit ungeahnten neuen Entwicklungen in jeglicher Sphäre menschlichen Lebens als auch kosmischen Geschehens vorausgesagt und gekennzeichnet haben. - - -
Dieser fünfzehnte Januar Anno Domini 1950 ging langsam zur Rüste. Über dem schneeüberwehten in Milliarden feinster Kristalle erstrahlenden Berge des Heils lagerte tiefer Sonntagsfrieden, langsam und erhaben sank im Westen das Sonnengestirn in glasigen Dunst, Himmel und Landschaft in rosenroten Feuerschein tauchend. Stumm, und doch mahnend, wies die Spitze der Pyramide, darinnen der Leichnam des Gottessendlings ruht, durch den Lichtschacht in Höhen, die Menschenaugen niemals erschauen werden können.
Nun nahte die Stunde, die siebente am Abend, in der Frau Maria im Kreise der Ihrigen meine Frau und mich im Hause des Herrn zu empfangen geruhte, das Nachtmahl zu halten.
Nicht ohne Herzklopfen betraten wir die Schwelle der für je und je geweihten Heiligen Stätte, wo der Menschensohn einst zur Rettung der Menschheit gewirkt hat, welch letztere ihm, dem Messiaskönig, anstatt ihn in Demut voll innigen Dankes zu empfangen, ein schmachvolles modernes Golgatha grub.
Nun war dieses irdische Heim des Herrn aller Herren - einer Insel des Friedens gleich inmitten der Unrast des Lebens - zur Heimstätte auch wieder Frau Marias, nach Tagen des Leidens und Kriegsnöten, geworden, der Lichtrose des im Stoff weilenden Trigons, die mit Fräulein Irmingard, der Reinheit Lilie und des Trigones Spitze, unter dem Schutz Herrn Alexanders, des „Urgeschaffenen Löwen“ und Schwertträger Imanuels, das Erlösungswerk des Menschensohnes in der von Frau Maria im Tempel Gottes erstmals selbst amtierten Gralsfeier des neunundzwanzigsten Dezember 1945 gemeinsam weiterzuführen und auch zu vollenden gelobt hatte.
Im Frühling 1949, da die ersten tiefblauen Enziane zu blühen begannen, war der Erweiterungsbau des Gralshauses nach genehmigten Plänen des Bauherrn, Jünger Friedrich Hermann - Zürich, in Angriff genommen und dank unermüdlicher Arbeit der zur Ausführung der stofflichen Notwendigkeiten herangezogenen Kreuzträger- nur einige wenige Facharbeiter aus der Niederung durften am Bau mithelfen - binnen verhältnismäßig kurzer Zeit zu einem erfreulichen Ende geführt worden, obwohl die Oberaufsicht, die Herrn Alexander oblag, zufolge dessen längerer Erkrankung gerade in den Hochdruckswochen des Schaffens nicht ausgeübt werden konnte.
Während dieser hatten die Hohen Damen mit Klein-Marga ihre Residenz im Gästehaus - dem früheren Schulgebäude - aufgeschlagen, das sie am neunzehnten April, einen Tag nach des Geburtstagsfeier des unvergeßlichen Herrn. bezogen.
Des Frühlings ganze balsamische Würze lag in jenen Tagen über den Berg gegossen und begünstigte somit die Fertigstellung des Baus, die auf Mitte Mai festgesetzt war. Und wie es im Rat der Hohen Damen beschlossen war, erfüllte es sich zur bestimmten Stunde, bis zu der viele Hände treuer im Gral dienender Kreuzträger tagein - tagaus rege tätig waren: dem alten, nun historisch gewordenen Wohnhaus Imanuels, das er einst von dem päpstlichen Kämmerer Folie käuflich erworben, stand stolz und imposant der neue geräumige Anbau mit Wohn- und Nebenräumen, die dem Lebensstandard der Hohen Frauen nun Genüge leisten sollten, einzugsbereit da, bis einmal - in Tagen der Zukunft - die Gralsburg erstehen würde, nach dem Abbild von oben, so wie es der Menschensohn am Ende seines Vortrags „Schöpfungsentwicklung“ in weisem Allwissen geoffenbaret hat:
„Es soll einmal auf Erden ein Abglanz kommen des wirklichen Paradieses unter der Hand des Menschensohnes, in dem Beginn des tausendjährigen Reiches, wie auch dabei gleichzeitig ein irdisches Abbild der Gralsburg erstehen wird, deren Urbild auf höchster Höhe des wirklichen Paradieses steht, als bisher einzig wahrer Tempel Gottes“. (l3)
Am fünfzehnten Mai Anno 1949 bezogen die Hohen Damen mit Marga das neuerstandene, innen und außen neu gerichtete Gralshaus, das im Laufe der Sommermonate hie und da in Kleinigkeiten noch vervollkommnet wurde.
Und als die Hohen Damen mit Herrn Alexander von einer längeren, nach der Feier der „Heiligen Taube“ nach Zürich unternommenen Autofahrt mit dem ebenfalls neuen, elegant schwarz lackierten und reich mit silbrigem Nickel beschlagenen und leuchtenden „Crysler“ USA Wagen No T 18242 nach dem Berg des Heils zurückkehrten, war auch das stofflich-äußere Gepräge des Gralssitzes und Eigentums Frau Marias so, wie es zur Zeit wünschenswert und finanziell ausführbar erachtet wurde. Das bedeutend vergrößerte Gralshaus gereichte nicht nur zu einer Zierde in dem an sich schon grandiosen Landschaftsbild des über die ganze weite Erde bereits bekannten Vomperberges, sondern vermochte nunmehr in gesellschaftlich - praktischer Hinsicht seine Portale auch weit für Empfänge zu öffnen, um Gesandten und Würdenträgern aus fernen Kontinenten, wie ganzen Abordnungen fremdsprachiger Kreuzträgergrup-pen von jenseits der Ozeane eine Gelegenheit zu bieten, den noch im Stoff sich befindlichen beiden Teilen des Göttlichen Trigons, Frau Maria und Fräulein Irmingard, ihre ehrerbietigste Aufwartung zu machen, so, wie es einst vor rund zwei Jahrtausenden die drei Könige und Weisen Balthasar, Melchior und Kaspar aus dem Morgenlande vor dem Gottessohne Christus Jesus taten. - - -
Meine Frau und ich hatten lange Zeit nicht den Vorzug gehabt, von den Hohen Damen im Gralshaus empfangen zu werden, wie es auch andere Siedlungsbewohner zu erleben hatten, nachdem Jahre schwerster geistiger, auch irdisches Alltagsleben sicher nicht unberührt gelassen habender Erleben - Prüfungen jedes einzelnen bis ins feinste Geäste seelischer Empfindungen - das Sein auf dem Berge erschüttert hatten. Und obwohl es der Erkenntnisse und aller möglichen guten Vorsätze die Fülle gegeben, jeder einzelne Kreuzträger sich Besserung gelobt und neue Ziele gesteckt hatte, war all den Vorsätzen, Planungen und Gelöbnissen doch nicht die vom Licht nur anzuerkennende „frohe Tat“ gefolgt, sondern hatten sich auch hierbei die Menschen abermals nur über ihre eigene eingebildete Besserung sündhaft getäuscht.
Nahm es da Wunder, daß die Hohen Damen allmählich am wirklich guten Wollen jedes einzelnen Kreuzträgers zu zweifeln begannen, ja, es nun überhaupt für unmöglich hielten, daß Umkehr und eine Besserung folge und sich nur glücklich geborgen im eigenen Schwingen göttlicher Reinheit inmitten des engsten Familienkreises fühlten!
Wenn auch die Mehrzahl der Siedlungsbewohner sich dieser tragi-schen Lage völlig bewußt gewesen waren und auch noch sind - nur ganz vereinzelte gingen blind und taub an ihr vorüber- sahen, die tiefer Erschütterten doch nur schwer eine Möglichkeit, die Stufe wahren Menschentums in Wahrheit zu erreichen, die gefordert wird von Gott dem Herrn und somit von einem Teil aus seiner göttlichen Liebe Wesenloser Allheiligkeit: der Rose des Lichtes - Frau Maria.
Da durfte sich erneut aus göttlichem Erbarmen tief in der Hoffnungslosigkeit menschlicher Ohnmacht ein neuer Liebesstrahl in Menschenherzen senken, indem Imanuel, der hehre Gottsohn selbst, ein neu-lebendig Wort in die Welten sandte und hier auch auf Erden am Gedächtnistag seines Todes, dem sechsten Dezember 1949, im Tempel des Grales durch seinen Apostel, Herbert Vollmann, verkünden ließ:
„SEHET, DURCH EUERE SCHULD MUßTE ICH DIE ERDE VERLASSEN - UND FÜR DIESE SCHULD BELOHNE ICH EUCH DAMIT, DAß ICH EUCH KÜNDE, DAß ICH SELBST MIR DIE DORNENKRONE EURES VERSAGENS VOM HAUPTE REISSE - DAMIT IHR ES LEICHTER HABET, EUCH AUFS NEUE AUFZURICHTEN IM NEU ERSTANDENEN DIENSTE“.
Seit der Stunde und dem Tag dieser Verkündung aus dem Licht empfand man es wie ein Aufatmenkönnen, ein Aufleben der Erlösung aus langer Grabesnacht, ein wie von einem Alp ungeheuerer Bedrückung befreites Dasein, das schweigsam und doch lebendig für sich sprechend wie ein Wunder des Lichtes in den einzelnen Behausungen der Kreuzträger glühte gleich einem Morgenstern am Himmel nach dunkeler Nacht voller Sturm und Gewitter.
Man sah es auf den Gesichtern, man spürte es in Gesprächen, man empfand es im Herzen:
DER HERR HAT GROßES AN UNS GETAN!
Und diese Großtat göttlicher Gnade des aufgestiegenen Menschen-sohnes bekundete sich gesetzmäßig irdisch auch durch die Hohen Frauen, ihr liebevolleres Sich-Geben, für das wiederum Frau Maria-Elisabeth, des Apostels hohe Gattin, das Barometer gegenüber den Menschen im stofflichen Alltagsleben auf dem Berge des Heiles war.
In dieser Atmosphäre gereinigten Schwingungen vollzog sich auch die Feier der Heiligen Weihnacht und die des Strahlenden Sternes im Jahre des Herrn. 1949, welch beide Feiern die Kreuzträger in Zukunft in der einmaligen Feier der Rose des Lichtes und der Gottesliebe verschmolzen alljährlich demütig und dankbar für das Liebesopfer der Offenbarung des „Schöpfungswissen“ - so groß, wie die Menschheit vom Allmächtiges noch keines je empfing, nun auch auf Erden feiern werden. - -
Doch werfen wir nun einen Blick in das Innere des Gralshauses, wie es sich meiner Frau und mir erstmals im örtlich erweiterten Zustand nach dem Umbau zeigte.
Nach dem Klingelschellen am Eingang kam uns Frau Vollmann entgegen, um die beiden wachsamen Hunde, Barm und Bella, zwei tiefschwarze Neufundländer, von uns fernzuhalten. Dann betraten wir, wie ehedem, als noch der Menschensohn Imanuel selbst seine Gäste als erster der Familie zu empfangen pflegte, durch die stehen gebliebene alte Eingangstür mit dem Spruch über’m Portal
„MUTIG VORAN - GOTT WOHLGETAN!“
den Vorraum zur Treppenhalle, wo ein in schwarz gekleidetes junges Mädchen mit adretter Schürze und weißem Häubchen - Mechtild Bouvier - uns behilflich war, uns unserer Mäntel zu entledigen.
Schon in der Treppenhalle empfand man nun die wohltuende Wärme einer ausgezeichneten Zentralheizung für das ganze Haus im Gegensatz zu früherer Ofenheizung im alten Gralshaus, die nur in ganz geringem Maße alle äußeren Räumlichkeiten, wie Gänge und Treppen-Haus, mit Wärme versorgte und auch für das weibliche Personal des Herrschaftshauses eine mehr oder weniger große Arbeitszugabe bedeutete.
Von innen öffnete sich darauf das um vieles vergrößerte Speisezimmer, aus dessen hell - lackiertem Türrahmen flutendes Licht des voll erleuch-teten Kronleuchters brach, aus dessen Kristallen gleißende Flammen strahlten. Licht-ocker-gelb dünkte mich die Wandbekleidung, auf der vereinzelt schöne Gemälde den Eindruck der Vornehmheit des Raumes noch erhöhten. Von der Schmalseite gen Westen grüßte ein Bildnis des faßt in Lebensgröße edel geformten Hauptes des Herrn, wie mit seiner Gegenwart die Tafelrunde im Gralshaus segnend.
Als erste durften wir Fräulein Irmingard begrüßen, die ein orangefar-benes Abendkleid trug. Und schon trat auch Frau Marias hoheitsvolle und ehrwürdige Gestalt in schneeweißem Haar und tiefschwarzer Bekleidung uns aus der an das Speisezimmer grenzenden im Winter geschlossenen Gartenhalle entgegen, sich von uns begrüßen zu lassen. In herzlichem Ton lud uns Frau Maria zu kurzem Verweilen in dieser Halle ein, die zwischen Speiseraum und Musikzimmer gelegen mit Korbmöbeln ausgestattet im Frühjahr und Sommer, wenn die Glaswand nach dem südwärts gelegenen Garten zu entfernt ist und sich der Sitzraum so auf dem außen davor befindlichen steinernen Boden noch um vieles erweitert, eine köstliche Gelegenheit zum Einnehmen des Morgenfrühstücks und des Nachmittag-tees unter freiem Himmel bietet, zumal der hierfür bisher benutzte achteckige Gartenpavillon für den Gebrauch der Hohen Familie bald zu klein geworden ist. Frau Maria und Herr Vollmann verweilten mit uns in der Gartenhalle, bis das Abendmahl bereitet war und Fräulein Irmingard mit Klein-Marga zu diesem rief.
Nachdem sich die anwesenden Persönlichkeiten gemäß einer vorge-schriebenen Tischordnung um die reich gedeckte Tafel gruppiert hatten, ergab sich erstere wie folgt:
Etwas aufgeregten Gemütes sprach Klein-Marga mit ihrem zarten, doch klaren Stimmchen mit gefalteten Händen das Tischgebet.
Darauf lud Frau Maria freundlichst zum Zugreifen der leckeren Speisen ein, deren Höhepunkt eine eigens in der Grals-Siedlung gezüchtete und ausgezeichnet gebratene Pute war, die mit „weißem Burgunder“ vortrefflich mundete und nur noch von den ihr folgenden echten Schlag-rahm-Tüten, denen die Meissner Konditorei Mühlberg am Heinrichsplatz nur etwas Zimt als Spezialität noch zuzugeben pflegte, übertroffen wurde. Demzufolge führten derartige Bäckereien aus Mürbeteig in Rollen - oder Tütenform im Volksmund aller sächsischen Lande den Namen „Zimt-Rollen oder auch Zimt-Tüten“. ----
Auf meinen vielen Reisen im Auftrag Imanuels in früheren Jahren zu den verschiedenen Grals-Kreisen in Preußen, Mecklenburg, den Freien Hansastädten, Sachsen, Schlesien und auch in den Rheinlanden bin ich wiederholt von Kreuzträgern über Dinge befragt worden, die sich nicht ausschließlich nur auf die „Gralsbotschaft Abdruschins“ bezogen, sondern auch auf das irdische, rein persönliche Leben des Menschensohnes Imanuel mit seiner Familie im Gralshaus auf Vomperberg.
Ich traf da oft auf völlig irrige Anschauungen: man stellte sich hie und da ein außergewöhnliches Dasein vor, das aller Natürlichkeit mensch-lichen Lebens entbehrte, eines Lebens, das nur über allem Irdischen schwebte, und das demzufolge menschlicher Verstandesphantasie und Verstandeseinbildungsvermögen freie Bahn ins Uferlose ließ. Andere wiederum malten sich ein exklusives, fast klösterliches Leben in ihrem Hirn zurecht; Dritte vermeinten, es dürfe weder Hunger noch Krankheit im Haus des von oben gekommenen Weltenlehrers geben, weder er noch Frau Maria bedürften des Schlafes, die zwei erdgestiegenen Wesenlosen Teile aus Gott - Fremdlinge auf Erden - stünden auch irdisch-stofflich über jedwedem Belang natürlichen Menschentums.
Dem jedoch ist nicht so! Eingehend hat der Künder der Gralsbotschaft gerade auf die Notwendigkeit selbst der geringsten „Natürlichkeit“ allen Seins in Fleisch und Blut hingewiesen und auch sämtliche irrigen Berichte auch über das Erdensein des Gottessohnes Jesus durch verschiedene seiner Zeitgenossen wieder gerade gebogen und der Wahrheit gemäß richtig gestellt. Abdruschin hat in seiner Botschaft betont, daß in dem Augenblick, da die beiden wesenlosen Teile aus Gott Vater in einem weiblich-jungfräulichen Menschenkörper zur Inkarnierung gelangten, diese auch jedem kosmischen im Irdischen sich selbsttätig zufolge des Willens Gottes manifestierenden Naturgesetz unterstellt waren, dem sie nicht entgehen konnten. So mußte sich auch an ihnen erfüllen, was der Weltenlehrer in einem seiner Vorträge kündete: Ebenso wie sich der Mensch dem Verlangen des Körpers nach Essen, Trinken, Ruhe und Schlaf, Blasen- und Darmentleerung nicht ungestraft enthalten kann, wird sich auch Mangel an frischer Luft und zu geringe Bewegung bald unangenehm fühlbar machen. (14)
Im vierundfünfzigsten Vortrag Abdruschins seiner Botschaft heißt es:
„Christus wurde Erdenmensch. Mit diesem Entschluß wußte er sich auch den zur grobstofflichen Fortpflanzung von seinem Vater gewollten Gesetzen unterwerfen, da die Vollkommenheit Gottes dies bedingt“, (l5)
Erklärend fügt Abdruschin hinzu:
„Es war Gottes Wille! Das hat aber mit einer Willkür nichts zu tun, sondern es bedeutet im Gegenteil nichts anderes, als die Betätigung der von Gott in die Schöpfung gelegten Gesetze, die seinen Willen tragen, und die damit verbundene unbedingte Einfügung in dieselben, die eine Ausnahme oder Umgehung nicht zulassen. Gerade in der Erfüllungsnot-wendigkeit zeigt und betätigt sich ja Gottes Wille. Deshalb mußte sich ja auch Christus zur Ausführung seiner Mission unabwendbar allen Natur-gesetzen, also dem Willen seines Vaters, unterwerfen. Daß Christus dies alles tat, beweist sein ganzes Leben. Die normale Geburt, das Wachstum, der auch bei ihm eintretende Hunger und die Ermüdung, die Leiden und zuletzt der Kreuzestod“. (26)
Und was der Weltenlehrer über den Gottessohn Jesus in seiner Botschaft, die „die Dinge zwischen Gott, der Schöpfung und den Menschen so schildert, wie sie wirklich sind“ (37) bezeugte, gilt in gleicher Weise für ihn selbst, den Menschensohn Imanuel, und seiner Wesenlosigkeit anderen Teil, der Rose des Lichtes - Frau Maria.
Es gilt der kosmisch bedingten Art entsprechend in gleicher Weise auch für göttliche, urgeistige, wie geistig-menschliche Wesenheiten, die aus Gottes des Allmächtigen Willen entweder sofort zu Vollbewußtsein er-stehen oder in Zeitläufen zu geistiger Reife sich entwickeln durften, für sie alle im Stoff Inkarnierende galt das Gleiche, das galt für die zwei wesenlosen Gottessöhne - denn alle unterstanden und stehen noch nur einem Walten, dem Gotteswalten des allein Unabhängigen.
In ähnlichem Sinne belehrte mich einst vor Jahren in seiner natürlichen, geraden Sprechweise Herr Alexander, nachdem er eine meiner Niederschriften gelesen hatte, in der ich in nicht korrekter Weise eine meiner inneren Empfindungen schwarz auf weiß zu Papier gebracht hatte, nämlich die, daß die Wesenheiten von Klein-Marga und dem nun von uns geschiedenen Oskar Johannes höhere als nur entwickelte Menschengeister wären, indem er sagte:
„Was wollen Sie eigentlich mit Ihrer Phantasie, wir alle sind ja nur ganz natürliche Menschen!“ - - -
Nach dieser Abschweifung kehre ich in den Speiseraum des Grals-hauses am Abend des fünfzehnten Januar zurück und kann nur sagen, daß er ein ungemein schöner und aus der Alltäglichkeit herausgehobener war, der wirklich unvergeßlich bleiben wird.
Wohl keine Minute riß die Unterhaltung ab - oft wurde gelacht so recht von Herzen - einfach herrlich - natürlich gab es auch wieder sächsisch-gemeinsame Erinnerungen - und hin und wieder sprach Frau Maria auf Klein-Marga ein:
„Was würde die Bea wohl sagen, wenn sie Dich mit dem großen Knochen in den Fingerchen sähe!“
„Was würde die Bea wohl sagen, wenn sie Dich bei Tisch so gar kein Wörtchen sprechen hörte!“
„Was würde die Bea wohl sagen, wenn sie wüßte, daß Du so lange auf bist!“
Ja, die ungezwungene Tischunterhaltung entbehrte sogar nicht einer recht drolligen Episode: es passierte mir nämlich etwas zur großen Belustigung der Allgemeinheit und besonderen Freude von Klein-Marga, indem eine der Sahnerollen beim Servieren der silbernen Kuchenzange entglitt und mir beinahe in den Schoß gefallen wäre, hätte Herr Vollmann nicht im rechten Augenblick das Kunstwerk des mit Schlagrahm gefüllten Mürbeteiges wieder zur Höhe befördert. Dabei aber zerbrach das Gebäck und sein rahmiger Inhalt ergoß sich über meine linke Hand. Mir blieb wahrlich nichts anderes übrig, als jeden sahnebegossenen Finger nacheinander einfach in den Mund zu stecken.
Da sagte Fräulein Irmingard höchst belustigt:
„Erst heute Nachmittag erinnerten wir uns dessen, daß Herrn Freeman bei einem Besuch vor vielen Jahren an diesem Tisch es traf, in unserer Sahnen-Baiser-Torte von Schindler ein Stück Blech zu finden!“
Und nun mußte ihm tatsächlich hier in unserm Hause wieder etwas Besonderes bei der Nachspeise begegnen!“
Und alle lachten!
Mit einem kurzen Trinkspruch auf der Hausherrin und Gastgeberin Wohl und Gesundheit auch im Neuen Jahr hob ich mein Glas und leerte das golden perlende Naß.
Man erhob sich von der Tafel und Frau Maria und Fräulein Irmingard führten uns in den Musik-Salon, dessen Schönheit wir erstmals bewundern konnten. In der mit Fauteuils und seide-gepolsterten Stühlen möblierten Ecke gegenüber dem glänzend braun-polierten Flügel wurde der Mokka von Olga Studer aus der Schweiz serviert
Zuvor aber meinte Fräulein Irmingard zu Marga, ob sie uns nicht ihre neue Puppenstube zeigen möchte. Nach freudiger Bejahung führten uns beide in den ersten Stock, über die neue bequeme Holztreppe, die geradeaus in das ehemalige Arbeitszimmer des Herrn führt.
Andächtiger Stimmung verharrten wir für Augenblicke auf der Schwelle zu diesem Heiligen Schrein, der das Kostbarste barg, das je die Erde trug.
Dann geleitete uns Fräulein Irmingard in den neuen Flügel des Gralshauses, der neben einem geräumigen in weiß gehaltenen Gang mit eingebautem und in Holz verschalten Heizkörper, sowie tiefen höchst praktischen Wandschränken das blitz-blanke mit allen Finessen moderner Wohntechnik ausgestattete neue Bad enthält, ferner mit Blick auf den Glockenturm und Gralstempel das Schlafgemach Fräulein Irmingards und als letztes über dem Musik-Salon gelegen das lichte und freundliche Kinder-Spiel- und Schlafzimmer Margas.
Mit ihrer charakteristischen Stimme beteuerte sie:
„Als Bea mich besuchte, hatten wir sooo viel zu spielen .... wir kamen kaum noch bis zur Puppenstube!“
Aber gerade diese war sehenswert! An Größe und Länge überflügelte sie alle bisher gesehenen und fehlte in ihr an Möbeln, Geräten, Einrichtun-gsdingen und kleinen Spielsachen wohl nichts, das ein Kindergemüt nicht in Aufregung setzte.
Nach beendeter Besichtigung kehrten wir in den Musik-Salon zurück, wo das plaudern und Reden über vergangene Zeiten und zukünftige Pläne, alte vertraute Gesichter und auch neu Erschienene - Kreuzträger des Grals mit einem Ziel auf doch verschiedenen Erdenpfaden - bis gegen einhalb elf Uhr seinen Fortgang nahm.
Einmal frug mich Frau Maria, scharf durch ihre dunklen Gläser mich betrachtend:
„Ich möchte wohl wissen, was alles in dem Kopf des Herrn Freeman aufgespeichert ist, um es fein geordnet in irgend einer Niederschrift zu verwenden?“
Sie fügte noch hinzu:
„Ich lese schon auch Ihre Niederschriften, aber mehr als zehn bis zwölf Seiten davon kann ich täglich nicht bewältigen“.
Später wandte sich Frau Maria noch einmal direkt an mich und stellte wie aus dem Stegreif die Frage:
„Möchten Sie wieder nach England gehen?“
Ich antwortete:
„Ich möchte es wohl; würde dann aber wahrscheinlich Schottland (oder auch Irland) den Vorzug geben!“
Frau Maria schwieg, ihr Seherblick zog jedoch in weite Fernen, wie die Zeiten überschauend; gleich Imanuel erlebte sie die Zukunft in der Gegenwart und in der Gegenwart die Vergangenheit, doch sie schwieg- sich Menschenschicksal auswirken lassend durch sich selbst.
Abschließend meinte sie nur bedeutsam:
„Auch in Deutschland gibt es noch viel zu wirken!“
Das Gespräch wandte sich auch einmal der Sylvesternacht zu und Fräulein Irmingard interessierte es zu erfahren, wie Herr Dubs - Zürich seine Aufgabe als Conferencier im Gesellschaftsraum des Gästehauses gelöst habe? Wir lobten ihn und betonten seine Gewandtheit in dieser Hinsicht. Wir erwähnten auch den „Kanon“, den er gruppenweise einstudierte und immer und immer wieder singen ließ mit dem Hinweis, daß er zum nächsten Sylvesterabend die Noten dazu brächte, damit der Kanon von allen für immer beherrscht würde!
Der Wortlaut des „Kanon“ lautete:
„Lobet den Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich!“
Auch noch einige andere Kreuzträger gaben Beiträge zur Unterhal-tung. Herr von der Crone trug am Klavier vor und begleitete abwechselnd mit Fräulein Jahnz - Zürich zu gemeinsamen Gesängen. Die alten Herren Wenng und Bräunlich-Konstanz sagten während des Abends entstandene Gedichte mit Bezug auf den Gral und den „Berg“ auf, und als Letzter trat Herr O. E. Fritsch an die Seite des Herrn Dubs. Bei Hören seines Namens warf Fräulein Irmingard scherzend ein, indem sie mich mit Notizblock und Bleistift in den Händen nachzuahmen versuchte:
„Nun, sagen Sie mal, Herr Freeman, was hat denn der Herr Fritsch eigentlich zum besten gegeben? Sie haben es - soweit ich Sie kenne - sicherlich gleich aufnotiert!“
Leider hatte ich es diesmal nicht getan, da das Gesagte mir nicht so wichtig erschien, um „in die Annalen einzugehen!“ Es waren allgemein gehaltene warme Glückwünsche für die Anwesenden zum Neuen Jahr!
Herrn Wenngs gereimte Worte aber lauteten:
Da sah ich nun zum ersten Male,
Daß wir ja goldne Schuhe tragen –
Es ist mit Worten nicht zu sagen,
Wie leicht und wie beschwingt
Sie über alles weg uns tragen –
Wir brauchen nicht zu schreiten –
Wir schweben ja!
Und aller Schmutz der Erde
Kommt uns nicht nah –
Er ist für uns nicht da!“
So schwer es meiner Frau und mir fiel, uns aus den wunderbaren Abendstunden des fünfzehnten Januar 1950 loszureißen, konnten wir doch nicht noch länger verweilen.
In gehobener Schwingung und voller Dank verließen wir das Grals-haus.
----------
Hoch droben vom Himmel grüßte majestätisch das Sternbild des Orion. Die Beteigeuze funkelte ihr rötliches Feuer in den Weltenraum. Sirius strahlte sein violettes Leuchten in unvorstellbare Fernen und das Siebengestirn der Plejaden gleißte wie ein silbriger Kranz. Gewaltig und machtvoll zog langsam der Himmelswagen über das Firmament.
Stumm aber und erhaben thronte im Dunkel der Nacht über dem Haus Frau Marias die Kassiopeja, durch die einst Imanuel mit goldenem Fuß die Erde betreten.
1 (l) und (2) ILdW., Vortrag Na 5 „Verantwortung“, S. 32 u. 33.
2 (1) ILdW., Vortrag 69 „Im Reiche der Dämonen und Phantome“, S. 477.
3 (1) ILdW., Vortrag 52, S. 333.
4 (1) ILdW., Vortrag 19, S. 108.
5 (l) ILdW., Vortrag 54, S. 557
6 (2) ILdW., Vortrag 54, S. 358.
7 (3) ILdW., Vortrag 55, S. 36.