Abschnitt 1.

MEIN WELTLICHES UN RELIGIÖSES LEBEN

BIS ZUM INVERBINDUNGKOMMEN MIT DEM MENSCHENSOHN.

Sonniger Frieden lag über meiner Jugend. Ein großes, weites Landhaus war meine Heimat, darinnen ich die ersten sorgenfreien Schrit-te ins Menschensein tat. Hohe, kraftstrotzende Baumriesen umschatteten es, unter deren grünen Wipfeln geheimnisvoll das Lied meines Lebens zu schwingen begann. Es war in der Mitte des Juni 1885.

Das Laute der Stadt drang nicht bis in das stille Tal, dessen lauschige, vogeljubilierende Hänge Blumen verschwenderischer Fülle trugen, von der zartesten Anemone an, im ersten Lenzesglühen, dem blauäugigen Leber-blümlein, dem gelbsatten Himmelschlüssel bis zur tiefvioletten Glocken-blume, dem feuerleuchtenden Pirus und duftschwangeren Flieder und Jasmin in der Hochzeit des Frühlings, wie dunkle Föhren und säuselndes Laubwerk, und dessen silbernes Bächlein in des Vollsommers Tagen jene abendfrische, hauchnebelzarte Atmosphäre erzeugte, die alle Hitze und Schwüle des Tages vergessen ließ.

Ja, Stätte der Heimat, wie oft dachte ich deiner, als du langsam meinem Leben zu entfliehen begannst!

Ist es nicht eigen, wie Geruchsinn und Erinnerung innig einander verbunden sind! Wenn die Linden blühen, duftet aus ihnen die Heimat entgegen! Wenn sterbend das Laubwerk der Bäume sich färbt und gefallene Blätter nach Moder und Fäulnis riechen, ersteht im Gedächtnis die Heimat vor mir, und im Geiste schaue ich sie, wenn von hunderten Kerzen die Kastanienbäume strahlen und Blütenaroma die Hummeln lockt - unvergesslich wird mir der Zauber des “Goldgrundes“ sein!

Inmitten zweier Geschwister, gehütet sorglich von einer frommen, gottesfürchtigen Mutter, durchlebte ich des Jugendlandes erste rosige Kindheitszeit. Liebe ohnegleichen leitete meine Pfade, bewahrte mich vor Übel, hüllte mich ein in ihre Arme, lernte mich aber auch leben den Kampf des Lebens. Mütterliche Fürsorge und Erziehung, basierend auf den Grundpfeilern christlichen Gottesglaubens lutherischer Konfession, be-wirkten, daß meine Jugend frei blieb von vergiftenden Stacheln moderner Lebensanschauungen, und ich Sonne atmen durfte, geistig wie physisch, vom zarten Kindesalter bis hinein in die Jahre der Pubertät. Muttereinfluß war es, der ritterlichen Sinn und edle Ideale stärkte, der meinem Innen-leben jenen Felsengrund verlieh, der da war:

„CHRISTUS IMPERATOR“

der gegen Fährnis feite, alle Klüfte überbrückte.

Dieser Gottesglaube, dies religiöse Innenleben blieb auch das Ver-mächtnis meiner Mutter an mich, als ihr Auge zu brechen begann, Jahrzehnte nach diesen Kindheitstagen, längst, nachdem die Sorgen des Lebens, sein Kampf und seine Mühsal, lichte Silberfäden auch mein Haar durchziehen ließen, der erste Weltkrieg mit seinen Schrecken und Um-stürzen mir Heimat und Elternhaus, Beruf und Lebensbasis geraubt hatten.

Weit mehr als diese rein äußeren Schläge beeinflußte mich aber der Tod meines Bruders. In der Blüte seines Lebenslenzes machte er diesem aus Verzweiflung ein Ende; sein seelisches Gleichgewicht mit einund-zwanzig Jahren als Corpsstudent verloren entleibte er sich kurz vor der Heiligen Weihnacht 1909.

Wie war dies bei dem gleichen Elternhaus und der gleichen Mutter möglich gewesen? Diese Gedanken ließen mir nicht Ruhe, doch vermochte ich nicht einen Schlüssel der Erklärung zu finden, und niemand vermochte ihn mir zu geben. Doch ein Ahnen begann leise zu dämmern, daß bei Verschiedenheit religiösen Innenlebens der Eltern auch deren Kinder verschieden sein können.

Diese Erwägung drängt mich, kurz noch von dem Tod meiner Eltern zu sprechen, die zum Reifen meines Geistes mehr denn irdisches Leid beitrugen.

Unsäglich feierlich und erhaben, und doch so wehmütig, stehen die letzten Eindrücke vom Erdwallen meiner Mutter mir ins Herz gegraben, jene Tage in Bethanien, als ich nach Auflösung des Goldgrundhauses in einsamer Krankenstube, schon an den Stuhl gefesselt, mein eingefallenes und der Vollendung entgegengehendes Mütterchen wieder sah, und ich in Übermannung des Eindrucks, zermürbt von Internierung und Gefäng-nishaft während des Krieges, selbst entkräftet durch Entbehrung und Sorge, halb ohnmächtig zu ihren Füßen niedersank. In Vorahnung ihres Scheidens las ich ihr das einundzwanzigste Kapitel der Johannis-Offenbarung vor, worauf sie mich segnete.

Ein letztes Mal ließ ich den Blick ihres Auges auf mich wirken, dann mußte ich von dannen, dem Ruf der Pflicht gehorchend.

Nach Anhören einer tiefergreifenden Lahusen-Predigt in der Berliner Dreifaltigkeitskirche am November-Bußtag 1918 fand ich bei Rückkehr in meine Charlottenburger Wohnung das schlichte und doch so gewaltige Telegramm meiner Schwester vom Tod meiner Mutter. Einsam hatte sie kurz nach Mitternacht ihre morsche irdische Hülle verlassen, und so bescheiden und einfach dieses Ende, war auch der Grundzug ihres Wesens gewesen. In meine damaligen Tagebuchblätter machte ich folgende Aufzeichnung:

„Der Vollendung paarte sich die Erlösung. An der Pforte der Ewigkeit wartete ihrer im Glanz der Cherubim die Krone des Lebens“,

Über ein Jahrzehnt verlief mein weiteres Leben unter dem direkten Einfluß von empfangener Mutterliebe und Mutterglauben. Mit reinem und verständnisvollem Empfinden hatte die Mutter es verstanden, sich in die wandlungsreichen Stadien der Sohnespsyche zu denken und dadurch gerade ihm festen Halt und Schutz in Lagen der Versuchung und Gefahr zu bieten. Ihr Bild begleitete mich allenthalben, hielt mir das Banner der Keuschheit und Ehrenhaftigkeit, der Wahrheitsliebe und Gefolgsamkeit als leuchtenden Leitstern, auch dann noch als das Dunkel und Übel der Welt das klare Wasser meiner Lebensanschauung zu trüben und zu zersetzen suchten. Und als mein Schicksalstern mich in den Hochdrang und Trieb internationalen Weltlebens nie geahnter Fährnisse und Laster zum Überschäumen des Bechers führte, war es wieder das Gedächtnis an fürbittende Mutterliebe, die die Pilgerbahn wies. Selbst als die Zeit für mich gekommen war, wo nach Menschennatur und ehernem Gottgesetz Mannestrieb sein königliches Vorrecht forderte, der Leu erwachte, nur dämmbar im Glauben, war es der Geist der Mutterliebe der die Grenze zeichnete, wo Mannesrecht und Mannesunrecht scharf sich trennen, sodass der Schild der Ehre nie besudelt wurde.

Mein Vater wurde bisher nicht erwähnt, dessen Namen ich trage, und drängt es mich, auch seiner zu gedenken. Sein Wesen war dem meiner Mutter fremd und erklärt sich wohl daraus meine wesentlich fremdere Einstellung zu dem, was meinen Vater betraf. Ein Sohn seines Landes, echt englischen Geblütes, war sein Charakter oft nicht leicht zu verstehen und in Einklang mit dem meiner Mutter zu bringen, den deutsches Gemüt erfüllte. Darunter haben Mutter und ich unsäglich gelitten. Mein Bruder dagegen hatte Vaters Art. Daher erklärt sich auch das tragisch erschütternde Ende beider.

Wenn Vater auch nicht sich selbst entleibte, erfolgte sein Tod doch zufolge seines ausschweifenden Lebens, und fast war es wie eine Erlösung für die, die sein Sterbelager umstanden, als der Arzt keine Hoffnung mehr gab und der zerrüttete Erdenleib dem Naturgesetz der Auflösung verfiel.

Ich durchlebe noch einmal jene düsteren Novemberabende 1911. Ich schaue das Sterbezimmer des Vaters. Mutters Ehebett war auf Rat des Arztes aus ihm entfernt worden. Vaters Sinne hatten sich schon verwirrt und das klare Bewußtsein kehrte nur auf Augenblicke zurück. Zusehends schwanden die physischen Kräfte. Zu dem Magenkrebsdurchbruch gesellte sich eine Lungenentzündung. Hörbar durch zwei geschlossene Türen war das schauerliche Röcheln.

Der Todestag nahte. Ich weilte in der Fabrik; durcheilte ein letztes Mal vor Feierabend die Säle, Maschinen- und Spinnräume. In einen dieser ward mir der Kutscher nachgeschickt, mich an das Sterbelager zu rufen. Zu beiden Seiten des schweren eichenen Bettes unter dem Baldachin auf weißen Marmortischen verhangen brannten Kerzen. Vor dem Vater knieten die Seinen. Ich faßte seine Rechte, leise, ganz leise schlug noch der Puls, dann stand er still. Sechs Uhr schlug es dumpf durch Herbststurm vom Glockenturm von St. Benno.

Gleichzeitig, da Arbeiter und Arbeiterinnen ihre Maschinen verließen, das Räderwerk stillstand, dem ein Lebelang der Brotherr seine Richtung gegeben, hatte seine Seele diese Welt verlassen.

Leicht zur Seite geneigt war das einst so hoheitsvolle Manneshaupt, Frieden breitete sich nach und nach auf dem starren Totenantlitz. Durch die Stille des Raumes zitterten die Bitten des „Vaterunser“ für das Seelenheil des Gestorbenen.

In der folgenden Nacht kämpfte Christenglaube mit Geisterfurcht. Ich schlief neben dem Sterbezimmer. Vor dem Schlafengehen hatte ich die doppelten Vorhänge herabgelassen, mich überzeugt, daß die drei Türen verschlossen waren. Dann war ich eingeschlummert. In der Nacht er-wachte ich; ein heller Schein breitete sich über den Teppich. Ich erschrak, dachte unwillkurlich an eine Erscheinung, da sich mein Gemüt zufolge vorhergegangener Ereignisse an und für sich in Aufregung befand. Eine gewisse, undefinierbare Gewalt trieb mich, das Sterbezimmer zu öffnen. Kalt stieß der Luftzug mir entgegen. Seufzend im Nachtwind bewegten sich die offenen Fenster in den Angeln. Ein eigen Gefühl überkam mich, als ich mich dem Totenbette näherte. Durch das weiße Tuch, das der Wärter über den Leichnam, gebreitet hatte, traten die Konturen des verblichenen Vaters. Ich sank auf die Knie, mit einem Mal frei aller Furcht und allen Gruselns, fühlte mich nahe dem Vater und betete für die Ruhe seiner Seele. Dann verließ ich das Gemach.

Vaters Abscheiden machte mich innerlich und äußerlich um Jahre älter. Es reifte mich zum Mann, indem ich vollste Verantwortung für Familie und Fabrik mit allem, was zum väterlichen Besitz und Personal zählte, auf mich überzugehen verspürte; über Nacht trat ich in die Rechte und Pflichten des nun Toten, auch den Geschäfts-Teilhabern gegenüber, die in England, Frankreich, Deutschland, Österreich und Ungarn Fabriken unterhielten.

Trotz einer nun einsetzenden arbeitsreichen Existenz, auch gefüllt mit Auslandsreisen und geschäftlichen Sitzungen - Vater war Präsident des internationalen Sicherheitszündschnur-Kartells gewesen - lag reicher Frie-den, Freude am Schaffen, Genugtuung und Dank für erhaltenen Verdienst, der ausnahmslos, gesetzmäßig, jedes Menschen Sicherheit und Selbstach-tung hebt, auf den zwei folgenden Erdenjahren, bis mit Ausbruch des Europäischen Krieges abermals Sorge um Sorge in mein Leben brach. Binnen Sekunden entschied sich mein Schicksal auf lange Sicht - am 4. August des ersten Weltkriegjahres.

Über Mittag erreichte mich des Englischen Botschafters telefonische Anfrage, „ob ich gleichen Abends einen Sitz im Botschaftszug belegen wolle? Er brächte alle Britten außer Landes!“

Angeborenes Pflichtgefühl aber bewog mich spontan zu einer ablehnenden Antwort. Wie sollte ich Haus und Hof verlassen nur meiner persönlichen Sicherheit wegen! Komme, was da kommen wolle! Hierdurch aber formte sich aus freiem Willensentschluß der Grundstein zu meiner späteren Gefängnishaft mit anschließender Internierung in Ruhleben sowie für weitere Kriegsentbehrungen und Nöte, die besonders in der Nachkriegszeit mein Leben beschwerten, es auf das Gleis materiellen Niederganges warfen.

Hätte ich die Flucht nach England gewählt, wäre mein Lebens-standard unzweifelhaft wohl ein gehobenerer geblieben, möglicherweise auch durch einen Eheschluß in jenem Land, das bis dahin weder Geldraub an seinem eigenen Volke noch eine Erschütterung seiner Finanzen kannte.

Erst rückblickend, rund zwei Jahrzehnte später, erkannte ich die weise Führung aus dem Lichte, der ich unbewußt 1914 schon folgte; denn nur auf deutschem Boden vermochte ich von dem zu hören, mit ihm dann in Verbindung zu treten, der mir zum Eckstein weiteren Seins werden und mein zukünftiges Leben durch und durch beeinflussen sollte - der Men-schensohn Imanuel!

Wie schon erwähnt, schlugen die Nachkriegswehen mit Revolutionen und Drangsalen, Aufregungen und Entbehrungen mannigfachster Art auch mein Lebensschifflein auf tosende See und, elternlos geworden, hatte ich es selbst zu steuern. Denn die einzig noch nahe Verwandte, meine Schwester, war inzwischen im Ehehafen gelandet und lebte fortan ihr eigen Leben.


Da griff wiederum Lichtführung in mein Schicksal und führte mich in das Haus meiner zukünftigen Frau, die alles irdische und geistige Erleben fortan mit mir teilen sollte. Es folgte ein Jahr glückseliger Zweisamkeit, der eine einzige Tochter entsprang, doch kaum war sie geboren, klopfte abermals Sorge in Gestalt von Krankheit an. Zwischen Tod und Leben hing meine Frau; doch Gottes Gnade ließ sie mir bis heute. Drei schwere Operationen verlängerten ihr das physische Sein.

Mit der deutschen Inflation schritt nunmehr Hand in Hand für mich und die meinen finanzieller Zusammenbruch. Das, was ich aus den Trümmern einstigen Wohlstandes zu retten vermochte, legte ich vertrauensvoll in die Hände eines Berliner Geschäfts-Konzerns, um durch Mitarbeit eine neue Existenz zu bauen. Aber auch das verlor ich durch den Zusammenbruch dieses Konzerns. Mit dem Erlebenmüssen trügerischer Geschäftsintrigen, menschlicher Lüge und Habsucht, Rohheit und Schänd-lichkeit brach der Glaube an wahres Menschentum wie ein Kartenhaus zusammen.

Zum dritten Mal traf mich des Lichtes Hilfe, die ein Hellseher mir bedeutet hatte:

Sie stehen auf Tiefstpunkt. Zwei Männer bestimmen fortan Ihr Sein der eine bietet Ihnen irdische Existenz, der andere weist Ihnen den Weg ins Licht!“

Und so geschah es. Zehn Jahre lang verdiente ich durch Akquisition im Versicherungswesen (11) und 1930 ward ich auf verschlungenen Wegen zu dem Menschensohn IMANUEL geführt.

Von diesem Erleben soll der folgende Abschnitt handeln.



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Abschnitt 2.

MEIN ERLEBEN IMANUELS BEI MEINEM ERSTEN BERGBESUCH ZUR FEIER DES STRAHLENDEN STERNES AM 28. Dez. 1930 UND DIE DARAUS SICH FOLGERNDE BEEINFLUSSUNG MEINES WEITEREN LEBENS.

Geistwissen besagt, daß die Zahl im Menschenleben eine bedeutende Rolle spielt. Schon die Alten wußten dies, und erneut in moderner Ära tritt das Mysterium der Deutung einer Zahl in grelles Rampenlicht neuzeit-licher Offenbarung,

Wie der Name eines Menschen in einer ganz bestimmten Zahl schwingt und diese Zahl wiederum gesetzmäßige Bedeutung für den be-treffenden Menschen in sich trägt, sind auch noch andere Zahlen oft wesentlich für eines Menschen Schicksal bestimmend.

Mein eigenes Leben erfuhr wiederholt die oft bekrittelte Zahl „13“, von vielen Menschen aus irriger Ansicht oder Aberglauben gefürchtet. Ich begrüßte sie stets, wenn sie mir begegnete, da ich im Unterbewußtsein ahnte, daß mir die „13“ irgend eine Änderung in meinem Sein brächte, die einen Fortschritt geistiger Erkenntnis möglich machen könnte.

Die Zahl des Jahres 1930 birgt zwei „13“ in sich, die erste sichtlich, die zweite aus Addierung der Ziffern zur Quersumme sichtbar werdend.

Das Jahr 1930 brachte mir nun erneute materielle Sorgen im kampfreichen Durchbruch zu neuer Existenz in der Versicherungsbranche, brachte mir aber auch das Zusammentreffen mit dem Menschensohn Imanuel auf irdischer Flur.

Durch Seelentrübnis hervorgerufen, durch unsägliche Ängste um meiner Familie physisches Bestehen vermehrt, die mich trotz meines natürlichen Glaubens an des Lichtes Hilfe beinahe bis zur Verzweiflung brachten ward das Zusammentreffen herbeigeführt. Lichtführung bewirkte es, was ich jedoch erst im Rückblick nach Jahren auf diesen Wendepunkt in meinem Sein erkannte.

An einem trüben Herbstabend des Jahres 1930 hörte ich erstmals von dem, der aller Menschheit die geistige Wiedergeburt ermöglichte, der uns den Sinn des Lebens mit all seinen Höhen und Tiefen erschloß, uns sagte woher wir kamen und wohin wir pilgern, der uns das Schöpfungswissen bot, das von Gottes Gesetzen zeugt und sie erklärt.

Zurückgekehrt aus einem reichen Wannseer Herrenhaus, wo eine weniger religiöse als mondäne Einstellung herrschte, berichtete mir die Baronin Adele Holzschuhes, meine Schwiegermutter, mit leichtem Ton feiner Mokanz von einem Oberstleutnant August Manz, der einst ein flotter Offizier der Münchner Garnison, jetzt den Posten eines Sekretärs des „Propheten von Schwaz“ bekleide. Mit Familie lebe er bei ihm auf Vomperberg bei Schwaz, in der Einöde Tiroler Berge. Weiteres wurde nicht mehr gesagt.

In meinem Innersten aber hatte der Name des Propheten „Abdru-schin“ wie ein Klöppel an eine Glocke geschlagen, deren tiefer Klang ein tönendes Echo wie aus der Ewigkeit widerhallte, Erinnerung weckend aus längst geschwundenen Erdepochen, das Gedächtnis tausendfach durch-strahlen lassend wie durch Blitzesleuchten an eine höhere geistige Welt.

Innerer Umbruch nahm seinen Anfang. Ich begann zu spüren, daß auch die Kirchen und Kanzelredner, deren Worte meinen Glauben wach erhielten und immer wieder neuen Lebensmut verliehen, langsam nun zu versagen begannen und dem Suchen nach Wahrheit und den „letzten Dingen“, des Lebens Rätseln, nicht mehr genügten, - daß eine neue Gottesoffenbarung von irgendwoher kommen müsse.

Ein Angstschrei aus der Empfindung Tiefe schrieb ich daher am Reformationsfest 1930 meinen ersten Brief in Sehnsucht nach dem „Gral“, wohl unbewußt noch was der „Gral“ wirklich ist, schrieb diesen Brief an Oberstleutnant Manz, ihn so adressierend:

„An den Sekretär des Propheten von Schwaz, Tirol“.

Das Adressat erreichte den Gewünschten. Nach wenigen Tagen kam schon eine Antwort, er, August Manz, könne nur empfehlen, die bis dahin veröffentlichten Schriften und Vorträge Abdruschins zu bestellen und sie vorurteilsfrei auf die Empfindung wirken zu lassen. Auf Fragen sachlicher Art stünde er gern mit Aufklärung zur Verfügung.


Dem Rat kam ich nach, und wie ein nach Warheitswissen Lechzender, geistig Verdurstender, stürzte ich mich gemeinsam mit meiner Frau auf die „Grals-Lektüre“.

Abdruschins Geleitwort zu seiner „Gralsbotschaft“ erster Vortrag „Was suchet ihr?“ öffnete mir sofort die geistigen Augen für die Einzigartigkeit dieser Botschaft und nahm hinweg die Schleier, die bis dahin lähmend, einlullend die logisch klare Wahrheit verdunkelt hatten. Wie ein Orkan rissen Abdruschins Vorträge alles bislang Falsche, Morsche und Faule nieder; anstatt Steine bot er das Brot des Lebens. Bei jedem Satz und Abschnitt, jedem neuen Vortrag, den ich schürfend verschlang, mußte mein Geist und Verstand bekennen: „Ja, Herr, so ist es!“ Flutend und brausend brach das Licht der Wahrheit an. Die Wahrheit siegte über Kirchendogma. Klar wurden die Begriffe von „Gottessohn und Menschensohn“, klar ward das Geschehen von der nicht „leiblichen“, sondern „feinstofflichen“ Auferstehung Jesu Christi, von seiner ebenfalls nicht „grobstofflichen“ Himmelfahrt, die Gesetzmäßigkeit der Wunder, die Lehre von Karma und Wiedergeburt, und vieles andere mehr, worüber noch nie ein Mensch die Wahrheit vollkommen erfahren hatte. Denn durch den Mord am Gottessohn Jesus hatte dieser nicht alles lehren können, was er wollte; außerdem hatte er selbst seinen Jüngern verheißen, daß Gott den „Weltenlehrer“ noch senden werde.

Anfang Dezember schrieb ich meine ersten Zeilen an den Menschensohn Abdruschin, die alles enthielten, was mein Leben bewegte. Das Wesentlichste beantwortete dieser also:

„Es ist jetzt die Zeit, wo, wie schon Christus sagte, die Eltern die Kinder und die Kinder die Eltern, der Mann die Frau und die Frau den Mann verlassen werden um des Wortes willen. Dieses Wort aber gebe ich noch einmal den Erdenmenschen in meiner Gralsbotschaft damit sie sich darnach richten können. Im Übrigen glaube ich, daß es Sie in Ihrer geistigen Entwicklung fördern würde, wenn Sie eine Feier hier auf dem Berge erleben könnten. Ich würde Sie ausnahmsweise als Hörer bei der Feier des Strahlenden Sternes am 28. Dezember zulassen“.

Meine Erwiderung war eine jubelnde Zusage. Ich ahnte, droben auf Bergeshöhe würde mir volle Gewißheit werden auch über letzte Zweifel. Denn das, was sein sollte was die Gralsbotschaft Schritt für Schritt dem suchenden Geiste zu erkennen gab, war so gewaltig und mit dem Verstand überhaupt nicht zu messen, da das damit Hand in Hand gehende Geschehen den restlosen Umbruch alles Falschen und Bösen mit sich brachte, - die Weltenwende - das Jüngste Gericht.

In der Frühe des zweiten Weihnachtsfeiertages brach ich meine Reise nach dem „Berg des Heiles“ an.

Auch unterwegs beschlich mein Hirn noch hin und wieder eine marternde Frage, deren Klärung ich von dem Künder der Gralsbotschaft erbitten wollte. Trotzdem aber war die Lehre Abdruschins schon ein Bestandteil meines Denkens und Empfindens geworden, ihr messianischer Ton hatte meinen Geist getroffen. Er hatte die Gesetzmäßigkeit der Gralslehre erkannt, und meine Vernunft mußte dem Geist sich beugen. Mit diesen positiven Gedanken erreichte ich um 2 Uhr nachts am 27. Dezember 1930 Schwaz in Tirol.

Nach einem Rundgang durch das tausendjährige Städtchen am Inn am Vormittag begab ich mich zum Bahnhof, da meine Ankunft offiziell mit dem Brenner-Rom-Express gemeldet war. Kurz vor dessen Einfahrt kündete Schellenläuten das Nahen eines Pferdeschlittens. Ein kraftvoller Jungmann lenkte die Rosse, seine Wangen von Winterluft gerötet, deren eine Seite eine lange Narbe kennzeichnete. Sie verlieh dem schönen, männlichen Antlitz eine besonders verwegene Note, es erinnerte an die Heroen der alten Geschichte. Alexander war es, der Sohn aus Gralshöhe.

Aus dem Rückteil des Schlittens sprang Dr. Illig, um noch andere Feier-Gäste in Empfang zu nehmen. Nachdem die Damen im Schlitten verstaut waren, ging es mit tönendem Schellengeläut in Richtung Vomp dem Berg entgegen. Dr. Illig und ich hielten uns auf den Kufen des Schlittens und erst, als der Anstieg begann, gingen wir zu Fuß. Dieses erste Erklimmen des Berges, der die Wohnstätte des Gottesgesandten trug, in weihevoller Stille unbeschreiblichen Hochwaldes in schönster Winters-pracht, blieb mir unvergeßlich. Erst nachträglich aber kam mir voll zu Bewußtsein, welche geistige Förderung mir dieser Aufstieg gebracht, gemeinsam mit dem, der einst vor Jahrtausenden als Fürst Ebranit des Lichtfürsten Abdruschin Freund gewesen, der ihn in Ägypten in seiner Pyramide zur Ruhe gebettet und der nach wiederum einer Menschheits- Epoche als Joseph von Arimathia den Gottessohn Jesus ins Grab legen durfte. Und wiederum inkarniert, diente er abermals dem Licht als ein Jünger des Menschensohnes, der ihn später zum „Grünen Ritter“ schlug.

Von wem wohl hätte ich es lieber vernommen als von diesem hochberufenen Geist, daß sich zur Feier des „Strahlenden Sternes auch für mich die Gelegenheit der Taufe bot.

„Überlegen Sie es sich im stillen Kämmerlein, ob Sie sie erbitten wollen. Sie .wissen nun aus der Botschaft, was die Taufe, die Versiegelung, bedeutet, daß sie „lebendiges Geschehen“ ist, - sagte mir Dr. Illig herzlich beim Abschied vorm Weberhof.

Ich ließ meine Blicke über die dort sich stauenden Menschen schweifen und hörte plötzlich zu großem Erstaunen meinen Namen in markantem Münchnerisch rufen: „Befindet sich hier ein Herr Freeman- Eales aus Berlin?“ Ich erblickte den Frager und ahnte sofort, das war Oberstleutnant Manz. Er orientierte mich nun über die gewichtigsten Gepflogenheiten auf Vomperberg und lud mich zu einem Beisammensein in seiner Familie nach erfolgter Feier ein.

Der mir überlassene Quartierzettel wies mich nach dem Kastnerhof. Dort traf ich einen der ältesten Anhänger Abdruschins, mit dem ich gemeinsam vor 5 Uhr nachmittags zur Vorfeier schritt. Sie wurde in der ersten Verkündigungshalle der Gralsbotschaft abgehalten, eine beschei-dene, roh gezimmerte Nadelholzbarracke unterhalb des Weberhofes, und zwar mit violett verhangenen Fenstern bei Kerzenbeleuchtung, da symbolisch betrachtet das Licht der Menschheit noch verborgen war und nur wenige Versiegelte von der „Weltenwende“ wußten.

Andachtsvoll betrat ich den „Tempel des Neuen Bundes“. Gedämpfter Orgelton ließ die Seele bis ins Tiefste erbeben. Nachdem Jünger Mörbitz das Spiel vollendet, trat Jünger Manz ans Rednerpult und verlas seine auf die Feier des „Strahlenden Sternes“ vorbereitende Ansprache.

Welche Kraft und Zuversicht in die gerechte Auslösung der Gottge-setze , welche neue Wegrichtung gegenüber gewohnten Kirchenpredigten veralteter Dogmatik, welche Demut trotz allem und Überzeugung des Wortes der Wahrheit des Gottgesandten zeugten aus dieser machtvollen Rede und verankerten sich fest in der Gläubigen Herzen. Es war eine Weihestunde gar wundersamer Art, wie ich sie noch nie erlebte. Nach feierlicher Schlußmusik wurden Täuflinge und die Versiegelten, die für den „ersten Ruf“ bestimmt waren, zurück behalten, um besondere Weisung für die Hauptfeier zu erhalten.

Nach 6 Uhr traten wir ins Freie, der Sinne benommen, doch geistig gekräftigt, als hätte ein Bergquell alles Trübe und Laue hinwegge-schwemmt .

Zu meinen Häupten spannte sich das Firmament mit seinen Millionen Gestirnen, flimmernd und gleißend in kristallklarer Sphäre. Sie alle waren da, die großen und die kleinen Bilder, die mir schon in der Jugend zu denken gegeben und - ach so oft - das Heimweh geweckt.

Der ersten Nacht auf dem „Berg des Heils“ folgte ein köstlicher Wintermorgen. Ringsum grüßten die Zinnen der Bergriesen, die Wache hielten um das Heim des Gottessendlings. Vereinzelt und zu Paaren wallten Kreuzträger zum Tempel, schweigsam, doch wissend um wahre Gottverehrung. In einem Raum des Weberhofs rief Herr von der Crone, der berufene Seelenarzt und Jünger Abdruschins, die einzelnen Täuflinge zum Gang in den Tempel. Helfer und Helferinnen in Feierkleidung, Frack oder weißem Kleid, wiesen die Plätze zu, sodaß ein Zutritt Unberufener unmöglich war. Ordnung und ein straffer Zug lag trotz feierlicher Weihe in allem, denn alles war ja „Gottesdienst“ . wie in höheren Reichen sollte nun auch im Stoffe Ordnung walten, damit die Gralsfeiern auf Erden ungestört verlaufen können, zu denen die Menschen zwar auf Bitten zugelassen werden, die aber der Menschensohn nicht nur für diese hält, sondern für alle Geister in allen Weltenteilen, deren Bestehen er uns erst offenbarte. Denn kein Mensch auf Erden wußte von ihnen zuvor.

Punkt 10 Uhr schloß sich die Eingangstür, Erwartung lagerte über der kleinen Herde, die als erste berufen war auf weitem Erdenrund, von dem Sein Imanuels, des Menschensohns, zu zeugen, dessen Kommen die alten Propheten wie Jesus selbst schon verhießen hatten. Durch Gnade ward ihnen ihr geistiges Auge kraft Reinheit ihres Wollens geöffnet, den Herrn, den König der Könige, in Abdruschin zu erkennen, vor dem ihr Geist schon einmal gekniet auf jenem seligen Eiland Patmos und dem sie auf ewig Treue gelobt. Nun galt es auf Erden, zu heiliger Erfüllung ihr einstiges Gelöbnis einzulösen.

Ich schätzte der Anwesenden Zahl auf 100 bis 130, Menschen verschiedener Nationen, Sprachen und Bildungsgrade, reich und arm, doch keine Kinder. Dicht gedrängt saßen sie auf lehnlosen Bänken, alle äußeren Dinge traten vor der Wucht des Geistgeschehens zurück. Nur der Vorderteil des Tempels war mit weißem Stoff bespannt der Boden mit echten Persern belegt Aus der Dämmerung strahlte ein Altar im Kerzenschein, der Tisch des Herrn auf ihm purpurne Rosen, balsamisch duftend, Symbole der Liebe. Im Glanz der siebenarmig goldenen Leuchter gleißte der Gralskelch, vom Gralskreuz mit vier gleichen Balken gekrönt. Zur Rechten stand das Rednerpult des Herrn, hinter dem die grüne Fahne mit goldenem Kreuz im Quadrate sich spannte als Symbol für die Lichver-ankerung auf Erden, Links befand sich das Pult des Jüngers Manz, der als „Sprachrohr“ des Menschensohns fungierte. Vor dem Tisch des Herrn saßen im Halbkreis die ersten Jünger Abdruschin Imanuels auf Erden.

Wiederum bereitete Orgelton die sich öffnenden Geister. Dann teilte sich der Vorhang hinter dem Altar und unter Vorantritt von Frau Maria erschien der Lichtfürst. Wie ein Aufleuchten glitt es durch den dunklen Raum, das selbst die Kerzen der Leuchter überstrahlte, als das „lebende Wort“ zu künden begann und der Menschensohn in violettem Mantel und weißem Gewand seinen Verkündigungsvortrag hielt. Da fiel auch mir die letzte Binde vom geistigen Auge, der Lichtstrahl hatte meinen innersten Kern durchdrungen:

Ich schaute den HERRN, ich erkannte das LICHT,

ich fand die WAHRHEIT!

Nach Beendigung seiner Rede schritt Imanuel zur Versiegelung. Namentlich wurden die zu Versiegelnden vom „Weißen Ritter“, Friedrich Halseband, gerufen, die sodann in Gruppen von je 5 bis 7 vor dem Menschensohn, dem König des Grales, knieten und von ihm das Siegel, das Zeichen des Kreuzes und seiner Sendung auf die Stirn empfingen. Segnend ließ er seine Hand noch auf jedem Haupte ruhen, aus dem Born seines Seins den Funken der Kraft zu geistigen Wiedergeburten spendend.

Hierauf wurden die Empfänger des „Goldenen Kreuzes“ gerufen. Der Herr segnete auch sie, die Knappen des zukünftigen Gralsreiches im Stoffe.

„Ich sende Euch! Hierin liegt Sieg!“

Das Heilige Gralsmahl des Neuen Bundes stellte den Höhepunkt der Feier dar; er gipfelte in der Ausgießung der Gotteskraft durch den Men-schensohn Imanuel.

„Stehet in Ehrfurcht und im Gebet, auf daß der Segen nicht an euch vorübergehe!“

So klingt noch heute wie aus der Ewigkeit die Stimme des Gottge-sandten in meinem Innersten.

Hierauf wurden Hostien in Dreiecksform auf silbernen Schalen, und der Wein verteilt, die Hostien sofort zu Mund geführt, der Wein jedoch gemeinsam bei Aufforderung durch den Herrn getrunken. Ein kurzes Gebet beschloss die Feier. Wie ein Lobgesang entschwebte das Amen Imanuels, der die Weihestatt verließ.

Beim Ausgang erhielt jeder der Versiegelten eine Rose vom Tisch des Herrn, nicht nur als Andenken, vielmehr als ein lichtstrahlendes Heilmittel für körperliche Krankheit und Ungemach.

Am Nachmittag sollte ich erstmals von Abdruschin persönlich empfangen werden. Ich erklomm „Gralshöhe“ von deren Eingangspforte der Spruch:

„Mutig voran - Gott wohlgetan!“

den Vorüberpilgernden grüßt.

Ein sauber gekleidetes Mädchen öffnete die Tür und führte mich eine hölzerne Rundtreppe hinauf in das erste Stockwerk, wo der Arbeitsraum Abdruschins lag. Er stand am Fenster und ließ mich auf sich zukommen. Ich spürte, wie etwas meine Kehle schnürte, eine ungekannte Kraft mein Wesen erschütterte. Erst als Abdruschin mich zum Niedersitzen aufgefordert hatte, ward ich in mir ruhiger. Und unwillkürlich wußte ich der Worte Dr. Illigs gedenken, die er mir nach Befragen über Abdruschin gegeben: „Urteilen Sie selbst, wenn Sie von ihm empfangen werden und Sie vor ihm stehen!“

Anstatt eines Greises mit weißem Vollhaar und Bart in würdevollem Priesterornat, anstatt Asketentyps im Bußgewand nach morgenländischer Sitte, stand vor mir vornehm und elegant im Smoking, wohlgepflegt und glattrasiert, mit klugen Augen, rassig schönem Manneshaupt, der Vollbegriff des Grandseigneurs, der jedem Menschen dies- und jenseits der Ozeane, in die Augen gefallen wäre, den jedes Volk als einen seiner Edelsten erkannt haben würde.

Dies war mein Eindruck der äußeren Hülle des Menschensohnes, der am 13. April 1875 zu Bischofswerda in Sachsen als ein Mensch unter Menschen, als Oskar Ernst Bernhardt, das Licht der Welt erblickt hatte, gleich wie Jesus in natürlichem Geschehen zu Bethlehem geboren wurde.

Das aber, was Abdruschin rein gesetzmäßig von den Menschen schied. ihn hoch empor hob über die Kreatur, war sein innerer Kern, die Wesenlosigkeit, ein Teil der Dreifaltigkeit. Hiermit erstand für alle Menschheit auch der höchste und persönliche Gottbegriff, der sich in der Dreieinigkeit des Allmächtigen erfüllt: wir haben also Gott-Vater, haben Christus Jesus, den Eingeborenen Sohn des Höchsten - thronend zur Rechten des Vaters als König der Göttlichen Sphäre - personifizierte Gottliebe und haben Imanuel den in die Schöpfung hinausgeborenen Sohn des Höchsten den Menschensohn, zur Linken des Vaters, - Personifizierte Gottgerechtigkeit, den König der Schöpfung. Als solcher ist er auch eins mit Parzival, dem König des Heiligen Grals und dem ewigen Mittler zwischen Gott und Menschheit.

Jedes seiner Worte war für mich Offenbarung, wie Feuer brannten sie in meiner Seele und ließen mich nicht im geringsten an ihrer Erfüllung zweifeln. Der Herr sprach von Vergangenheit, Gegenwart, und Zukunft. Er sprach von dem großen Menschheitskarma, und wie mit seinem Sein im Stoffe sich nun der Ring zu schließen beginne, wie der Schicksalsring jedes Menschen sich schließe, sein eigener auch, der in Gethsemane begonnen, als Christus der Horde der Verräter sich preisgab mit jenem bedeutungs-schweren und historischen Wort „Ich bin’s!“

Abdruschin sprach auch von dem Wirken Frau Marias, der Lichtrose des Herrn, das nach dem Gericht erst einsetzen würde, die Wunden heilend, die das Schwert der Gerechtigkeit schlüge.

Er sprach auch von der Wiederkehr des Bethlehemsternes der allen Augen sichtbar werdend, sich über dem Berg des Heiles verankern würde, für das Sein Imanuels zu zeugen.

Als ich die Gralshöhe verließ, hatte sich die Dämmerung über dem Vomperberg gebreitet, und fremd dünkte mir die Welt der Niederung geworden. Nach der Nähe des Menschensohnes sehnte sich mein Geist.

Ich genoß im Freien noch die köstliche Winterluft und ging zum Kastnerhof, wo ich Karl Jäger, meinen Zimmergenossen traf. Wir sprachen über dies und das, was uns den Tag so eindrucksvoll und einzigartig gestaltet hatte. Denn wenn der Geist auch den Kern erfaßt hatte dessen, was vor sich ging und das Weltgeschehen betraf, gab es doch viel noch umzustellen, was Dogma und Verstand durch all die Jahrhunderte verbogen hatte, als auch mit der Vernunft zu überprüfen, damit im Aufbau und der Verankerung des „Neuen Wissens“ um aller Urdinge Grund keine Lücke verbleibe.

Die beiden mir auf dem Vomperberg noch verbleibenden Tage be- nutzte ich für Besuche in den Jünger-Familien Halseband und Dr. Illig, von der Crone und Manz und erfuhr durch sie viel Wissenswertes. Der Geist von Frau Irene Mann zog mich besonders an. Ich empfand, daß sie dem Herrn wohl sehr nahe stünde. Während ich ihr gegenüber saß erlebte ich etwas Unerwartetes, bisher nicht Gekanntes. Frau Manz verlangte nach Schreibpapier und. begann auf ihm fremde Zeichen zu malen, immer schneller werdend, es schien als gehorche die Hand einer unsichtbaren Führung. Ich spürte, als durchrieselte mich ein elektrischer Strom.

Wie mir bedeutet wurde, hatte ihr Führer eine Kundgebung für den Menschensohn gegeben, die Herr Manz sogleich nach der Gralshöhe trug. Nach Jahren erst sagte mir Frau Manz, als wir einmal auf dieses Geschehen zu sprechen kamen, daß diese Kundgebung die erste über „Patmos“ war.

Noch einmal empfing mich Abdruschin vor meiner Abfahrt. Ganz neu zeigte sich der Berg an diesem Morgen. Nichts war von den Bergen ringsum zu sehen, dichtester Nebel hielt die Sicht verschleiert, man schritt wie in einem Wolkenmeer.

Als ich vor der Wohnstatt des Menschensohnes stand, erfüllte Harmoniumspiel die Luft. Lange lauschte ich den reinen Tönen, die das Herz durchwühlten. Dann schellte ich an der Pforte und diesmal führte mich das Mädchen in das Speisezimmer des Gralshauses zu ebener Erde. Ich kam neben einen schlichten Schweizer zu sitzen. Demut leuchtete aus seinen Augen, und aufrichtigen Sinnes sagte er zu mir:

„Ja, scheint es nicht schier unglaublich zu sein, daß man hier im Haus eines Gottessohnes sitzen darf, ihn sehen und sprechen kann, wie einst die Nazarener den Heiland sahen!“

Als Letzter der Wartenden wurde ich zum Herrn gerufen. Mit einem Lächeln unbeschreiblicher Güte kam er mir entgegen und hieß mich behaglich niedersetzen, freundlich bemerkend, er selbst stehe gern oder schreite auf und ab, ich möchte mich dadurch nicht stören lassen.

Abdruschin kam nun auf die Feier zu sprechen. Er frug mich, ob ich sie recht erlebte und ob mir alles klar geworden sei, was meinen Geist zuvor beschwerte. Er sagte, daß es an mir nun liege, den Weg, den die Gralsbotschaft wiese, zu gehen, der steil bergan führt und schmal und eng ist. Unentwegt müsse der Blick auf das Ziel gerichtet bleiben. Der Verstand, der mein größter Feind gewesen sei, müsse mit einem willensstarken Ruck wieder an die Stelle gebracht werden, die ihm für irdisches Leben gebühre, als Waffe für den Kampf in ihm, er müsse dem Geist wieder untertan werden, der souverän im Menschen zu herrschen habe, wie es gottgewollt von Anfang an war. Und der Glaube müsse von dogmatischen Irrtümern frei, ja, der Glaube müsse zur Überzeugung werden. Deshalb habe er mir auch unter sein Bildnis als Widmung folgenden Spruch geschrieben:

„Nur in Zertrümmerung des Alten kann Neues auferstehn!“

Mein Geist müsse nun reifen zur letzten und höchsten Gotterkenntnis, die die „Neue Zeit“ bedinge.

Ich trank förmlich jedes seiner erhabenen Worte, nahm deren Weisheit in mich auf und bewegte sie in meinem Herzen. Wo waren all die beabsichtigten Fragen geblieben? Sie zerrannen in nichts! Entweder hatte sie Abdruschin schon beantwortet oder er kam darauf von selbst zu sprechen; es war, als lese er die Gedanken. Und so war es auch.

„Wenn immer Sie Rat oder Erklärung brauchen“, schloß der Men-schensohn liebevoll die Unterhaltung, schreiben Sie an mich persönlich! Im Übrigen werden Sie Ende Mai hier auf dem Berge wieder weilen und mit Ihnen Ihre Frau und Ihr Kind, die Sie herzlich grüßen wollen. Fahren Sie getrost und gestärkt nach Berlin und kommen Sie gesund zum Fest der Heiligen Taube wieder!“

Ich stammelte Dank und unsagbar glücklich verließ ich Gralshöhe. Mit diesem Erleben endete der erste Bergbesuch von einundzwanzig Berg-fahrten aus der Niederung nach Vomperberg während der ersten Phase des Heiligen Grals auf Erden.




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1 (1) eine weise Vorschulung für die spätere geistige Berufung eines „Fischeramtes von Menschenseelen“.

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