Jahrgang 1937 Heft 12
DIE STIMME
Schrift
für Erstarkung im Wissen
und Können.
VERLAGS A..- G. ,,DIE STIMME“, ZÜRICH
Copyright by Verlag A - G „Die Stimme“, Zürich
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung. Vorbehalten
Druck: Gebrüder Scheran, Innsbruck, Fallmeraystraße 4 - 6
O laß uns schöpfen tief aus Deiner Fülle,
Die unausschöpfbar ist in Ewigkeit,
Laß atmen uns in Deiner heil'gen Stille,
Die allen Werdens lichtes Feierkleid.
Herr, laß uns wirken froh in Deiner Liebe,
Die immer strömt aus Deiner offnen Hand.
In aller Schöpfung mächtigem Getriebe
Hat nur, was Liebe formt, vor Dir Bestand.
Herr, laß uns ganz in Deinem Strahle leben,
Erfülle uns mit Deines Lichtes Kraft,
Und was Du uns aus Gnade hast gegeben,
Sei das, was aus uns wahre Menschen schafft!
Tod und Jenseits.
Von Herbert Vollmann.
Geburt und Tod sind der Anfang und das Ende des eigentlichen Erdenlebens und kein Mensch, der noch ein wenig Suchen nach Wahrheit in sich hat, kann die beiden wichtigen Fragen, wie das Leben in den Erdenkörper hineinkommt und wo es nach dem Tode bleibt, unbeachtet lassen.
Die Behauptung, daß mit dem Erdentode „alles aus“ sei, ist so einseitig und unlogisch, daß darüber gar nicht erst gesprochen werden soll.
Die meisten Menschen haben sich in ihren niederen nur auf das Irdische gerichteten Anschauungen fest gefahren, so daß sie nicht mehr davon los kommen. Durch das einseitige Großziehen des erdgebundenen Verstandes verloren sie mit der Zeit jegliche Verbindung und Fühlungnahme mit der nicht grobstofflich sichtbaren jenseitigen Welt.
Sie haben damit in ihrem Forschen nach den Rätseln des Lebens einen sehr wichtigen Schlüssel verloren, nämlich die Fähigkeit, Folgerungen zu ziehen von dem, was „oben“ seinen Ursprung hat auf das, was sich „unten“ als Auswirkung zeigt.
Trotzdem könnte allein bei dem Studium der Auswirkungen noch manche höhere Erkenntnis gewonnen werden bei dem Wissen, das sowohl in der sichtbaren wie in der irdisch unsichtbaren Welt die gleichen Gesetze tätig sind.
Diese Schöpfungsgesetze oder Naturgesetze formen nicht nur das Irdische, sondern auch das „Überirdische“ und sie bewirken weiter, daß nichts in der großen Schöpfung verloren geht!
Infolgedessen muß auch das Leben, das mit dem Tode aus dem Erdenkörper gewichen ist, eine Form haben und diese muß irgendwohin gekommen sein!
Und so ist es auch.
Das „geformte Leben“, das den toten Erdenkörper verläßt, ist die Seele, die genau so geformt ist wie der Erdenkörper und die nach dem Tode hinübergeht in das sogenannte ,,Jenseits", ein Sammelbegriff für eine große Anzahl von verschiedenen Sphären.
Wohin die Seele dort kommt, wird durch das Gesetz der Schwere erklärlich.
Je nachdem sie sich auf Erden durch ihr Denken und Tun leicht oder schwer gemacht hat, steigt oder sinkt sie nach ihrem Abscheiden in die Region, die die gleiche Schwere hat wie die Seele.
Auch hier gilt der auf der Erde wohlbekannte Vorgang: „Gleich und gleich gesellt sich gern!“, der nichts anderes ist als eine Folge des Gesetzes der Anziehung der gleichen Art.
Genau so wie sich das Gesetz der Schwere auch auf Erden auswirkt, wenn ein Stück Kork auf dem Wasser schwimmt, ein Stück Eisen darin auf den Grund sinkt und vielleicht ein anderer Gegenstand in der Mitte des Wassers schweben bleibt. In der ganzen Schöpfung ist das Wirken der Gesetze einheitlich, nur die Form und Auswirkung ist je nach der Art verschieden.
Der beste Beweis für die Einheitlichkeit der Schöpfungsgesetze ist der Mensch selbst.
Ist er es doch, in dem sowohl das Irdische in Form seines Erdenkörpers als auch das Überirdische in Gestalt seiner Seele vereint sind. Gäbe es für beide Arten zwei Gesetzmäßigkeiten, so würde der Mensch überhaupt nicht existieren können.
Der Mensch hat über das lebendige Geschehen in der Schöpfung viel zu enge und einseitige Begriffe, so auch über das Fortbestehen der Seele nach dem Tode, wenn er wirklich daran glaubt.
Wenn die Seele nach dem Tode weiter leben will, dann muß sie sich auch bewegen! Leben ist Bewegung!
Redensarten wie „Er ging zur ewigen Ruhe ein“ und „Ruhe sanft“ geben daher einen vollständig falschen Begriff von dem Geschehen im Jenseits. Es herrscht dort regste Tätigkeit und das Erleben ist viel stärker und reicher als hier auf Erden.
Der Mensch findet im Jenseits alles das wieder, was er auf Erden dachte und empfand. Es sind seine „Werke“, die ihm nachfolgen, oder ihn erwarten, die guten wie die üblen. Sie allein würden schon genügen, ihn nicht zur Ruhe kommen zu lassen.
Von einem persönlichen Ruhen oder Ausruhen bis zum Jüngsten Gericht kann deshalb keine Rede sein! Es besteht lediglich eine Werdezeit , die aber von regstem Erleben ausgefüllt ist.
Das Auferwecken zum Jüngsten Gericht ist geistig zu verstehen. Es werden sämtliche von einem Menschengeist erworbenen Eigenschaften vom Druck des Lichtes zu stärkster Bewegung gezwungen, also „erweckt“, damit sie, sich selbst richtend, erstarken, wenn sie gut sind, oder ausgerottet werden, wenn sie nicht in gleicher Richtung dieser Lichtstrahlungen mitzuschwingen fähig sind.
Außer dem Erdentod gibt es auch noch den anderen Tod, der der ewige oder geistige ist und ein Verlöschen des Sichselbstbewußtseins zur Folge hat.
Es ist Pflicht des Menschen, sich während seines Erdenaufenthaltes mit dem Fortleben nach dem Tode zu beschäftigen, um darüber Klarheit zu erhalten, was sein eigentliches Ziel ist. Die Mahnung „Gedenke des Todes!“ ist ein Warnruf an die Erdenmenschen, den großen Weg in das Paradies nicht zu vergessen, auf dem der Erdentod nur ein Tor ist, das dem zuversichtlichen Weltenwanderer einen Ausblick bietet auf den Weg, der jenseits des Irdischen weiter führt!
Wer wissen will, wie dieser Weg zu gehen ist, der nehme die Gralsbotschaft von Abd-ru-shin zur Hand. In diesem Werke wird den Menschen ein lückenloses Schöpfungswissen geboten in einer unantastbaren Sachlichkeit und Folgerichtigkeit.
Die Gralsbotschaft vermittelt den Menschen wieder ein Wissen von der Existenz einer anderen, unsichtbaren Welt, die noch viel gewaltiger und schöner als das Irdische ist
Wie lächerlich ist es, wenn Menschen mit leeren Worten beweisen wollen, diese gigantische Welt sei nicht vorhanden, nur weil sie sich an ihrem durch eigenes Versagen beengten Horizont nicht zeigen will.
Trotz dieser Einengung sind aber immer Hilfen genug da, die die Menschen bei dem geringsten guten Wollen ihrerseits dem „jenseitigen“ Verständnis sofort ein wenig näher bringen.
Oft sind von den Menschen auch schon Versuche unternommen worden, die selbsterbauten Trennungsmauern wieder zu durchbrechen.
So hatte vor Jahren ein sehr bekannter Dichter versprochen, nach seinem Tode von sich hören zu lassen, wenn dies möglich wäre. Und tatsächlich gelang es ihm. Durch eine Frau gab er eine sehr gute Schilderung seines Erlebens. Sie lautete:
„Die Landschaft, in der wir leben, unterscheidet sich ganz außerordentlich von der irdischen. Sie ist von beglückender Reinheit und Klarheit. Es gibt unendlich viel Licht und nichts Graues oder gar Dunkles.
Es gibt hier auch einen Erdboden und ein Meer, Bäume und Pflanzen, aber alles ist schöner und wunderbarer als auf Erden.
Sogar das Gefieder der Vögel ist leuchtender und farbenprächtiger. Am sonderbarsten aber wirken die Blumen. Sie strömen nicht nur einen Duft aus, sondern auch herrliche, dem irdischen Ohr nicht vernehmbare Töne, die bei jeder Blumenart verschieden sind.
Man kennt hier keine Müdigkeit und kein Ruhebedürfnis , sondern fühlt sich immer von einer wunderbaren Kraft durchströmt. Die Zeit spielt keine Rolle. Man ist immer beschäftigt, denn es gibt hier millionenmal soviel zu lernen wie auf Erden.
Es sind Millionen und Abermillionen von abgeschiedenen Seelen hier zu finden. Die Geister können sich miteinander verständigen, auch wenn sie im irdischen Leben verschiedene Sprachen gesprochen haben.
Wunderbar ist auch die Fähigkeit der Fortbewegung. Sie ist nicht irdischer Art, weil es hier keinen irdischen Körper gibt. Wohl habe ich eine Gestalt, die man mit einem Körper vergleichen könnte, aber ich bin nicht durch sie gefesselt.
Bei uns genügt es, sich irgendwohin zu wünschen, um auch schon an Ort und Stelle zu sein.
In Zukunft wird es wohl wieder möglich sein, einen Verkehr zwischen den Erdenmenschen und den abgeschiedenen Seelen herzustellen. Aber dazu ist es nötig, daß der Mensch mit gläubigem Vertrauen die Tore des Wissens öffnet, die er sich durch seine Ungläubigkeit selbst verschlossen hat.“
Der Erdentod muß für jeden Menschen seine Schrecken verlieren, wenn man weiß, daß er für den lichtstrebenden Menschen nur ein Übergang von einer Schöpfungsebene zur anderen ist. Die Seele mit dem Geist als Kern streift dabei nur die irdische Hülle ab, behält aber die Körperform, da diese eine Eigenart des sich selbstbewußt gewordenen Geistigen ist.
Das „Geistige“ ist nichts anderes als die eigentliche Heimat oder der Ausgangspunkt des Menschengeistes, auch Paradies genannt. Der Weg dorthin ist weit, aber lichte Gärten säumen ihn, in denen der nach oben strebende Menschengeist wunderbare Hilfen und erfrischende Stärkung findet. Einen dieser lichten Gärten schildert der verstorbene Dichter aus dem Jenseits.
Oft muß eine Menschenseele geboren werden und sterben, bis sie jene Leichtigkeit und damit Reinheit erlangt hat, die sie vom Irdischen vollständig löst. Dann kommt ein Erdentod, der der letzte ist, befreit von allen Erdenlasten kann der Geist dann aufjubelnd den lichten Gefilden entgegeneilen, bis sich ihm zuletzt die Tore des Paradieses öffnen.
Mit dem Überschreiten der Schwelle zu dem Reiche des Geistigen hat er das „andere Leben“ gewonnen und über ihm formt sich ein wunderbar leuchtendes Gebilde, das ihn glückselig aufjauchzen läßt:
Die Krone des ewigen Lebens!
Unpolitische Betrachtungen zur
zeitgenössischen Politik
im Lichte der Prophezeiungen Jesajas.
Von Henri Huber.
„Seid böse, Ihr Völker und gebt doch die Flucht! Höret's alle, die Ihr in fernen Landen seid! Rüstet Euch und gebt doch die Flucht; rüstet Euch und gebt doch die Flucht!
Beschließet einen Rat und werde nichts daraus. Beredet Euch und es bestehe nicht, denn hie ist
IMANUEL.“
Blitzlichtartig vermitteln uns diese gewaltigen seherischen Worte des Propheten Jesaja (8. Kapitel 9. u. 10. Vers) die eindeutige, unwiderlegbare Erklärung für die heutigen Wirrnisse und außergewöhnlich unsicheren Zustände in den Beziehungen der Völker untereinander.
In der Tat, noch nie im Laufe der Geschichte der Menschheit waren die Einzelschicksale, die Schicksale der Gemeinschaften in der Verbundenheit des eigenen Volksbereiches und darüber hinaus wieder die wechselseitigen Beziehungen der Staaten so verworren wie gerade in heutiger Zeit.
Man sucht fieberhaft nach Erklärung dieser eigenartigen Zustände. Tausende und Abertausende von Büchern werden geschrieben, die Grund und Ursache dieser Wirrnisse untersuchen und die „unfehlbaren“ Heilmittel für diese universelle Krankheit angeben. Wie im Fieber will man neues Licht verbreiten. Staatsmänner, Diplomaten, Regierungen aller Länder mühen sich ab, eine Lösung zu finden, die geeignet wäre, Änderung und Besserung herbeizuführen.
Die einen sehen in den heutigen wirtschaftlichen Zuständen, ( Rohstoffmangel in den einen Ländern, Überproduktion in den anderen, Arbeitslosigkeit usw.), die man gemeiniglich mit dem Worte „Krise“ umschreibt, die kausale Ursache aller politischen Wirrnisse, die andere Richtung wieder sieht in der politischen Lage, so wie sie sich nach dem Weltkriege gestaltete, die Ursache der „Krise“.
Sogenannte „Krisen“ gab es zu verschiedenen Epochen der Geschichte. Dieselben beschränkten sich aber entweder auf einen Volksteil oder ein ganzes Volk, seltener auf einen ganzen Kontinent, sie waren auch in Art und Auswirkung beschränkt. Die Geschichte kennt „Krisen“ moralischer Art, (Dekadenz großer Völker ) bei fortschreitender Industrialisierung auch solche wirtschaftlicher Art. Aber wie bereits oben erwähnt, waren diese „Krisen“ in ihrer Ausdehnung stets räumlich und zeitlich begrenzt. Es muß also um die heutigen Zustände etwas anderes sein. Dies kann und will man sich aber nicht eingestehen. Und doch ist dem so!
Ein Hasten, ein unaufhaltsames verwirrendes Drängen ist über die Menschen gekommen, das sie sich nicht erklären können. Die Beweggründe aller ihrer Handlungen sind dunkel und verworren, verworren all ihr Tun und Treiben, sei es im Alltagsleben, sei es in dem, was sie „Politik“ nennen.
Sehen wir zu: Brüder des gleichen Stammes und der gleichen Rasse trennen sich in Parteien, die sich gegenseitig hassen und befehden, oft sogar bis auf's Blut bekämpfen. Soziale Kämpfe von unerhörten Ausmaßen finden in allen Ländern der Erde statt. Arbeitnehmer steht gegen Arbeitgeber, Klasse gegen Klasse. Drohend hebt sich das Gespenst der Revolution am Horizont einzelner Völker ab.
Es entstehen sogar noch verschiedentlich Gegensätze unter den einzelnen Konfessionen, die doch absolut unmöglich sein müßten. Ein Grauen muß uns aber erfassen, wenn wir nach Spanien blicken, wo bereits seit über einem Jahre Söhne des gleichen Volkes sich gegenseitig bis zur völligen Ohnmacht zerfleischen und dabei ihr Land und eine jahrtausende alte Kultur gänzlich vernichten. Und warum?
Darüber hinaus sind die Beziehungen der Staaten und Völker untereinander so gespannt und so verworren, daß es nur des geringsten Fünkchens bedarf, um das Pulverfaß in Brand zu setzen und einen neuen Weltkrieg heraufzubeschwören, gegen den der letzte ein Kinderspiel sein würde. Und dies alles trotz des „Völkerbundes“, dieses Kolosses mit tönernen Füßen, den Jesaja wohl im Geiste sah, als er sprach:
„Beschließet einen Rat und es werde nichts daraus, beredet Euch und es bestehe nicht.“
Nationaler Ehrgeiz und nationale Empfindlichkeit sind auf das Höchstmaß gesteigert. Dazu kommt noch, daß sich kein Staat allein stark genug fühlt. dem anderen stand zu halten. Es bilden sich Koalitionen und Staatengruppen von oft ganz heterokliter Natur. Über alle naturgegebenen Notwendigkeiten hinweg, unter Überbrückung aller Interessengegensätze bilden sich Kombinationen äußerst fragwürdiger Art. Alles ist dazu angetan, die Wirrnisse und Unsicherheit zu mehren. Ein schlimmes va-banque Spiel.
Die Menschheit aber ist geistig bereits so weit abgestumpft, daß sie sich mit diesen Zuständen als schicksalsgegeben abfindet und darüber hinaus froh ist, nicht persönlich in den Strudel des Geschehens hineingezogen zu werden und daß allenfalls noch ihre nächsten Angehörigen verschont bleiben. Denken, Nachdenken, Besinnlichkeit, dazu hat man keine Zeit, da man ohnehin nicht genügend Zeit aufbringen kann für die dringendsten irdischen Obliegenheiten.
Man läßt also die Fachleute, Wirtschaftspolitiker und Staatsmänner weiter nach Lösung der „Krise“ suchen, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, daß eine „Lösung“ überhaupt nicht auf materiellem Gebiete erfolgen kann, sondern daß jeder Einzelne sein Teil zur „Lösung“ beizutragen hat. So wie die Dinge aber stehen, gehen wir eher einer furchtbaren Katastrophe als einer Lösung entgegen.
Abd-ru-shin schreibt in seinem Vortrag: „Das verbogene Werkzeug“*)): . . „Wer die große wirtschaftliche Not, welche sich unaufhaltsam steigert, in allen Ländern dieser Erde, wer die daraus erwachsende Verwirrung und Hilflosigkeit noch nicht als einen unheilvollen Schicksalsschlag anerkennen will, nur weil er vielleicht selbst noch genug zu essen und zu trinken hat, der Mensch verdient nicht mehr, noch Mensch genannt zu werden; denn er muß innerlich verdorben sein, abgestumpft gegen fremdes Leid.
„Alles ist schon dagewesen!“ lautet die leichtfertige Rede derer, die nicht sehen noch hören wollen. Allerdings, schon dagewesen ist das Einzelne! Aber nicht unter den Verhältnissen wie heute, nicht unter diesem Wissen, dessen man sich heute rühmt, nicht bei den Vorkehrungen, die man heute treffen kann! Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht!
Vor allen Dingen aber waren nie die Anhäufungen der Geschehen, Es lagen früher Jahre zwischen den Naturer-eignissen, man sprach und schrieb monatelang von derartigen Vorgängen, die alle Völker der Kultur in Aufregung versetzten, während heute schon nach Stunden alles vergessen wird im Tanz oder im Alltagsklatsch. Es ist ein Unterschied, den man nicht sehen will, aus Furcht, die sich im Leichtsinn zeigt! In einem frevelhaften Nichtverstehenwollen.
„Die Menschheit darf sich nicht beunruhigen!“ ist das Gebot für heute.“
Allzuviele Interessen sind im Spiel, begegnen, verwickeln und verbinden sich, damit das Krachen und Bersten des in allen Fugen morschen, zusammenbrechenden Gebäudes die Bewohner nicht zu sehr erschrecke. Der Schrei der Suchenden nach Licht aber wird abgeleitet, verhallt an einem undurchdringlichen Gewölbe, das gerade die mit Fleiß errichten, die zu helfen wähnen.
Die Gründe hierfür sind allzu durchsichtig, als daß sie noch besonders aufgeführt zu werden verdienen. Denen aber, die offenen Auges durch das Leben schreiten, die unentwegt nach einer befriedigenden Antwort auf das bange Fragen suchen, wird ein Licht aufgehen, wenn sie die Prophezeiungen Jesajas aufmerksam durchlesen und das überraschende Zutreffen seiner Voraussagungen auf die heutigen Zeitläufe konstatieren müssen. Alle Nöte unsrer Zeit werden sie begreifen lernen. Sie werden sich aber auch freuen und fröhlich sein, wenn sie dann wissen:
„Ein Sohn ist uns gegeben, die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friedefürst; auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens keine Ende.“ ( Jesaja 9. Kapitel ).
Er ist der Weg von dem Jesaja im 35. Kapitel, 8. Vers sagt:
„Und es wird daselbst eine Bahn sein und ein Weg, welcher der heilige Weg heißen wird, daß kein Unreiner drauf gehen darf; und derselbige wird für sie sein, daß man drauf gehe, daß auch die Toren nicht irren mögen.“
Deshalb suchet diesen Weg, mit der ganzen Kraft Eures Herzens, trachtet „Ihn“ zu erkennen. Euer Heil hängt davon ab.
Wegbereiter für das Wort
auf Erden.
Von Susanne Scnwartzkopff.
Es gibt eine Reihe von Namen, die sich über Jahrtausende hin leuchtend in der Menschheit Gedächtnis erhalten haben. Die strahlendsten von ihnen sind nicht Namen von Königen und Feldherrn, von Staatsmännern oder Künstlern, es sind die Namen derjenigen, die der Menschheit neues Licht aus der Ewigkeit entzündet haben.
Namen wie Krishna, Moses, Zoroaster, Lao - Tse, Buddha, Mohammed werden noch heute mit Ehrfurcht und Bewunderung genannt, auch dort, wo die von ihnen gebrachte Lehre nicht zur anerkannten Religion geworden ist.
Wohl weiß die Geschichte noch heute zu berichten von den Heldentaten eines Alexander, eines Cäsar, wohl kennt man die Weisheit eines Sokrates, eines Plato, und schöpft noch aus ihr, aber wer vermöchte sie zu vergleichen mit jenen Größten, die der Menschheit eine Fackel herabtrugen, deren Licht noch immer nicht ganz erloschen ist?
Sage und Legende haben diese Gestalten mit einem Kranze von Berichten und Erzählungen umwoben, und je mehr die Zeit dahinging, je mehr die tatsächlichen Begebenheiten vergessen wurden, desto reicher schmückten Bewunderung, ja Anbetung das Leben dieser Männer aus.
Millionen Menschen halten noch heute die Lehre Buddhas für die einzige Wahrheit, Millionen leben noch heute nach den überkommenen Lehren eines Lao-Tse, und aber Millionen schwören auf die grüne Fahne des Propheten als einzig echte und wahre.
Wer hat recht? Jeder glaubt auf dem richtigen Weg zu sein und hält den Andersgläubigen für falsch belehrt und in Irrtum befangen. Wie soll da entschieden werden?
Wenn es in der Bibel heißt: „An ihren Werken sollt Ihr sie erkennen“, also an der Art ihres Wirkens *)), so wird der Suchende, wenn er diesen Maßstab anlegt, nirgends Befriedigung finden. Überall ist menschliche Schwäche und Unvollkommenheit, ja meist Schlimmeres: Lüge, Machthunger und Ähnliches zu sehen, bei allen Völkern und in allen Bekenntnissen.
Die Anhänger sprechen nirgends für den Begründer ihres Bekenntnisses, nirgends haben sie verhüten können, daß die Menschheit immer tiefer sank, nirgends ist ein großes, ehrliches, mitreißendes Streben in die Höhen der Wahrheit und des göttlichen Lichtes zu spüren außer vielleicht bei wenigen Einzelnen.
Welche Religion also die einzig wahre und richtige ist, kann man aus dem Leben ihrer Anhänger nicht erkennen. Keine Religion hat Kriege und Feindschaften zwischen den Völkern verhindern können, keine die Menschheit auf eine hohe Stufe der geistigen Entwickelung gehoben.
Wie sollen wir uns da in der Beurteilung der vielfachen Lehren verhalten?
Es ist bis jetzt wohl kaum je versucht worden, alle die Hilfen von oben, das Auftreten von Menschen, die behaupteten, in höherem Auftrage zu handeln, um die Menschheit aus ihrer Verflachung und Verirrung zu befreien, miteinander zu verbinden, das Gemeinsame in all diesen Geschehen zu erkennen.
Versuchen wir einmal, dies zu tun. Behalten wir die Reihe sogenannter Wegbereiter im Auge.
Wie einen goldenen Faden sehen wir durch die Geschichte der Menschheit sich das Leben dieser Männer ziehen. Bald hier, bald da treten sie auf der Erde auf, bringen den Menschen wieder Wissen von oben, biegen die verbogene und entstellte Wahrheit gerade und versuchen die Menschen zu überzeugen, daß der höchste, ja, der einzige Sinn des Menschenlebens ist: Gott, den Schöpfer und Erhalter zu suchen und zu erkennen in seinen Werken, ihm zu dienen aus allen Kräften, als Dank für die Gnade, sein zu dürfen in seiner wundervollen Schöpfung.
Sind auch die Namen, die dem Höchsten gegeben werden, in jedem Volke andere, so ist es doch immer der Eine, Ewige, Unfaßbare, auf den alles Leben zurückgeht, der in Liebe seine Hand über sein Werk hält, und in dessen Reiche ewigen Lichtes die Menschengeister hinaufstreben müssen, sollen sie dem inneren Drange zur Entwickelung folgen, wollen sie wahrhaft Menschen werden.
Nennt der Jude den, dessen Namen er sich auszusprechen scheut, den „Ewigen“ den „Gott Israels“, sprechen die Inder von dem „Herrn der Welten“, die Chinesen und Tibetaner von dem „Hocherhabenen“, die Germanen von „Allvater“ oder „Lichtvater“, die Iraner von „Ahuramazda, dem Ewigen, Weisen“, immer ist es ein Name des Höchsten, der in seiner Vollkommenheit und Größe unausschöpfbar bleibt für Menschenbegreifen, und der sich jedem Volk von anderer Seite offenbart, von der, die dieses Volkes Seele entspricht.
Jedesmal, wenn ein Wegbereiter zur Erde gesandt wurde, war die Menschheit wieder an einem Tiefpunkt angelangt, so daß befürchtet werden mußte, es sei ihr völliger Sturz unausbleiblich. Wieder und wieder aber erbarmte sich die unbegreifliche Liebe Gottes und sandte Hilfe aus lichten Reichen, aus einer Sphäre, die so rein war, daß die von dort Kommenden unangefochten durch der Erde Dunkel gehen konnten.
Lange Vorbereitungen waren jedes Mal erforderlich, ehe ein solcher Lichtbote sich auf Erden inkarnieren konnte. Es mußte ihm auf der Erde eine Umgebung geschaffen werden, die ihm ein natürliches und ungehemmtes Hineinwachsen in seine Aufgabe ermöglichte. Es mußten außerdem Menschen zu seiner Verfügung stehen, die sein Wort aufnahmen und ihm halfen, es zu verbreiten, die seine Werkzeuge wurden im großen Neuaufbau, den er zu bewerkstelligen hatte.
Viele waren dazu nötig, denn immer handelte es sich in diesen Fällen um ganze Völker, die herausgerissen werden sollten aus Sumpf und Verwirrung. Nicht wahllos und zufällig konnten auch diese Helfer des Wegbereiters auf Erden ihre Heimat und ihr Elternhaus erhalten - so etwas ist bei den strengen Schöpfungsgesetzen gar nicht möglich - sondern auch ihnen mußte schon lange die Stätte vorbereitet und die Umgebung sorgfältig geschaffen werden, die sie zu ihrem Reifenkönnen benötigten.
Von oben her, vom Lichte aus, war ja die Gefahr schon lange zu erkennen, lange bevor Menschenaugen ihrer gewahr wurden, und schon dann wurde begonnen mit den Vorbereitungen vielfältigster Art, die wiederum Menschensinn und Menschenwahrnehmung ganz verborgen blieben.
War dann die Stunde gekommen, so betrat der Wegbereiter die Erde mit einer Binde vor seinem inneren geistigen Auge, die erst langsam und allmählich gelockert wurde und ihm zu rechter Zeit das Erkennen seiner Sendung brachte. Erst aber mußte sich ein jeder dieser Auserwählten auf der Erde einleben, mußte sie genau kennen lernen, mußte der Menschen Sinnen und Trachten, ihr Denken und Handeln an sich selbst, am eigenen Leibe erleben, meist unter tausend Schmerzen und Qualen, denn ihr reine Seele konnte Lug und Trug der Menschen, ihren Haß und Neid nicht begreifen.
Erst wenn er im Leid wissend geworden, begann der Wegbereiter mit seinem Werk. Er mußte wissen, wo die Fehler lagen, wo die Menschen versagten, wie es in ihnen aussah, eher konnte er ihnen auch nicht helfen.
Oft wurden diese Helfer schon früh von ihrem Elternhaus und ihrer Familie getrennt, um sich ganz frei entwickeln zu können. Andere wurden ihnen dann zugeführt, die sie erzogen und ihnen das gaben, was sie brauchten. Wer kennt nicht die Geschichte des kleinen Moses, der vor den Verfolgungen des Pharao in Sicherheit gebracht wurde, um gerade der Pharaonentochter in die Hände geführt zu werden, damit sie ihm die notwendige Kenntnis Ägyptens vermittelte? Moses mußte ein Jude sein, um seinem Volke helfen zu können, er mußte aber als Ägypter aufwachsen, um der Feindschaft dieses Volkes begegnen zu können.
Lao-Tsee wird schon als kleines Kind der Lehrer zugeführt, der ihm das Wissen geben kann, das er braucht für sein späteres Wirken, der jahrelang mit ihm zusammenlebt und wandert und ihm das Volk zeigt, dem er helfen soll.
Lang für unsere heutigen hastigen und schnellebigen Begriffe ist die Vorbereitungszeit der Wegbereiter für ihre Sendung. Jeder von ihnen geht für Jahre in die Einsamkeit, um sich dort die starke Verbindung zu Gott, zum Licht des Lebens zu erringen, ohne die er sein Werk nicht vollenden kann.
Entbehrungen sind ihnen nichts. Unter einfachsten Verhältnissen, unter Lebensbedingungen, die uns verwöhnten Menschen von heute kaum erträglich erscheinen, verbringen die Männer viele Jahre in der Wüste oder in abgelegenen einsamen Gegenden.
Zehn Jahre lebte Mohammed als Schafhirt bei einem ganz armen Hirten, unerkannt, kaum ein Wort wechselnd mit einer Menschenseele. Zehn Jahre verbrachte Zoroaster in seiner einsamen Hütte und sie vergingen ihm im Fluge. Einkehr in sich selbst, Erkenntnis des Höchsten, letztes Wissen suchten und fanden die zu Hohem Bestimmten in dieser Zeit.
Dann traten sie vor ihr Volk. Sie wußten nicht, was sie tun, was sie sagen sollten, als sie begannen. Sie überließen sich in unerschütterlichem Vertrauen ihrer lichten Führung, und alles kam, wie es kommen sollte: Die Gelegenheit zum Handeln, an der sie ihr inneres Feuer entzündeten, die Menschen, in deren Leben sie eingreifen mußten, um sie zur Umkehr von ihren falschen Wegen zu bringen.
Und weiter und weiter trug sie ihre Führung, immer tiefer hinein in die Not ihres Volkes, immer tiefer aber auch in ihre herrliche Aufgabe. So befreite Lao-Tse sein Volk von der entsetzlichen Dämonenfurcht, die es sich selbst geschaffen hatte, von seiner ebenso schlimmen Unsauberkeit, und ließ dann das Licht der Ewigkeit in ihre nun aufnahmebereiten Seelen hineinfallen.
So stellte Zoroaster das Bild des Kommenden, des Saoshyant, vor die Augen seines Volkes, zeigte ihm den Weg zu dem künftigen Helfer, der einst kommen und es ganz zu Gott hinführen würde. So befreite Moses sein Volk aus der äußeren und der schlimmeren, der inneren Gefangenschaft durch das Dunkel, so half Buddha dem zur Trägheit neigenden Volk der Inder, sich zu einem werktätigen Leben im Dienste des Höchsten aufzuraffen.
Überall ist es das gleiche Bild: vor ein stürzendes Volk tritt nach langer Vorbereitung der von Gott bestimmte Wegbereiter, reißt den Menschen die Binde geistiger Verdunkelung von den Augen und läßt das Licht der Wahrheit vor ihnen aufleuchten, das sie wieder zu Gott zurückführt.
Überblicken wir noch einmal die ganze Reihe leuchtender Gestalten, so erkennen wir jetzt das einheitliche Wirken des Lichtes für die Menschheit. Viele Wege führen zu Gott, jedes Volk muß seinen eigenen Weg finden zur Höhe, von seiner Eigenart ausgehend. Es würde die Art des anderen ihm immer fremd bleiben und ihm nicht helfen können. Darum ist der Helfer immer aus dem Volk geboren, dem er helfen soll, ja mehr noch, er ist von seiner Art, seiner Geistesart und kann es heben, weil er es versteht.
Die unbeschreibliche Größe und Liebe, die in diesem allem liegt, zwingt uns zu Bewunderung und innigstem Danke.
Bis hierher erfüllt Freude unsere Herzen und Dankbarkeit für die Hilfe von oben, die uns Menschen wieder und wieder gegeben wurde. Denn es sind nicht nur diese allen bekannten Gestalten, die zur Hilfe herabkamen, jedes Volk hat irgend wann einmal einen solchen Helfer seiner Art haben dürfen, und in jedem Volk lebt noch heute, bewußt oder unbewußt, Erinnerung und sehnsüchtiges Verlangen nach der Wiederkehr dieses Helfers.
Ihre Namen werden alle noch einmal aufleben im letzten Ringschluß, und ihren Völkern Erkenntnis großen Geschehens bringen.
Was ward nun aber aus den Völkern, wenn sie eine solche Hilfe erhalten hatten? Da bietet sich uns überall das gleiche traurige Bild: Wenn die Lichtboten ihre Lehre soweit befestigt hatten, daß sie sie in andere Hände legen konnten, wenn sie überall Gehorsam gegen die göttlichen Gesetze eingeführt hatten, dann nahte ihre Stunde heimzugehen, ihre Aufgabe war erfüllt. Die Saat war ausgestreut, sie keimte und wuchs, getreue Gärtner waren am Werke, sie zu pflegen.
Kaum aber hatten sie die Erde verlassen, so brach der Feind wieder ein in die wohlbestellten Felder und verwüstete sie. Oft waren es die eigenen Anhänger, die aus irgend einer gutgemeinten Überlegung oder aus einem persönlichen Wunsche heraus etwas an der Wahrheit verbogen und damit eine Bresche für das Dunkel schlugen, ohne es zu sehen und zu wollen.
Wie entstellt wurde schon sehr bald die Lehre Mohammeds, der Christentum und Judentum vereinigen wollte in ihrem Wahrheitskern! Was wurde aus Buddhas Lehre gemacht? Die Verneinung der Welt, die falsche Entsagung, die zur Entpersönlichung führen soll als zur Erlösung; die Seelenwanderung zu Tier und Pflanze!
Niemals hatte Buddha solches gelehrt! Niemals hat Mohammed gekündet, daß schöne Huris den tapferen Krieger erwarten, der den Heldentod stirbt! Er konnte es nicht, denn es ist nicht wahr, und nur was wahr ist, konnte er als Beauftragter den Menschen künden!
Entstellung, wohin wir blicken. Sage, Legende, Märchen, bewußte Fälschung behängen die großen Gestalten mit Lüge und Plunder. So stehen sie jetzt in den Tempeln und Klöstern, den Kirchen und Wallfahrtsorten vor den Augen der Gläubigen, die betend zu diesen Propheten kann ihnen keine Hilfe kommen! Nun verstehen wir auch, daß keine Religion die Menschen hat wahrhaft ändern und bessern können. Alle wurden sie entstellt, den Bequemlichkeitsbedürfnissen der Menschen entsprechend zurechtgebogen. Es ist ja viel leichter, eine Wallfahrt zu machen, geweihte Kerzen zu geloben, Bußen auf sich zu nehmen aller Art, als seinen Sinn, sein Leben zu ändern! Dieses bedarf steter regster Tätigkeit des ganzen Menschen, eine Buße jedoch ist schnell erledigt und schnell vergessen.
Durch Jahrtausende hindurch können wir nun schon das gleiche Geschehen verfolgen. Nach dem Abfall von Gott sinkt die Menschheit mehr und mehr in die Netze Luzifers und damit ins Dunkel. Schmerzlich ersehnen einzelne Menschen Hilfe aus dem Licht, da sie aus eigener Kraft sich nicht befreien können
Da erscheinen hier und da, durch lange Zeitläufe getrennt, aber nach und nach bei allen Völkern Helfer aus dem Licht. Mit brennender Lichtfackel steigen sie herab aus den Gärten der Ewigkeit, entzünden in den Herzen der Suchenden das Licht aufs neue, vermitteln ihnen die Kraft zum Kämpfen und zum Siegen. Durch ihr Wirken glüht es in ihrem Volke auf, ein Lichtschein verbreitet sich von diesem Volke wieder über die Erde.
Dann kehren die Lichtbringer zurück, nachdem sie ihre brennende Fackel in einem großen Tempel treuen Hütern übergeben haben. Nach und nach aber werden die Hüter lässig, sie vergessen die Flamme zu nähren, bis sie schwächer und schwächer wird. Dann werden eigene Lichter entzündet, die dem Dunkel keinen Widerstand leisten können, und erschreckend bald ist alles wieder beim Alten. Das Dunkel aber triumphiert.
Droben aber, in den Reichen reinen Lichtes, blicken die Wegbereiter zürnend herab zur sinkenden Menschheit, die ihr Opfer nicht verstand, die leichtfertig umging mit dem kostbaren Gut, für das sie umsonst gelebt und gelitten. Waren sie es wert? Es sieht nicht so aus. Ekel vor der Menschheit erfaßte mit Recht die reinen Geister beim Anblick der Vergeblichkeit aller Hilfen.
Gottes Liebe aber war noch nicht erschöpft!
Wohl stammten die Wegbereiter aus höheren Reichen als der Menschengeist, aber ihre Kraft reichte doch nicht aus, das Dunkel, das sich so tief eingegraben hatte in die Reiche der Nachschöpfung, zu vernichten. Stärkere Kraft mußte ausgesandt werden, um dies zu vollbringen.
Und es geschah das Wunder, daß Licht zur Erde niederstieg, um das Licht fest dort unten zu verankern.
Dreimal schon geschah dies Wunder, wer aber von den Menschen weiß darum? Heute ist es schon viel, wenn die Menschen in Christus Jesus noch den Gottessohn erkennen. Wie viele wollen aus ihm nur einen edlen, höchstentwickelten Menschen machen, wahrscheinlich weil sie sich dann selbst gehoben vorkommen. Wer aber weiß von den beiden anderen Wundern einer Lichtgeburt auf Erden? Wer kennt den Namen des Lichtfürsten, ohne dessen Gegenwart auf Erden Moses seine Wunder nicht hätte tun können? Wer kennt den Namen Kassandra anders als den einer von düstere Tragik umwitterten Seherinnengestalt?
Und doch hat das Licht schon den Schleier von diesen einschneidenden Geschehen gelüftet, hat der Menschheit verschollenes Wissen enthüllt, damit sie in demütiger Dankbarkeit erkennen, wie unsagbar groß die Liebe Gottes ist.
Viele Wege waren bereitet für die schwache Menschheit, alle waren sie mit Liebe bereitet, jedem Volk ward Hilfe von oben gesandt, daß es seinen Weg zum Licht finden könnte. Alle Wege aber sollten in die eine große Lichtstraße einmünden, in die alles Leben mündet, die gerade und ohne Umwege hinaufführt zur Wahrheit, zu dem Einen, Ewigen, Unfaßbaren, für den alle Namen nur ein Stammeln des suchend kleinen Menschengeistes sind.
Auf dieser großen lichtübergossenen Straße, zu der jedes Volk seinen eigenen Weg finden muß, steht eine weltengroße Lichtgestalt. Es ist der, auf den alle Wegbereiter hinwiesen. Es ist der Saoshyant, der Helfer, der strahlende Held der Iraner, der Maitreja der Inder, der Mahdi der Araber, der Messias der Juden und auch der auf den Jesus selbst als den kommenden „Geist der Wahrheit“ hinwies.
Wieder hat jedes Volk einen anderen Namen für ihn, den Heißersehnten, durch Jahrtausende hindurch Verkündeten, der der Menschheit letzte Rettung und Hilfe, Befreiung vom Dunkel, aber auch Sichtung und Gericht aller Menschengeister bringt. Zu ihm führen alle Wege, er ist das Ziel, das ewig lebendige Kreuz der Wahrheit. Aber jedes Volk hat leider auch wieder seine eigenen Begriffe und Vorstellungen von ihm, was das Erkennen erschweren muß, denn Gott richtet sich in seinen Erfüllungen nicht nach den Anschauungen und Wünschen der Erdenmenschen.
Und die Zeit ist ohne Zweifel da!
Es muß sich zeigen, wer diese letzte, höchste Hilfe aus dem Licht erkennt, wer sie aufnimmt mit demütigem, dankbarem Herzen. Ihm soll noch einmal geholfen werden. Wer aber diese letzte Hilfe beiseite stößt, dem ist nicht mehr zu helfen in alle Ewigkeit.
Die letzte Hilfe! Lasset uns beten, daß wir sie erkennen dürfen!
Erstarrung. Von Abd-ru-shin.
In der Schöpfung ist alles Bewegung. Die Bewegung, durch den Druck des Lichtes ganz gesetzmäßig hervorgerufen, erzeugt Wärme und läßt darin Formen sich zusammenfügen. Ohne Licht könnte es also nicht Bewegung geben und der Mensch kann sich deshalb auch vorstellen, daß die Bewegung in des Lichtes Nähe noch viel schneller, stärker sein muß als in weiter Ferne von ihm.
Tatsächlich wird auch die Bewegung bei Entfernung von dem Lichte immer langsamer und träger, sie kann mit der Zeit sogar bis zur Erstarrung aller Formen führen, die sich bei zuerst noch regerer Bewegung schon gebildet hatten.
Unter dem Ausdrucke „Licht" ist natürlich in diesem Falle nicht das Licht irgend eines Gestirnes zu verstehen, sondern das Urlicht, welches das Leben selbst ist, also Gott!
Anschließend an das damit gegebene Bild eines großen Überblickes auf den Vorgang in der Schöpfung will ich heute einmal die Aufmerksamkeit auf die Erde richten, die jetzt in viel größerer Entfernung von dem Urlichte ihre Kreise zieht, als es vor vielen Millionen Jahren geschah, weil sie mehr und mehr der Schwere des Dunkels preisgegeben wurde durch die Menschen, welche sich von Gott entfernten in lächerlichem Eigendünkel unter einseitiger Zugroßzüchtung des Verstandes, der nur abwärts auf die grobe Stofflichkeit gerichtet ist und immer bleiben wird, weil er dazu gegeben wurde, aber unter der Voraussetzung des ungetrübtesten Empfangenkönnens aller Strahlungen und Eindrücke von oben aus den lichten Höhen.
Dem Vorderhirn fällt alle Arbeit des Verstandes zu für äußere Betätigung im gröbsten Stofflichen, also in der Materie, dem Hinterhirn jedoch das Aufnehmen und Weitergeben zur Verarbeitung der Eindrücke von oben, die leichter, lichter sind als grobe Stofflichkeit.
Dieses zu Nutzen der Menschen gegebene harmonische Zusammenwirken der beiden Gehirne wurde durch einseitige Hingebung des Menschen zu nur irdischem, also grobstofflichem Wirken gestört und mit der Zeit ganz unterbunden, förmlich abgeschnürt, weil das Vorderhirn durch allzurege Beschäftigung mit der Zeit zu groß sich entwickeln mußte im Verhältnis zu dem vernachläßigten Hinterhirn, was dadurch immer mehr empfangsunfähig wurde und geschwächt. Damit erstand in den Jahrtausenden das Erbübel bei grobstofflicher Fortpflanzung; denn schon die Kinder brachten bei Geburt ein im Verhältnis zu dem Hinterhirn viel besser entwickeltes Vorderhirn mit, worin die Gefahr des Erwachens der Erbsünde gegeben wurde, die aus dem dadurch von vornherein bedingten nur auf das Irdische, also von Gott abgewendet gerichtete Denkenmüssen besteht.
Das wird alles ohne weiteres jedem ernstwollenden Menschen begreiflich sein, außerdem habe ich es in vielseitiger Ausführlichkeit in meiner Botschaft schon erklärt.
Alles Übel auf der Erde erstand dadurch, weil der Mensch infolge seines geistigen Ursprunges mit seinem Wollen auf das andere auf Erden Bestehende drücken konnte, während er gerade durch diesen geistigen Ursprung hätte emporhebend wirken können und auch sollen; denn das war und ist seine eigentliche Aufgabe in der Nachschöpfung, in der naturgemäß alles Geistige das
Führende ist. Aber es kann aufwärts führen, was das Na
türliche wäre, ebenso aber auch abwärts, wenn das Wollen des Geistigen vorwiegend nach nur Irdischem strebt, wie es bei den Erdenmenschen der Fall ist.
In dem von mir in meiner Botschaft gegebenen Schöpfungswissen und der damit verbundenen Erklärung aller selbsttätig in der Schöpfung wirkenden Gesetze, die man auch Naturgesetze nennen kann, zeigt sich lückenlos das ganze Schöpfungsweben, das alle Vorgänge klar erkennen läßt, somit den Zweck des ganzen Menschenlebens, auch sein Woher und das Wohin in unantastbarer Folgerichtigkeit entrollt, deshalb auf jede Frage Antwort gibt, so der Mensch ernsthaft darnach sucht.
Hierbei müssen sogar die böswilligsten Gegner Halt machen, da ihre Spitzfindigkeiten nicht hinreichen, in die vollkommene Rundung des Gesagten zerstörend eindringen zu können, um den Menschen auch diese Hilfe zu nehmen.
Ich sagte, daß die Bewegung in der Schöpfung immer langsamer werden muß, je weiter entfernt von dem Urlichte, dem Ausgangspunkte des Druckes, der als Folge die Bewegung bringt, irgend Etwas sich befindet.
So ist es zur Zeit mit der Erde. Ihre Kreise haben sich immer mehr entfernt durch Schuld der Erdenmenschen, die Bewegungen werden damit langsamer, immer träger und vieles ist bereits dadurch schon nahe vor dem Stadium einsetzender Erstarrung.
Auch die Erstarrung hat sehr viele Stufen, sie ist in den Anfängen nicht so leicht zu erkennen. Auch während eines Fortschreitens darin bleibt das Erkennen ausgeschlossen, es sei denn, daß einmal ein Lichtblick zu schärfster Beobachtung anregt.
Es ist schon deshalb schwer, weil alles, was im Kreise der sich immer mehr verlangsamenden Bewegungen lebt, gleichmäßig mit hineingezogen wird in die zunehmende Verdichtung, die zu der Erstarrung führt. Dabei nicht etwa nur der Körper eines Menschen, sondern alles, auch sein Denken. Das geht bis ins Kleinste. Unmerklich auch verändern und verschieben sich alle Begriffe, selbst die für den eigentlichen Sinn der Sprache.
Der Mensch kann es bei seinem Nächsten nicht bemerken, da er selbst in gleichem trägen Schwingen mitgezogen wird, wenn er nicht aus sich selbst heraus mit stärkstem Wollen und mit Zähigkeit sich geistig noch einmal emporzuringen sucht, um so dem Lichte wieder etwas näher zu gelangen, wodurch sein Geist allmählich auch beweglicher und damit leichter, lichter wird und einwirkt auf das irdische Erkennen.
Dann aber wird er schreckerfüllt mit grausigem Entsetzen sehen oder wenigstens empfinden, wie weit auf dieser Erde die Verzerrungen aller Begriffe in Erstarrung schon gediehen sind. Es fehlt die weite Sicht des Eigentlichen, weil alles in enge, unübersehbare Grenzen gepreßt ist, die nicht mehr zu durchdringen sind und in gewisser Zeit alles, was sie umfassen, ganz ersticken müssen.
Ich habe oft schon auf verbogene Begriffe hingewiesen, jetzt aber kommen diese langsam auf dem Wege abwärts zur Erstarrung, in der dauernden Entfernung von dem Licht.
Es ist nicht nötig, Einzelbeispiele zu bringen, man würde solcherlei Erklärungen gar nicht beachten oder sie als lästige Wortklauberei bezeichnen, weil man viel zu starr oder zu träge ist, um eingehend darüber nachdenken zu wollen.
Ich sprach auch schon genügend von der Macht des Wortes, dem Geheimnis, daß sogar das Menschenwort in dem Bereich der Erde auf das Schöpfungswirken eine Zeit aufbauend oder niederreißend wirken kann, weil durch den Laut, den Ton und die Zusammenstellung eines Wortes Schöpfungskräfte in Bewegung kommen, die nicht nach dem Sinn des Sprechers wirken, sondern nach dem Sinn des Wortes in seiner Bedeutung.
Die Bedeutung aber wurde einst gegeben durch die Kräfte, welche das Wort in Bewegung setzt, und die dadurch genau auf den richtigen Sinn abgestimmt sind oder umgekehrt, nicht auf das Wollen des Sprechenden. Sinn und Wort erstanden aus der entsprechenden Kräftebewegung, darum sind sie untrennbar eins!
Das Denken des Menschen bewegt wieder andere Kraft-strömungen, die dem Sinn des Denkens entsprechen. Deshalb sollte sich der Mensch bemühen, die richtigen Worte für den Ausdruck seines Denkens zu wählen, dabei also richtiger und klarer zu empfinden.
Nehmen wir an, ein Mensch wird um irgend etwas befragt, von dem er gehört hat, vielleicht auch einen Teil mit sehen konnte. Befragt, würde er ohne weiteres behaupten, daß er es weiß!
Nach vieler oberflächlicher Menschen Meinung würde diese Antwort richtig sein, und doch ist sie in Wahrheit falsch und verwerflich; denn „wissen“ heißt genaue Auskunft über alles geben können, von Anfang bis zum Ende, jede Einzelheit, ohne Lücke und aus eigenem Erleben. Erst dann kann ein Mensch sprechen, daß er es weiß.
Es liegt eine große Verantwortung in dem Ausdrucke und des damit verbundenen Begriffes „Wissen“!
Ich wies auch schon einmal auf den großen Unterschied zwischen dem „Wissen“ und dem „Erlernten“ hin. Gelehrsamkeit ist noch lange nicht wirkliches Wissen, das nur eigenpersönlich sein kann, während Erlerntes das Annehmen von etwas Außerpersönlichen bleibt.
Etwas Hören und zum Teil vielleicht auch Sehen ist noch lange nicht das Wissen selbst! Er darf nicht behaupten: Ich weiß es, sondern könnte höchstens sagen: Ich habe davon gehört oder gesehen, ist aber, wenn er recht handeln will, der Wahrheit entsprechend verpflichtet zu sagen: Ich weiß es nicht!
Das ist dann in jeder Beziehung richtiger gehandelt, als wenn er von etwas berichtet, wobei er selbst nichts damit zu tun hat, was also auch nicht ein wirkliches Wissen sein kann, während er durch Teilberichte andere Menschen nur verdächtigen oder belasten würde, sie vielleicht sogar unnötig ins Unglück stürzt, ohne die eigentlichen Zusammenhänge zu kennen. Wägt deshalb jedes Wort, welches Ihr nützen wollt, peinlich mit der Empfindung ab.
Wer tiefer denkt, sich nicht mit schon erstarrten Begriffen zufrieden geben will zur Selbstentschuldigung für schwätzerische Wichtigtuerei und übles Wollen, der wird die Ausführungen leicht verstehen und in stiller Prüfung weiter blicken lernen bei allem, was er spricht.
Derartige Begriffsverengungen sind schon unzählige mit ihren verderblichen Folgen unter den Erdenmenschen zur Gewohnheit geworden, gierig aufgegriffen und gefördert von den Sklaven des Verstandes als die willigsten Trabanten luziferischer Einflüsse schwersten Dunkels.
Lernt die Strömungen in dieser Schöpfung aufmerksam beobachten und richtig nützen, die den Gotteswillen in sich tragen, damit Gottgerechtigkeit in reiner Form. Dann werdet Ihr das wahre Menschentum auch wiederfinden, das Euch weggerissen wurde.
Wie vieles Leid würde dadurch vermieden, und wie vielen Übelwollenden unter den Menschen auch die Möglichkeit zu ihrem Tun genommen.
Diesem Übel ist es auch zuzuschieben, daß die Schilderung des Erdenlebens des Gottessohnes Jesus in nicht allen Punkten mit den Tatsachen übereinstimmt, woraus nun mit der Zeit bis heute unter dem Denken der Menschen ein ganz falsches Bild erstand. Ebenso wurden die von ihm gegebenen Worte verbogen, wie es bei allen zur Religion erhobenen Lehren geschah, die den Menschen Erhebung und Vervollkommnung des Geistes bringen sollten.
Und darin ruht auch die große Verwirrung unter allen Menschen, die sich immer weniger gegenseitig wirklich verstehen können, was Unfrieden, Mißtrauen, Verleumdungen, Neid und Haß erwachsen und zum Blühen kommen läßt.
Es sind das alles untrügliche Zeichen der fortschreitenden Erstarrung auf der Erde!
Reißt Euren Geist empor, beginnet weitschauend und umfassend zu denken und zu sprechen! Das bedingt natürlich auch, daß Ihr nicht nur mit dem Verstande arbeitet, welcher der gröbsten Stofflichkeit gehört, sondern auch Eurem Geist die Möglichkeiten wieder gibt, Euren Verstand zu führen, der ihm dienen soll nach der Bestimmung Eures Schöpfers, welcher Euch von Anfang an noch unverbogen auf der Erde hier erstehen ließ.
So vieles steht bereits im ersten Zustand der Erstarrung, bald kann nun Euer ganzes Denken schon davon ergriffen sein und muß in unbiegsamen, eisernen Kanälen laufen, die Euch selber nur noch Unbehagen bringen, Leid um Leid und Euch zuletzt vom Menschentume niederzwingen zu der Stufe einer inhaltlosen, nur dem Dunkel dienenden Maschine, fern von allem Licht. -
Ein Reisebrief aus dem Leserkreise:
Der Turmbau zu Babel -
heute gesehen -
Von Dr. Alfred Fischer.
„Wohlauf, laßt uns eine Stadt und Turm bauen, des Spitze bis an den Himmel reicht, daß wir uns einen Namen machen.“
So lesen wir im Alten Testament über den Turmbau zu Babel. Babylon war die bedeutendste Stadt des Altertums.
Ähnliche Gedanken überkommen den ernsten Betrachter, wenn er die Pariser Weltausstellung durchwandert hat.
„Pas de l'art sans technique et pas de technique sans art“ - steht als Motto in allen Sprachen geschrieben und ein Sinnbild über den Stand der Kultur aller Nationen und ihre Fortschritte sollte diese Weltschau sein.
Statt dessen, was erleben wir - „Keine Kunst ohne Technik“ - Die Technik wird zum vergötzten Herrscher, statt zur Dienerin - Man schneidet den Faden des Geistig-Schöpferischen ab, nur aus dem Materiell-Grobstofflichen heraus soll das lebenspendende Schöpferische auf allen Gebieten des Seins geschaffen werden.
Und der Erfolg: Wir sehen ihn deutlich. Ein gegenseitiges Übertrumpfenwollen mit Zahlen und Leistungen - ein Übertönen mit Größe und Monumentalität, eine Übertretung der Maschine und des Maschinellen. Was könnte alles diese Maschine Gutes leisten, wenn sie im rechten Gebrauche stünde! So wird sie zum sich immer mehr übersteigernden, fauchenden Tyrannen des Menschen.
Und der Mensch selbst. Er irrt hilflos umher in dieser Anhäufung von Erzeugnissen der modernen Zivilisation. Vergebens sucht man nach einer einheitlichen, noch so bescheidenen Grundlage - sowohl im äußeren Aufbau der ganzen Ausstellung, wie in der inneren Durchführung der Hallen und Bauten, als auch in den ausgestellten Gegenständen.
Verwirrend legt sich die Überfülle aller zu bestaunenden Dinge dem Besucher aufs Gemüt. Überfüttert und ermüdet verläßt er das große, warenhausähnliche Getriebe, um irgendwo erschöpft oder resigniert im Fluten der Weltstadt Paris Ersatz oder Erholung zu finden in irgend einer der Erheiterungsmöglichkeiten, die der äußeren Sinnenfreude dienen sollen.
Die Verwirrung ist ersichtlich. Die Zeit nennt es Überfülle der neuen Erscheinungen, sie ist aber nur das Spiegelbild der völlig zerrissenen Situation der Menschen und Nationen auf der Erde insgesamt.
Warum? Weil der Mensch sich gelöst hat aus der dienenden Stellung, als Lehensträger des göttlichen Pfundes auf Erden demütig und freudig in der großen Gesetzmäßigkeit der Schöpfung zu wirken.
Statt dessen glaubte er sich zum autokraten Herrn der Erde machen zu können, die dunklen Kräfte aber, die er rief und nicht mehr meistern kann, werden über ihm zusammenschlagen.
Wir sehen es allenthalben: Alles, was an Erfindungen und Neuerungen geschaffen wird, dient in erster Linie der kriegsmäßigen Hochrüstung. Alle Länder der Erde stellen sich auf Kriegswirtschaft um, um dem Frieden zu dienen.
Kann man die Groteske noch deutlicher machen? Im Osten und Westen schwelen schon richtige Brandherde. Versteht man immer noch nicht die Sturmzeichen der Zeit?
Etwas für
kleine und große Kinder!
Das Herdfeuer.
Von Susanne Schwartzkopff.
Stöhnend fuhr der Wind durch den rußigen Kamin, das spärliche Feuer auf dem Herde flackerte auf, um dann schnell in sich zusammenzusinken.
Hu-u, hu-u! heulte es unaufhörlich Um das Haus und im Kamin. Die Tür ächzte, der Sturm drückte dagegen.
Schwächer und schwächer glimmte das kleine Flämmchen auf dem Herde. Schon zeigte es nur noch einen mattblauen Schimmer, da - ein neuer Windstoß, der die Tür aufriß und gegen die Wand warf, daß das Haus zitterte, ein letztes Aufglühen, dann war kalte Stille auf dem Herde.
Lautes Schluchzen ertönte aus der Kammer nebenan. Noch einmal krachte die Türe gegen die Wand, da wurde die Kammer geöffnet, und verweint, mit wirren Haaren kam Aileen herein. Mit ihrer ganzen Kraft mußte sie sich gegen die aufgerissene Tür stemmen, um sie wieder schließen zu können.
„Was ist das heute für ein Tag?“ fragte sie. „Zürnt uns Allvater?“
Ihr Blick fiel auf den Herd. Mit einem Aufschrei griff sie nach dein ledernen Blasebalg, um das erloschene Feuer anzufachen. Vergebens! Kein Fünkchen zeigte sich mehr.
Verzweifelt ließ Aileen die Hände sinken.
„Auch das Unglück noch! Brian, Brian, das ist die Strafe! Was soll ich tun?" schluchzte sie, auf den nächsten, Stuhl wie von Schwäche übermannt niedersinkend.
„Brian im Zorn von mir gegangen, und nun das Herdfeuer erloschen! Was fange ich an, ich Unglückselige?“
Ratlos sah sie sich um, von heftigem Schluchzen geschüttelt, das vom Heulen des Windes übertönt wurde.
„Moona!“ fiel ihr ein „Ich will zu Moona gehen, sie weiß immer Hilfe.“
Schnell warf sie sich ein Tuch über, wickelte es fest um den Körper und öffnete vorsichtig die Tür in einem Augenblick, da der Wind etwas nachließ.
Heftig schlug die Tür wieder zurück. Aileen befestigte sie, so gut sie konnte und eilte auf die Nachbarhütte zu. Der Sturm erfaßte sie nach wenigen Schritten, er riß an ihren Kleidern, ihrem Haar, jeden Fußbreit Weges mußte sie sich mit aller Kraft erkämpfen.
In der Ferne grollte das Meer, blaugraue Wogen schleuderte es auf die Klippen und auf den steinigen Strand, düsteres Gewölk stand im Westen.
„Brian“, seufzte Aileen bei diesem Anblick.
Der Sturm nahm ihr das Wort vom Munde. Atemlos langte sie vor der Hütte der Nachbarin an. Wieder mußte sie einen Augenblick der Windstille abpassen, ehe sie die Tür öffnen konnte.
Drinnen empfing sie behagliche Wärme. Um das Herdfeuer saß Moona mit ihren Kindern, das Kleinste auf dem Schoß, auf jeder Seite die Buben und Mädchen eng an die Mutter geschmiegt. Gerade schien sie ihnen eine Geschichte erzählt zu haben, denn aller Augen hingen an ihrem Munde, und die kleine Lorna zeigte auf das flackernde Feuer und fragte:
„Siehst Du sie, Mutter? Sie spielen in den Flammen!“
„Moona!“ rief Aileen beim Eintreten in ihrer raschen Art „Moona, hilf mir!“
Moona mochte wohl sehen, daß etwas Ernstes Aileen zu ihr geführt hatte, denn sie schickte die Kinder in die Kammer nebenan und schärfte ihnen ein, sich ruhig zu verhalten, bis sie sie wieder rufen würde.
„Setz Dich, Aileen“, wandte sie sich dann freundlich an die Aufgeregte.
Sie rückte ihr einen Holzschemel nahe ans Feuer und forderte sie noch einmal auf:
„Setz Dich, wärme Dich, Du wirst kalt geworden sein in dem Sturm.“
„Moona“ stöhnte Aileen, indem sie der Aufforderung nachkam, „Moona, ein großes Unglück ist geschehen: mein Herdfeuer ist ausgegangen!“
Betroffen sah Moona die junge Frau an, aus deren Zügen Verzweiflung sprach.
„Du weißt es, was es bedeutet, wenn das Herdfeuer erlischt“, fuhr Aileen fort. „Unglück wird unser Haus treffen, und es ist auch schon da. Brian ist im Zorn von mir gegangen, und wer weiß, ob ich ihn je wiedersehe!“
Wie bestätigend heulte der Sturm auf und rüttelte an allen Türen und Fensterläden. Moona stand auf, versicherte sich, daß alles festgeschlossen war, dann ging sie zu Aileen, legte den Arm um sie und bat:
„Beruhige Dich erst ein wenig und dann erzähle mir alles, Aileen.“
Die mütterliche Wärme, die von Moona ausging, tat Aileen gut. Sie trocknete ihre Tränen und berichtete:
„Wir hatten wieder einmal Streit miteinander, Brian und ich -“
„Hast Du ihn wieder gequält mit Deiner unsinnigen Eifersucht?“ unterbrach Moona.
Beschämt ließ Aileen den Kopf sinken. Zögernd gab sie zu:
„Ja, ich machte ihm Vorwürfe wegen -“
„Wie töricht bist Du doch, Aileen“, sagte Moona ernst. „Du wirst Dir Briands Liebe noch ganz verscherzen mit Deiner grundlosen Eifersucht. Brian liebt Dich, aber wenn Du ihn an Dich binden willst wie einen Hund, der immer hinter Dir herlaufen soll, dann wird er sich eines Tages freimachen, und Du wirst es Dein Leben lang bereuen.“
Aileen nickte.
„Es ist immer wieder stärker als ich“, versuchte sie sich zu rechtfertigen. „Ich liebe ihn eben zu sehr, ich kann nicht ohne ihn sein.“
„Das ist die rechte Liebe nicht, die dem anderen alle Freiheit nimmt“, mahnte Moona.
„Du hast gut reden, Moona“, war Aileens Erwiderung. Ihr seid beide älter und von ruhiger Art, und dann, Du hast Deine Kinder, Du Glückliche.“
„Auch Dir kann dies Glück noch zu Teil werden“, tröstete Moona. „Aber wie kann Allvater ein Kind in Deine Hütte senden, solange kein Frieden darinnen ist?“
Betroffen hörte Alleen zu. So war sie selber schuld an dem Leid, das an ihr nagte und das sich in Hader mit ihrem Manne Luft zu machen suchte?
Von neuem schluchzte sie auf, warf den Kopf auf den Tisch und zerfloß In Tränen.
Moona aber wollte sie nicht ihrem hemmungslosen Schmerz überlassen.
„Und wie kam es mit dem Herdfeuer?“ fragte sie. „Ach ja“, schrak Aileen auf. „Brian war im Zorn fortgegangen, er holte sich das Boot, trotzdem ich bat und flehte. Er ist aufs Meer hinausgefahren. Bald danach erhob sich der Sturm, vor dem ich ihn gewarnt hatte. Aber ohne ein Wort des Abschieds stieß er ab. Und nun ist er schon so lange draußen, wer weiß, ob ich ihn wiedersehe. Gegen diesen Sturm wird er sich nicht halten können!“
Wieder wollte der Jammer sie überwältigen, aber Moona drängte:
„Und dann?“
„Dann bin ich in meine Kammer gegangen und hab nicht mehr an das Feuer gedacht. Ein Windstoß riß die Tür auf, und als ich sie schließen wollte, entdeckte ich das Unglück. Moona, liebe gute Moona, was soll ich tun? Hilf mir, das Unheil abzuwenden, das uns droht!“
Versonnen schaute Moona in das Feuer, das hell zu ihrem Hause brannte, das den Raum wärmte und von dem sie ihren Kindern soeben Geschichten erzählt hatte. Aileen beobachtete sie.
„Liest Du eigentlich Deine Geschichten in dem Feuer Moona?“ fragte sie plötzlich.
Moona blickte auf. Sie sah Aileens Jugend, sie dachte daran, daß sie ohne Mutter aufgewachsen war, und ein großes Mitleid stieg in ihr auf.
„Ja“, antwortete sie. „Ja. Die Flammen raunen mir zu, was ich den Kindern sagen soll. Lauter gute Stimmen höre ich, wenn ich auf sie lausche, und immer sind dann die Kinder willig zu hören und zu lernen. Nie lärmen und zanken sie, wenn ich ihnen Geschichten am Herdfeuer erzähle, und ich erinnere mich, daß es bei meiner Mutter gerade so war. Nichts liebten wir Kinder mehr, als wenn die Abendstunde am Herdfeuer kam, die Tagesarbeit der Mutter beendigt war, wir müde vom Spiel, aber satt und zufrieden auf sie lauschten. Fürs ganze Leben habe ich mich in meiner Kindheit am heimischen Herdfeuer gewärmt, und nun gebe ich es meinen Kindern weiter.“
„Du hast es gut gehabt“, sagte Aileen, „mir hat niemand solche Geschichten erzählt, ich war immer die wilde Aileen“, die über Moor und Heide sprang.“
„Willst Du einmal dabei sein, wenn ich den Kindern erzähle?“ fragte Moona freundlich.
„Ach ja“, war Aileens erfreute Antwort. „Nur zu gerne käme ich. Aber -“das große Unglück, das sie betroffen hatte, fiel ihr wieder ein und erschien ihr nun noch größer als zuvor. „Mein Herd ist kalt und dunkel!“
„Heute können wir ihn nicht wieder anzünden, Aileen“, überlegte Moona. „Der Sturm würde uns den Kienspan auslöschen, wenn wir ihn zu Dir hinübertragen wollten. Weißt Du was, bleibe heute Nacht bei uns, schlafe im Warmen und morgen gebe ich Dir von meinem Feuer. Ist es Dir recht so?“
„Du Gute, ja, aber damit ist das Unheil noch nicht abgewendet. Was soll ich tun, was soll ich tun? Brian, o Brian!“ jammerte sie von neuem.
„Auch dafür weiß ich einen Rat, Aileen. Wir gehen morgen früh zu Brita und fragen sie und erbitten ihre Hilfe.“
„Brita -“ sinnend sah Aileen in die Flammen.
Das Gesicht der greisen Seherin schien ihr aus den Flammen entgegenzusehen. Sie sah streng aus, was würde sie künden? Die Flammen spielten durcheinander, sie zuckten auf und schlugen nieder.
„Allvater, hilf Du mir!“ entrang sich eine inbrünstige Bitte Aileens Lippen.
Wurden nicht Britas Züge milder?
„Ja, wir wollen morgen früh Brita aufsuchen“, entschloß sich die junge Frau.
Moona rief ihre Kinder zum Abendgebet, dann bettete sie dem Gast ein Lager auf einer Bank in der Nähe des wärmenden Herdes, und bald schlief alles in der Hütte den Schlaf des Friedens, obgleich der Sturm noch lange um das Haus tobte.
Am nächsten Morgen schien die Sonne, spiegelglatt glänzte die See, leise nur blähten sich die großen Fischernetze im Winde. In Aileens Herzen lebte die Hoffnung wieder auf.
Sie spähte aufs Meer hinaus, aber kein Segel war zu erblicken.
„Du wartest auch auf Deinen Mann“, sagte sie zu Moona „Wir wollen für sie beide beten, Cullin ist schon länger fort. Ich hatte gehofft, er werde vor dem Sturm zurück sein“, entgegnete Moona..
Als das einfache Morgenmahl beendet war, machtet sich die beiden Frauen auf den Weg. Es war weit bis zu Britas Hütte. Sie lag tief im Walde, und bis dahin mußten sie erst den Streifen Heide- und Moorland durchqueren, der davor lag. Stunden vergingen, bis sie auf die große Lichtung kamen, auf der sich hohe Steine, zum Kreis geordnet, um einen großen Steintisch in der Mitte erhoben.
Am Rande des freien Platzes stand eine kleine Hütte. Die Frauen klopften an und traten ein. Das Auge, das aus der Sonnenhelle in den Raum hineinblickte, mußte sich erst an die Dämmerung drinnen gewöhnen. Dann erkannten sie eine Gestalt am Feuer, deren Augen sich fragend auf die Eintretenden richteten,
„Sei gegrüßt, Brita“, nahm Moona das Wort. „Ich bringe Dir Aileen, die in großer Not ist. Sie möchte Deinen Rat und Deine Hilfe erbitten.“
Britas Augen sahen die junge Frau an. Es war Aileen, als dränge ihr Blick bis in ihr Innerstes, aber tapfer hielt sie ihm stand, ohne die Augen niederzuschlagen.
„Unheil ist mir widerfahren“, begann sie stockend. „Mein Herdfeuer ist gestern erloschen. Nun fürchte ich Unglück für unser Haus, vor allem für meinen Mann, der gestern im Sturm aufs Meer hinausfuhr. Kannst Du mir raten, Du Weise, wie es abzuwehren ist?“
Noch immer schweigend blickten Britas meergraue Augen und lasen in Aileens Seele. Was las sie darin? Aufrichtigen Schmerz, Reue und Sehnsucht nach Hilfe?
Dann öffnete Brita den Mund und sprach:
„Unfrieden im Hause tötet das Feuer im Herde.“
Erschrocken fuhr Aileen zusammen. Deutlich malte sich das Bekenntnis ihrer Schuld auf ihren Zügen. Brita wußte also?
Sie schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte:
„Ja, ich bin schuldig, vergib mir!“
„Nicht mich mußt Du um Vergebung anflehen, Kind“, entgegnete die greise Seherin. „Erflehe Vergebung bei Allvater und dann gehe hin und ändere Dein Leben.“
„Wird dann Unglück fern bleiben? Wird Brian wiederkommen?“ fragte Aileen lebhaft.
„Es steht in des Höchsten Hand“, war der Bescheid.
„Alles will ich tun, wenn Brian zu mir zurückkehrt“, versprach Aileen.
„Hüte das Feuer, es ist heilig, ewig lodert es in Allvaters lichten Höhen, immer soll es auf dem Herde der Menschen brennen und sie mahnen, Allvaters nicht zu vergessen.“
Darf ich mir einen Span an Deinem Feuer entzünden?“ bat Aileen, einer aufsteigenden Regung folgend.
Wenn Du es reinen Herzens nimmst, mit Dank gegen den, der uns das Feuer schenkte, so darfst Du es tun. Hüte es gut!“ gewährte Brita. „Aber nicht heute soll es sein. Kehre wieder am Tage der Reinheit, wenn von überall die Frauen und Mädchen sich nahen, um die Flamme sich zu holen aus dem ewigen Feuer.“
„Dank, Dank“, stammelte Aileen. ,,Ich will es hüten, nie wieder soll es auslöschen in unserem Hause.“
Dann wandten sich die beiden Frauen und gingen Ihres Weges.
Als sie den Wald wieder hinter sich gelassen hatten, spähten Aileens scharfe Augen nach dem Meere. Ungeduld beflügelte ihre Schritte, und sie war es auch, die voller Erregung ausrief:
„Sieh die beiden Segel!“
Wirklich tauchten zwei Fischerboote am Horizont auf sie kamen näher und näher, und während die Frauen eilten, so sehr sie konnten, um die ersten zu sein, legten die Boote ,in dem kleinen Hafen an, in dem sie; den Blicken wieder entzogen waren durch vorspringende Klippen.
„Ob es Brian, ob es Cullin ist?“ fragten die Gedanken der beiden Frauen.
Aileen, die ihre Ungeduld nicht mehr bemeistern konnte, fing an zu laufen. Langsamer folgte die Ältere, bis Aileen sich umdrehte und, mit dem Finger deutend, rief:
„Da sind sie!“
Sie lief auf eine hochgewachsene Gestalt zu und umarmte sie, dann zog sie ihren Mann, Moona noch eine Gruß zuwinkend, in die Hütte hinein.
Lächelnd hatte Moona zugesehen. Auch ihr schlug das Herz leichter, Cullin war heimgekehrt. Ein Dank flog empor zu Allvater.
Aileen aber bat stürmisch ihren Mann um Verzeihung.
„O Brian, kannst Du mir vergeben? Ich weiß, daß ich Unrecht tat, anders soll es nun werden. Wie habe ich um Dich gebangt! Wenn Du nicht zurückgekehrt wärest, ich glaube, ich wäre auch gestorben! Nie wieder sollst Du so von mir gehen, nie wieder will ich Dir Anlaß dazu geben Brian!“
Brians verschlossene Miene hellte sich auf.
„Wo waret Ihr so lange?“ wollte Aileen nun wissen.
„Wir wurden beide vom Sturm verschlagen. An einer geschützten Stelle, in einer kleinen Bucht, konnten wir uns bergen bis heute früh. Allvater sei Dank, der uns beschützte.
Aber jetzt kam der schwerste Teil von Aileens Beichte. Doch sie wußte, daß sie auch hier sich schuldig bekennen mußte, das sollte der Beginn des neuen Lebens sein. Tapfer gestand sie ihre Versäumnis ein, berichtete von Moonas Hilfe und den Besuch bei Brita.
„In sieben Tagen, am Tage der Reinheit, läßt Du mich zu Brita gehen, nicht wahr?“
Und Brian war einverstanden.
Langsam vergingen die sieben Tage für Aileens hochgespannte Erwartungen. Dann kam der ersehnte Morgen. Es fing erst an zu dämmern, als Moona und Aileen sich aufmachten, das Heiligtum im Walde aufzusuchen. Beide trugen eine Bündel Kienspäne in der Hand, die sie am heiligen Feuer entzünden und nach Hause bringen wollten. Rein waren Hütte und Herd, rein ihr Gewand niedergebrannt das Feuer, um neu entzündet zu werden mit der Flamme der Reinheit.
Als der erste Sonnenstrahl die Erde traf, traten von allen Seiten Frauen und Mädchen aus dem Walde auf die Lichtung. In der Mitte des Heiligtums stand Brita, in ein langes, weißes Gewand gehüllt, vor dem Steintisch, auf dem ein Feuer loderte.
Schweigend stellten sich die Frauen innen im Kreise um sie herum, und als der Sonne Strahl den Stein berührte, hob Brita die Hände zum Gebet
„Allvater, höre uns!“ bat sie. „Schenke. uns Deinen Strahl der Reinheit, laß ihn in diese Flamme fahren, daß wir davon mit uns nehmen können und unsere Hütten erleuchten. Hilf uns, rein zu werden und Dir in Reinheit zu dienen!“
Flutete nicht weißes Licht auf Britas hohe Gestalt und hüllte es sie nicht ein? Aller Augen hingen gebannt an ihr, aller Herzen erflehten mit ihr die Flamme der Reinheit.
„Dank sei Dir, Allvater, der Du unsere Bitte erhörst!“ betete Brita noch einmal.
Dann blickte sie die Versammelten an, als sähe sie sie erst jetzt. Eine nach der anderen von den Frauen trat nun an das Feuer heran, entzündete einen der mitgebrachten Späne an der lodernden Flamme und ging dann schweigend ihres Weges.
Still gingen auch Moona und Aileen wieder von dannen, sorgsam den brennenden Span vor jedem Luftzug hütend und einen neuen entzündend wenn der erste herabgebrannt war. Langsam ging diese Rückkehr von statten, aber das Erlebte wuchs in ihnen zum heiligen Gelöbnis, die Flamme der Reinheit zu hüten auf ihrem Herde und nie erlöschen zu lassen.
In den Wäldern Afrikas.
(6. Fortsetzung und Schluß.)
„Viel hat mir Adana nicht davon gesagt“, sprach Buanan nachsinnend. „Es sind herrliche Menschenwesen“, sagte sie. „Sie nannte sie nicht Menschen, auch nicht Leute. Sie müssen also viel höher stehen als wir. Das ist auch zu verstehen. Wer um den Gottessohn sein darf, der muß anders sein als andere Menschen.
Das möchte ich Euch heute ganz besonders sagen, Ihr Lieben.“
Nie hatte Bu-anan sich dieses Ausdrucks bedient. Ihre große Liebe zu dem Volk, in das sie gestellt war, wuchs gerade durch diese Verkündung immer höher. Jeden Einzelnen hätte sie an der Hand nehmen und führen mögen, damit keiner, aber auch kein einziger das Heil versäume.
„Höret, was ich Euch weiter zu künden habe:
Adana sagte mir, daß alle die unter uns, deren Seelen rein sind, deren Augen offen stehen, deren Herzen willig sind - -“ unwillkürlich machte Bu-anan eine Pause und ließ den Blick über die Leute schweifen, liebend, suchend, „daß alle diese den Gottessohn auf Erden schauen dürfen!“
Einen Augenblick herrschte atemlose Stille. Sie waren zu überwältigt von der Kunde! Dann brach ein Jubel los, wie niemand ihn noch gehört. Sie mußten ihre Freude, ihr Entzücken herausschreien!
Die einen dankten Anu in stammelnden Worten, die andern flehten Bu-anan an, ihnen zu sagen, ob sie rein genug seien. Wieder andere konnten ihren Empfindungen noch keine Worte verleihen und schrieen nur in hellstem Entzücken.
Lange Zeit ließ Bu-anan sie gewähren, bebte sie doch selber in seligem Dank, daß ihres Herzens Wünschen Erfüllung finden sollte!
Allmählich legte sich der Sturm. Aber schon tauchten wieder neue Fragen auf, ob der Heilige zu ihnen kommen würde oder ob sie ihn suchen gehen müßten.
„Wenn es Anus Wille wäre, daß wir seinen heiligen Sohn suchen, dann würde er es uns kundgetan haben“, tönte nun Bu-anans ruhige Stimme. „Wir müssen seinen Befehl abwarten.“
Sie machte das Zeichen zum Gebet, und innig flossen die Dankesworte über ihre Lippen für die göttliche Gnade, deren sie alle gewürdigt wurden.
Trotz der hohen Erregung, in der die Seelen noch immer schwangen, schritten die Leute schweigend nach Hause, wie sie es gewohnt waren.
Die weiße Mutter aber lehnte noch lange an ihrer Hütte, blickte zum gestirnten Himmel empor und bewegte viele Gedanken in ihrer Seele. Auch sie konnte es sich nicht vorstellen, wie es geschehen könnte, daß der Sohn Anus zu ihnen käme. Aber sie war keinen Augenblick im Zweifel, daß es richtig war, den Leuten das Suchen nach dem Ewigen auf Erden auszureden.
„Anu, hilf, daß diese Seelen alle der hohen Gnade würdig bleiben. Sie sind voll guten Wollens, sie sind rein!“
Hatten die Tuimah-Leute seither schon in Gedanken an das Kommen des Gottessohnes gelebt, so richtete sich hinfort alles nach der Kunde: Wir werden ihn schauen dürfen!
Eines Morgens hörte Bu-anan, wie Ur-an heftiger sprach als sonst. Was mochte vorgefallen sein?
Sie ging dem Klang der Stimmen -- denn auch andere redeten eifrig --- nach und kam an den Stachelgraben. Da sah sie freilich gleich, was Ur-ans Unwillen erregt hatte. Die Wache der letzten Nacht hatte den Übergang sorgsam hergerichtet, die überhängenden Stachelpflanzen entfernt, sodaß der Weg hell und grell vor aller Augen im Sonnenlicht lag.
Ärgerlich wandte Ur-an sich an Bu-anan: „Da schau, was die unklugen Männer angerichtet! Es ist ein Schade, der in langen Monden nicht gebessert werden kann! Jeder Späher, der vorbeikommt, wird freundlich eingeladen, den Pfad zu betreten und uns aufzusuchen!“
So aufgebracht hatte niemand den sonst so gemessenen Anführer je gesehen.
Bu-anan aber mußte ihm recht geben. Es war wirklich äußerst unklug, was da geschehen war.
„Warum nur habt Ihr das getan?“ fragte sie die Männer, die in ihrer Gegenwart sich nicht mehr zu verteidigen wagten.
„Wir wollten dem Gottessohn den Weg ebnen, wenn er zu uns kommt“, bekannten sie. „Wir sind so fleißig gewesen und hatten der schlimmen Stacheln nicht acht, damit der Weg frei sei.“
Sie wiesen ihre zerstochenen und geröteten Glieder.
„Ihr Törichten!“ rief Bu-anan. „Ihr wißt doch von den U-aus, daß die Stacheln giftig sind! Wir werden gleich für Eure Wunden sorgen müssen.
Ihr meinet, recht gehandelt zu haben, aber vergesset nicht, daß ein Einzelner niemals aus seinen eigenen Gedanken heraus etwas tun darf, was das Ganze betrifft. Ihr hättet Ur-an erst fragen müssen. Gehet zu Ur-ana und lasset Salbe auf Arme und Beine streichen.“
So gut es ging, wurden die Seiten des Weges neu bepflanzt. Ur-an ordnete an, daß die Wachen an diesem Übergang verstärkt würden. Er hatte eine bange Sorge, die ihn Tag und Nacht nicht los ließ: er sah den Ort überfallen und sie alle, groß und klein, in Gefangenschaft geschleppt.
Bu-anan mochte er nichts davon sagen. Sie war so unerschütterlich in ihrem Glauben an Anus Schutz, daß sie sein Sorgen nicht verstand. Oftmals stand er nachts auf und schaute nach den Wachen, die er immer auf der Hut fand, begleitet von den sehr wachsamen U-aus.
Tagsüber wurde der Graben sich selbst überlassen. Niemand fiel es ein, daß auch am Tage Gefahr kommen könnte. -
Wieder war längere Zeit vergangen, ohne daß die frohe Bereitschaft auf das Kommen des Gottessohnes nachgelassen hätte.
Da zog sich Bu-anan eines Tages wieder in ihre Hütte zurück.
Entgegen ihrem sonstigen Brauch erschien aber Buanan auch am folgenden Tage nicht bei den Leuten.
Ur-ana, die voller Besorgnis in die Hütte schaute, sah sie mit tränenüberströmtem Antlitz auf den Knien liegen und zog sich leise wieder zurück. Sie sorgte dafür, daß der Platz um Bu-anans Heim leer blieb, damit größte Stille um sie gebreitet sei.
„Sie muß ganz ernste, schwere Kunde erhalten haben“, sagte Ur-ana besorgt. „So habe ich unsere weiße Mutter noch nie gesehen.“
Da tönte plötzlich aus der großen Hütte, in der die U-aus am Tage schliefen, ohrenzerreißendes Getöse! Die Tiere sprangen gegen den großen Stein, der als Verschluß davor gestellt war, und ließen dazu ihre tiefen Stimmen in verzweifeltem U-au erschallen.
Ur-an sprang vom Boden empor, auf dem er gerade gekniet hatte, um besser arbeiten zu können.
„Die Tiere merken Böses!“ rief er. „Sollten Feinde unsern Graben überschritten haben?“
Da erklangen auch schon Frauenstimmen.
„Kommet, Ihr Männer, der Feind ist da!“
„Auf, zum Graben!“ rief Ur-an und raffte sein Messer vom Boden.
Und nun sahen sie:
Männer stürmten die Siedelung! Männer, die ganz anders aussahen als sie und ihre Nachbarn. Über den breiten Übergang waren sie eingedrungen, packten Frauen und Mädchen und schauten in die niederen Hütten. Es war mehr Neugierde, die sie trieb, als Eroberungsgelüste.
Ur-an aber sah nur die Fremden und stürzte sich mit seinen Leuten auf sie.
Nun setzten sich die Eindringlinge zur Wehr. Aber ehe es zum wirklichen Handgemenge kam, ertönte dreimal der helle, weithin schallende Eulenruf. Die Tuimahs ließen die erhobenen Messer sinken und eilten zu Bu-anans Hütte.
Die Fremden hatten aufgehorcht, waren erstaunt über den Erfolg des Eulenschreies und wollten nachstürzen. Da rief ein Wort ihres Führers sie zurück. Nun drängten sie sich um ihn.
Es war ein großer stattlicher Mann mit hellem Antlitz, über dem Sonne und Unwetter abwechselnd zu zucken schienen. Seine Kleidung war im Gegensatz zu derjenigen der Tuimahs außerordentlich prächtig. Bunte Seide umhüllte die Glieder eng und doch so, daß sie keine Bewegung des elastischen Körpers behinderte. Darüber hing ein besonders schönes Tigerfell.
„Bleibet ruhig hier, bis ich Euch rufen werde!“ bedeutete er seinen Leuten. Es war ein ziemlich großer Trupp anscheinend wohlgeschulter Krieger mit vielen und guten Waffen.
Während sie sich zusammenstellten und ruhig harrten, ging er mit wenigen langen Schritten hinüber, wo die unbewaffneten Tuimahs vor Bu-anans Hütte zusammengedrängt standen und ihren Worten lauschten.
Erschreckt von den Schreien und dem Getümmel war sie aus ihrer Hütte geschlüpft und hatte sofort erkannt, daß das, was ihr am Tage vorher gekündet worden, nun schon eingetreten war: Feinde hatten das Gebiet der Tuimahs betreten.
Nun mußte sie reden, Blut durfte nicht vergossen werden! Als die Leute auf ihren Eulenruf herbeigeeilt waren, sprach sie laut und vernehmlich, obwohl ihre Gestalt vor Erregung schwankte:
„Höret Anus Gebot, Ihr Leute: Wenn Männer Euer Lager betreten, die von einem Großen im Tigerfell geführt werden, so setzet Euch nicht zur Wehr! Es ist Anus Wille, daß Ihr ihnen folgt. Wäre es nicht so, so könnte Er Euch schützen, wie Er es damals tat, als die fremden Späher eingedrungen waren.“
Sie stockte, das Sprechen fiel ihr schwer. Aber auch die Männer konnten nicht aufnehmen, was ihnen da gesagt wurde.
„Wehrlos sollen wir uns den Fremden ergeben?“ „Unsere Hütten sollen wir verlassen?“ „Das kann nimmermehr Anus Wille sein!“
„Seit wann glaubt Ihr mir nicht mehr?“ fragte Buanan weh.
„Wir glauben Dir! Verzeih! Es ist nur so furchtbar schwer!“ Sie riefen es alle wie reuige Kinder.
Mit großen erstaunten Augen schaute der Fremde im Tigerfell. auf diese kräftigen Männer, die sich von der sanften Stimme einer Frau leiten ließen. Eine eigenartige Schönheit nannte die Frau ihr eigen. Wo hatte er nur ähnliches gesehen?
Er starrte die Frau an.
Da bemerkte sie ihn, der unweit von ihr unbeweglich stand. Eine Bewegung ihrer Hand rief ihn an ihre Seite mitten in den Ring ihrer Leute. Er gehorchte und dachte dabei halb unwillig:
„Nun folge ich ihr auch schon! Wenn das nun eine Falle ist?“
„Fremdling!“ redete die Frau ihn an, während sie die Augen zu den seinen emporhob. Was waren das für abgrundtiefe, beseelte Augen!
„Fremdling, ich weiß nicht, warum Du unsere Siedlung betreten. Wenn es Dir darauf ankommt, Beute zu machen, so wisse, daß wir Dir willig geben wollen, was wir besitzen. Wenn Du und Deine Krieger Euch an uns, den Frauen und Mädchen, vergreifen wollt, so wisse, daß Anu es nicht zulassen wird. Wir selber werden keine Hand aufheben; denn er hat geboten, daß kein Tropfen Blutes vergossen werden soll.“
Der Fremde staunte. So hatte noch kein Weib zu ihm gesprochen. So hatten sich noch niemals Männer unterworfen.
Warum war er eigentlich eingedrungen? Er war mit seinen Mannen auf einem Kriegs- und Beutezug gewesen, da hatte der helle Weg durch das Stacheldickicht ihre Aufmerksamkeit erregt und sie hatten ihn betreten. Sollte er nun wieder abziehen? Er, Eb-ra-nit, der Fürst?
Sie hatten ihm ja selbst ein Lösegeld angeboten. Er wäre ein Tor, wenn er es nicht angenommen hätte!
„Sei ruhig, Du Schöne", hatte er sagen wollen, aber irgend etwas in Bu-anans Zügen hinderte ihn ' daran. Er setzte dafür das Wort „Weib".
„Sei ruhig, Weib, wir wollen weder Dir noch den anderen Frauen und Mädchen zu nahe treten.
Aber laß herbei bringen, was Du uns geben willst, wenn wir Euch ruhig hier wohnen lassen. Ich will sehen, was Ihr zu bieten vermögt.“
Er hatte In einer Sprache geredet, die von der der Tuimah nur wenig abwich. Sie konnten ihn alle verstehen. Trotzdem rührte sich keiner, ehe nicht Bu-anan das Zeichen dazu gegeben. Sie wandte sich an Ur-an, der neben sie getreten war.
„Lasse die fertigen Sachen aus den Schmieden bringen, und Du Ur-ana, lasse die Matten und Stoffe, die Gürtel und Festgewänder herbeitragen, die in der Vorratshütte liegen.“
Ur-ana wagte eine Frage:
„Müssen wir auch die Dinge holen, die für den Gottessohn bestimmt sind?“
Mit abgewandtem Antlitz bejahte Bu-anan. Es fiel ihr so schwer, und doch mußte es sein. Sie fühlte es genau.
Da brach es aus einem der Männer hervor:
„Es ist gleich, ob wir alles verlieren, wenn wir nur bleiben können, damit der Gottessohn uns findet, wenn er kommt!“
Das Wort half allen, das Schwere zu tun. Unermüdlich schleppten sie herbei, was sie an Kostbarkeiten hatten.
Als das letzte Stück vor dem Fremden lag, der mit erstaunten Blicken die Erzeugnisse einer Kunstfertigkeit musterte, die weit über das Können seiner Leute hinausging, erscholl plötzlich neues, fürchterliches Schreckensgeschrei:
„Es brennt! Feuer, Feuer!“
Es war wirklich so. Unbeachtet mußte eine der Hütten Feuer gefangen haben. Der Wind trug die spielende Flamme von einer zur anderen. Ehe man an Retten denken konnte, brannten mehr als die Hälfte aller Behausungen.
Da gab es nichts anderes, als so eilig wie möglich über den Übergang in den Wald zu flüchten.
„Höre, Bu-anan“, redete der Fremde sie an, „ich wollte Euch nicht mit mir nehmen, sondern mich mit Euren Kostbarkeiten begnügen. Jetzt aber ist Eure Siedelung verbrannt und Ihr habt kein Heim mehr. Ich schlage Euch vor: kommt mit mir! Ihr sollt dort so leben können, wie Ihr es gewöhnt seid, nur müßt Ihr um Euren Unterhalt arbeiten und Schmuck und Stoffe für unsere Frauen machen. Seid Ihr es zufrieden?“
Ur-an sprang vor.
„Lieber kein Heim über dem Kopf und freit“ rief er, und man merkte, daß die Männer seiner Meinung waren. Auch die fremden Krieger verstanden sein Empfinden.
Bu-anan aber hob die Hand.
„Habt Ihr vergessen, was Anu uns sagen ließ?“ fragte sie. „Wenn der mit dem Tigerfell kommen wird, so folget ihm! Anu selber hat bestimmt, daß wir mit diesem ziehen. Darum ließ er unsere Hütten in Rauch aufgehen, weil sogar ich sein Gebot vergessen hatte und dem Fremden unsere Freiheit abhandeln wollte.
Wir werden später Anus Vergebung erflehen. Jetzt aber sage ich:
„Anu, Gott, wir sind bereit, Deinen Willen zu tun als Deine Diener! Verleihe Du uns die Kraft dazu. Wir selber haben sie nicht!“
Wie gewöhnlich beim Beten hatte Bu-anan die Arme waagerecht ausgestreckt. Es sah unbeschreiblich schön aus, und die fremden Krieger, vor allem aber ihr Anführer, schauten ergriffen auf diese Menschen, die ihnen wie Wesen aus einer anderen Welt erschienen.
Fast ehrerbietig trat der Tiger-Mann auf Bu-anan zu und fragte sie:
„Seid Ihr bereit? So wollen wir gehen.“
Ohne Fährlichkeit langten sie in Eb-ra-nits Stadt an. Man führte die Wegmüden auf einen freien Platz, wo sie sich niederlassen durften.
Nun waren die Tuimahs ganz auf sich selber angewiesen. Mit Eifer machten sie sich an den Bau der Hätten. Jeder Mann errichtete die Seine ungefähr auf den gleichen Platz, an dem sie daheim gestanden.
An der Hütte Bu-anans bauten alle. Sie wollten sie größer und schöner machen als früher, aber das litt die weiße Mutter nicht. Ur-an redete ihr zu, sie müsse zeigen, wer sie sei. Sie dürfe nicht hinter dem Fürsten zurück stehen.
Aber es fehlte noch viel, ehe es wieder so wurde, wie es gewesen. Die Leute hatten ja bei dem Brande alles verloren, und da war niemand, der ihnen auch nur eine Schüssel gegeben hätte. Sie hatten kein Korn, um Brot zu backen, keine einzige Frucht nannten sie ihr eigen.
Nachdem Bu-anan dies alles vor Anu geklagt hatte, wurde sie zuversichtlich. Sie mußten sich selbst helfen, das war der Wille des Herrschers aller Welten.
Der Fürst war weggeritten, wenn er zurückkehren werde, würde sich dies alles regeln. Inzwischen mußte man sparsam leben.
Lange Zeit war auf diese Weise verstrichen. Sie hatten es kaum gemerkt. Ur-an war einmal am Palast Eb-ranits gewesen, hatte aber nur erfahren, daß Eb-ra-nit und seine Krieger noch immer abwesend seien. So lange waren sie noch niemals ausgeblieben.
Und dann war er plötzlich zurückgekehrt! Man konnte es an der Aufregung bemerken, die die Stadt durcheilte. Freudig erregt quirlte alles durcheinander. Geschrei erhob sich hier und dort, aber es war kein Jammerrufen.
Nun würde der Fürst bald kommen.
Bu-anan wartete von Tag zu Tag. Der Fürst kam nicht. Adana aber kam und verhieß, die Tuimahs sollten standhaft sein. Bald werde die Zeit ihrer Prüfungen vorüber sein. Bald würden sie den Gottessohn schauen dürfen!
Das berichtete Bu-anan ihren Leuten gleich am nächsten Abend. Sie vergaßen, daß sie hungrig waren, daß sie viel entbehrten. Die Kunde, daß das Schauen des heiligen Gottessohnes ganz nahe sei, überwältigte sie. Immer wieder brachen sie in Jubel aus.
Da fragte in eine der Atempausen hinein die hellklingende Stimme Eb-ra-nits:
„Welches Siegesfest wird hier bei Feuerschein gefeiert?“
„Wir freuen uns, Fürst!“ erwiderte Bu-anan, noch ganz versponnen in alles, was sie hatte weitergeben dürfen.
„Darf ich mich zu Euch setzen? Wollt Ihr mich an Eurer Freude teilnehmen lassen?“ erkundigte sich Eb-ranit.
Sie machten ihm bereitwillig Platz. Er schaute sich um.
„Wann soll das Festmahl beginnen?“ fragte er, erstaunt, keinerlei Zurüstungen zu sehen. Um ihnen sein Vertrauen zu zeigen, fügte er freundlich hinzu:
„Ich freue mich darauf, ich habe Hunger.“
„Wenn Du Hunger hast, Fürst, so wirst Du vorlieb nehmen mit dem, was wir Dir bieten können. Es ist zwar einfach, aber wir geben es gern“, erwiderte Bu-anan.
Sie hatte sich erhoben. Mit Ur-anas Hilfe brachte sie auf großen Blättern hübsch geordnet allerhand Früchte, dazu eine der brotartigen. Das war alles.
Er nahm davon, um sie nicht zu kränken, aber er wunderte sich. Hatten sie ihm wirklich nichts anderes zu bieten? Es mochte ja sein, daß sie alles selber verzehrt hatten. Oder wollten sie ihm nichts geben?
Bu-anan sah die Gedanken, die ihn bewegten. Fast hätte sie gesagt: „Wir haben nichts Besseres, und das, was Du da zu Dir nimmst, ist überhaupt fast das Letzte, das wir haben.“ Aber sie mußte auf seine Frage warten. Bitten durften sie nur bei Anu.
Seine Gedanken aber wanderten bereits weiter. Ein Freudenfest sollte ja hier gefeiert werden.
„Wollt Ihr mir sagen, warum Ihr Euch so freut, daß es weithin schallt? Die Freude muß sehr groß sein“
Alles, was er sprach, war trotz der leichten Art, mit der es gesagt wurde, von soviel Güte durchströmt, daß es schier unbegreiflich schien, daß er nicht sah, wie der Stamm Not litt.
Bu-anan war überzeugt, Anu wolle sie dadurch erziehen.
„Jetzt werden seine gütigen Gedanken ebenso festgehalten, wie damals im Walde die U-aus“, dachte sie, und es machte sie ruhig.
Fröhlich gab sie auf seine Frage Antwort:
„Freilich ist die Freude so groß, daß unsere Herzen zu eng dazu sind. Denke nur, Herr, uns wurde verheißen, daß wir nun bald Anus heiligen Sohn werden schauen dürfen!“
Nachdenklich blickte der Fürst ins Feuer.
„Magst Du mir künden, wer Anu ist, Bu-anan?“ fragte er. „Nicht Neugierde treibt mich zu dieser. Bitte“, setzte er hinzu, als er merkte, daß die Blicke vieler der Leute abweisend auf ihn gerichtet waren, als habe er sich unterfangen, mit unreinen Händen ein Heiligtum zu berühren.
„Anu ist der Höchste, der Erschaffer und Beherrscher aller Himmel und aller Erden. Er ist Dein und mein Herr, Eb-ra-nitl“
Feierlich hatte Bu-anan es gesagt, unwillkürlich war sie dabei aufgestanden. Ebenso unwillkürlich erhob sich auch Eb-ra-nit.
Wie die Beiden da am Feuer inmitten der kauernden Menschen standen, fiel den meisten eine seltsame Ähnlichkeit der Gestalten und der Züge auf. Etwas Lichtes, Strahlendes ging von beiden aus, eine innere Ruhe atmeten ihre Bewegungen, wenn auch die des Fürsten noch äußerlich hastig waren.
„Eb-ra-nit, kennst Du Gott?“ klang leise die Frage von den Lippen der Frau. Und ebenso leise antwortete der Mann:
„Ich kannte Gott von Urzeiten her, aber das Wissen schlummerte in mir, bis der lichte Fürst, von dem ich jetzt komme, es wieder erweckte. Nun kenne ich Gott! Wenn ihr ihn Anu nennt, so beten wir zu dem gleichen Herrscher.“
„Weißt Du, daß Gottes Sohn, der Heilige, gesendet wurde, um eine Spanne Zeit unter uns Menschen zu leben?“
Dringend fragte es Bu-anan. Der Fürst schüttelte das Haupt.
„Nein, das weiß ich nicht, und auch der lichte Fürst schien es nicht zu wissen, sonst hätte er es mir gesagt.“
„Es ist aber Wahrheit“, versicherte Bu-anan. „Anu selber ließ es mir künden durch seine lichte Botin.“
„So kannst Du die Lichten schauen, Bu-anan?“ Erregt fragte es der Fürst. „Wie gesegnet bist Du, Du Frau!“
„Ich darf sie schauen und mit ihnen sprechen, sobald Anu uns seinen Willen kund tun oder Rat erteilen läßt. Wir sind glücklich; denn wir stehen in Anus Führung.“
Sie hatten sich wieder gesetzt und sprachen noch weiter über göttliche Dinge. Vor allem wollte Eb-ra-nit wissen, was ihnen über den Gottessohn gekündet war.
Große Bewunderung erfüllte ihn für diese einfachen Menschen, die so ganz im Wissen des Ewigen lebten. Er mußte öfter mit Bu-anan und Ur-an reden, vielleicht würde es auch seiner Gattin gut tun, diese glaubenserfüllten Menschen kennen zu lernen. Fürstin Brana hatte seit dem Verlust ihrer blühenden Söhne alle Freude am Leben und alle Zuversicht verloren.
Plötzlich wandte er sich, mit der ihm eigenen raschen Art auf etwas anderes übergehend, an Bu-anan:
„Habt Ihr einen Trunk für mich? Mich dürstet.“ Ur-ana erhob sich und brachte in einem unscheinbaren Gefäß kaltes, klares Wasser herbei. Mit Anmut reichte
sie es, als gäbe sie etwas Köstliches.
Er trank einen Schluck, dann sagte er lachend: „Milch wäre mir lieber gewesen!“
Es war doch sonderbar, diese Leute hielten ihn knapp! Wollten sie ihm damit etwas zeigen, oder dachten sie sich gar nichts dabei?
Über Bu-anans Antlitz war glühende Röte gehuscht. Mit zitternder Stimme sagte sie:
„Herr, wir können Dir nichts anderes bieten. Wir sind arm. Wir haben keine Milch, seit damals unsere Ziegen verbrannten.“
Er sprang auf
„Bringt man Euch denn keine Milch? Ihr habt doch Kinder und pflegebedürftige Weiber unter Euch. Warum habt Ihr es nicht von den Boten verlangt,. wenn sie Euch die übrigen Nahrungsmittel brachten?“
Bu-anan wußte nicht, was sie sagen sollte. Mit großen Schritten ging Eb-ra-nit vor dem Feuer auf und nieder. Große Erregung hatte ihn gepackt.
„Rede doch, Bu-anan“, ermunterte er die Schweigende. „Warum fordert Ihr nicht, was Euch zusteht?“
„Wir wußten nicht, daß wir das durften“, lautete die unsichere Antwort.
Der Fürst schaute auf. Er sah in zwei tränengefüllte Augen.
„Bu-anan“, rief er, „Frau, so sage doch, was brachte man Euch täglich an Speisen und an Trank?“
„Herr, - nichts!“
„Nichts!“ rief Eb-ra-nit erschüttert. „Nichts! In der ganzen langen Zeit, seit Ihr hier seid, nichts?“
Stürmischer wurden seine Schritte, man konnte sein Atmen hören,
„Wie habt Ihr Euch ernährt?“ forschte er weiter.
Ruhig geworden berichtete Bu-anan, wie sie sich beholfen hatten.
„Während ich Tage größter irdischer Seligkeit durchlebte, darbte das Volk, das vertrauensvoll mit mir gezogen!“ stöhnte der Fürst. „Nicht einmal Brot hatten die Armen!
Habt Ihr sonst noch Wünsche, die ich erfüllen kann?“
„Wir hätten gern etwas Wolle, damit wir wieder ein weißes Gewand machen können.“
„Die sollt Ihr gleich morgen erhalten“, versicherte der Fürst.
Mit Spannung, mit immer wachsender Freude waren die Anwesenden der Unterhaltung gefolgt. Sie meinten, nicht recht zu hören: genug zu essen sollten sie wieder haben! Sie sollten sich satt essen dürfen!
Mit leuchtenden Blicken schauten sie einander an und nickten sich verstohlen zu. Als nun aber auch noch die Wolle verheißen wurde, da brach der Jubel schrankenlos aus.
„Das Gewand für den Gottessohn! Wir dürfen es wieder anfertigen! Wir dürfen es ihm geben, wenn er kommt!“
Auf des Fürsten Frage erklärte Bu-anan, daß sie so traurig gewesen seien, daß sie mit leeren Händen dem heiligen Sohn Gottes gegenüber treten sollten, der doch ihnen, den Menschen, alles geopfert.
Mühsam verbarg Eb-ra-nit die aufsteigende Rührung. Was waren das für reine Menschen! Den grimmigen Hunger rechneten sie nicht im Vergleich mit der Gabe für den Gottessohn!
Noch lange saß er bei ihnen am Feuer.
Als er schied, bat einer der Männer zutraulich: „Komme auch einmal wieder an unser Feuer. Bu-anan erzählt so schön.“
Auch das versprach er gern.
Der Fürst hielt Wort. Öfter fand er sich abends am Feuer ein und lauschte der Verkündung des Gottessohnes.
Manchmal auch sprach er zu den Leuten von Gott, so wie es ihm von dem lichten Fürsten geschildert worden. Auch von diesem Fürsten selbst erzählte er.
Dazwischen war er immer wieder lange Zeit abwesend. Dann freuten sich die Tuimahs auf seine Rückkehr genau so, wie sein eigenes Volk.
Meist war er bei dem, den er den lichten Fürsten nannte. Er mußte wirklich ein ganz lichtes Wesen sein; denn Eb-ra-nit kam immer strahlender, immer gütiger und verstehender von ihm zurück. Bu-anan konnte jedes Mal einen großen Unterschied gegen früher empfinden.
Diesmal war er besonders lange fern, und es war noch nichts von seiner Rückkehr verlautet.
Endlich traf einer der Boten in großer Eile ein: der Fürst werde zurückkehren, mit ihm aber werde der lichte Fürst der Is-Ra, Fürst Abd-ru-shin, einreiten, um das Kind Eb-ra-nits zu segnen! Es sollte alles zu seinem Empfang bereitet werden.
Bu-anan freute sich, daß nun der kommen würde, der Eb-ra-nit so teuer war, dem er seinen Glauben an Gott verdankte.
Durch den Fürsten war auch schon viel Segen auf die Tuimahs geflossen. Eb-ra-nit hatte weiter gegeben, was er empfangen, Bu-anan prägte es um, sodaß auch die einfachen Leute es aufnehmen konnten.
Wenn sie Abd-ru-shin doch danken könnte! Ein klein wenig stellte sie sich sein Kommen so vor wie das des Gottessohnes. Warum nur schlug ihr Herz so stark, so unsinnig? Freute sie sich so sehr auf diesen lichten Fürsten?
Ihr Gang wurde schwebend. Es hielt sie nirgends lange. Überall sah sie nach dem Rechten, überall sollte es aufs Schönste und Beste bereitet werden. Sie übertrug ihre Erwartung auf die anderen, die nun gleichfalls eine große Freude in sich aufblühen fühlten.
„Anu, Gott“, betete Bu-anan eines Abends, „noch ist es nicht Dein heiliger Sohn, der da kommen will. Aber irgend einer Deiner lichten Diener ist es sicherlich. Nicht wahr, es ist nicht unrecht, daß wir auch diesen so voll tiefer Freude erwarten?“
Wenige Tage danach kündete der gewohnte quirlende unruhige Lärm in der Stadt, daß der Fürst eingetroffen war und mit ihm der Gast.
„Ziehet Festgewänder an!“ befahl Bu-anan, die wie von innen heraus leuchtete. „Abd-ru-shin ist gekommen, er, der Anu nahe steht. Ich fühle, daß wir Gewaltiges erleben werden.“
Eine große Stille senkte sich über die Siedelung der Tuimahs: die erwartungsvolle Freude machte sie stumm.
„Kommt der Gottessohn?“ fragte ein altes Weibchen, das nicht verstanden hatte, wer erwartet wurde. Und Buanan antwortete, ohne sich zu besinnen:
„Anu möge es geben!“
Warum nur glitten ihr Fürst Abd-ru-shin, der Lichte, und der heilige Gottessohn unaufhörlich ineinander? Warum nur bat und flehte ihre Seele ohne Ende:
„Laß ihn uns schauen, Anu! Schenke uns diese große Gnade!“ -
Es war zwei Tage später, da nahte sich der Siedelung ein kleiner Zug Männer. Voran schritt die wohlbekannte, kraftvolle Gestalt Eb-ra-nits, strahlend in hohem Glück, und neben ihm ....
Da schritt einer, den Bu-anan im Schlafen und Wachen geschaut hatte, dessen Bild in ihrer Seele geschlummert, um zu Zeiten emporzutauchen, einer, der ihr Herr und König war!
Licht war seine schlanke, feine Gestalt, schmal das männliche Antlitz, aus dem die Augen wie Sonnen strahlten.
Daß noch andere, ebenfalls sehr helle Männer hinter ihm schritten, das konnte niemand beachten, der das Strahlen dieses Augenpaares gesehen hatte.
Bu-anan stand wie angewurzelt, die Arme betend vorgestreckt. Sie ahnte nicht, wie unirdisch, wie holdselig sie aussah in der Verklärung hoher Freude. Ihre Augen, ebenfalls strahlend, sogen sich an der immer näher kommenden Erscheinung fest.
Nun standen die Fürsten vor ihr. Gerade wollte Ebra-nit Fürst Abd-ru-shin ihren Namen nennen, da brach es von Bu-anans Lippen:
„Du heiliger Gottessohn, Du kommst zu uns! Mein Herr und König, dem ich diene mit meinem ganzen Sein, ich darf Dich schauen?
Anu, die armen, unwissenden Tuimahs danken Dir von tiefster Seele für Deine unaussprechliche Gnade!“
„Bu-anan“, sagte Abd-ru-shins milde, klangvolle Stimme, „so kennst Du mich?“
Ehe Bu-anan antworten konnte, fühlte sie sich am Kleid gezupft. Ur-ana stand hinter ihr und flüsterte erregt:
„Der Gottessohn? Wirklich der Gottessohn?“
Da wendete Bu-anan sich zu ihrem herbeiströmenden Volk und rief:
„Anu hat unser Sehnen erhört! Der Gottessohn, der Heilige, ewige Sohn Anus ist bei uns eingekehrt!“
Sie konnte nicht weiter sprechen, die Stimme brach ihr in tiefer Ergriffenheit.
Wie oft hatten die Tuimahs es sich ausgemalt, wie es sein würde, wenn der Gottessohn zu ihnen kommen würde. Wie hatten sie sich überlegt, was sie tun und sagen wollten! Nun das Langersehnte und doch Unfaßbare zur Wirklichkeit geworden war, nun wußten sie nur noch das Eine:
Der da vor ihnen stand, war Anus Sohn! Heilig war er, heilig mußten sie sein.
Mit glühenden Augen, mit bebenden Lippen nahten sie sich, sie umdrängten ihn, fielen auf die Knie vor ihm und streckten die Hände im Gebet, aber kein Laut störte die Heiligkeit dieser Augenblicke.
Tief bewegt schaute der Gottessohn, den bisher noch kein Volk als solchen erkannt hatte, auf diese kleine Schar Anbetender. Er hob die Hände und segnete sie. Sie fühlten den Segen und hatten nur ein einziges Wort:
„Dankt"
Nun begann Abd-ru-shin zu sprechen:
„Stehet auf, Ihr Leute, die Ihr mich erkannt habt! Ihr müßt treue Diener meines Vaters, Eures Gottes, sein, daß Euch solches widerfahren durfte. Wer hat Euch mein Kommen gekündet?“
Und der Gottessohn, der Langerwartete, nahm auf einem Fellhaufen Platz, den Ur-an rasch geschichtet hatte mit den schönsten Stücken, die sie besaßen. Bu-anan mußte sich gleichfalls setzen und erzählen. Sie sprach von Adana. Abd-ru-shin schaute sie fragend an, und sie verstand die Frage.
„Anu erlaubt manchmal, daß Adana mir Botschaft bringt, Gottessohn. Ich kenne sie von früher.“
„Nenne mich Abd-ru-shin, wie diese tun“, sagte der Fürst und wies auf die in der Ferne stehenden Begleiter. „Es ist noch nicht Zeit, daß die Menschheit erfahre, wer ich bin. Helfet mir, das heilige Geheimnis hüten! Wollt Ihr das tun, Ihr Leute?“
Sie versprachen es durch Nicken und durch ein kurzes: „Ja, sicherlich.“
Stolz waren sie, daß sie ein göttliches Geheimnis hüten durften! -
Eb-ra-nit forderte danach den lichten Fürsten auf, die Schmieden anzuschauen.
„Dürfen wir mitgehen?“ fragten die Leute.
Sie geizten mit jedem Augenblick, in dem sie den Gottessohn noch sehen durften. Er nickte freundlich Gewährung, und gesittet, wie vornehme Menschen, schritten sie paarweise hinter ihm her.
Er merkte, daß sie die Frauen vorangehen ließen, und es freute ihn.
Als er die nicht tiefen unterirdischen Gänge betrat, war er anzusehen wie eine Lichtflamme. Staunend schauten alle auf ihn. Er aber bat, daß die Schmiede mit ihren Erzeugnissen herauskommen möchten an das Licht des Tages. Zu eng war es ihm in der eingeschlossenen Luft.
Ur-an rief einen Befehl hinein. Da kamen sie gehorsam ins Freie. Ihre Augen weiteten sich. Sie ließen fallen, was sie in Händen trugen, um die Hände betend auszustrecken.
„Der Gottessohn! Der heilige Gottessohn!“ brach es aus ihnen heraus.
Unendlich war ihr Jubel. Wohl klangen die nie gebrauchten Stimmen unschön, aber niemand hörte darauf. Alle sahen und hörten das Wunder, das sich begeben: die Schwarzen konnten sprechen, gelöst waren ihre gebundenen Zungen!
Bu-anan trat vor und kündete:
„Adana hat verheißen, daß der Gottessohn die Schwarzen lösen werde von ihren Banden. Wir verstanden es nicht. Sehet, jetzt ist es wahr geworden!“
Freundlich sprach Fürst Abd-ru-shin mit den Schmieden, die stockend Antwort gaben. Er lobte ihre Kunstfertigkeit und nahm einige der schönsten Stücke von ihnen an, nachdem Ur-an gesagt, daß die Schwarzen gerade diese schon lange für den erwarteten Gottessohn angefertigt hatten.
Beim Gehen versprach der Fürst, daß er am folgenden Tage wiederkehren werde. Dann sollten ihm die Tuimah erzählen, woher sie gekommen.
Bis weit gegen die Stadt hin gaben sie ihm das Geleit. Danach gingen sie ohne weitere Verabredung auf den freien Platz und baten Bu-anan, mit ihnen zu beten.
Daß man etwas anderes tun könne, nachdem der Gottessohn da gewesen, schien ihnen undenkbar.
„Nun sind wir am Ziel all unseres Sehnens angelangt, Ihr Leute“, sagte die weiße Mutter mit strahlendem Lächeln. „Saget selbst: ist dieser Augenblick nicht allen Strebens wert, das wir aufgewendet haben?“
„Er ist viel mehr wert“, versicherten die meisten. „Er ist es wert, daß wir bis an unser Lebensende keinen Gedanken mehr haben, der nicht auf Anus Wegen geht!“
Lange, lange blieben sie beisammen, und Bu-anan fand Worte, das Empfinden aller im Dank aufwärts schwingen zu lassen.
Danach bereiteten sie ihre Gaben für den nächsten Tag. Den feinen weißen Stoff holten sie, schöne Metallschalen und Geräte, aber auch einfache aus Erde gedrehte und kunstvoll verzierte Schalen und Krüge, die die Frauen gefertigt.
„Dürfen wir wohl auch den schönen Stein geben?“ fragte Ur-ana.
Bu-anan bejahte, und nun brachten sie den grünen Stein herbei, den sie eigentlich ihrem Prinzeßchen bestimmt hatten.
„Für unser Fürstenkind können wir etwas anderes machen, das bleibt ja hier“, versicherten sie einander. In liebevoller Güte nahm Fürst Abd-ru-shin die Gaben entgegen, die ihm höchste Verehrung und kindlicher Glaube boten.
Auch am übernächsten Tag kam er nochmals, setzte sich zu ihnen und sprach mit ihnen, die ganz zutraulich geworden waren.
„Fürst Abd-ru-shin“, sagte einer der jüngeren Männer,
„wie gut haben es die, die Dir dienen dürfen! Kannst Du uns nicht auch gebrauchen in Deinem Lande?“
Der Fürst lächelte. Wenn er das tat, sah es immer aus, als strahle Sonne über alle.
„Gefällt es Euch nicht bei Eb-ra-nit?“ fragte er mit einem schelmischen Blick auf den Fürsten.
„Wir haben es gut, seit er bei Dir. war“, versicherte ein anderer der Männer. „Vorher dachte er mehr an sich als an uns. Jetzt ist es umgekehrt. Er ist ein guter Fürst.“
„So meine ich, Ihr solltet bei ihm bleiben. Ich weiß Euch einen besseren Vorschlag. Wollet Ihr meine Diener sein, wenn ich wieder auf die Erde kommen werde? Ich werde dann viele treue Diener brauchen; denn dann komme ich zum Gericht!“
„Ja, das wollen wir!“ versicherten alle in feierlichem Ernst. „Rufe uns, und wir kommen, Dir zu dienen mit aller Treue!“
„Ich werde Euch rufen, wenn es an der Zeit ist. Vergeßt Euer Versprechen nicht, Ihr Tuimah-Leute!“
Danach schied der heilige Gottessohn von ihnen, und ihre Augen haben ihn nicht wieder gesehen, nur mit den sehnenden suchenden Seelen konnten sie ihn finden. -
Nun warten sie, daß er sie ruft, wie er es verheißen hat!
Fragen-Beantwortung
durch Abd-ru-shin
Frage: Weiß Abd-ru-shin nichts von den unerhörten Bemühungen einiger gewesener Jünger, die gegen ihn gerichtet sind und womit so viele Anhänger mit üblen Absichten belästigt werden? Will er dagegen nichts unternehmen?
Antwort: Ich unternehme nichts, weil Gott allein einem Jedem im rechten Augenblicke Antwort geben wird! Dies sind keine leeren Worte, sondern es ist Gewißheit.
Außerdem bezeugen diese Menschen durch die Art ihres Handelns die Wahrheit der Worte meiner Botschaft und zeigen jedem wachen Geiste deutlich, welchen Weg sie wandeln.
Öffnet Auge und Ohr, damit Tropfen des Lichtes guten Boden finden:
Seht Euch die Menschen an! Könnt Ihr denn Göttliches in ihnen finden? Die törichte Behauptung müßte man als Gotteslästerung bezeichnen, da sie Herabzerrung des Göttlichen bedeutet.
Der Mensch trägt nicht ein Stäubchen Göttliches in sich!
* * *
Lebendig muß der Glaube sein, wie Christus einst schon forderte, sonst hat er keinen Zweck. Lebendigkeit aber bedeutet das Sichregen, Abwägen und auch Prüfen! Nicht stumpfes Hinnehmen fremder Gedanken. Blindglauben heißt doch deutlich Nichtverstehen. Was der Mensch aber nicht versteht, kann ihm auch geistig keinen Nutzen bringen, denn im Nichtverstehen kann es nicht in ihm zum Leben kommen.
* * *
Sehend will der Schöpfer seine Menschen in der Schöpfung haben. Sehend sein aber heißt wissend! Und zu dem Wissen paßt kein blinder Glaube. Trägheit, Denkfaulheit liegt nur in einem solchen, keine Größe!
* * *
Der Mensch sollte sich abgewöhnen, ihm unsichtbare Dinge auch als unbegreifbar, unnatürlich anzusehen. Alles ist natürlich, sogar das sogenannte Jenseits und das von diesem noch sehr weit entfernte Paradies.
* * *
Es gibt keine geistige Vererbung! Kein Mensch ist in der Lage, von seinem lebendigen Geiste auch nur ein Stäubchen abzugeben!
In diesem Punkte wurde ein Irrtum großgezogen, der seine hemmenden und verwirrenden Schatten über vieles wirft. Kein Kind kann seinen Eltern für irgendeine geistige Fähigkeit danken, ebensowenig aber für Mängel einen Vorwurf machen! Das wäre falsch und eine strafwürdige Ungerechtigkeit!
Der Mensch bedenke, starke Scham allein verhindert die Gelegenheit zum Sturze. Ihm ist damit die stärkste Wehr gegeben.
Je größer die Scham ist, desto edler ist der Trieb, und desto höher steht geistig der Mensch. Es ist dies der beste Maßstab seines inneren geistigen Wertes! Dieser Maßstab ist untrüglich und jedem Menschen leicht erkennbar. Mit Erdrosselung oder Wegräumung des äußeren Schamgefühles werden auch gleichzeitig stets die feineren und wertvollsten seelischen Eigenschaften erstickt und damit der innere Mensch wertlos gemacht.
* * *
In Eurem Innern steht ein Altar, der zur Verehrung Eures Gottes dienen soll. Dieser Altar ist Euere Empfindungsfähigkeit. Ist diese rein, hat sie unmittelbare Verbindung mit dem Geistigen und dadurch mit dem Paradiese! Dann gibt es Augenblicke, in dem auch Ihr die Nähe Eures Gottes voll empfinden könnt, wie es im tiefsten Schmerz und höchster Freude oft geschieht!
Abd-ru-shin.
Mitteilungen an die Leser.
Wegen der zur Zeit erschwerten Absatzmöglichkeit wird das Erscheinen des nächsten Heftes bis 1. Juli 1938 hinausgeschoben.
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Wie uns mitgeteilt wird, verzögert sich die Fertigstellung des Buches „Schöpfungsweben in Wort und Bild" um einige Monate, da auf diese Ausführung eine ganz besondere Sorgfalt verwendet werden muß. Voraussichtlich können wir es im April 1938 zum Versand bringen. Die Subskriptionsfrist wird bis zum 28. Februar 1938 verlängert.
Nach den bis jetzt vorliegenden, farbigen Tafeln verspricht das Werk eine Darstellung als Einführung in die Erkenntnis der Schöpfungsgesetze und deren Auswirkungen, wie sie menschlich erfaßbar kaum deutlicher gegeben werden können.
Bestellungen durch uns.
VERLAGS A.-G. „DIE STIMME“
Zürich 7, Drusbergstraße 17
Telephon 46.575 - Postcheckkonto VIII 5345
Inhalt:
Seite
1. Spruch. Von Susanne Schwartzkopff. . . . . 4
2. Tod und Jenseits. Von Herbert Vollmann. . . . 5
3. Unpolitische Betrachtungen zur zeitgenössischen.
Politik im Lichte der Prophezeiungen Jesajas.
Von H. Huber. . . . . . . . . 10
4. Wegbereiter für das Wort auf Erden. . . . 14
Von Susanne Schwartzkopff
5. Erstarrung. Von Abd-ru-shin. . . . . . 22
6. Einsendung aus dem Leserkreise: . . . .
Der Turmbau zu Babel - heute gesehen.
Von Dr. Alfred Fischer . . . . . . 28
7. Das Herdfeuer. Von Susanne Schwartzkopff. . . 30
8. In den Wäldern Afrikas (6. Fortsetzung u. Schluß). . 39
9. Fragen-Beantwortung. Von Abd-ru-shin. . . . 56
10. Tropfen des Lichtes. Von Abd-ru-shin. . . . 57
11. Mitteilungen an die Leser. . . . . . . 59
Herausgeber: Verlags A.-G. „Die Stimme”, Zürich, Drusbergstraße 17.
Verantwortlich: Für die einzelnen Artikel und Mitteilungen die
Verfasser. Für den übrigen Teil: Herr Arthur Giese, Zürich.
*)Im Lichte der Wahrheit (Nachklänge).
*)Vgl. „Die Stimme“, Heft 7, S. 72