Jahrgang 1937 Heft 2
DIE STIMME
Schrift
für Erstarkung im Wissen
und Können.
VERLAGS A. - G. ,,DIE STIMME“, ZÜRICH
Copyright by Verlag A - G „Die Stimme“, Zürich
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung. Vorbehalten
Druck: Gebrüder Scheran, Innsbruck, Fallmeraystraße 4 - 6
Inhalt und Form
Von Herbert Vollmann.
Will sich der Menschengeist vollständige Klarheit schaffen über das Weben und Wirkender Gottgesetze in der Schöpfung, über Wachsen und Reifen, Werden und Vergehen, so muß er auch wissen, welche Begriffe die Ausdrücke Inhalt und Form in sich schließen, welche Bedeutung sie für seine Entwicklung haben.
Auch hier zeigt ihm die Gralsbotschaft den Weg, so daß er bei richtigem inneren Geöffnetsein und bei sachlichem Beobachten seiner Umgebung die Brücke findet zu einem höheren Wissen, das ihm nach und nach all die Herrlichkeit der Schöpfung zeigt in einer Art, die ihn nur beglücken kann, die ihn zuletzt jubeln läßt ob der wunderbaren Weisheit des Schöpfers, welche auch in dem Kleinsten und Unscheinbarsten zum Ausdruck kommt.
Gerade beim Beobachten der ihn umgebenden sichtbaren Formen aber vermag der Mensch zu den tiefsinnigsten Betrachtungen zu gelangen, die ihm Vorgänge und Geschehen offenbaren, die seinem Blick bisher verborgen waren nun aber mit einer plötzlichen Deutlichkeit sich enthüllen, die ihn immer wieder mit staunender Freude und Ehrfurcht erfüllen.
Schon allein das Wissen, daß alle guten Formen der Nachschöpfung, seien sie von wesenhaften oder geistigen Kräften gebildet, in den hohen und höchsten Sphären Vorbilder haben, die noch weit schöner und vollendeter sind, gibt genug Anregung zum Nachdenken.
Es gibt in der gesamten Schöpfung, angefangen bei der Urschöpfung unterhalb der Grenze des göttlichen Reiches bis zu der dichtesten Stofflichkeit der Nachschöpfung, nichts Ungeformtes, weil überall Leben und dadurch Bewegung ist.
Bewegung bringt Formung, erzeugt Wärme. Wo also Formen sind, muß auch Bewegung sein.
Der auf Erden geltende Begriff von der toten Masse, die durch einen Inhalt belebt und geformt wird, ist in den Regionen nicht gültig, wo es auch Eigenwärme gibt und auch infolgedessen auch keine tote Masse zu beleben ist.
Dort verschmelzen die Ausdrücke Inhalt und Form zu einem Begriff, weil die Form gleichzeitig lebt!
Erst die in sich tote Stofflichkeit zwingt dazu, den Begriff der lebenden Form zu trennen in einen lebenden Inhalt und eine zu belebende Form.
Denn sowohl die Feinstofflichkeit und die Grobstofflichkeit als die letzten und gröbsten Niederschläge der göttlichen Ausstahlung können keine Eigenwärme erzeugen, deshalb muß noch etwas hinzu kommen, das erwärmt, belebt, bindet und formt „ Der Inhalt“.
Und dieser Inhalt besteht aus den wesenhaften und geistigen Kräften, die aber nur Abarten der einen alles durchströmenden Gotteskraft sind.
So ist es auf der Erde, die zu der groben Stofflichkeit gehört.
Keine Kreatur ist in der Lage, ohne Mitwirkung dieser Kraft als Antriebskraft etwas zu formen und auch alles schon Form gewordene ist aus den vielen Abarten der Gotteskraft erstanden.
Auch der Menschengeist ist auf die Verwendung dieser Kraft angewiesen, es gehört mit zu seiner Aufgabe und Pflicht, sie formend zu benützen, doch nur zu solchen Formen, in denen die Schönheit der Schöpfungsgesetze rein zum Ausdruck kommt.
Die wesenhaften Kreaturen erfüllen diese Aufgabe stets in höchster Freude heiligsten Dienendürfens, weil sie in ihrem Wollen gebunden sind an den Gotteswillen, während bei dem mit freiem Wollen ausgerüsteten Menschengeiste die Möglichkeit besteht, bei der Bildung von Formen von sich aus übles Wollen einzumischen, wodurch Mißbildungen sich ergeben, die Unfrieden und Verwirrung, Unheil und Vernichtung bringen.
Solche Mißbildungen sind auch am Menschen selbst zu beobachten, da er ja die Fähigkeit hat, nicht nur auf seine Umgebung und darüber hinaus, sondern auch auf sich selbst und seine Hüllen formend einzuwirken.
Ein übelwollender Geist wird deshalb unbedingt auch äußerlich erkannt werden, wenn manchmal auch am Gesichtsausdruck, da ja gerade hier das Innere am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Man denke an die Augen als Spiegel der Seele. Sie zeigen in ihrem Ausdruck wie ein Barometer jede Schwankung und Veränderung in der Ausstrahlung der Seele an.
Seelische Schwächen und Fehler machen sich bei längerem Bestehen an entsprechenden Körperteilen und Organen oder deren Funktionen bemerkbar.
Trägheit des Geistes wird zuletzt auch eine Trägheit der körperlichen Funktionen mit verlangsamtem Blutkreislauf zur Folge haben, der wiederum das Ansammeln von schädlichen Ausscheidungsprodukten an besonders dafür empfänglichen Stellen begünstigt und dadurch Entzündungen und Stockungen hervorruft.
Könnten wir einen Blick tun in die außerirdischen Ebenen, so würden wir sehen, daß auch das „Karma“ des Menschen geformt ist in einer Vielheit, die anfangs wie Verirrung aussieht, bei näherem Zusehen aber eine wundervolle Ordnung erkennen läßt.
Es sind die Formen der Empfindung, Gedanken und Handlungen. Alle drei Arten werden hervorgerufen durch das Wollen des Geistes und wie er sich formt, so ist auch sein Schicksal sein Lebensweg.
Er kann sich also ganz leicht durch dauerndes gutes und reines Empfinden eine Himmelsleiter formen, umgekehrt aber auch einen Weg in dunkle Tiefen.
Genau so, wie die Empfindungsfäden bis zum Paradiese emporzuwachsen vermögen, um dort verankert zu werden, so werden die üblen in die entgegengesetzte Richtung geleitet, je nach der Stärke bis zu den schrecklichen Tiefen, die Hölle genannt werden. Diese entwickeln sich und bestehen ja nur aus Formen, welche lichtfeindliche Menschen unter falscher Verwendung der Gotteskraft gebildet haben.
Wenn es nun heißt: „An den Werken sollt Ihr sie erkennen!“ so ist unter „Werke“ alles das zu verstehen, was der Mensch sich in freier Entscheidungskraft formte.
Es sind wohl die irdisch sichtbaren Taten wie auch die nicht sichtbaren Gedanken und Empfindungen, die dann besonders zur Geltung kommen, weil die Menschenseele durch den Tod von dem Erdenkörper getrennt wird.
Sie finden dann alle ihre Werke, die sie auf Erden getan, gedacht und empfunden hat, in guten und in üblen Formen wieder, je nach der Art des Wollens.
Aufzulösen vermag eine Menschenseele die mit ihr derart verbundenen Formen erst, wenn sie ihr den Inhalt, die Nährkraft nimmt, durch das sie das Wollen aufgibt, das gerade diese Form schuf.
Durch die Fähigkeit des Formens in dem Empfinden, Denken und Handeln ist dem Menschengeiste also eine große Macht aber damit auch ungeheuere Verantwortung gegeben, die sehr weite Kreise zieht, weil die ganze Nachschöpfung, die alle Stofflichkeit umfaßt, zu seinem Wirkungsbereich gehört.
Denken wir doch nur daran, daß das von den Menschen geformte Dunkel zu einer solchen Schwere anwachsen konnte, einen ganzen Weltenteil aus seiner ursprünglichen Bahn zu drängen!
Derartig schwer ist das Gewicht nach unten, so dicht sind die Formen, die Menschenwille schuf.
In einem Gottesgericht werden aber alle Formen, die kein Lichtwärtsstreben in sich tragen und lichtabgewendet sind, durch vermehrte Lichtkraft aufgelöst, vernichtet, nachdem sie vorher noch in voller Stärke an den Urhebern sich auswirken.
In Verstärkung der Lichtkraft liegt ungeahnte Beschleunigung aller Wechselwirkungen, wobei die Gefahr besteht, daß bei Zertrümmerung der von falschem Menschenwollen in die Welt gesetzten Zerrbilder die Menschen selbst zu Tode kommen, weil sie nicht durch überwiegend gutes Wollen sich eine Verankerung im Lichte ermöglichten.
In Zukunft wird durch diese Lichtkraftstärke auch den Menschen noch für lange Zeit die Möglichkeit genommen sein, mit trüben und verzerrten Formen das gereinigte Schöpfungswirken wiederum zu hemmen oder zu verunstalten.
Will also der Mensch selbst bestehen, so muß er sich bemühen, allem, was er formt, Schönheit und Reinheit zu verleihen.
Er braucht dazu nur die Natur als sichtbares Vorbild zu nehmen, diese wird ihn genügend anregen, und mit der Zeit erreicht er auch, aus seinem Inneren heraus von selbst den rechten Weg zu gehen.
Der Mensch ist nicht umsonst vom Schöpfer in die herrliche Natur hineingestellt, er soll auch daran lernen und Erfahrung sammeln die ihn reifen lassen.
Bei rechter Mühe wird er stets in den ihn umgebenden Formen der Natur einen Inhalt erkennen oder wenigstens erahnen. Und dieser Inhalt sind immer Teile der alles durchpulsenden Gotteskraft, die in ihren unzähligen Abarten oder Abspaltungen zu entsprechend vielen Formen verwendet wird, welche aber stets vergänglich sind.
Das hat ein ewiges Werden und Vergehen, Wachsen und Reifen, Weben und Knüpfen zur Folge an dem der Menschengeist in seiner Art beteiligt ist.
Deshalb lasse er nie mehr falsches oder übles Wollen zum Inhalt der von ihm zu bildenden Formen werden!
Er bedenke seiner, daß das gute Wollen allein noch nicht den Inhalt gibt, durch dessen Reinheit und Stärke er emporgetragen wird in lichte Höhen!
Erst wenn dem guten Wollen das Tatwollen kommt, das das gute Wollen auch in Tat umsetzt, dann gibt es einen lebendigen Inhalt aller Formen, durch den der Menschengeist schließlich emporgehoben wird, weit über der Stofflichkeiten Raum und Zeit hinweg in das lichte Reich des ewigen , freudigen Schaffens!
vvv
Jugend. Von Charlotte von Troeltsch
Noch immer hat das „Jahrhundert des Kindes“ sein Ende nicht erreicht! Nach den Rechten, die so oft verteidigt werden, kommen auch die Pflichten.
„Pflichten haben wir alle“, sagen die Älteren und Alten, „es ist nur gerecht, daß auch den Jungen gegenüber energisch davon gesprochen wird, den Jungen, die sich gewöhnt haben, das Leben als eine Kette von Vorteilen für ihr Vorwärtskommen anzusehen.“
Aber diese Freude beginnt rasch zu schwinden, wenn die Älteren hören, worin die Forderungen an die Jugend bestehen.
„Wo bleiben wir Eltern? Wo bleibt das Haus?“
Die Eltern fühlen sich verkürzt ihren Kindern gegenüber, die schon ganz wie die Großen ein vollbesetztes, geregeltes Tagewerk mit Schule, Schulaufgaben, Sport und anderem haben.
Die Kinder betrachten das Elternhaus als notwendige Unterkunfts - und Verpflegungsstätte, und je mehr Vater und Mutter ihre Unzufriedenheit mit dem derzeitigen Zustand zeigen, um so unbehaglicher fühlen die Jungen sich daheim, um so wichtiger erscheinen sie sich selbst.
„Und läßt sich gar nichts dagegen tun, daß die Kinder sich uns derart entfremden?“ fragen die Eltern seufzend. „Es sind doch unsere Kinder, für die wir sorgen müssen, oft weit über unsere Verhältnisse hinaus. Haben sie nicht auch Pflichten gegen uns?“
Gewiß haben sie Pflichten! An Euch, Ihr Eltern ist es, sie zu dieser Erkenntnis zu führen, nicht durch Klagen und Predigen, sondern durch das Leben.
Gebt ihnen das Beispiel in Eurem eigenen Tun! Wie Ihr miteinander, mit den Dienstboten, mit Euren Nebenmenschen seid, das laßt sie wortlos empfinden. Sie müssen erkennen lernen, daß es keine Leistung ohne Gegenleistung geben kann, daß es niemals angeht, wenn ein Teil der ständig Nehmende auf Kosten des anderen ist.
Schafft ihnen eine sonnige Kindheit, ein friedendurch-strahltes Heim, aber lehrt sie auch sehen, daß sie selbst ihren Teil zu dieser Sonne, diesem Frieden beitragen können und müssen.
Kinder helfen so gern. Schon der in ihnen schlummernde Nachahmungstrieb läßt sie mit Freuden jede Gelegenheit benutzen, es den Erwachsenen gleich zu tun. Sie kommen sich wichtig vor, wenn ihnen irgend etwas übertragen wird, das sie selbständig und verantwortlich ausführen dürfen. Warum aber wird diese Eigenschaft des Kindes in so wenig Haushaltungen ausgenützt?
Weil in den allermeisten Fällen die Mutter die Unbequemlichkeit scheut, dem Kinde die erforderlichen Handgriffe wieder und wieder zu zeigen, sein Tun zu überwachen. Sie meint, es gehe schneller und besser, wenn sie selbst die kleine Arbeit ausführt. Schneller geht es, aber das Kind hat den Schaden davon. Es macht sich die Ansicht der Mutter zunutze, um sich älter geworden gegen Pflichten aufzulehnen, die ihm nun plötzlich übertragen werden sollen.
Da wird dann die große Inanspruchnahme durch die außerhalb des Hauses liegenden Pflichten sieghaft ins Feld geführt!
Gegen diese gibt es kein Wehren. Staat und Schule machen ihre Rechte geltend, erheben Ansprüche auf die heranwachsende Jugend. Aber wo von Anfang an das Bewußtsein in das Kind gepflanzt wurde, daß es ein tätiger Teil der Familie sein muß, um wahrhaft zu ihr zu gehören, da wird es seine kleinen, ständig wachsenden Aufgaben im Hause mit Freudigkeit und selbstverständlich erfüllen.
„Ja, wenn der Einfluß der anders erzogenen Mitschüler nicht wäre!“ wendet mancher ein.
Zugegeben, daß dieser Einfluß oft sehr stark sein kann, verderblich aber kann er nur wirken, wenn das Elternhaus dem Kinde nicht den notwendigen Rückhalt dagegen gibt.
Dazu gehört vor allen Dingen, daß die Eltern sich nicht auf eine andere Ebene stellen wie die Kinder, daß sie weder lehrhaft schulmeistern noch erhaben auf sie herab sehen, sondern daß sie mit ihnen leben! Eindringen müssen sie in das kindliche Denken und Empfinden, zu verstehen suchen müssen sie jede Regung der erwachenden Seele.
So manche Mutter verscherzt sich auf immer das Vertrauen des Kindes dadurch, daß sie verächtlich ein aus Kinderfreude entstandenes Spiel abweist, oder daß sie in Gegenwart des Kindes anderen spottend von irgend einem unrichtigen Ausspruch des Kleinen berichtet.
Sei frohe Spielgefährtin Deines kleinen Kindes, o Mutter, so wirst Du die Freundin des großen werden, ohne daß Du ängstlich um sein Vertrauen werben mußt.
Sind Vater oder Mutter Freunde ihrer Söhne und Töchter, so bieten sie damit den Einflüsterungen anderer den wirksamsten Widerstand und helfen über sonst unvermeidliche Klippen hinweg.
Zu diesem Freund-Sein aber gehört vor allen Dingen, daß die Eltern sich selber erziehen! Ein Freund muß Vorbild sein'. Es ist unmöglich, daß ein Kind in Wahrheit zu den Eltern emporblicken kann, die sich gegen das verfehlen, was dem Kinde als gut und richtig gelehrt wird.
Habt Ihr noch niemals bedacht, Ihr Eltern, daß das vierte Gebot sich nicht nur an die Kinder wendet? „Ehret Vater und Mutter -“ das gilt in allererster Linie Euch! Ihr sollt so sein, daß Ihr Eurem Euch von Gott gegebenen Beruf Ehre macht. Ihr sollt Euch ehrenwert, ehrwürdig halten vor den Augen Eurer Kinder!
Eines der schwersten Leiden, das den Menschen treffen kann, fällt auf Kindesschultern, wenn es inne wird, daß Vater oder Mutter sich gegen Gottes Gebote vergehen!
Aber auch abgesehen von diesem Schwersten, es schmerzt auch, wenn die Mutter Ausreden gebraucht, wenn der Vater flucht, es läßt sogar einen Stachel in der Kinderseele zurück, wenn des Vaters Betragen am Eßtisch hinter dem zurückbleibt, was von dem Kinde an guter Sitte verlangt wird.
Wie oft errötet ein Kind um des Tuns oder Redens seiner Eltern willen. Und diese Schamröte, die eigentlich die Wangen der falschhandelnden Eltern bedecken sollte, lockert die Bindung zwischen Eltern und Kind, zwischen Haus und Jugend.
Wollt Ihr „etwas von Euren Kindern haben“, Ihr Eltern, so ringt um sie, nicht mit ihnen, nicht mit Schule oder Staat, sondern mit Euch und Euren Fehlern, Eurer Bequemlichkeit!
Das Kreuz
von Hermann Wenng.
Das Kreuz! Ein altes Symbol der Menschheit! Es ist auffallend, welche Rolle das Kreuz in seinen verschiedensten Formen und Abarten in der Geschichte der Menschheit spielt, wo es überall auftritt, in welcher Weise es angewendet wird und welchen Sinn man ihm beimißt! Immer tragen es die Menschen vor sich her, sie setzen es in die Fahnen und Standarten ihrer Staaten ebenso, wie sie es als Dekorationen und Auszeichnungen verwenden.
In nachchristlicher Zeit ist dies, zumindest seit die christliche Religion die herrschende in verschiedenen Kulturstaaten geworden ist, ja erklärlich, so wird mancher sagen, daß man dies Zeichen der Menschheitserlösung auch als Hoheitszeichen des Landes verschiedentlich einführte, daß man sich in besonderer Weise mit diesem Zeichen beschäftigte.
Konstantin, den die Kirche den Großen nannte, ging mit dem Beispiele voran, andere folgten ihm nach, um es, bald in der einen, bald in der anderen Form und Farbe, bald liegend, gleichschenkelig, mit einem oder zwei Balken oder auch mit verschiedenen Zutaten versehen, die bald diese bald jene Bedeutung haben sollen, als Abzeichen der Staaten und Länder zu verwenden.
Dies ist ja wirklich nicht weiter verwunderlich, man weiß ja den Ursprung und kennt den Sinn und die Absicht oder meint doch wenigstens ihn zu kennen; anders verhält es sich aber mit der Tatsache, die nicht zu bestreiten ist, daß man das Kreuz, die Kreuzesform in mannigfacher Gestaltung schon in älteren Epochen des Menschenseins auf Erden nachgewiesen hat, in den Resten ältester Kulturen, von denen irgend eine schriftliche oder mündliche Kunde nicht auf unsere Tage gekommen war.
So ist die Form des Hakenkreuzes uralt und keine Erfindung der Neuzeit es ist das Zeichen alter Sonnenanbeter, die in den Hochländern Asiens zu Hause waren. So haben die christlichen Bekehrer, Missionare, sich sehr erstaunt, das Kreuz als ein schon fast wieder vergessenes Kultzeichen unter den Völkern Zentral-Amerikas zu finden, wie es ja auch Germanen vorchristlicher Zeit bekannt gewesen ist und auch als Runenzeichen eine besondere Verehrung genoß.
Überall findet man es, man hat es ebenso wohl aus dem Sande der Wüste Innerasiens gegraben als auch in den Tempelresten Yukatans auf Steinen gefunden, vom Urwald überwuchert; die Maja-Inschriften zeigen es und den Mexikanern - Azteken war es nicht unbekannt. Auch uralte Zweckbauten, die einer Zeit angehören, die sich überhaupt gar nicht feststellen läßt, zeigen in ihren Grundrissen manchmal die Kreuzform.
Es läßt sich nicht leugnen, daß dieses Zeichen den Weg der Menschheit über die Erde von Anfang an begleitete und daß es immer irgendwie in besonderer Weise mit Kultzwecken in Verbindung gestanden hat. Wenn es wohl auch da und dort profanen Gebrauchsgegenständen aufgeprägt gewesen sein mag, so läßt sich seine besondere und aus allem herausragende Bedeutung überall wiedererkennen. Es muß sich bei dieser Form, diesem Zeichen, dieser Zeichnung also für die Menschen um etwas Besonderes, Lebenswichtiges handeln, um etwas, dem man wohl uralten, heute nicht mehr feststellbaren Einflüssen gehorchend, eine besonders lebendige Bedeutung beilegte.
Die jetzt allerdings fast ausschließlich als Kreuz geltende Form desselben mit dem nach oben verschobenen Querbalken tritt erst in der christlichen Epoche als Kultzeichen auf; erst von Christus Jesus Kreuzigung ab ist diese Form die allgemeine und fast ausschließlich anerkannte Kreuzform geworden.
Vorhanden war sie natürlich auch vorher schon als Zeichen, von dem hier die Rede sein soll; denn als Zweckform muß sich die Kreuzgestalt nahezu von selbst als tragender Bauteil ergeben haben. Bekannt ist aber nur von Römern, daß sie dasselbe in der Form des »T« Trägers zur Hinrichtung benutzten, von welchem Gebrauch ausgehend es für uns in der bekannten Form die überragende Bedeutung erlangt hat.
In der Kunst wird es häufig in seiner ursprünglichen »T«Form als Kreuz für die Schächer zu Seiten des Heilandes verwandt und es dürfte diese auch der Tatfache entsprechen; denn für das darüber hinausragende Stück war ja kein Bedürfnis vorhanden bei diesen; bei Jesus war es anders; man wollte den bekannten Schriftsatz über seinem Haupte anbringen.
Man kann also, wie man sieht, dieses Kreuz als das Todeskreuz bezeichnen, denn aus dem »T« ist es ja entstanden, während das gleichschenkelige, nach allen vier Seiten gleichstrahlende im Gegensatz dazu nur das Lebenskreuz genannt werden könnte, denn diese Form bilden vier L, wie das Turnerkreuz, dem noch zwei kleinere Balken eingefügt wurden, vier F.
Es stehen sich also das Lebens- und das Todeskreuz in den Formen einander hauptsächlich gegenüber, das »T« und das »L«; alle anderen sind Ableitungen von diesen, ja, man darf sagen, daß das L-Kreuz das alleinige war bis zu dem Zeitpunkt, da die Menschen schrien: »Kreuzige, kreuzige ihn!« Das verschobene Kreuz war ja vorhanden und tauchte auch da und dort schon vorher auf, aber als überragend ist doch das »L«-Kreuz zu erkennen, es ist bestimmt ein uraltes Kult-Gut der Menschheit, während das Todeskreuz erst von Christi Tod an eine Bedeutung erlangte.
Es wird nun Meinungen geben, die etwa folgende These aufstellen: Alles im Menschenleben hatte ursprünglich einen lediglich zweckbedingten, praktischen Wert, es ist aus reinen Zweckmäßigkeitsgründen vom Menschen erfunden worden. Erst später wurde ihm, entstehend aus dem mystischen Bedürfnis des Menschen, eine andere Bedeutung beigelegt, wurde es als Zeichen verwandt, als Merkzeichen, Rune und so weiter, die dann schließlich einen ein für allemal bestimmten Sinn behielten, der mit der Zeit immer dunkler und geheimnisvoller wurde, bis die Erfindung anderer und vollkommenerer Ausdrucksmittel sie außer Kurs setzte. So wird es, nach dieser Meinung, auch also wohl mit der Kreuzform gegangen sein!
Dies ist die Meinung des Materialisten, der alles von der materiellen Seite her betrachtet und das Geistige als ein Produkt des Materiellen, sozusagen als ein kaum beabsichtigtes Nebenprodukt ansieht, als einen Ausfluß der leider auch vorhandenen müßigen Spekulationen des Gehirnes, die sich gerne im Uferlosen und Unklaren und Unbeweisbaren verlieren. Es hat diese Meinung zwar schon viel von ihrer einst sehr großen Gewalt und ihrem Einfluß verloren, insbesondere aber läßt sich nachweisen, daß sie dem Kreuze gegenüber gänzlich versagen muß!
Erstens: Materiell betrachtet ist nicht einzusehen, wieso diese in Holz oder auch Eisen sehr schwer herstellbare Form des Lebenskreuzes die erste und also ursprüngliche gewesen sein sollte, da die Form des »T« Kreuzes, also des Trägers, doch die viel leichtere und auch unendlich zweckmäßigere für den menschlichen Gebrauch ist - die andere dagegen geradezu als eine Zufallsform angesehen werden müßte. Sie kann nicht aus Zweckmäßigkeit geworden sein, da sie gar nicht für sich allein zweckmäßig ist, sondern nur in übertragenem Sinn. Wenn sie geschaffen wurde als erstes, so wollte man damit etwas Bestimmtes ausdrücken, es ist eine ganz besondere Ausdrucksform, nicht eine Zweckform!
Und diese Ausdrucksform wird von keiner anderen, die auf dieser Erde irgendwo in Erscheinung tritt, übertroffen, nicht einmal erreicht!
Es wird doch niemand leugnen wollen oder können, daß diese Form in ihrer Einfachheit und Klarheit, man kann geradezu sagen: Reinheit, ihresgleichen nicht hat und daß ihr Anblick auf den Beschauer einen geradezu unbegreiflich magischen Eindruck macht, den man in dieser Eindringlichkeit bei keiner anderen empfindet, auch nicht bei den an Wirkung ihr am nächsten kommenden, zum Beispiel dem Kreis oder dem Quadrat oder dem Dreieck. Keine von diesen Formen vermag sich mit den sich kreuzenden Balken des »L« Kreuzes zu messen. Es geht geradezu ein magnetischer, lebendiger Strom von ihm aus, dem sich keiner zu entziehen vermag, der es unbefangen auf sich wirken läßt.
Dies gilt ausschließlich von dem gleichschenkligen Kreuze, das die Schweiz als ihr Hoheitsabzeichen übernommen hat, keineswegs aber auch von der Form, in welcher es die Kirchen gebrauchen und zur Verehrung aufstellen, wenn man von der Gewöhnung an dieses Kreuz absieht und vor allem nicht den in dieses gelegten Sinn der Erlösung in die Betrachtung miteinzieht.
Nach dem, was vorher über dieses Zeichen ausgeführt ist, muß es jedem nicht ganz empfindungslosen Menschen klar sein, daß es mit ihm etwas Besonderes »auf sich« haben muß - und in der Tat, das ist auch der Fall! Es muß jedem, der dieses Zeichen einmal mit offenen Sinnen ansieht, offenbar werden, daß es sich hier um einen lebendigen Vorgang handelt, handeln muß, und daß es auch ein wirklicher Vorgang gewesen sein muß, der es gestaltet hat, daß es die sichtbar gewordene Form eines lebendigen Stromes von Kraft ist, die da vor uns steht und auf uns wirkt.
Daher muß auch die magische Wirkung dieses Zeichens auf den Menschen kommen, die so stark ist, daß wir die kleinste Verschiebung des einen Balkens nach oben oder unten stark empfinden, meinen wir doch, in diesem Zeichen geradezu die verkörperte, sichtbare Gerechtigkeit vor uns zu haben, dies unentrinnbare Gesetz des Lebens, dem auch die leiseste Verschiebung nach irgend einer Richtung schon Abbruch tut!
Wenn der waagerechte Balken wie bei dem Leidenskreuze Christi stark nach oben verschoben wird, so haben wir ja auch kein absolutes Gleichmaß mehr vor uns, sondern - ein Schwert! Dieses Leben, diese Kraft und diese Gerechtigkeit, dieses Gesetzmäßige, wie es von dem gleichschenkligen Zeichen ausgeht, sind dann verschwunden und es kommt vielmehr eine Willkürlichkeit zum Vorschein, die geradezu erschütternd wirkt!
Diese Beobachtung wird niemand zu bestreiten vermögen, der unvoreingenommen herangeht, dies Zeichen, dieses unendlich alte Lebenssymbol, zu prüfen, das nie etwas anderes ausgedrückt noch dargestellt haben kann als die absolute Wahrheit und Gerechtigkeit, das Leben selbst, das ja immer mit den beiden vorgenannten völlig eins ist und sein muß, wenn es eben »Leben« sein will und nicht dem Vergehen anheimfallen.
Oder will jemand leugnen, daß die innere Ungerechtigkeit und Unwahrhaftigkeit, die Gesetzlosigkeit es ist, welche alles Leben zum Tode bringt, Einrichtungen, Staaten und Völker vernichtet und auslöscht aus dem Buche des Lebens?
Klar liegt damit vor uns, daß diese Form niemals aus Gründen der Zweckmäßigkeit heraus von den Menschen geschaffen worden sein kann. Eine solche Form ist nicht als Werkzeug noch als etwas anderes zu gebrauchen, auch als Träger unzweckmäßig, wenn man von dem modernen Maschinenbau und Bauen absieht. Das aber muß man, weil es für die Urzeiten der Menschheit, in denen das Kreuz entstanden ist, nicht in Betracht kommt. Für diese Zeit war nur das Einfachste möglich, das Kreuz aber ist nicht einfach, sondern dem Geiste gegeben als geistiges Gut.
Längst ist der Wissenschaft bekannt, daß alles Leben Strahlung ist, wenn sie auch die Zusammenhänge noch nicht klar erkennen kann, weil der experimentellen Wiederholung der Wirkungsweise der Strahlungen unüberwindliche Hindernisse entgegenstehen.
Ein rechtes Erfassen dieser mehr geahnten als gewußten Tatsache ist auch noch nicht möglich, da ja erst ein ganz geringer Teil der wirkenden Kräfte erkannt werden konnte und auch dieser noch nicht zu gebrauchen ist.
Ob es je wird geschehen können und wie weit der Mensch von sich aus in die Geheimnisse des Lebens wird einzudringen vermögen, ist eine Sache für sich; denn das wahre Wesen der Dinge zu erfassen liegt jenseits der Möglichkeit des menschlichen Verstandes. Dieser wird hierin stets auf die Offenbarung angewiesen sein, die er seiner Natur nach leugnen muß.
So wird er auch kaum jemals von sich aus in der Lage sein, das wahre Wesen des Kreuzes zu erkennen, ob er es gleichwohl für die verschiedensten Zwecke nach seinem Willen zu gebrauchen sucht und meint, eine eigene Schöpfung, ein aus eigenem Denken entsprungenes Symbol damit vor sich zu haben.
Wer indessen unvoreingenommen zusieht, wird es aus gewissen Anzeichen doch zu erkennen vermögen, daß ihm hier etwas entgegentritt, das seinem Willen nicht unterworfen ist, sondern umgekehrt ein Gesetz darstellt, dem er unterworfen erscheint! Dieser Erkenntnis vermag es keinen Abbruch zu tun, daß er anscheinend nach Willkür mit dem Zeichen zu verfahren imstande ist, es anscheinend formt und verändert nach seinem Willen, bald hinzufügt, bald daran herumschiebt oder hinwegnimmt, wie es ihm passend erscheint. Freilich immer nur mit dem Erfolg, daß die ursprüngliche reine und so sonderbar eindringlich wirkende Form verschoben wird.
Können wir nicht gerade aus der Tatfache, in welchem Ausmaße der Mensch an diese Form sich bindet, wie er es überall vor sich hinstellt, wie er es immer vor sich herträgt, bald in Liebe dafür entbrannt oder es in grimmigem Hasse angeht, könnten uns über die wahre Natur des Kreuzes nicht schon deshalb längst die Augen geöffnet fein? Könnten wir nicht schon längst die Überzeugung haben, daß wir hier nicht einem Werk von Menschenhand gegenüberstehen, sondern daß es ein Gesetz sein muß, dem der Mensch immer und überall unterworfen bleibt, dem er sich nur mit großer Mühe zu entziehen versucht
Wir haben im Anfange dieser Ausführungen schon gesehen, daß sich in der Hauptsache zwei Formen des Kreuzes gegenüberstehen: die reine Form des Lebenskreuzes, das gleichschenklige, und die verschobene, aus dem »T« entstandene des Todeskreuzes. Todeskreuz darum, weil die Menschheit an ihm das lebendige Gotteswort vom Leben zum Tode beförderte.
Es haben nun die Menschen gerade das Todeskreuz zu ihrem Zeichen erwählt, während sie das Lebenskreuz ganz nebensächlich behandeln und sogar nur als eine Abart des ersten betrachten, trotzdem es erwiesenermaßen vor dem anderen vorhanden war, aber durch unendlich lange Zeiträume hindurch von den Menschen unbeachtet blieb.
Es ist hier nicht der Platz und auch nicht der Zweck dieser Ausführungen, auf die bekannte Geschichte des christlichen Kreuzes näher einzugehen (das Symbol und Zeichen der ersten Christen war übrigens nicht dieses Kreuz, sondern es waren die Fische), sondern der Zweck ist, darzustellen, daß wir in dem eigentlichen Kreuze einem lebendigen Gesetz gegenüberstehen, daß dieses lebendige Gesetz aber nicht das Kreuz der Kirchen ist, sondern das gleichgerichtete, uralte Wahrheitszeichen, das erst durch den Tod des Wahrheitsbringers auf Erden in das Todeskreuz verbogen wurde.
Das Todeskreuz, wurde durch den Tod Christi den Menschen an Stelle des Lebenskreuzes aufgedrängt. Im eigentlichen, gleichschenkligen Kreuze handelt es sich nicht um ein Symbol, blutleer und tot, sondern um einen lebendigen Vorgang von gewaltiger Kraft in den Urgründen des Lebens!
Doch wohlgemerkt, es soll hier nicht behauptet werden, die Kirchen hätten dieses Todeskreuz der Menschenwelt untergeschoben; durchaus nicht, sondern die Kirche war nur die dafür unbewußte Vollstreckerin der Auswirkung eines unentrinnbaren, furchtbaren Gesetzes, das den Menschen dieses Todeskreuz aufzwang! Dies als den sichtbaren Ausläufer eines tatsächlichen Lebensvorganges, eines Vorganges, der in den eigentlichen Gründen des Seins seinen Ursprung und sein eigentliches Geschehen hatte, wovon wir nur immer die letzten Ausläufer zu sehen bekommen. An der geheimnisvollen Kraft des uns sichtbaren Zeichens aber können wir die Wahrheit, wie sie wirklich ist, erahnen!
Ist nicht ein ewiger Kampf über der Menschheit um des Kreuzes willen?
Es ist jedermann sichtbar, daß es so ist. Trotzdem ist es aber wiederum nicht so, wie man nun meint, daß es sei! Wohl steht das Kreuz der Kirchen vielfach im Vordergrunde des Kampfes, wohl kämpft ein großer Teil der Menschheit, sogar der überwiegende, mit furchtbarem Haß gegen das Kreuz, wie es die Kirchen zeigen, wohl erheben sich andere Kreuze, die in der Form sogar dem Wahrheitskreuze, dem vergessenen, näherkommen, gegen das Todeskreuz, aber dennoch ist auch dies nur das verhältnismäßig kleine Anzeichen eines viel gewaltigeren unsichtbaren Vorganges, der den verborgenen Hauptnerv des Lebens trifft!
Es kämpft die gesamte Menschheit der Erde einen Verzweiflungskampf um des Kreuzes willen, das nicht nur des Lebens Zeichen, sondern das Leben in Wahrheit ist!
Wir, die Menschen, meinen, daß wir auf Erden um des Lebens willen kämpfen müssen. Die Erdenmenschheit glaubt, daß sie untereinander nach Gottes Willen um ihr Leben, um den Lebensraum auf Erden kämpfen müsse, daß sie tatsächlich einen Kampf um das Leben führe, in dem eben der Stärkste, der Tüchtigste obsiegen würde. Mindestens glaubt sie wie jeder Einzelne, daß sie um des Lebens willen kämpfe.
Die Wirklichkeit ist aber gänzlich anders! Sie kämpft nicht um ihr Leben, sondern gegen das Leben! Sie kämpft einen hoffnungslosen Kampf, nicht um zu leben, sondern sich den Tod zu geben, zu beschleunigen ihr Ende!
Dies ist die harte und nackte Wahrheit.
Sie kämpft um des Kreuzes willen und muß diesen furchtbaren Kampf kämpfen, weil sie des Kreuzes der Wahrheit und der Gerechtigkeit durch undenkliche Zeiten hindurch schon vergessen hat, weil sie es verleugnete und sich schließlich das Kreuz des Todes auf sie legte!
Es macht dabei nicht das geringste aus, ob sie das Kreuz der Kirchen bekennen oder nicht, sondern alle sind dem Gesetze unterworfen. Es handelt sich dabei um dem Erdenauge verborgene, geistige Vorgänge, die sich in diesem Zeichen sichtbar auswirken, die sich auswirken in diesem Kampfe gegen Gott, gegen das Leben selbst, den die Menschheit nur zu führen meint um des Lebens willen, ganz gleich, welches Zeichen sie vor sich herträgt oder an ihre Fahnenstangen heftet!
Es dürfte heute schon einem jeden Menschen klar sein, daß die in sich uneinige, zerrissene Welt in diesem Kampfe nicht siegen wird; denn alles kämpft ja nicht für das Leben und seinen Bestand und seine Aufwärtsentwickelung, sondern dagegen! Sie alle, der eine wie der andere, sie mögen sich nennen, wie sie wollen, mögen vorgeben, was sie wollen, sie alle kämpfen gegen die Wahrheit, sie kämpfen nicht für, sondern gegen das Kreuz.
Und in diesem Zeichen, in diesen anscheinend belanglosen Unterschieden, kleinen Verschiedenheiten, offenbart sich die ganze Tragödie der Menschheit, daß sie achtlos an dem vorübergeht, was ihr einen Weg zeigen und Aufklärung über dies scheinbar völlig unerklärliche Geschehen, das sich vor ihren Augen und doch auch anscheinend gegen ihren Willen auf Erden abspielt, geben könnte.
Es gibt nichts, das lebendiger wäre, als das Kreuz! An den einfachen, sichtbaren Zeichen kann es jeder ermessen, erahnen, was in ihm liegt, was es nicht »bedeutet«, sondern was es ist.
Alles Lebende strahlt; dies weiß die Wissenschaft selbst, die sich nur auf Sichtbares, Greifbares, Beweisbares stützt. Nicht nur auf das »tierische« Leben bezieht sich das, sondern auf alles, auf das Kleinste, wie auf das Größte, von den »Raumstrahlen«, die von der Wissenschaft erst jüngst in den Bereich ihrer Untersuchungen gezogen wurden, bis herab zu den kleinsten Dingen!
Von den Sonnen angefangen bis zu den Radiolarien, alles sendet Strahlen aus, solche, die für unsere Augen und für die Instrumente sichtbar und greifbar sind und solche, die weder von den Augen noch von den Instrumenten wahrgenommen werden können - und diese letzteren sind die wirksamsten, die eigentlich lebenden!
Alles, das nicht mehr zu strahlen imstande ist, ist krank, ist tot. Am intensivsten und reinsten strahlt aber das Kreuz, das gleichgerichtete der Gerechtigkeit, der Wahrheit.
Von ihm, dem Urquell allen Lebens, das einst vor der Menschheit herging in einer Zeit, von der nur noch in Sage und Dichtung als von der »Goldenen« die Rede ist, als von einem Traumbild, dem einst die Menschheit folgte als ihrem strahlenden Stern, der sie zur Höhe des Lebens führen wollte, entfernte sie sich, Gerechtigkeit und Wahrheit trat sie mit Füßen, mordete und tötete sie. Das Kreuz des Lebens verbog und zerschlug sie sich zum Todeskreuz. Nur als ein längst vergessenes und verschollenes Runenzeichen kennt sie es noch, das doch das Leben selbst ist! Sie verwarf mit ihm das eigene Leben.
Es ist kein Zufall, sondern ein lebendiges, strahlendes Leben, es ist Gesetz, daß sich ein Land, das aus himmelstürmenden Bergen besteht, das gleichgerichtete Kreuz zum Zeichen erkor; denn dieses Kreuz will die Menschheit zur reinen Höhe führen - zur Höhe des Lebens!
Ausblicke. Von Hermann Lohr.
Will jemand ein tiefes Erlebnis niederschreiben, so muß er es durch seinen Verstand nach außen. bringen, es wird also immer veräußerlicht. Je größer die Fähigkeit eines Menschen, Erlebtes so wiederzugeben, daß es der Leser wirklich nacherleben kann, desto mehr ist er Künstler.
Er kann seinen Nebenmenschen aber trotzdem nie letztes und tiefstes bieten. Seine Aufgabe besteht nur darin »edlen Seelen vorzufühlen!« Weiterschreiten müssen sie dann ganz allein, denn wer nur lieft, macht seine Gedankenwelt hörig der eines anderen! Wer nur nacherlebt - gleichgültig in welcher Form - entzieht sich dem Wichtigsten im Leben, dem eigenen Erleben! Er bleibt an der Außenseite dessen, was ihm begegnet, er erfaßt nie sein Wesen.
Solch ein Mensch gleicht dem Besucher eines Tiergartens, der zwischen sich und dem Löwen ein Schutzgitter hat. Und Schutzgitter sind in unserer heutigen Zivilisation allenthalben errichtet, wohlerwogen. Merkt man etwa ohne weiteres, daß durch die fortgesetzte Anhäufung von aufrüttelnden Ereignissen in den Zeitungen allmählich ein Schutzgitter errichtet wird gegen das Mitfühlen unseres Herzens? Empfinden wir viel anders als jener Bürger, den Goethe sagen läßt:
„Nichts besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen,
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit in der Türkei,
Die Völker aufeinanderschlagen,
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.“
War Goethe aber anders? Hat er doch auf die Frage, warum er keine Tragödie schreibe, geantwortet, daß eine solche Tätigkeit ihn zerstören müsse! Das Streben unserer Menschheit geht dahin, von allem Unangenehmen möglichst unberührt zu bleiben; wir drücken uns von dem Erleben.
Ist unser Erkenntnisstreben so, daß es uns im Innersten erfaßt? Wir sagen »alle unsere Erkenntnis beruht auf Wahrnehmung« und stellen physikalische Versuche an, die große Einheit in der Natur mit dem Verstande zu finden. Dieser aber kann seiner Natur gemäß nur zerlegen - zersetzen. Das Zusammenschwingen, das Zusammenwirken der kleinsten Aufbauteilchen der Materie, das, was man in übertragener Bedeutung ihr Leben nennen könnte, wird bei solchen Untersuchungen vernichtet.
Benehmen wir uns anders, wenn wir das Leben der Pflanzen erfassen wollen, indem wir mikroskopische Schnitte führen und die Einzelteile riesenhaft vergrößert anstaunen? Wir zerstören auch hier nur das, was wir immer und immer wieder suchen, das was uns wirklich bedeutungsvoll ist, das Leben.
„Wer will was Lebendiges erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist herauszutreiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt leider nur das geistig Band“
Wie steht es mit Untersuchungen des menschlichen Gefühlslebens? Wer Freude empfindet und will sie untersuchen, muß seinen Verstand darauf lenken, mit dem Erfolge, daß das Versuchsobjekt Freude entschwindet.
Wäre es da nicht an der Zeit, dem Verstande die Rolle zuzuweisen, die ihm gebührt, nämlich nur Werkzeug zu sein? Schon in vielen Fällen hat der Verzicht erst einen Fortschritt der Erkenntnis ermöglicht.
Aber - können wir den anderen Weg überhaupt noch beschreiten? Ist es uns heutigen Menschen noch möglich, uns so zu versenken, daß ein schauendes Wissen entsteht, ein Erfassen des geistigen Bandes? Daß wir es nicht können, das ist der Fluch des verlorenen Paradieses, der Abwendung von Gott, der Hinwendung zum Verstande, „du kannst selbst!“
Wir könnten doch längst gelernt haben, daß wir etwas von unserem Ureigensten, von unserem Ich dazugeben müssen wenn wir uns nicht nur an Äußerlichkeiten haften wollen!
Unsere Forschung weiß, daß sie zum Schlusse immer an einen Punkt kommt, an dem sich nichts mehr aussagen läßt über das zu Untersuchende allein, zum Beispiel nur über das Licht (im physikalischen Sinne), sondern nur über das Zusammenwirken von Licht und Versuchsapparat. Von da aus ist es wirklich nicht mehr weit zur Erfassung des Gedankens, daß der Mensch, will er Letztes erkennen, sich selbst einsetzen muß bei seiner Untersuchung, daß er nur finden kann in der Form Mensch und Objekt, also von innen her.
Das heißt, er muß streben nach einem Erkennen aus Demut und Liebe, jederzeit bereit, dem Höchsten Rede und Antwort zu stehen. So wird er nicht nur eine Lösung finden, sondern auch Erlösung Verstandeswissen hat noch nie erlöst!
Der menschliche Organismus vollbringt die geheimnis-vollsten Arbeiten, ohne daß der Verstand ihn dazu anleiten muß -ja, je weniger wir uns seiner Tätigkeiten verständlich bewußt werden, desto harmonischer verlaufen sie. Nur Disharmonie darin wird uns bemerkbar.
In unserem Körper ist Ganzheit, ist Zusammenwirken von Einzelwesen, die aufs feinste aufeinander abgestimmt sind, nicht nur dem Menschengeiste einen Körper zu formen und zu erhalten, sondern auch, ihm die Grundlage zu schaffen für seine geistige Entwickelung.
Es gibt Quallen, deren junge, freilebende Tiere sich zusammenschließen zu einem Staate, einem Organismus, in welchem sie die für einen solchen erforderlichen Tätigkeiten unter sich aufteilen: Ein Teil sorgt für die Fortbewegung dieses Quallenklumpens, ein anderer für seine Ernährung, ein dritter für die Abwehr von Feinden und so fort. Jede Kaste - wenn dieser Ausdruck hier noch angebracht erscheint - entwickelt die ihr zugeteilte Fähigkeit so stark als möglich, unter Vernachlässigung aller anderen. So werden sie durch ihr Zusammenwirken zur Ganzheit, zu harmonischer Einheit.
Ein solches Herausarbeiten von Besonderheiten unter Vernachlässigung alles anderen, darf selbstverständlich von Menschen innerhalb einer Gemeinschaft nie verlangt werden. Aber, daß in jedem Ameisenhaufen, in jedem Bienenstaate, also in jeder Lebensgemeinschaft von Tieren, das Zusammenwirken hundertmal harmonischer ist als bei Menschen, darüber herrscht bei niemandem Zweifel.
Was ist daran schuld? Steckt da nicht schon wieder der Mißbrauch unseres vielgerühmten Verstandes dahinter? Unser Können ist in erster Linie verstandlich. Jeder kann und darf jedes erlernen, entsprechende verstandliche Vorbildung vorausgesetzt. Von einem inneren Verbundensein oder gar Berufensein ist kaum mehr die Rede.
Den richtigen Weg sehen wir - allerdings stark verkommen - noch angedeutet im vielgeschmähten Kastenwesen einiger naturverbundener Völker.
Da ist der Mann, welcher die gefährlichen Giftschlangen zu beseitigen hat. Seine Tätigkeit ist seit Generationen in seiner Familie erblich. Sein Sohn steht neben ihm, wenn er mit seinen Tönen die Schlange aus dem Verstecke lockt und in seinen Korb steckt. Später wird der Sohn selbst wieder diese Tätigkeit ausüben zum Nutzen der menschlichen Gemeinschaft.
Nie wird es einem Angehörigen einer anderen Kaste einfallen, auch den Versuch zu machen, mit Giftschlangen umzugehen. Er weiß eben, daß eine innere Veranlagung dazu gehört, die er nicht besitzt und nie schulmäßig erlernen wird.
Der »gebildete« Europäer wird überlegen das Wort Suggestion aussprechen - »denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.« Seine Abhilfe heißt: alle Giftschlangen totschlagen! Das Lebendige kann er nicht ergreifen. Es fehlt ihm jede Beziehung zum Leben, im niedersten und im höchsten Sinne.
Aber, wenn das Unglück geschehen ist, wenn ein Mensch schon gebissen ist, und wenn er mit seiner Spritze noch zur rechten Zeit eintrifft, dann kann er eingreifen - in chemisch physikalischer Weise.
Und wenn der Europäer ehrlich erklärt, das Gift hat schon den ganzen Körper ergriffen, ich bin mit meiner Wissenschaft zu Ende, dann tritt ein Mann aus einer anderen Kaste an das Bett des mit dem Tode Ringenden - und hilft ohne Medikamente - vielleicht wieder mit Suggestion?
Viele solcher Beispiele könnte man noch anführen, so von dem Jäger, der vor seinem Auszuge schon das Wild sich hörig macht, das er erlegen will. Doch soll auf etwas Wesentliches hierbei noch hingewiesen werden:
Der Schlangenbeschwörer erschlägt die Schlange nicht, wenn er sie aus ihrem Verstecke hervorgelockt hat, er läßt sie eines natürlichen Todes sterben, er läßt sie verhungern. Diesem Verhalten stehen wir völlig verständnislos gegenüber. Aber was wissen wir überhaupt von dem Tode? Über unseren eigenen, über den der Tiere? Vielleicht ist er bei der oft lange hungernden Schlange ein langsames Einschlafen, wie beim Hinübergehen in den Winterschlaf.
Der schon erwähnte Jäger bannt das Tier, indem er bei Sonnenaufgang unter ganz bestimmten Formeln und Gebeten seinen Pfeil auf eine Zeichnung des zu erlegenden Tieres abschießt, die er später, wieder vor Sonnenaufgang, mit Haarbüscheln und Blut des geschossenen Tieres austilgt, damit sein Blut ihn nicht vernichte!
Dabei scheint bei dem ganzen Vorgang das Mitwirken einer Frau von wesentlicher Bedeutung!*)
Beide, der Schlangenbeschwörer und der Jäger wissen, daß sie vernichtet sind, wenn das Blut ihrer Beute über sie kommt. Was sie erreichen, erreichen sie nur durch Dreingabe des eigenen Ichs. Sie wissen - nicht nur unterbewußt - daß die Welt, die Natur, eine Einheit, eine Ganzheit darstellt, zu der sie gehören, in die sie mitverwoben sind, deren innerste, uns unbekannte Gesetze sie erfüllen müssen, wollen sie bei ihrem Wirken nicht selbst zu Grunde gehen.
So bewirken sie das, was uns als Wunder erscheint. Sie gehen eben von der anderen Seite an ihre Aufgabe heran als wir, von der inneren. Ihre Fähigkeiten aber wurden entwickelt, oder erhalten und gepflegt in einem Gemeinschaftswesen, auf das wir verachtungsvoll herabschauen.
Also müßte die richtige menschliche Gemeinschaft für innerlich recht gerichtete Menschen eine Art Kastenstaat sein? Wir wollen es frei heraus bekennen: Ja! Aber nicht so, wie es bisher bekannt gewesen ist.
Und unter den derzeitigen Verhältnissen, mit den heutigen Menschen nie und nimmer! Ihnen würde ja gerade das Wesentliche fehlen für diese Gemeinschaft und ihre eigene Kaste, nämlich das Berufensein, das innere Verbundensein mit ihrer Aufgabe, die Verantwortungsfreudigkeit dem Höchsten gegenüber für jede einzelne Handlung in feiner Schöpfung.
Und noch etwas ist zu berücksichtigen: So wenig unsere Erde befähigt ist, zurückzukehren zu einem Punkte im Weltenraume, an dem sie schon einmal vorübereilte, so wenig können wir zurückkommen auf Zustände, welche schon einmal bestanden haben, Doch für heute genug davon.
Kehren wir zurück zur modernen menschlichen Gemeinschaft. Sie drängt als überreif dem Untergange zu. Alle Völker rüsten fieberhaft, in der Hoffnung, ihre Gemeinschaft zu erhalten oder ihr noch günstigere Lebensbedingungen zu erringen.
Ist nicht gerade das Eintreffen des Gegenteiles zu erwarten? Werden die unheimlichen Rüstungen nicht dazu führen, daß alles zerschlagen wird, zerschlagen werden muß, da es den Todeskeim schon in sich trägt, eingefangen in einem Netze, das keinerlei Bewegung mehr zuläßt?
Der Kampf aller gegen alle steht bevor! Doch aus dem Riesen – Menschheits - Unglück kann ein Segen auferblühen, für den man danken wird noch in Jahrhunderten:
Wir werden gezwungen zum Erleben, zum tiefstaufwühlenden und dann zum höchsterhebenden, nachdem man eingesehen hat, wohin der ungezügelte Verstand führte. Dann lernt der Rest der Menschheit so zu beten, daß Einzelne zum schauenden Verstehen kommen, zur wahren Erkenntnis. Dann ist das »geistig Band« vorhanden, das allein wirklich zu halten fähig ist.
Du fragst so oft: Warum?
Von August Manz.
Wohl jeder Mensch denkt in ernsten Stunden seines Lebens über sich und seine Umwelt nach - seine eigene Daseinsform, sein Schicksal und das seiner Nebenmenschen betrachtend, beurteilend und miteinander vergleichend.
Und er wird, wenn es ihm mit seinem Nachdenken wirklich ernst ist, nicht bei der kritischen Würdigung der verschiedenen Daseinsformen stehen bleiben, sondern tiefer forschen wollen und eine Erklärung suchen für die oft gewaltigen Unterschiede der Lebensgestaltung der einzelnen Menschen, für die Verschiedenartigkeit des »Wie« des Daseins. Und er geht vielleicht sogar noch einen Schritt weiter und stellt sich die Frage nach dem »Warum« des menschlichen Seins.
Daß die Daseinsformen der Menschen unendliche Verschiedenheiten aufweisen, schroffe Gegensätze in den verschiedensten Belangen, das ist eine feststehende Tatsache. Keine Redensart von einer angeblichen Gleichheit aller Menschen kann darüber hinwegtäuschend, daß es in Wirklichkeit keine größere Ungleichheit gibt als die der Menschen und ihrer Schicksale.
Deutlich zeigt dies schon eine Betrachtung der äußeren Lebensformen und - Umstände. Arm der eine, reich der andere, der eine dem Verhungern nahe, im Überfluß übersättigt sein Nachbar. Vom Glück begünstigt, von Erfolg zu Erfolg eilend jener, vom Mißgeschick verfolgt und von einem Unglück nach dem andern betroffen dieser. An ererbter Krankheit leidend, ein unheilbares Gebrechen durch das ganze Leben schleppend ein mit Glücksgütern Gesegneter, von Gesundheit strotzend ein schwer um das tägliche Brot Ringender.
König und Bettler, Herr und Knecht, Herrschende und Beherrschte, Freie und Unfreie, Kämpfer und Drohnen.
So viele Menschen auf Erden, so viele Gegensätze schon in ihren äußeren Schicksalen.
Und ebenso viele anscheinend unabänderliche Unterschiede in der inneren Eigenart und Charakterbildung. Gute und schlechte Veranlagungen und Fähigkeiten stehen einander gegenüber wie Pole. Wie grundverschieden sind die intellektuellen Anlagen, die künstlerischen und technischen Fähigkeiten. Und wie gegensätzlich vor allem auch die seelischen Eigenschaften.
Jeder Mensch hat irgend einen stark ausgeprägten Charakterzug, der ihn vom andern unterscheidet; jeder auch irgend eine besonders stark hervortretende Eigenschaft. Man braucht bloß an die verschiedenen Temperamente zu denken und an alle die verschiedenen seelischen Merkmale, welche die ganze Stufenleiter von Gut zu Böse aufzeigen.
Und dabei glauben dann sehr viele Menschen, sie müßten sich einfach mit dem abfinden, was sie wie es volkstümlich heißt mit in die Wiege bekommen haben, und fügen sich in ein offenbar unabänderliches Geschick ihrer Eigenart. Ja, sie sind vielleicht sogar noch stolz darauf!
Seit Menschengedenken bestehen diese Verschiedenheiten. Und es mag zwecklos und ganz überflüssig erscheinen, überhaupt noch darauf hinzuweisen, da es doch ganz selbstverständlich »einfach so ist!«
In diesem »Sichabfinden mit schicksalsgegebenen Lebensformen«, ohne dafür eine entsprechende Erklärung zu haben, liegt aber eine große Gefahr:
Der Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes!
Und darum versuchten und versuchen noch heute alle Religionen und Philosophien seit Menschengedenken, eine befriedigende Erklärung der anscheinenden Ungerechtigkeit des Schicksals zu finden. Und alle Menschen, die nach Wahrheit suchen.
Denn wer überhaupt davon überzeugt ist, daß der Sinn des menschlichen Lebens ein höherer sein muß als das Aufgehen in der Erfüllung rein irdischer Aufgaben, der kann sich ja auch unmöglich damit abfinden, daß diese Verschiedenheiten und Ungleichheiten das Spiel eines sinnlosen Zufalles sein sollen, sondern er sucht eine sinnvolle Zweckmäßigkeit darin zu entdecken. Er sucht eine Lösung zu finden, die ihn die Gerechtigkeit Gottes erkennen läßt, dessen Vollkommenheit ihm ja selbstverständlich ist.
Für dieses Suchen nach einer entsprechenden Antwort auf all diese quälenden Zweifel und Fragen sollen die folgenden Ausführungen einige Hinweise geben, die den ernsten Sucher ein gutes Stück im Erkennen der Wahrheit vorwärts bringen können, wenn er diese Zeilen vorurteilslos liest und nicht von vorn herein einfach ablehnt, weil ihm diese Gedankengänge ungewöhnlich und abwegig erscheinen.
Ruhig soll er vielmehr alles prüfen und sich dann fragen, ob hier nicht doch etwas aufgezeigt wird, was durch seine Folgerichtigkeit überzeugend wirken muß, jedenfalls aber ernstes Nachdenken verdient. Und ob er hier nicht eine Antwort findet, welche dem an einen Gott und dessen Vollkommenheit und Gerechtigkeit Glaubenden wie eine Rettung aus allen Zweifeln erscheinen muß, wenn er bisher in den Verschiedenheiten der Daseinsformen und der Menschen überhaupt ein ungerechtes Schicksal glaubte erkennen zu müssen.
Vorausschicken möchte ich noch, daß die folgenden Ausführungen auf der Gralsbotschaft Abd-ru-shins aufbauen. In dessen Werken kann jeder ernsthafte Wahrheitssucher die Antwort selbst finden. Meine Ausführungen geben nur eine ganz kurze Zusammenfassung, vor allem für Menschen, welche die Botschaft selbst nicht kennen.
Und darum muß ich auch zunächst etwas weiter ausholen; und von der Eigenart des Menschengeistes sprechen, um das Verstehen der Lehre von der Wiedergeburt, wie sie Abd-ru-shin verkündet, zu erleichtern. Denn wenn auch manche Leser von Wiedergeburt und Karma schon gehört haben mögen, wie sie vor allem in indischen Religionen und darauf aufbauenden Philosophien gelehrt werden, so muß doch gleich hier gesagt werden, daß dort nur Teilerklärungen gegeben werden, welche aus diesem Grunde keine ausreichende Antwort bieten können.
Es steht dort das alles umfassende Schöpfungswissen, das alle Gesetze des menschlichen Seins erläutert und Klarheit gibt über das »Woher«, das »Wie« und das »Warum« des irdischen Seins des Menschen.
Um die lückenlose Folgerichtigkeit der Inkarnationslehre Abd-ru-shins ganz zu erfassen, muß man daher ausgehen von den Erklärungen Abd-ru-shins über den Menschengeist und seine Eigenart.
Der Mensch ist im Wesenskern geistig. Sein eigentliches Ich stammt aus dem geistigen Reich, dem Paradies. Dieses Paradies darf aber nicht verwechselt werden mit dem irdischen Paradies, das sich die Menschen nach den Überlieferungen der Bibel auf Erden denken. Dem Verständnis dieses geistigen Begriffes kommt man am nächsten, wenn man sich die Gefilde der Seligen als ein Reich des Lichtes vorstellt, in dem Reinheit und vollkommene Harmonie herrscht.
Aus diesem geistigen Reich nun geht der menschliche Geist aus, zunächst noch ohne Bewußtsein seiner Persönlichkeit, um auf einer Wanderung durch die verschiedenen Sphären sich durch Bewegung, durch Kampf und Arbeit aus einem unbewußten Geistsamenkorn zu einem vollbewußten, reinen und vollkommenen Menschengeist zu entwickeln.
Den Zwang, sich bewegen, sich rühren, arbeiten und kämpfen zu müssen, den findet der Geistkeim nur in den Reichen der Stofflichkeit. Und darum muß der Geistkeim auch in die Stofflichkeit tauchen, weil er sich sonst nicht entwickeln könnte. Zu diesen Reichen gehört die Feinstofflichkeit, die Sphäre des Jenseits, und die Grobstofflichkeit, das Diesseits, und also auch unsere Erde. Von den verschiedenen Abstufungen der beiden Hauptarten der Stofflichkeit soll zunächst nicht die Rede sein, da diese Hauptunterscheidung für das weitere Verstehen genügt.
Der Geistkeim umgibt sich in den einzelnen Sphären jeweils mit einer Hülle, einem der betreffenden Wesensart der Umgebung entsprechenden Mantel. Der Mantel in der Grobstofflichkeit ist der Erdenkörper. Diesen Erdenkörper erwirbt der Menschengeist durch die Inkarnation, das heißt durch die Vereinigung des von den bisher schon erworbenen Hüllen umgebenen Geistkeimes mit einem irdischen Körper. Diese Vereinigung vollzieht sich in der Mitte der Schwangerschaft mit einem werdenden Kindeskörper.
Der Kern des Menschen bleibt bei allen diesen Umhüllungen unverändert, rein geistig. Und dieser Kern, in dem der Drang zum Bewußtwerden, aber auch alle edlen und guten Fähigkeiten schlummernd liegen, treibt den Menschen immer weiter auf seiner Wanderung, zu weiterer Entwickelung und Reife.
Der Erdenmensch besteht also - im Gegensatz zur monistischen Auffassung - in Wirklichkeit aus einem geistigen Kern und den verschiedenen diesen umgebenden Hüllen, deren äußerste in der Grobstofflichkeit der Körper ist.
Der einzelne Menschengeist hat nun gottgewollt die Aufgabe, sich immer höher zu entwickeln. Herangereift zu Bewußtsein und Verantwortlichkeit soll jeder Menschengeist nach seiner Erdenwanderung wieder aufsteigen in immer höhere und reinere Sphären, bis er, vollkommen gereift, rein und licht als bewußtes Ich zurückkehren kann in das geistige Reich, von dem er ausgegangen ist.
Die Aufgabe des einzelnen Menschen auf seiner Wanderung war es also ursprünglich, die in ihm schlummernden edlen Fähigkeiten zu entwickeln, den Kampf in der Grobstofflichkeit siegreich zu bestehen, und dann nach dem irdischen Tode, nach der Trennung von dem Erdenkörper, den Weg zum geistigen Reich zurückzuwandern, den er gekommen. Diese hohe Aufgabe erfüllten die ersten Menschen dieser Erde noch lange Zeit, wie dies den Menschen der Jetztzeit zum besseren Verstehen der Schöpfungsgesetze in dem Buch »Ephesus« geschildert ist.
Dieses Tauchen in die Stofflichkeit zur Entwickelung zum Bewußtwerden, das Reifen und dann wieder Zurückkehren in die geistige Heimat, das ist der ursprüngliche Sinn des Daseins - die Antwort auf die Frage nach dem »Warum« des menschlichen Seins.
Dieser paradiesische Zustand dauerte aber doch nur eine beschränkte Zeit - bis sich die Menschen mit Schuld beluden. Die Bibel stellt diesen Sündenfall symbolisch als das Naschen von der verbotenen Frucht dar. In Wirklichkeit so lehrt Abd-ru-shin bestand der Sündenfall in dem einseitigen Zugroßziehen des Verstandes mit allen verderblichen Folgen irdischer Gebundenheit.
Dadurch nun, daß die Menschen sich mit Schuld beluden, machten sie sich selbst unfähig, die Rückkehr in das geistige Reich zu erreichen. Sie blieben in der großen Mehrzahl an die Stofflichkeit gefesselt. Kein Menschengeist vermag in reinere, höhere Sphären aufzusteigen, solange er diese Schuldenlast - sein Karma - trägt. Er muß in der Stofflichkeit bleiben mit allen ihren Wesensarten und Ebenen.
Jeder einzelne Menschengeist trägt also jetzt eine Kette rückwärtsliegender Geschehen mit sich, die abzulösen sind, das Karma. Diese Last ist bald größer, bald kleiner, sie ist individuell ganz verschieden und entspricht der Größe der Schuld, die der Betreffende begangen hat. Solange nun der einzelne mit Karma beladene Menschengeist die rechte Erkenntnis der Wahrheit nicht wiedergefunden hat und danach lebt, kann er von seinem Karma nicht frei werden, die Last hält ihn nieder.
Nur durch ein Leben nach den göttlichen Gesetzen, die uns ein wirkliches Schöpfungswissen erkennen läßt, ist es möglich, sich von der Last des Karmas wieder frei zu machen.
Zum besseren Verständnis der Folgerichtigkeit der Lehre vom Karma muß ich jetzt näher eingehen auf die Frage vom freien Willen des Menschen.
Denn eine Schuld begehen und dafür sich ein Karma aufladen, das er erst wieder lösen muß, also die Folgen seiner Handlungsweise selbst tragen, das beweist nur dann eine sinnvolle Zweckmäßigkeit und Folgerichtigkeit, wenn der Mensch den freien Willen hat, so oder auch anders zu handeln.
Und diesen freien Willen zum Entschluß hat jeder Mensch.
Die Lehre vom freien Willen und der daraus sich ergebenden Verantwortung ist ein sehr wesentlicher Bestandteil der Lehre von der Wiedergeburt und vom Karma. Erst das sinnvolle Ineinandergreifen dieser sämtlichen Lehren gibt Kunde von der lückenlosen und strengen Folgerichtigkeit der Schöpfungsgesetze, welche das menschliche Sein gestalten.
Denn wenn der Mensch eine Schuld abtragen müßte in seinem Erdenleben, die er zwar begangen hat, für die er aber nicht verantwortlich gemacht werden könnte, weil er gar nicht den freien Willen hat, anders zu handeln, dann wäre das Erleben schwerer Erdenschicksale allerdings sinnlos. Dann könnte und müßte man von einem ungerechten Schicksal sprechen.
Aber gerade das Gegenteil ist ja der Fall, wie ich eben ausgeführt habe: Der Mensch hat einen freien Willen und trägt damit auch die volle Verantwortung für all sein Denken, Reden und Tun.
In der Abhandlung »Kraft«, die in Heft 1 dieser Zeitschrift erschien, ist ausgeführt, daß das Handeln des Menschen zustande kommt durch die Anwendung der ihn durchströmenden Gotteskraft. Diese Kraft kann nun der einzelne Mensch nach der guten (richtigen) oder nach der bösen (falschen) Richtung lenken.
Darin besteht ja sein freier Wille zum Entschluß. Täglich, stündlich faßt der Mensch neue Entschlüsse. Diese liegen alle in seiner Hand allein und ergeben den freien Willen.
Aber die Folgen seines Denkens, Redens und Tuns, also die Folgen dieser Entschlüsse, die in Tat umgesetzt wurden, kommen unnachsichtlich auf ihn zurück:
Was der Mensch säet, das muß der Mensch ernten, nach dem Schöpfungsgesetz der Wechselwirkung. Auf dieses Gesetz selbst braucht hier nicht näher eingegangen zu werden. Es genügt in diesem Zusammenhang, darauf hinzuweisen, daß alles, was der Mensch erlebt, das Gute und das Schlimme, die Folgen der richtigen oder falschen Anwendung der ihn durchströmenden Gotteskraft sind.
Sein Schicksal hat sich jeder Mensch selbst zuzuschreiben. Lohn und Strafe fallen ihm zu in gerechter Auswirkung göttlicher Schöpfungsgesetze. An dieser Erkenntnis wollen wir zunächst einmal festhalten.
Jeder einzelne Mensch trägt also ein Karma. Und von diesem Karma muß er sich frei machen, sonst kann er nicht aufsteigen in höhere Sphären und kann nicht zurückkehren in seine geistige Heimat. Zu diesem Freimachen bieten ihm seine weiteren Wanderungen durch die Stofflichkeit des Diesseits und des Jenseits Gelegenheit, die er nur auszunützen braucht. Dieses Wandern durch die Stofflichkeit bildet ein einheitliches Sein. Denn der schuldig gewordene Mensch bleibt nach seiner ersten Erdenwanderung, auf der er sich Karma aufgeladen hat, nicht nur in den stofflichen Ebenen des Jenseits, sondern er kehrt mehrere Male - entsprechend seiner weiteren geistigen Entwickelung - durch neuerliche Inkarnation - durch Wiedergeburt auf die Erde zurück.
Damit findet auch die Frage nach dem „Warum“ des Erdenseins ihre letzte, restlose Beantwortung. Der Zweck dieses Seins ist es jetzt, nach dem Sündenfall, daß dem Menschen die Gelegenheit gegeben wird, sich auf seiner Wanderung zum Guten zurückzuwenden durch Erkennen und Ablegen seiner Fehler - und daß er diese Gelegenheit voll und ganz ausnützt.
Was der Mensch an Lebensschicksalen erleidet, das erleidet er als Folge seiner eigenen Taten. Er erleidet es aber auch, damit er dadurch zum Erkennen kommt und sich ändert nach der guten Seite.
Die Daseinsform, in welche er hineingeboren wird, ist also gleichzeitig Strafe - obwohl dieser Ausdruck nicht völlig zutreffend ist - und Hilfe.
Dies geht besonders klar hervor aus einem Vortrag Abd-ru-shins über »Das Geheimnis der Geburt«, aus dem ich einige Stellen im Wortlaut anführen möchte:
»Weit zurück liegen oft die Ursachen, die bestimmend wirken für die Verhältnisse, in die eine Seele hineingeboren wird, ebenso für die Zeit, unter deren Einflüssen das Kind in die irdische Welt tritt, damit diese dann während seines Erdenwallens dauernd einwirkt und das erzielt, was zum Auslösen, Abschleifen, Abstoßen und Weiterbilden gerade dieser Seele notwendig ist.
Aber auch das geschieht nicht einseitig nur für das Kind, sondern die Fäden spinnen selbsttätig so, daß in dem Irdischen auch eine Wechselwirkung liegt. Die Eltern geben dem Kind gerade das, was es zu seiner Fortentwicklung braucht, ebenso umgekehrt das Kind den Eltern, sei es nun Gutes oder Übles; denn zur Fortentwicklung und zum Aufschwung gehört natürlich auch das Freiwerden von einem Übel durch Ausleben desselben, wodurch es als solches erkannt und abgestoßen wird.«
»Tausendfältig sind die Fäden, die mitwirken zur Bestimmung einer Inkarnation. Immer aber ist es auch in diesen Geschehnissen der Schöpfung eine bis zum allerfeinsten abgetönte Gerechtigkeit, die sich auswirkt und zu einer Förderung aller dabei Beteiligten treibt. «
Aus diesen Worten ist deutlich zu erkennen, daß der Mensch entsprechend dem Gesetz der Wechselwirkung bei seiner Wiedergeburt dahin kommt, wohin ihn die Auswirkung dieses Gesetzes bringt, und wo er Gelegenheit hat, sein Karma zu lösen und den Weg aufwärts zum Licht, zu seiner geistigen Heimat zurück, von dem er durch eigene Schuld abgeirrt war, wieder zu beschreiten.
Daraus folgert aber, daß es bei den Geburten keine Ungerechtigkeit gibt, auch wenn die Verhältnisse, in welche ein Mensch geboren wurde, ungünstig und schwierig erscheinen. Jeder Mensch muß sich daher zufrieden in sein Geschick fügen. Erkennend, daß er sich die Lebensumstände seines gegenwärtigen Daseins in einem früheren selbst geschaffen hat. Und wissend, daß gerade diese scheinbare Ungerechtigkeit, die Ungleichheit, die Ungunst der Verhältnisse es ihm ermöglichen, sein Karma abzulösen.
In diesem Zusammenhang möchte ich nur kurz darauf hinweisen, daß jede Inkarnation dem Menschen neue Aufstiegsmöglichkeiten bringt, auch wenn er in einem irdischen Dasein tief gefallen ist und sich sogar mit neuer Schuld beladen hat. Und daß er diese Aufstiegsmöglichkeiten leichter nützen kann, als dies im Jenseits der Fall ist.
Der Grund hierfür liegt darin, daß die Grobstofflichkeit des Erdenseins infolge ihrer schwereren und dichteren Art verhindert, daß die Empfindung der Menschen unmittelbar Erleben und dadurch Wirklichkeit werden; der Weg von der grundlegenden Empfindungen bis zur äußeren Tat ist ein sehr weiter; und die Möglichkeit, dabei zur Einsicht zu kommen und daher sich zu ändern, also sich zum Guten zu entwickeln und zu reifen, eine sehr viel größere.
Außerdem bietet das Erdenleben zwei besonders günstige Möglichkeiten, zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen und auf den rechten Weg zurückzufinden: das ist die Entwickelung der Sexualkraft und die Liebe.
Diese kurzen Andeutungen müssen im Rahmen der vorliegenden Ausführungen genügen. In einem späteren Aufsatz über die Lösung des Karmas soll dann auch hierauf näher eingegangen werden.
Festgestellt soll damit nur werden, daß die Wiedergeburt letzten Endes die größte Hilfe ist, die dem schuldbeladenen Menschen zuteil wird. Eine Strafe nur insofern, als sie gesetzmäßig die Folgen erleiden läßt, die der Mensch selbst durch sein Verhalten auf sich zieht. Nicht aber eine Strafe im Sinne einer mehr oder minder willkürlich verhängten Buße. Darum wies ich ja auch gleich darauf hin, daß der Ausdruck »Strafe« nicht völlig zutreffend sei, wenn man die Vorstellungen des Sprachgebrauches damit verbindet.
Die äußeren Lebensformen und - Umstände sind also nicht die Auswirkungen eines ungerechten Schicksals, sondern die gesetzmäßigen und darum gerechten Folgen eigenen Tuns.
Wie lassen sich aber nun die Ungleichheiten der inneren Eigenarten und Charakterbildungen erklären? Ist die Auffassung vieler Menschen berechtigt, daß man sie für ihre Veranlagung nicht verantwortlich machen könne, da sie ihnen »angeboren« sei?
Nein - diese Auffassung ist ganz abwegig, falsch und verderbenbringend. Denn sie hält den Betreffenden vor allem davon ab, seine Fehler zu erkennen und abzulegen und damit den Zweck seines Erdenseins zu erfüllen.
Ich habe schon davon gesprochen, daß der Mensch schon ursprünglich die Aufgabe hatte, die in ihm schlummernden reinen und edlen Fähigkeiten zu entwickeln. Durch das einseitige Zugroßziehen des Verstandes sind die Menschen abgeirrt von dem einfachen und geraden Weg dieser Entwickelung.
So sind unreine und unedle Eigenschaften entstanden und haben sich in lichtfeindlichem Sinne weiter entwickelt. Und diese lichtfeindlichen, schlechten Eigenschaften muß nun jeder einzelne Mensch zuerst erkennen, bekämpfen und gänzlich ablegen. Damit erst schafft er dann die Voraussetzung für die neu einsetzende Entwickelung reiner und edler Eigenschaften, die ihn lichtwärts führen kann.
Aber diese unedlen und unreinen, also schlechten Eigenschaften hat sich jeder einzelne Menschengeist selbständig erworben, für sich allein durch rein persönliche Schuld. Der eine diese, der andere jene Eigenschaften und Fehler. Und so sind die verschiedenen Eigenarten entstanden, die als geistige Eigenschaften des betreffenden Menschengeistes betrachtet werden müssen.
Diese Eigenschaften hat der Menschengeist im Diesseits und im Jenseits bis er sie erkennt und ablegt. Der zur Wiedergeburt kommende Mensch bringt also auch seine ihm persönlich eigentümlichen Eigenschaften schon bei der Geburt auf die Erde mit, entsprechend dem Grade der Reife, den er auf seinem Entwickelungsweg durch die verschiedenen Ebenen der Stofflichkeit bis dahin erwarb, entsprechend der Eigenart, zu der er, seinem Wünschen und Wollen gemäß sich bis zu diesem Augenblick entwickelt hat.
Seine Anlagen, Vorzüge und Fehler seelischer, richtiger ausgedrückt geistiger Art sind ihm also nicht »angeboren«, sondern sie haften seinem Geiste an, rein persönlich.
Rein persönlich - sie sind also auch kein Erbteil seiner Vorfahren. Denn es gibt keine geistige Vererbung. Kein Mensch ist in der Lage, von seinem lebendigen Geiste auch nur ein Stäubchen abzugeben. Kein Kind kann also seinen Eltern für irgend eine geistige Fähigkeit danken, ebensowenig aber für Mängel einen Vorwurf machen. Geistige Vererbung wäre ein Willkürs - oder Zufallsakt, den es bei der Vollkommenheit der Schöpfungsgesetze gar nicht geben kann.
Wenn Kinder gleiche oder ähnliche seelische Eigenschaften zeigen wie ihre Eltern, so hängt dies mit der Anziehungskraft der Gleichart zusammen, die sich bei der Inkarnation dahin auswirkt, daß der betreffende, zur Inkarnation kommende Menschengeist von seiner Gleichart angezogen wird, an der er ja dann auch seine eigenen Fehler erkennen soll.
Aber auf die Vererbungstheorie näher einzugehen, würde zu weit führen und soll späteren Erörterungen vorbehalten bleiben.
Die Verschiedenheit der inneren Eigenart und Charakterbildung der Erdenmenschen ist also ebenfalls nicht die Auswirkung eines willkürlichen und ungerechten Zufalls oder Schicksals, sondern sie ist die selbstverständliche Folge des verschiedenen Verhaltens der einzelnen Menschengeister.
Und da es sich dabei um selbsterworbene Fehler und Eigenschaften handelt, so ist auch ein schicksalergebenes Sichabfinden damit falsch. Im Gegenteil, jeder einzelne Mensch muß mit Einsatz seiner ganzen Kraft sein Erdenleben und die sich dabei bietenden Möglichkeiten in ernstem Wollen dazu ausnützen, die Fehler und Charaktereigentümlichkeiten, die nicht »gut« sind, zu bekämpfen und abzulegen. -
Klar und deutlich dürfte aus den bisherigen Ausführungen hervorgehen, daß jeder Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes, der aus der Feststellung der Verschiedenheit der Menschen und ihrer Schicksale entstehen würde, ganz falsch wäre Denn streng und folgerichtig, aber in vollkommener Gerechtigkeit wirken alle diese Schöpfungsgesetze, die wir aus der Lehre von der Inkarnation und vom Karma erkennen müssen.
Am Schlusse dieser Betrachtung möchte ich nur noch auf eines hinweisen: wie umwälzend es für die menschliche Erkenntnis und die Einstellung zu allen Problemen des Erdenlebens ist, wenn wir die Lehre von der Wiedergeburt bis in die letzten Folgerungen durchdenken.
Der Mensch kennt zur Zeit seine früheren Inkarnationen im allgemeinen nicht. Aber gerade diese Ungewißheit und Unkenntnis zwingt ihn - wenn anders er überhaupt sein Erdenleben wirklich erleben und in der rechten Weise sich tätig darin rühren will - sich auf alle Fälle eifrig zu bemühen, jede Situation seines Erdenlebens wirklich und ernst zu nehmen. Denn nur das wirklich Erlebte bleibt dem Menschen als Gewinn, läßt ihn zur Selbsterkenntnis kommen und fördert dadurch seine Reife. Und dann kann er auch die Fehler ablegen, die ihm schuldhafterweise anhaften; er erfüllt den Zweck seines Erdenlebens.
Auch zu einer großen Abgeklärtheit muß jeden Menschen die Ungewißheit über seine früheren Erdenleben bringen und die Vorstellung dieser überhaupt.
Denn weder der Hochstehende, noch der Niedere, weder der Reiche noch der Arme, weder der Herr noch der Knecht, weder der König noch der Bettler wissen, ob sie sich nicht in einem früheren Leben gerade in einer entgegengesetzten Stellung und Lage befunden haben. Wen dieser Gedanke nicht von Eitelkeit, Hochmut und Selbstüberhebung befreit, ebenso auch von Unzufriedenheit und Neid, dem kann überhaupt nicht geholfen werden. Wer diese Zusammenhänge aber recht erkennt und erfaßt, der wird sich auch richtig in seine Umwelt einfügen, das erfüllend, was seine gegenwärtige Umgebung von ihm fordert.
Und er wird sich und sein Schicksal als das hinnehmen, was es ist:
Als die Folge eigenen Tuns in Auswirkung der sinnvollen Zweckmäßigkeit der Schöpfungsgesetze.
lll
Die Sprache des Herrn.
Von Abd-ru-shin
Heilige Pflicht des Menschengeistes ist es, zu erforschen, wozu er auf der Erde oder überhaupt in dieser Schöpfung lebt, in der er wie an tausend Fäden hängt. So klein dünkt sich kein Mensch, sich einzubilden, daß sein Dasein zwecklos wäre, wenn er es nicht zwecklos macht. Dazu hält er sich selbst auf jeden Fall zu wichtig. Und doch vermögen sich nur wenig Erdenmenschen aus der Trägheit ihrer Geistes mühevoll so weit zu lösen, um sich ernsthaft mit Erforschung ihrer Aufgabe auf Erden zu befassen.
Trägheit des Geistes ist es auch allein, die sie von anderen verfaßte feststehende Lehren anzunehmen willig macht. Und Trägheit liegt in der Beruhigung, zu denken, daß es Größe ist, am Glauben ihrer Eltern festzuhalten, ohne die darin enthaltenen Gedankengänge scharfen, sorgfältigen Eigenprüfungen zu unterziehen.
In allen diesen Dingen werden nun die Menschen eifrig unterstützt von den berechnenden und eigensüchtigen Vereinigungen, welche in der Ausdehnung an Zahl der Anhänger den besten Weg zu der Vergrößerung und Sicherung des Einflusses und damit Anwachsens der Macht zu haben glauben.
Aber sie irren sich und haben dabei nicht mit Gott gerechnet, dem zu dienen sie nur vorgeben, oder im besten Falle sich sogar damit noch selbst zu täuschen suchen. In Wahrheit dienen sie sich allesamt allein.
Weit liegt von ihnen wahres Gotterkennen; denn sie würden sonst den Menschengeist nicht binden in die Fesseln einer feststehenden Lehre, sondern müßten ihn zu der von Gott bestimmten Selbstverantwortung erziehen, welche volle Freiheit ihres geistigen Entschlusses grundsätzlich bedingt! Ein darin freier Geist allein kann zu dem wahren Gotterkennen kommen, das in ihm zu voller Überzeugung reift, die nötig ist für jeden, der zu lichten Höhen aufgehoben werden will; denn nur die freie, aufrichtige Überzeugung kann ihm dazu helfen.
Ihr Menschen aber, was habt Ihr getan! Wie habt Ihr diese höchste Gnade Gottes unterbunden, frevlerisch verhindert, daß sie sich entwickeln kann und helfend allen Erdenmenschen den Weg öffnet, der sie sicher zu dem Frieden, zu der Freude und zum höchsten Glücke führt!
Bedenkt: auch in der Wahl, Zustimmung oder dem Gehorchen, das als Folge der geistigen Trägheit vielleicht nur gewohnheitsmäßig vor sich geht, oder weil es bei anderen so üblich ist, liegt ein persönlicher Entschluß, der für den also Handelnden schöpfungsgesetzmäßige Selbstverantwortungen nach sich zieht!
Für die, so einen Menschengeist dazu veranlassen, geht eine Selbstverantwortung natürlich auch als unvermeidbar, unverrückbar Hand in Hand. Es läßt sich nicht das kleinste Denken oder Handeln ohne gleichartige Folgen aus der Schöpfung streichen, in deren Gewebe sich die Fäden für den Einzelnen wie für die Massen spinnen, unbeirrt, der Auslösungen harrend, welche von den Urhebern, also Erzeugern letzten Endes wiederum empfangen werden müssen, sei es nun als Leid oder als Freude, je nach der Art, wie sie von ihm dereinst geboren wurden, nur gewachsen und damit verstärkt..
Ihr hängt in dem Gewebe Eures eigenen Wollens, Eures Tuns, und kommt nicht davon los, bevor sie von Euch fallen können in der Ablösung.
Unter allen Kreaturen in der Schöpfung hat der Menschengeist als einzige den Freien Willen, den er ja bis heute nicht erklären konnte, nicht verstand, weil er in seinen engen Grenzen des Verstandesgrübelns keine Anhaltspunkte als Beweise dafür fand.
Sein freier Wille liegt allein in dem Entschlusse, deren er ja stündlich viele fassen kann. Den Folgen aber eines jeden seiner eigenen Entschlüsse ist er in dem selbständigen Weben der Schöpfungsgesetze unbeirrbar unterworfen! Darin liegt seine Verantwortung, die untrennbar verbunden ist mit der Gewährung einer Willensfreiheit im Entschlusse, die dem Menschengeiste untrennbar gegeben eigentümlich ist.
Wo bliebe sonst die göttliche Gerechtigkeit, welche als Stütze, Ausgleich und Erhaltung alles Schöpfungswirkens in der Schöpfung fest verankert ist?
Sie zählt jedoch in ihren Auswirkungen nicht immer nur nach kurzer Spanne eines Erdenseins für einen Menschengeist, sondern es sind dabei ganz andere Bedingungen, wie Leser meiner Botschaft wissen.
Ihr habt mit vielen oberflächlichen Entschlüssen schon oft Unheil über Euch gebracht und zwingt es manchmal über Eure Kinder. Wenn Ihr auch selbst zu träge Euch erwieset, um die Kraft noch aufzubringen, selber zu entscheiden in dem innersten Empfinden, ohne Rücksicht auf Gelerntes, ob auch jedes Wort, welchem Ihr anzuhängen Euch entschlosset, Wahrheit in sich bergen kann, so solltet Ihr die Folgen Eurer Trägheit nicht noch Euren Kindern aufzuzwingen suchen, die Ihr damit in das Unglück stürzt.
Was also auf der einen Seite Geistesträgheit nach sich zieht, bewirkt bei anderen berechnender Verstand.
Durch diese beiden Feinde der geistigen Freiheit im Entschlusse ist die Menschheit nun gebunden bis auf Wenige, welche den Mut noch aufzubringen sich bemühen, diese Bindung in sich zu zersprengen, um selbst wirklich Mensch zu werden, wie es in Befolgung göttlicher Gesetze liegt.
Die göttlichen Gesetze sind in allem wahre Freunde, sind helfende Gnaden aus dem Willen Gottes, der die Wege zu dem Heile damit öffnet jedem, welcher sich darum bemüht.
Es gibt nicht einen einzigen anderen Weg dazu als den, welchen die Gottgesetze in der Schöpfung deutlich zeigen! Die gesamte Schöpfung ist die Sprache Gottes, die zu lesen Ihr Euch ernstlich mühen sollt, und die gar nicht so schwer ist als Ihr es Euch denkt.
Ihr gehört zu dieser Schöpfung als ein Stück von ihr, müßt deshalb mit ihr schwingen, in ihr wirken, von ihr lernend reifen und dabei erkennend immer mehr emporsteigen, von einer Stufe zu der anderen, mitziehend in der Ausstrahlung, um zu veredeln alles, was auf Eurem Wege mit Euch in Berührung kommt.
Es wird sich dann von selbst ein schönes Wunder nach dem anderen um Euch herum entwickeln, die Euch wechselwirkend immer weiter heben.
Lernet in der Schöpfung Euren Weg erkennen, damit wißt Ihr auch den Zweck Eures Seins. Dankender Jubel wird Euch dann erfüllen und das höchste Glück, wessen ein Menschengeist zu tragen fähig ist, welches allein im Gotterkennen liegt!
Glückseligkeit des wahren Gotterkennens aber kann niemals aus angelerntem, blinden Glauben wachsen, noch viel weniger erblühen, sondern überzeugtes Wissen, wissende Überzeugung gibt dem Geiste allein das, was er dazu benötigt.
Ihr Erdenmenschen seid in dieser Schöpfung, um Glückseligkeit zu finden! In der Sprache, welche Gott lebendig zu Euch spricht! Und diese Sprache zu verstehen, sie zu lernen, Gottes Willen darin zu empfinden, das ist Euer Ziel im Wandel durch die Schöpfung. In der Schöpfung selber, zu der Ihr gehört, liegt die Erklärung Eures Daseinszweckes und gleichzeitig auch Erkennung Eures Zieles! Anders könnt Ihr beides niemals finden.
Das verlangt von Euch, daß Ihr die Schöpfung lebet. Leben oder Er leben vermögt Ihr sie jedoch erst dann, wenn Ihr sie wirklich kennt.
Ich schlage Euch mit meiner Botschaft nun das Buch der Schöpfung auf! Die Botschaft zeigt Euch klar die Sprache Gottes in der Schöpfung, die Ihr zu verstehen lernen sollt, damit Ihr sie Euch ganz zu eigen machen könnt.
Stellt Euch einmal ein Menschenkind auf Erden vor, das seinen Vater oder seine Mutter nicht verstehen kann, weil es die Sprache niemals lernte, die sie zu dem Kinde sprechen. Was sollte wohl aus einem solchen Kinde werden?
Es weiß ja gar nicht, was man von ihm will und wird dadurch aus einem Übel in das andere verfallen, sich ein Leid nach dem anderen zuziehen und zuletzt vielleicht für jeden Erdenzweck wie auch für Erdenfreude ganz unbrauchbar sein.
Muß nicht ein jedes Kind für sich allein die Sprache seiner Eltern selbst erlernen, wenn aus ihm etwas werden soll? Niemand kann ihm diese Mühe abnehmen!
Es würde sich sonst nie zurechtfinden, würde nie reifen und nie wirken können auf der Erde, sondern bliebe Hemmnis, Last für andere und müßte zuletzt abgetrennt werden, damit es nicht Schaden bringt.
Erwartet Ihr nun etwas anderes?
Die unvermeidliche Erfüllung einer solchen Pflicht des Kindes habt Ihr selbstverständlich Eurem Gotte gegenüber, dessen Sprache Ihr verstehen lernen müßt, sobald Ihr seine Hilfe wollt. Gott aber spricht zu Euch in seiner Schöpfung. Wenn Ihr darin vorwärts kommen wollt, so müßt Ihr diese seine Sprache erst erkennen. Versäumt Ihr es, so werdet Ihr getrennt von denen, die die Sprache kennen und sich darnach richten, weil Ihr sonst Schaden bringt und Hemmung, ohne daß Ihr vielleicht solches wirklich wollt!
Ihr müßt es also tun! Vergeßt das nicht und sorget dafür, daß es nun geschieht, sonst seid Ihr hilflos allem preisgegeben, was Euch droht.
Meine Botschaft wird Euch treuer Helfer sein!
Etwas für kleine und große Kinder!
Der Strauß.
Von Maria Halseband.
Draußen im Garten blühten die schönsten Sommer-blumen.
„Ich werde einen Strauß schneiden!" dachte die junge Frau oben auf der Terrasse, stand auf und griff nach Handschuhen, Schere und Körbchen.
Sie stieg die breiten Stufen hinunter und stand, in ihrem bunten Sommerkleid selbst wie eine Blume anzuschauen, unter der duftenden Pracht der Blüten. Es summte um die junge Frau herum und die späte Mittagssonne spann goldene Fäden um ihre schlanke Gestalt. Feine Stimmen der atmenden Natur begannen laut zu werden während ihrer Arbeit.
Oft schon hatte die Frau mit offener Seele diesen Stimmen gelauscht, so deutlich wie heute aber waren sie noch nie auf sie eingedrungen. Es war ein heißer Tag gewesen, viel war verwelkt, überall hingen dürre Köpfchen und von allen Seiten schien es zu rufen:
Hier mußt Du schneiden, damit wir weitergedeihen können!"
So schnitt die Frau erst die welken Blumen ab und schaffte Ordnung. Darauf aber sammelte sie den bunten Überfluß der Stauden und Pflanzen in ihrem kleinen Korb, bis dieser sich weigerte noch mehr Blumenfülle aufzunehmen. Reich beladen kehrte sie zu der Terrasse zurück und holte Schalen und Vasen herbei, um die Blumen zu ordnen.
Es war, als seien die Stimmen des Gartens mit den Blumen auf die Terrasse gekommen, denn noch immer raunte es um sie und nun war es gar, als legte sich eine leichte Hand auf die ihre und führte sie mit zartem Druck, auszuwählen unter den auf dem Tische ausgebreiteten Blumen. Wie ein Träumen war es und doch war die junge Frau ganz wach und wußte um ihr Tun. Die Stimmen aber, die ihr gesungen in der schimmernden Pracht des Gartens, wurden lauter und sie klangen wie ein Lobpreisen des Allewigen.
Allmählich trat eine Stimme mehr hervor aus dem zarten Chor der raunenden Lichtfreude und diese sprach:
„Ilia komm! Wir wollen den Strauß Deiner Erdenleben binden!"
„Ich heiße ja gar nicht Ilia!" dachte die junge Frau und wußte doch sogleich, daß dies ihr Name war seit unendlichen Zeiten. Zögernd griff sie in den Blumenstapel und faßte, geleitet von unsichtbarer Hand, eine zartgrüne Blüte.
„Das Leben des Menschen gleichet den Blumen", begann die Stimme wieder zu flüstern, „solange es noch schwingen will in des Herren Willen gleich ihnen, die allein zur Ehre des Allewigen blühen. Wehe dem Menschen, wenn er so tief sinkt, daß ihn der letzte Strahl des Lichtes verlassen muß.
Wir winden den Strauß Deines Lebens, Ilia, der sich zum Kranz schließen möchte. Oft warst Du auf Erden, im Wandel der Jahrtausende, nur einzelne Blumen greifen wir auf, die Sinnbilder sind für Deines Geistes Wandel Beginnen wir!
Reseda hältst Du in Deiner Hand. So warst Du, als Du zuerst zur Erde kamst. Bescheiden und rein, der Duft der Reinheit strömte aus Deinem Herzen. Viel Segen und Freude hast Du damals den Deinen gegeben, zarte Blume.
Akelei! Luftig wie eine Schelle schaukelt die blaßblaue Blüte am Stiel, fröhlich streckt sie ihre Blättchen in die Weite. So hast auch Du gelacht und Deine Hände ausgestreckt, verlangend, suchend, aber doch noch geborgen in der Kraft, in der Du zur Erde kamst. Viele Wünsche, viel lockendes, schimmerndes Leben reizte Dich, Ilia.
Leuchtender Phlox! Er lebt nicht lange, seine Blüten fallen schnell ab. Kurze Leben auf Erden waren Dir gegeben, denn in den Zwischenräumen solltest Du lange Wege machen durch fremde Welten zur Reife des Geistes. Jahrhunderte warst Du der Erde fern.
Weiße Nelke nimm! Zart und schmal wie sie warst Du, aber der starke Duft bedrückte, nicht jeder liebte Dich mehr wie früher, schon lagen die Schicksalsfäden enger um Deinen Weg, aber noch schimmerte Dein Kleid hell; wenn auch schon die Schatten des Kommenden über Dir woben. Ilia, „weißt Du noch, wie schön Du einst warst?“
Träumend nickte die junge Frau und griff wieder in die Blumen.
„Leuchtend rot ist die Salvie,“ fuhr die Stimme fort. Stolz hebt sich ihr Blütenzweig, flammend glüht ihre Farbe hinaus und ruft: „Pflücke mich, daß ich Dich erfreue!“
Ach Ilia, damals begannen wir um Dich zu trauern, denn wir sahen, wie Deine Schönheit sich der Eitelkeit hingab, Du hieltest die Lichtfäden der Reinheit nur noch mit lässigen Händen und griffest lieber nach glänzendem Schmuck und Tand, die erste Trübnis der bitteren Wechselwirkung bereitetest Du Dir selbst in Hochmut und Leichtfertigkeit.
Du zuckst zurück vor der Rankrose, sie blüht mit vielen Geschwistern, aber Mehltau liegt auf ihr, sie gedeiht nicht recht. Sie muß beschnitten und gespritzt werden und kann doch die Krankheit nicht ablegen. Dürftig steht sie da, aber zäh, und sticht mit unzähligen Dornen. Die Schönheit ist verblaßt, Bitterkeit tritt in das Leben, statt bescheidenes Sichbeugen kommt Hadern mit Gott, dem Herrn. Erdenbann hielt Dich, Machthunger trieb Dich, Du gingst dem Dunkel entgegen.
Ja, nimm sie, die stolze Dahlie! Riesengroß ist sie und sie scheint so schön und makellos. Aber biege die Blätter auseinander und Du siehst den Wurm, der sie insgeheim zerstört.
Du schauderst, Ilia! Auch uns ging es so, als wir Dich sahen in Deiner Pracht und Schönheit, aber das Herz erstarrt in Kälte und ist zerfressen von Machtgier und anderen bösen Trieben. Weine, Ilia' über die kommenden Erdentage, leer und lichtlos im Licht gewachsen, starr und abdorrend wie die kleine Strohblume. Wie ein bunter Mantel um einen dürren, unfruchtbaren Leib, so hängen die nutzlosen Leben um den schlafenden Geist in lässigem Vegetieren. Immer wieder angezogen von der Gleichart, ins Erdenleben getrieben, bis endlich der Schmerz, der immer wieder an der versteinten Hülle gerissen, die Lockerung bringt und das erste Sehnen zum Licht erwachte.
Klein mußtest Du nun werden, Ilia. Mußtest denen dienen, die Du früher beherrscht, mußtest Hochmut und Kälte dulden, wo Du einst selbst verletzt hattest und mußtest Deine Liebe denen zuwenden, die Du einst geschmäht und verlacht.
Was bist Du nun alles gewesen: Gänseblümchen, Taubnessel, Lichtnelke, Schaumkraut, Veilchen. Klein und unscheinbar glittest Du durch die Welt, aber das Sehnen nach Reinheit und Licht war in Dir und half Dir weiter. Du sahst den Heiland und wurdest wach im Glauben, sein Bild blieb in Deinem Geiste und es lebt heute noch in Dir zu Deinem Segen.
Noch fehlen die kleinen unscheinbaren Blumen in Deinem Strauß, aber Du wirst sie heute noch dazulegen, Ilia, denn es will der Strauß sich schließen zum Kranz. Viel Liebe ward auf Deinen Lebensweg gestreut, Ilia, Du hast genommen und gegeben, hast Dornen dazwischen gesät und geerntet, alles nach Verdienst, denn des Allewigen Walten kennt keine Ungerechtigkeit.
Gleich den Blumen sind Deine Leben gewesen und doch nicht ihnen gleich geblieben, weil Du eigene Wege gegangen, auf denen Du Deines Schöpfers vergaßest. Du hast gelebt, ohne Gott zu danken für seine Güte. Weißt Du das, Ilia?"
Die junge Frau blickte erschüttert vor sich nieder, was stürmte da alles auf sie ein!
Welcher Blume mag ich wohl jetzt gleichen," dachte sie und sogleich kam Antwort:
„Der Glockenblume und bald sollst Du mit allen Glöckchen das Licht einläuten, das in Dich einziehen will, Ilia!“
„Wird es zu mir kommen?“ fragte selig die Frau.
„Du wirst seinen Schein sehen dürfen, aber suchen und finden mußt Du es allein. Eine Blume fehlt noch in Deinem Strauß, sie ist der Schlüssel zur Ewigkeit für Dich, Ilia.“
„Wie heißt sie?“ wollte die Frau fragen, aber es kam nur noch kurze Antwort:
„Wenn Du die kleinen Blumen hältst, dann denke nach und Du wirst den Schlüssel haben.“
Still ward es um die Frau. Schweigend ordnete sie die Blumen in den Vasen und behielt nur den kleinen Strauß zurück, den sie ausgewählt bei der Stimme Raunen.
Da scholl ein jauchzender Laut aus heller Kinderkehle:
„Mutter!“
Durch die offene Tür stürmten die Zwillinge auf sie zu, erhitzt und voll Freude, die Mützen schief auf den Blondköpfen.
„Da!“ riefen sie voll Eifer, jeder der Erste sein zu wollen und legten ihre halbwelken Sträußchen mit kleinen, dicken Händen in Mutters Schoß. Sie nahm sie auf und blickte auf die Blümchen, es waren Gänseblümchen, Taubnessel, Lichtnelke und Glockenblumen.
„Gelt, das freut Dich!“ rief Gerd und blickte mit lachenden Augen die Mutter an.
„Aber Vater hat noch etwas viel Schöneres!“ unterbrach Achim und da trat auch schon Vater über die Schwelle, ein langes Blumenpaket in der Hand.
„Grete gab sie mir für Dich,“ sagte er nach kurzem Gruß und schlug das Papier auseinander. Ein leuchtender Lilienstengel wie aus Wachs geformt wurde sichtbar.
Da durchzuckte es wie ein Blitz die junge Frau. Die Kinder hatten die fehlenden Blumen gebracht zum Strauß des Lebens, ihr Mann aber gab ihr die Blume, die sie noch erringen mußte, der Reinheit Lichtzeichen.
„Mutter weint!“ sagte plötzlich Gerd und zog sein Mäulchen schief vor Mitleid.
Aber Mutter lächelte unter Tränen und so konnten die Zwillinge auch sogleich wieder unbekümmert weitererzählen von ihrem wunderbaren Besuch bei Tante Grete. Der Mann aber legte den Arm um die Schulter der Frau und sagte leise:
„Also hat Grete doch wieder das Rechte getroffen, als sie mir die Lilie mitgab und sagte, Du müßtest sie heute bekommen. Sie ist ein ganz eigenartiger Mensch und sie hat mir so viel erzählt, das zum Nachdenken zwingt. Wenn die Jungen zu Bett sind, will ich Dir mehr davon erzählen."
Da war es der jungen Frau plötzlich, als hörte sie viele, feine Glocken läuten und es wurde ihr ganz feierlich zu Mut. Ihr war, als dürfe sie auch heute noch den Schein des Lichtes aus der Ferne sehen, nach dem sie sich gesehnt durch so viele lange Erdenleben.
vvv
Is-ma-el als Wegbereiter
für den Geist der Wahrheit
durch die sieben Weltenteile der Schöpfung.
(1. Fortsetzung)
Es schwangen über den Wellen des Atlantos die klingenden Glockenchöre von Servantes, die aus schimmernden Schalen drangen, welche in den Kuppeln des Tempels gerührt wurden. Festliche Weihe verkündeten sie in der Runde. Die Stämme alle wußten, daß Simael, der König, sie rief.
Seine heiligen Gesänge hatte er aus dem Munde eines hohen Geistes empfangen und der Menschheit weiter gegeben zur Verherrlichung des Lichtes.
Sieben Tafeln der Weissagung hatte er erhalten, die das Gedeihen und künftige Geschehen des Reiches darlegten, bis zu der Ankunft des göttlichen Heilandes.
Erzgesetze hatten ihm die hohen Lichter aus heiliger Höhe in den Stoff gesendet, damit er auch im Fleisch wisse, wie der Herr seine ewigen Gesetze lenket und richtet, und wie der Menschengeist zu wandeln hat, daß er ewig gerecht bleibe im Sein.
Es waren die geistigen Marksteine, die unverrückbar fest stehen für das Geschaffene, und die nimmer verloren gehen durften wenn nicht der Menschengeist verloren gehen wollte in Wirrnis.
Es hatte auch der Geist dem hohen Weisen zu Servantes gekündet von der Liebe Gottes, von der Wahrheit und der Reinheit des Lichtes.
Und so hatte Simael die strömenden leuchtenden Kräfte des Lichtes empfangen und war zum Eingeweihten geworden.
Hoch und einsam überragte er die Templer und die stillen Kreise seiner übrigen Diener. Einsam auch überragte er alle Geschlechter der Könige dieses Gestirnes, die ihm Ehre und Liebe erzeigten. Er war der Höchste und auch der Bescheidenste von allen. Er kannte sich nicht und dachte nur an das Wohl seiner Untertanen.
Er liebte nur eines: das Licht!
Einsam hatte er gelebt als Kind, als Jüngling und als reifer Herrscher, er hatte nie außer geistigem Glücke etwas für sich begehrt! Sein Sinn und sein Sein war in die Höhe gewendet, in der Ewigkeit lichtem Glanze allein hatte er geruht und gelebt. Was Simael im Lebens- und Tatkampfe errungen, gelitten und überwunden, das war alles nicht um seinetwillen, sondern um des Herren willen.
Je einsamer und stiller, je abgewandter von eigenem Wünschen und Hoffen er seinen Weg gewandert war, um so schneller und reicher war ihm irdischer Erfolg zugeströmt. Er hatte Fäden des Heils und der Bereitung gesponnen, hatte Erfahrung gesammelt und Verheißung ausgestreut, er hatte Geister herabgerufen und entwickelt zu einem Weltenkreislauf für die Ewigkeitswege des Herrn. Er hatte lichte Fäden aus höchsten Höhen verankert in dem Weltenteile Smyrna.
Simaels Tage waren nur noch gezählt. Er wußte es, und darum läuteten alle Glocken zu Servantes, auf daß alle die kommen möchten, die die weichen, reichen Stimmen aus dem Sphärenklang heiliger Urheimat mahnend in diesen Tönen wiederfanden. Alle die, die mit Simael verbunden waren und sich verbinden wollten für die weiteren Geschehen der Zeit.
Eine geistige Kraftwelle bewegte sich über Smyrna. Es geschahen wunderbare Bewegungen der Wasser und der Gestirne, zu der Zeit. Die Frauen kündeten in Gesängen und Gebeten Weisheiten, die aus höheren Ebenen ihnen zugegangen waren und sich alle auf den Heimgang des Königs und eine neue Zeit bezogen.
Die Fülle der Ernte war segensreicher denn je. Die Früchte der Arbeit vermochten die Menschen kaum noch zu bergen. Reichtum und Fülle bot alle Natur und voll Freude und Dank lebte der Mensch in der Anbetung Gottes.
Zu immer edlerer Kunst wurde der Gesang erhoben. Besonders die Frauen dienten dieser Kunst und der Lust an anmutiger Bewegung. Die Frauen waren wie Edelsteine in der leuchtenden Krone der Schöpfung Smyrna. Sie waren wie Lichttropfen, voll Klarheit und Glanz. Sie trugen aus dem Willen ihres Geistes die Gaben des Höchsten, die da waren: Anmut, Schönheit, Reinheit und Sitte mit besonderer, liebreizender Würde und waren als die Stärksten, mit dem Licht Verbundensten am höchsten geehrt zu Smyrna.
Die Mägdlein wurden nur von den Müttern erzogen und in allem Frauenwissen und Können weise geschult, doch in den Künsten wurden sie nur durch Priesterinnen der Kunst unterrichtet. Die Kunst war ein heiliges Werk, das zu üben Gottesdienst war, und nur jene durften sich dem Tempeldienst verloben, die es vermochten, sich selbst zu vergessen, in der Liebe zu dem Dienst.
»Denn nur diese«, so sprach Simael, »empfangen rein aus der höchsten Vollendung Quell!«
Die silberleuchtenden Glocken zu Servantes läuteten sieben Tage und sieben Nächte lang und es kamen und gingen die Schiffe auf den weiten Fluten der wogenden See. Sie gingen unter dem Schein eines verglühenden Mondes und neue kamen in dem rosensilbernen Glanz der Morgenfrühe.
Sie landeten an den weiten, in Silberlicht getauchten Stufen, und prächtige Teppiche wurden herabgelassen, die die Insassen der Schiffe wie in Matten hinabtrugen.
Den großen, Schwimmvögeln vergleichbaren Schiffen entstiegen unzählige Diener mit schönsten Kostbarkeiten.
Einem Opferzuge glich der Empfang, den Simael seinen Gästen bereiten wollte. Er aber war noch nicht zu sehen. Die Ringe seiner getreuen Diener hielten Wacht. Sie begrüßten die Gäste, die Vornehmen wie die einfachen Kasten und reihten sie in ihre Wohnorte ein.
Sie gaben Gelegenheit zu Aussprache und Erholung, unterwiesen sie in allem Brauch und fragten nach ihrem Begehr.
Sie führten sie durch die Herrlichkeiten der Gärten, in den Tempel und die Paläste und unterwiesen sie in dem Schönen, das sich den Erstaunten bot. Diese durften sich laben und kleiden nach der Gastsitte des Landes und harrten der Stunde, da sie des Königs ansichtig sein durften.
Er aber wartete noch eine Weile. Noch war seine Stunde nicht gekommen. Es rauschte und sang das Meer, und alle die Ewigen, die Webenden, Wirkenden, sie sangen, sie flüsterten über dem Meer:
»Sehet Ihr, was der Herr aller Welten, der König der Könige dem Geiste Is-ma-el für Gnade erweiset! Sehet, wie sich der Kreis seines ersten Wirkens im Stoffe schließt und er der Vollendung naht. Sehet, wie er die leuchtenden Fäden geknüpft, die Smyrna nun mit dem Heiland verbinden. Sehet, wie all seine Diener, seine treuen, von ihm Erhellten fest in seinem Wissen, in seinem Walten wurzeln und den Willen des Herrn tun. So muß es sein. Er hat erfüllt! Treu und wahrhaftig ist er den ersten Weg gegangen in das reine Reich Smyrna.
Er hat das Wissen vom Herrn in Smyrna verankert, daß es auf ewig bleibe. Er hat im Stoff entwickelt, was er im Geiste empfangen. Er hat vollendet!«
Und es geschah ganz Wundersames in dem bewegenden Kosmos um die Sonnenkreise des Atlanta. Sterne tauchten unter und neue kamen, die Wesenhaften woben in die Stofflichkeit gewaltige Geschehen. Es brausten die Führer der kosmischen Elemente und lösten Gewalten über Gewalten aus. Lichtströme von großer Herrlichkeit, feurigen Fackeln gleich, strichen über den Himmel und das Meer. Und es sangen die Sänger von der Weisheit des Simael, der als Zeuge der Größe Gottes solches verheißen hatte.
»Denn Ihr sollt inne werden der Macht Eures Schöpfers!«
Und als der siebente Tag vollendet war, es still ward auf den Wassern und keine neuen Gäste kamen, als das Land gleich einem großen Menschenmeer geworden war, da riefen die Glocken in den Tempel.
Es war für alles Volk zu Atlante ein Großes, wenn sich die Tore des Tempels erschlossen. Denn es hatten sonst nur die Templer und die Diener des Königs und des Tempels Zutritt in den Haupttempel.
Die weiten, in Kreuzesform angelegten Hallen, die eine riesige Mittelkuppel einte, öffneten sich selten der gesamten Menschheit.
Besondere Weihe war es und die Geister waren in freudiger Erwartung. Die prophetischen Sänge hatten vorbereitet. Die lichten Zeichen des Himmels hatten mit weisem Finger bestätigt und in den Kosmos geschrieben, was Stimmen aus der Ewigkeit zu den Ohren der Menschen gebracht:
»Simael, Euer König, hat vollendet! Es freuet sich mit ihm die Schöpfung. Danket und lobsinget dem Herrn, dem er dienet in Ewigkeit. Danket, daß er ihn gesendet, daß er ihn Euch lehren ließ die Weisheit der Schöpfung und das Wissen von Gott. Danket, daß er Euch gebunden an Gottes lichtes Reich für die Zeit und alle Ewigkeit, und daß er Euch verheißet das Licht der Welt, das dereinst auch Smyrna erfüllet mit seiner Gnade und Liebe. Haltet, was Ihr habet, bis daß er kommt!«
Und es geschah, daß sich die Stunde erfüllte.
Unter der leuchtenden Kuppel des Mittelbaues stand Simael, auf erhöhtem Thron. An dessen Stufen der Ring seiner Templer und alle, die zunächst um den König waren. Auch die Frauen.
Der schimmernde Saal war erfüllt von der Weihe der Stunde und von einer ergriffenen Menge. Die fremden Gäste knieten auf Kissen; in der ersten Reihe die Ältesten und Könige, die hohen Würdenträger und Weisen der Inselreiche, dann kam das übrige Volk.
Ein wundervolles, farbenleuchtendes Bild breitete sich wie ein Teppich zu Füßen des Königs Simael. Die Chöre der Tempeldiener klangen rauschend empor. Schweigend lauschte die Menschheit.
Weihedüfte stiegen in das Licht der sich wandelnden Kuppelfarben, rosig glühte es, dann blau, dann violett, dann grün und gelb in wunderbar lichtem Glanz. Lichtkreis um Lichtkreis stieg schwingend und klingend von oben hinab und umschlang die Menschen.
Ein Ton schwang in dem Tempel, der gar wundersam und weihevoll paßte zu dem ersten Worte, das aus dem Mund des Königs kam:
»Wisset von der Heiligkeit Gottes, Ihr Menschen! Wisset von dem Heil dieser Stunde und dem heiligen Ort dieses Tempels. Wisset, ich gehe von Euch, und ich darf Euch künden von ihm, der nach mir kommen wird und der doch lange war, bevor ich war. Er ist der Anfang und das Ende. Er ist der Kommende. Haltet, was er Euch gegeben, was ich Euch brachte aus ihm, in seinem Namen, und höret alles, was ich Euch heute sage!«
Und Simael kündete ihnen seine Gesetze. Er berief und weihte Sima, den jungen König, als seinen Nachfolger. Dann gab er ihnen die heiligen Gesetze des Lichtes kund.
Aber nicht alle. Denn sie mußten zum größten Teile bewahrt bleiben unter den Templern. Dann rief er noch aus der Schar seiner ersten Knappen einen neuen Templer auf, der an Stelle Simas treten sollte. Sima ward König. Simael nahm den Reif mit dem goldenschimmernden Stein von seinem Haupte und setzte ihn auf das Haupt des blonden Mannes:
»Wisse, daß Dir mit diesem Ringe eine große Aufgabe übertragen ist, die Dich auf ewig dem Kreise der Schöpfung verbindet!«
Es war das Ende der stofflichen Handlung, die Simael zu verrichten hatte. Nun hob sich sein Geist nach oben.
Es strömte Licht herab. Überirdisch helles Licht sogar für Smyrna, die leuchtende Welt.
Die Tempelchöre sangen überirdisch schön. Düfte breiteten sich und Blumen fielen herab von den Seitenhallen.
Die lichtesten Glocken läuteten auf den Kuppeln der Nebentempel. Ihr Singen mischte sich wundersam in den Klang der überirdischen Tempelchöre.
Simael blickte nach oben. Sein Auge schimmerte verklärt, es war, als spiegelte sich ein Strahl überirdischer Herrlichkeit in ihm und er sprach:
»Ich habe es vollbracht! Ja, Herr, ich komme bald! Ich, Is-ma-el, trete ein in meinen angelobten Dienst im Gral.
Ich habe den ersten Stein in den Ring meines Schöpfungskreislaufes gefügt. Dir will ich den Ring weihen, im Wandel der Zeit und in der Ewigkeit. Allmutter Elisabeth, ich bin bereit!«
Damit entfloh Is-ma-el der Stoffes-Hülle: Simael, König von Atlante. -
Der Geist Is-ma-el hatte sich aus der Stoffes-Hülle des Königs Simael von Atlante erhoben und schwebte über dem Gestirne wie eine lichte Wolke, in die feinere Stofflichkeit überstrahlend und sich dem Geiststrome aus Patmos anheimgebend, der sich nach oben bewegte wie eine Ebbe des Meeres, die zurückflutet von stofflichem Gestade.
Es war, als würde alles um die Stofflichkeit des Weltenteiles Smyrna um einen lichten Schatten matter. Die Gestirne wie ihre farbige Ausstrahlung. Es floß geruhig im Zeitmaß dahin im urkreisenden Rhythmus des Werdens und Vergehens. Stille, Kühle, Blässe, lag eine Weile wie Schlaf über Smyrna.
So fühlte die Natur in dieser zarten Stofflichkeit, so erlebten die Wesenhaften die Heimkehr von der Stofflichkeit aus.
Eine kühle, feine Blässe und leise Mattigkeit, wie der erste Herbsttag nach heißen Hochsommertagen voll goldener Ährenglut, so lag der Weltenteil Smyrna in ruhig mattem Trauerschlaf und es weinte die Natur um das hohe Licht des Geschaffenen, das ihr Leuchte und Wärme und Leben war. Und dennoch war auch wieder Freude in dem Vermissen, Freude, die die Wesenhaften in die stillen, silbermatten Schleier flochten, weil Is-ma-el, der Geist, vollendet hatte.
Sie bauten und stützten die Brücken, die von oben die herrlichen Lichtfluten aus Patmos empfingen, auf denen der Geschaffene emportauchte in die Sphäre seines Ursprungs. Sein Geist war in dem Zustand des Überganges wie eine geöffnete Blume, lichtlodernd und kristallen klar.
Und um ihn breiteten sich die immer mehr lösenden Ringe, Hülle um Hülle fiel und die Bilder der Gedanken höchsten Willens spiegelten sich Begriffe formend um den zur alten, ureigensten Weisheit zurückfindenden Geist.
Er tauchte in die Paradiesesgärten, durchdrang Tor um Tor, Stufe über Stufe durcheilend, bis in den Glanz der Heimat des Stammes Isma. Hier flutete es wie Gleichart und es breiteten sich Arme, die Kinderarmen ähnlich waren, die den Vater empfingen.
Aber er floß auch durch diese Stufe des Lichtes, wie eine fließende Flamme, strahlend hell und in zehrend weißgoldenem Glanz alles überragend an Bewegung, Leuchtkraft und Hitze.
Auf selber Höhe wie Patmos, dazugehörig und dennoch für sich selbst bestehend, schwebte die Insel des ewig Weiblichen in den blauen Fluten an der Urschöpfung Grenze. Lichtbrücken und Ströme fanden von ihr hinüber zu der Insel Patmos. Auf ihnen flochten die reingeistig-wesenhaften Ströme Verbindung zwischen Mann und Weib. Heiliges Mysterium im Einswerden der Vollendung vollziehend und wieder lösend, nach Gottes Gesetzeserfüllung.
Also war dereinst nach dem Schöpfungswillen der Same der Geistkörner ausgestreut, deren Urvater Is-ma-el war, die Ismani.
Heiliges Geheimnis des Werdens ruhet in den Sphären dieses höchsten Paradiesespunktes, davon der Menschengeist ausgegangen.
„Atham! Ewha! „
Die Worte des Gotteswillens schwangen im Kreislauf alles Geschehens.
Is-ma-el durchfloß auch diese Stufen. Die Gotteskraft der Liebe umhüllte seinen Geist und das Wort sandte einen leuchtenden Lichttropfen in seine Flamme. Davon ward ihm reiner Weisheit Kraft bewußt.
Er ging damit ein in den Kreis der weisen Väter, von dem er ausgegangen war.
Lichtflut auf Lichtflut gab ihm Anpassung und Kraft für seine Eingliederung in den Kreis der Diener Gottes. War er im Schwingen des Seins auch für den Zeitraum der Schöpfungsfahrt mit dem Ursprung vereint, mußte er dennoch als bewußt seiender Geist aus der Mission rückkehrend wieder neu zu eigentlichem Sein erwachen. Denn ganz bewußt seiend ist er nur im Ursprung und vereint mit der Gleichart
Und es geschah eine heilige Lichtstunde, da der Herr seinen Auserwählten rief. -
Wie zu Patmos die schwingenden Strahlen in wundersamen Farbenakkorden abwechselnd ertönen, so auch auf gleicher Höhe der Insel, wo auf höchstem, Patmos um eine Stufe noch überragendem Punkte, und dennoch dem Ursprunge dieser Insel gehörend, das ewig empfangende, geistgeschaffene Weib seine Verbindungsströme mit der positiven Kraft der ewigen Väter eint.
Es ist ein Strahlungsweben und ewiges Erfüllen, das Menschengeist im Stoffe nicht in seiner reinen Höhe erfassen kann. Hier ist auch die Verbindungs- und Empfangs-bereitschaft mit den hohen, urgeschaffenen Wesenheiten am reinsten und stärksten, weil noch zunächst lebendig.
Hier schwingen sich auf lichtstrahlenden Brücken die beflügelten, gefiederten Frauen der Insel der dienenden Liebe hinab und geben von ihrer wesenhaften Kraft dem reingeistig empfangenden Gefäß auch noch die Urkräfte der Mütterlichkeit.
Unendlich auswirkend in die Schöpfung sind diese Kräfte, die das Weibliche weitergibt in den Menschengeist.
Es ist das menschengeistgeschaffene Positive und Negative vollkommen vereint in Ismaniela mit Is-ma-el. Weitstrahlend wie ein Stern glüht die Kraft des ewig Weiblichen aus ihrem Haupte. Einer lichten Flamme von blaulichtem Glanz erfüllt gleichet die Eigenart ihres Wesens, die wie ein Gefäß aufzunehmen bestimmt ist, was Geistgeschaffenes aus Urgeschaffenem zu empfangen vermag.
Ihr Wirken ist nur noch strahlendes Wollen, ewiges Weitergeben im Dienste des Herrn, und aus dem aussendenden Wollen dieses Gefäßes kam der Ursame der Geister Ismani, zum anderen weiblichen Teile.
Die ewig weiter wirkenden Kräfte sind gestaltet in der Kraft der Flamme als Weib, nach dem Ebenbilde der Ewha, im reingeistigen Teil des Paradieses.
Es schwingen auf dem höchsten Punkte dieser Insel unbeschreiblich hohe Geistkräfte in den heiligen Namen verankert. Es ist dort der Ort des Gebetes, des Sichgebens in die Namen
Imanuel Maria Irmingard
(Fortsetzung folgt.)
Fragen - Beantwortung
durch Abd-ru-shin.
Frage: Schon oft las ich in Zeitungen von Menschen mit Röntgenaugen. Über den Vorgang konnte ich nie klar werden, habe auch nie Gelegenheit gehabt, darüber Genaueres zu hören, aber ich kann mir vorstellen, daß ein Mensch, der wirklich eine solche Fähigkeit besitzt, viel feiner empfindend sein wird als irgend ein angefertigtes Instrument. Ist es möglich, darüber eine eingehende Aufklärung zu erhalten?
Antwort: Die Tatsache solcher Fähigkeiten ist durch die Zeitungen schon sehr bekannt und wird auch nicht mehr bestritten, weil sie nicht gut wegzuleugnen geht. Es haben sich damit auch Ärzte schon befaßt, um dieses an sich noch geheimnisvoll erscheinende Vorkommen zu ergründen und dann zur Hilfe für die Menschheit zu verwenden.
Die Forschungen haben jedoch noch keinen genügend festen Boden erhalten, um als feststehendes Wissen betrachtet und verwendet zu werden. Und dieser feste Boden in bisher üblichem Sinne der Wissenschaft wird darin auch niemals geschaffen werden können; denn diese an sich schon sehr seltenen Fähigkeiten sind bei den einzelnen Menschen so verschiedener Arten, daß sie gar nicht einheitlich betrachtet werden können.
Wenn Sie fünf Menschen zusammenbringen, die solcherart begabt sind, so werden Sie finden, daß jeder einzelne davon in einer für sich alleinstehenden Art wirkt, mehr oder weniger klar und durchaus nicht immer dasselbe »sehend« wie die anderen. Da spricht zu sehr die jeweilige Eigenart des Begabten mit, wie auch sein Bildungsgrad die Ausdrucksweise formt und sogar das »Sehen« stark beeinträchtigt.
Je weniger ein solcher Mensch sich durch Studium bestimmte Kenntnisse erworben hat, desto unbeeinflußter, also sicherer und klarer wird er eine derartige Gabe verwenden können, sonst schieben sich ihm ganz unbewußt erworbene Anschauungsformen mit dazwischen, die das tatsächliche Krankheitsbild dann anders erscheinen lassen.
Nach der anderen Seite hin aber kann es vorkommen, daß ein durch Erlerntes unbeeinflußter Mensch das Krankheitsbild wohl richtig und unverbogen sieht, aber sich nicht so auszudrücken vermag, um es richtig wiederzugeben.
Beides hat also Nachteile, die eine genaue Wiedergabe oft verhindert und dadurch sogar Gefahren bringen kann, wenn man sich bedenkenlos derartigen Dingen überläßt.
Das beste ist, wenn hierbei Fähigkeit und Wissenschaft zusammenwirken, natürlich nicht in einer Person, Wenn also ein Arzt einem derartig befähigten Menschen zur Seite steht, dessen Schilderungen des Krankheitsbildes er mit der Zeit genau verstehen lernt und dann sein Wissen und seine Erfahrungen beifügt in der Durchführung der Hilfe.
Dadurch kann ein sehr segensreiches Wirken daraus erstehen. Ohne sorgfältige Nachprüfung eines durch Fähigkeit »gesehenen« Krankheitsbildes ist es aber nicht anzuraten, sich ohne weiteres bedingungslos darauf zu verlassen.
Wie überall gibt es natürlich auch hierin Ausnahmen, die jedoch sehr selten sind. Man möchte diese Ausnahmen besonders starker Fähigkeiten nicht nur Begabte, sondern vielmehr Begnadete nennen. Diese werden aber nie versäumen, die Hinzuziehung eines Arztes anzuraten, der das geschaute Krankheitsbild bei seinem Wirken mit in Betracht zieht.
Falsch wäre es natürlich auch von einem Arzte, derartige außergewöhnliche Hilfen aus irgend einem Vorurteile heraus abzulehnen. Das wird aber ein Arzt, der »von innen heraus« Arzt ist und den Menschen in erster Linie helfen will, niemals tun,
Nun kommt noch etwas hinzu:
Solche Befähigungen oder Gaben können bei den Menschen auftauchen und nach einiger Zeit einfach wieder verschwinden! Das hängt wie so vieles eng zusammen mit der Verschiebung der Blutzusammensetzung; denn nur eine ganz bestimmte Ausstrahlung des Blutes führt das »Schauen mit dem Geistesauge« herbei, wie man die plötzlich erscheinende Fähigkeit der Röntgenaugen nennen kann.
Sogenannte Röntgenaugen sind nicht die Augen des Erdenkörpers, sondern es sind, bildlich ausgedrückt, die Augen der Seele, die erst einen Weg gebahnt erhalten müssen, um solche Dinge schauen zu können. Und dazu dient die Ausstrahlung einer ganz bestimmten Art der Blutzusammensetzung, die sich bilden und dann auch wieder einmal verändern kann. Damit ersteht und verschwindet gleichzeitig die so oft bestaunte Fähigkeit. Darin liegt auch die eigentliche Erklärung!
Es ist ja doch genug bekannt, daß auch ganz bedeutende Medien plötzlich ihre hervorragenden Fähigkeiten verlieren, oder daß diese geschwächt werden, ohne daß bisher ein Grund dafür gefunden wurde.
Wo dies vorkommt, hat sich lediglich die Zusammensetzung des Blutes irgendwie verändert und damit auch dessen Ausstrahlung. Und in der Art der Blutausstrahlung ganz allein ruht jede mediale Fähigkeit, deren Verschiedenheiten wiederum durch die verschiedenartigen Brücken kommen, welche die jeweiligen Blutausstrahlungen bilden.
Der Schlüssel zu allen diesen Dingen ist also das Blut! Es ist aber nicht nur eine ganz bestimmte Blutzusammensetzung als mediale Fähigkeiten bringend zu nennen, sondern es besteht lediglich eine bestimmte Grundart mit vielen Abzweigungen, die feinste, vielleicht manchmal kaum erkennbare Unterschiede haben.
Es wird noch einmal ein ganz besonderes, aber für die Menschheitshilfe bedeutendstes Wissen werden, das Wissen von den Wirkungen der Blutausstrahlungen, und das Wissen von der Möglichkeit einer gewollten Veränderung dieser Ausstrahlungen. Darin liegt alles Irdische für den Menschen! Seine körperliche Gesundheit und volle Entfaltung seines Geistes auf Erden. Es ist die wichtigste irdische Hilfe, welche gegeben werden kann, die alles umfaßt und Glück und Frieden in sich birgt.
Heute kann mit Recht von dem so oft gebrauchten Ausdrucke »vergiftetes Blut« gesprochen werden; denn es ist tatsächlich auch der Fall, nur anders, als wie es sich die Menschen dabei denken.
Die Brücke zu allem, so auch zu den überragenden Fähigkeiten ist also die Ausstrahlung des Blutes! Ich muß darin noch viele Wege zeigen, um ein ganzes Bild zu schaffen von der ungeheueren Bedeutung dieses bisher unerkannten Arbeitsfeldes, das sich nun bald öffnen wird den Menschen, die bemüht sind, um des Helfens willen die bisherigen Geheimnisse der Schöpfung zu erforschen, um dann wirklich dienend sich in neuem Wissen zu betätigen, nicht aber, um sich einen »Namen« damit zu erringen.
Auf eins möchte ich dabei noch besonders hinweisen: Mit dem sogenannten Auge der Seele wird in den meisten Fällen die feinere Strahlung der Krankheit erkannt, nicht nur die körperlich sichtbare. Diese letztere, die dem Arzte sichtbar wird, also dem körperlichen Auge, spielt dabei nur eine Nebenrolle, wenn sie überhaupt gesehen wird. Aber gerade diese feinere Art der Schauung ist das wertvollere und wichtigere; denn sie erkennt damit den Herd einer Krankheit, den eigentlichen Ausgangspunkt, der wie alles andere in seinen Strahlungen besteht und die dem Erdenauge sichtbar werdenden Auswirkungen erst hervorruft.
Darin liegt der Vorzug und die größere Bedeutung der Benutzung solcher »Schauungen«, und wenn einem derart Begnadeten dazu noch gegeben ist, ebenfalls wieder durch Ausstrahlung seines Blutes Verbindung suchend auch »empfinden« zu können, was in diesem oder jenem Falle zur Heilung dienen kann oder doch wenigstens zur Linderung verhilft, so ist das eine Gnade, die kaum abzuschätzen ist und tatsächlich Wunder wirken kann.
Da aber die meisten Menschen von heute immer nur ihren Vorteil zu suchen gewöhnt sind und dementsprechend auch alles bei anderen so betrachten, da viele von ihren Nebenmenschen immer nur das Schlechteste annehmen, was allerdings nur ein Widerhall des eigenen Inneren ist und es ihnen unmöglich macht, an ideal denkende Menschen zu glauben, so ziehen sich also Begabte scheu zurück, weil ihnen selbst die Gabe dieses Helfenkönnens viel zu heilig ist, ihr Wollen viel zu rein, um es Beschmutzungen auszusetzen.
Dagegen ist es aber auch nicht anzunehmen, daß ein Wirken solcher Art völlig umsonst gegeben werden soll; denn nicht jeder derartig Begabte ist gleichzeitig auch mit Gütern so gesegnet, daß er sich ohne Gegenleistung solche Hilfen dauernd leisten kann. Andere Ansichten darüber sind krankhaft, ungerecht und anmaßend.
Daß es aber auch Menschen gibt, die solche vielversprechende Gebiete ausnützend unsaubere Geschäfte darin zu machen suchen, also für Bezahlungen nicht den rechten Gegenwert geben oder vielleicht auch gar keinen, deshalb darf man das Echte nicht herabziehen. Wo ist überhaupt ein Gebiet menschlicher Betätigung, auf dem derartige Auswüchse nicht vorhanden sind? Da sucht man wohl vergebens.
Aus allen diesen Beweggründen heraus ist es verständlich, daß sich so mancher wirklich Begnadete, der großen Segen bringen könnte, mit seinen Fähigkeiten zurückhält und die Hilfe den Menschen nicht zukommen läßt.
Doch in der Frage liegt sicherlich, wenn auch nicht direkt ausgesprochen, noch der Wunsch zu hören, ob es empfehlenswert ist, derartige Fähigkeiten zu benützen, wenn sich Gelegenheit dazu bietet.
Wenn es in einer Weise aufgenommen wird, wie ich bereits erklärte, so ist es ohne Zweifel anzuraten; denn es gibt doch jedem Menschen große Beruhigung, einmal von solcher Seite aus zu wissen, wie der Zustand seines Körpers ist. So manches ist dabei gefunden worden, was sehr nötig war zu wissen, und so manches Übel konnte dadurch schon im Anfange ganz leicht behoben werden, was sich späterhin vielleicht sehr schädlich hätte auswirken können.
Es ist hierbei wie bei vielen Dingen im Menschenleben. Oft geht der Mensch an Gelegenheiten vorüber, ohne sie für sich zu nützen, und sehnt sich später darnach zurück, wenn er sie nicht mehr hat. Wie ein unbestimmter Druck bleibt der Gedanke auf ihm lasten, etwas versäumt zu haben.
Buchbesprechung:
»Im Lichte der Wahrheit.«
Gralsbotschaft von Abd-ru-shin.
Nachfolgende Zeilen sind weniger eine Buchbesprechung, sondern mehr ein Bekenntnis, zu dem es wohl jeden ernsten Leser nach dem Studium dieses Buches zwingt. »Besprechen« im üblichen Sinne läßt sich ein derartiges Werk nicht. Deshalb sei folgendes darüber gesagt:
Als der Gottessohn Jesus vor Pilatus stand, und die Masse des jüdischen Volkes aus einem dunklen Instinkt des Hasses gegen den Lichtbringer seine Vernichtung forderte, während der römische Statthalter Jesus vor der irdischen Verurteilung schützen wollte, entrang sich des Pilatus Munde das Wort: »Was ist Wahrheit?«
Und »Was ist Wahrheit?« klingt als Ruf und Frage durch alle Zeiten der Menschen. Jeder aber sucht ihr, der Wahrheit, nahe zu kommen nach seiner Art und Einstellung: der Wissenschaftler durch Erkenntnisse seiner Wissenschaft, der Techniker durch Beherrschung der Naturkräfte, der Philosoph durch spekulative Gedankensysteme, andere durch Glauben an ein kirchliches Dogma - - alle aber werden, wenn sie ehrlich sind, an die Grenze ihres Forschens stoßen - - wieder mit dem römischen Ausspruch: »Ignoramus, ignorabimus,« wir wissen nichts, wir werden nichts wissen - - eine resignierte Erkenntnis, die durch die Beengtheit des irdischen Verstandes bedingt ist.
Kann aber damit aller Weisheit und aller Sehnsucht letztes Ziel gefunden sein? Nein, und abermals nein! Schon die Bibel - das Alte und das Neue Testament - nennen wir nur die Bergpredigt wie überhaupt das Leben Jesus - hätten den Menschen Erkenntnis und Befriedigung bringen können.
Aber wer kann heute noch die Worte der Heiligen Schrift richtig lesen und sie richtig erfassen? Jeder Kirchenlehrer deutet sie anders, jeder Übersetzer aus dem Urtext gab ihr anderen Sinn, ganz abgesehen davon, daß die Evangelien erst Jahrhunderte nach Christi Erdenwirken niedergeschrieben wurden und so dem Einlaß von Irrtümern der menschlichen Erinnerung und Phantasie offenstanden.
Da ist uns jetzt ein neues Buch geschenkt; eine »Botschaft Im Lichte der Wahrheit.«
Was gibt uns das Buch? Um es kurz zu sagen: eine in einfachsten Worten und Gedankenbildern gehaltene Zusammenfassung alter Schöpfungs- Geschehnisse, Schöpfungs-Erkenntnisse und Schöpfungsgesetze, wie sie in der Bibel auch enthalten sind, aber aus mannigfachen Gründen nicht verstanden werden können.
Denn das ist das Schöne, Beglückende an der »Botschaft«, die unkomplizierte Sprache, die Rückführung aller weitgespannten Gedanken auf die einfachste Form, der lückenlose Zusammenhang von der primitivsten, uns geläufigen Lebensnorm bis zur Vorstellung der großen Geschehnisse im kosmischen Reich, in den weiten, geistigen Ebenen der Schöpfung.
Wer aber solches mit suchendem Wollen unter Ausschaltung jeder Voreingenommenheit liest, und von Stufe zu Stufe aufnimmt, wird sich einen Vorrat von Kraft und Erkenntnis schaffen, der einem tiefen, tiefen See gleicht, in welchem die Fragen, die man hineinwirft, wie Steine immer weitere und größere Wellenkreise ziehen und schier Unerschöpfliches aus dem Born des Schöpfungswissens holen.
In den immer dunkler und schwerer werdenden Zeiten, denen wir sichtbar entgegentreiben, wird ein solcher Born das einzige bleibende Hilfsmittel sein, allen Geschehnissen als Überwinder gegenüber zu treten und
vor der Allgewalt der letzten Entscheidungen zu bestehen.
Dr. A. F.
Mitteilungen an die Leser:
Es sind auf Grund des in dem ersten Heft erschienenen Artikels »Das Blutgeheimnis« von Abd-ru-shin einige Anfragen eingegangen, die näheren Bescheid über weitere Arbeiten des Verfassers erbitten. An Stelle von Einzelantworten weisen wir hier auf das Hauptwerk Abd-ru-shins hin: »Im Lichte der Wahrheit«, worüber uns einige Schreiben von Lesern dieses Buches zur Einsicht gegeben wurden.
Aus dem Inhalte dieser Schreiben geben wir nachfolgende kurze
Auszüge:
O.K. (Schweiz) Je mehr wir, meine Frau und ich, uns in die Botschaft vertiefen, um so klarer wird unser Weg. Es ist nur Dank, der mich heute schreiben läßt. Die Gewißheit, die Wegleitung zum Lichte empfangen zu haben, stimmt mich freudig, erlebe ich doch mit jedem Tage immer wieder neu, daß ich mit diesem Werke die Wahrheit in den Händen halte
A. W. (Schweiz): Nur danken möchte ich Ihnen, von ganzem Herzen danken für das große Geschenk, daß Sie uns durch Ihre Botschaft gegeben haben. Ich kann Ihnen das große Glück, das ich dadurch empfand nicht beschreiben, so groß, so klar und so licht ist mir alles geworden, und so glücklich bin ich dabei!
Ch. F., Amsterdam: Nie werden wir genug danken können für das große Glück:, daß die Botschaft Abd-ru-shins in unsere Hände kam. Der Hörerkreis wird immer größer, wenn wir unsere Vorlesungen daraus halten. Dankbar sind die Menschen uns dafür und haben Sehnsucht, das ganze Werk in holländischer Sprache bald erhalten zu können .
L. H., Berlin: Meine innere Freude und Empfindung nach dem Lesen der Botschaft kann ich mit Worten nicht beschreiben. Die unschätzbaren Werte bringen mir ein neues Leben .
C. St., Wiesbaden: Durch Ihre Botschaft, die Sie der Menschheit zum Aufbau des geistigen Lebens verkünden, drängt es mich, ein brauchbarer Mensch zu werden. Sie pocht andauernd und spornt an; denn vorher hatte ich noch nie so klar und einleuchtend über das Schöpfungswissen gehört . .
M. St., Schwerin: Ein übermächtiges Verlangen, vor Ihnen meine Seele auszubreiten, gibt mir den Mut, mich an Sie zu wenden. Ich muß Ihnen sagen, was Sie mir mit der Botschaft gegeben. Wie eine Offenbarung habe ich sie aufgenommen und alles darin gefunden, wonach ich bisher vergebens gesucht und mich gesehnt hatte. Ein jubelnder Dank ist in mir für das unfaßbare Gottesgeschenk, das Sie mir damit brachten
A. L., Innsbruck: Durch die Gralsbotschaft ist meine Tochter wieder zu neuem Leben erwacht, was auch für mich als Mutter ein großes Glück bedeutet
M. St., Wien Sie haben mein Leben gerettet! Das ist nicht zuviel gesagt; denn ich hatte die Absicht, es von mir zu werfen. Da fand ich Ihre Botschaft und lebe! Lebe wie neu geboren. Dankbar, zufrieden und glücklich trotz aller leiblichen Not, die ich nun freudig überwinden werde
I. V., Budapest: Ich muß Ihnen danken. Mehr als zehn Jahre war ich von Gott abgewendet, durch Ihre Botschaft fand ich meinen Glauben wieder und ich bin so froh
J. R., Straßburg: Meine Unbescheidenheit sei mir verziehen, wenn ich mir erlaube zu schreiben, aber es geschieht aus tief empfundenem Dank für all die Gnade, Hilfe und Kraft, die mir immer wieder wird aus der Botschaft Abd-ru-shins
Cl. R., Paris: In der Botschaft Abd-ru-shins fand ich mein Glück. Es ist darin alles so wunderbar, mein innerstes Empfinden wußte sofort, daß in den Worten Wahrheit liegt, daß sie die Wahrheit sind
H. H., Lodz (Polen)Ich fand den Frieden und fühle den Segen, der aus Ihrer Botschaft strömt.
E. Sch. (Canada). Es ist eigentlich erstaunlich, daß dieses herrliche Werk nicht schon viel weiter verbreitet ist, gibt es hier in Canada noch viele Leser? Ich möchte gerne mit Gleichgesinnten in Verbindung kommen.
E. M., Addis Abeba: Während des ganzen Krieges war mir die Botschaft ein treuer Begleiter und ich erwarte sie jetzt wieder mit Sehnsucht mit meinem Gepäck .
L. N. am Amazonas: Ich bin so froh, daß ich das wertvolle Buch Abd-ru-shins bei meinem Besuche in Sao Paulo fand. Es hilft mir viel bei meiner Arbeit als Arzt hier mitten unter Indianern, in dieser Abgeschiedenheit .
J. S. da S., Rio de Janeiro: Ich schreibe diese Zeilen aus großer Freude! Seit dem Tage, da ich Ihr Wort zu Gesicht bekam, hat sich mein Herz weit geöffnet . . . (sinngemäße Übersetzung.)
L. V“ Sao Paulo:......Nur immer jubeln möchte ich trotz aller Erdensorgen, seit ich Ihre Botschaft fand. Dank, innigen Dank für jedes Wort, das darin niedergelegt ist für alle, die zu rechtem Menschentum erwachen wollen, um darin Gott zu ehren. . . . . .
H. K., Porto Alegre:. . ..Wie klein wird der Mensch bei dem Erkennen des gewaltigen Schöpfungswerkes, und doch wiederum wie glücklich über das Wissen der Auswirkungen des menschlichen Tuns darin, was Sie in Ihrer Botschaft klar und einfach geben. Es kann ja gar nicht anders sein und nun weiß jeder Wahrheitssucher, wie er seinen Weg zu gehen hat, um aufwärts zu gelangen. . . . .
K. Z., Calcutta: . . . Ich bin so dankbar, daß ich die Botschaft habe, und fühle eine ungeheuere Kraft in mir. In meiner Freude möchte ich allen Menschen davon mitteilen, um auch diese teilhaftig daran werden zu lassen. . . . .
E. B., Lagos (Nigeria). . . Von meiner letzten Europareise nahm ich mir Ihre Botschaft mit nach Afrika zurück und habe das Buch nun schon mehr als einmal gründlich durchgelesen. Ich fühle mich sehr glücklich, daß ich dieses Buch besitze; denn es hat mir schon auf eine ganze Anzahl stiller Fragen Antwort gegeben und verschiedene Begebenheiten, die mir bis jetzt unwahrscheinlich oder unmöglich erschienen sind, auf ganz einfache Weise erklärt. Mit Ungeduld habe ich deshalb auf Ihren zweiten Band »Nachklänge zur Gralsbotschaft« gewartet, den ich nun heute erhielt . . . . .
V. B., Prag. . . .Seit ich das Buch »Im Lichte der Wahrheit« besitze, kann ich nur sagen, daß ich restlos glücklich bin! Und mit jedesmaligem Lesen gibt es mir wieder etwas Neues, Herrliches, als wäre es darin nie zu erschöpfen . . . . .
Dies sind nur einige der fast zahllosen Zuschriften, die dieses Werk zur Folge hatte.
Dadurch erübrigen sich weitere Angaben. Der Verlag ist aber bereit, für die Leser die Lieferung dieses Buches zu vermitteln oder weitere Auskünfte zu erteilen.
Die in diesem Hefte erscheinende Fragenbeantwortung Abd-ru-shins hat uns zu dem Entschluß gebracht, den Lesern die Möglichkeit zu schaffen, ihren Gesundheitszustand einmal durch »Röntgenaugen« geschaut zu sehen.
So suchten wir eine Verbindung, die wir für bewährt halten können, da uns die Kenntnis vieler Dankschreiben die Überzeugung gab, daß es sich hierbei um besonders wertvolle Berichte handelt.
Der Leser, welcher eine derartige »Durchschauung« wünscht, braucht nur sein Bild zu senden mit dem Wunsche, was er wissen will. Die Aufnahme muß jedoch während der bestehenden Krankheit erfolgt sein, wenn möglich ganz neu. Amateuraufnahme genügt, wenn sie deutlich erkennbar ist. Schw. Fr. 1.50 ist für Unkostendeckung beizufügen.
Wir geben die Anfragen sofort weiter. Die Antwort kommt dann mit Rücksendung des Bildes direkt von dem Schweizer Kurhause, mit dem wir zu diesem Zwecke in Verbindung traten, an den Fragenden zurück. Der Leser kann dann Vergleiche ziehen mit dem Ausspruch seines Arztes. Weitere Kosten entstehen nicht. Es würde uns aber freuen, wenn wir dann später eine Nachricht erhalten über den Erfolg.
Dieser Vorzug soll auch der Familie des Lesers und deren Freunden eingeräumt werden.
Wir wollen alles tun, um die Leser mit neuen Dingen bekannt zu machen, um sie selbst prüfen zu lassen und erbitten weitere Anregungen, die wir gern erfüllen, so weit es im Rahmen des gesetzlich Erlaubten geschehen kann.
So wird sich mit der Zeit ein reges Zusammenwirken des Verlages mit den Lesern entwickeln.
VERLAGS -A..-G, »DIE STIMME«
Zürich- 7, Drusbergstraße 17
Telephon: 46575 Postscheckkonto: VIII.-5345
Inhalt
Seite
1. Inhalt und Form. Von Herbert Vollmann. 4
2. Tugend. Von Charlotte von Troeltsch. 9
3. Das Kreuz Von Hermann Wenng. 13
4. Ausblicke. Von Hermann Lohr. 22
5. Du fragst so oft: Warum? Von August Manz. 28
6. Die Sprache des Herrn. Von Abd-ru-shin. 40
7. Der Strauß. Von Maria Halseband. 45
8. Is-ma-el als Wegbereiter für den Geist der Wahrheit
durch die sieben Weltenteile der Schöpfung Fortsetzung) 50
9. Fragenbeantwortung. Von Abd-ru-shin
»Röntgenaugen« 59
10 Buchbesprechung. 64
11. Mitteilungen an die Leser. 66
Herausgeber: Verlags A.-G. „Die Stimme”, Zürich, Drusbergstraße 17.
Verantwortlich: Für die einzelnen Artikel und Mitteilungen die
Verfasser. Für den übrigen Teil: Herr Arthur Giese, Zürich.
*)Siehe Frobenius: >Das unbekannte Afrika!<