Jahrgang 1937 Heft 6
DIE STIMME
Schrift
für Erstarkung im Wissen
und Können.
VERLAGS A. - G. ,,DIE STIMME“, ZÜRICH
Copyright by Verlag A - G „Die Stimme“, Zürich
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung. Vorbehalten
Druck:Buchdruckerei Thurtal, Mühlheim ( Schweiz )
Ein neuer Strahl fiel auf die Erde nieder,
Wie ihn das Irdische noch nicht gekannt,
Es fließt darin die höchste Gnade wieder,
Doch nur für die, die sich zu Gott bekannt.
Er ist durchtränkt von Kraft und Schaffensdrange
Und schenkt in Fülle, wo er Einlaß fand,
Doch, wo das Tor verschlossen ist schon lange,
Muß er vernichten, was das Leben band.
Tod wohnt und Leben in dem selben Strahle,
Frei ist die Wahl, zum Lichte zu erstehn,
Doch die noch länger sich verschließen, alle,
Können dem Tode jetzt nicht mehr entgehn.
Was ist Glück?
Von Herbert Vollmann.
Es gibt in der Weltliteratur eine beträchtliche Anzahl von Schriften und Büchern, in denen versucht wird, den Menschen den Weg zum Glück zu zeigen.
Nimmt man solche vielversprechende Bücher in die Hand und versucht, sich in den Inhalt zu vertiefen, so kann man in den weitaus meisten Fällen feststellen, daß unter Glück nur ein ganz gewöhnlicher irdischer Vorteil in gesellschaftlicher und in materieller Beziehung gemeint ist.
Es wird vielfach angestrebt, durch Schulung der Verstandeskräfte eine Stellung zu erreichen, die außer Befriedigung des Geltungsbedürfnisses vor allem irdischen Reichtum mit sich bringt.
Damit ist dann das Ziel auf dem Wege zum Glücke erreicht, der in diesem Falle nur so weit führt, wie ihn die irdischen Sinne und Gefühle wahrzunehmen vermögen.
Es ist zu verstehen, wenn ein Mensch sich emporarbeiten will, wenn er bestrebt ist, eine sichere materielle Grundlage zu schaffen; er hat aber mit der Erreichung dieses Zieles noch lange nicht das Glück erreicht, jenes wahre Glück, das erst im Begreifen und Erleben jenseitiger Vorgänge seinen Anfang nimmt, und doch dabei das Leben auf der Erde voll genießen läßt, ja überhaupt erst die Möglichkeit gibt, die irdischen Genüsse richtig auszukosten in reiner, wahrer Freude.
In der großen Schöpfung geht die Entwickelung immer von oben nach unten.
Auch das „irdische Glück“ ist nur eine Folge des überirdischen Glücksempfindens, das schon auf der Erde bewußt erlebt werden kann.
So ist es verständlich, daß ein Mensch, der mit irdischen Gütern reichlich versehen ist, der eine führende Stellung innehat oder sonst irgendwie materiell gesichert ist, nicht glücklich ist, wenn nicht dieses irdische Wohlergehen einen Anschluß findet an die Schöpfungsurgesetze.
Fast jedem ist doch schon einmal ein Mensch begegnet, der trotz allen irdischen Reichtumes tief unglücklich war, ja oft sogar seelisch vollständig zerrüttet.
Ein solcher Mensch hat es dann nicht verstanden, sich in seinem Denken und Tun den Gottgesetzen anzupassen, er wird sich kaum gefragt haben, ob dieses und jenes, was er tut, auch im Einklang mit den Naturgesetzen steht, vorausgesetzt, daß er überhaupt einen Begriff davon hatte, wie diese Gesetze' sich auswirken.
Für ihn wäre es beispielsweise besonders wichtig gewesen, zu wissen, daß Geben und Nehmen sich stets ausgleichen müssen, daß er von seinem Reichtum nicht jedem beliebigen Menschen geben durfte, wenn kein Gegenwert da war, und hätte dieser auch nur in einem tief empfundenen Danke gelegen. Auf der anderen Seite durfte er die Leistungen seiner Mitmenschen nicht zu gering achten und zu wenig von seinem Vermögen abgeben, wenn ein höherer Gegenwert. gerechtfertigt erschien.
Schon das Mißachten dieses einen Gesetzes vom Ausgleich im Geben und Nehmen bringt gerade über einen mit irdischen Gütern bedachten Menschen oft namenloses Unglück, um so mehr da er meistens nicht nur sich selbst, sondern auch noch seine Mitmenschen schädigt.
Die Frage, wie ein Mensch, der die Schöpfungsgesetze nicht beachtet oder sogar verachtet, überhaupt die Möglichkeit bekommt, irdischen Reichtum zu erlangen, kann nicht nach einer Richtung hin beantwortet werden.
Es ist zum Beispiel möglich, daß er sich die Vorbedingung für den Reichtum in einem früheren Erdenleben schuf, und ihm in diesem Erdensein die Erfüllung wurde. Zur Zeit der Erfüllung kann seine Seele nun besser oder schlechter geworden sein oder denselben Zustand wie damals beibehalten haben. Daran stört sich aber das Gesetz der Wechselwirkung, das Gesetz vom Säen und Ernten nicht; sondern die Ernte, in diesem Fall irdischer Reichtum, wird ihm irgendwann auf jeden Fall, wie er auch zur Zeit der Erfüllung innerlich beschaffen sein mag.
Es ist dann seine Sache, diese irdische Grundlage richtig auszunützen und auf ihr das wahre Glück zu errichten, den irdischen Reichtum mit dem Reichtum der Seele zu verbinden.
Wenn es nun einige wenige Schriften gibt, die die Erlangung des echten Glückes nicht von irdischen Vorteilen, sondern von einer höheren Einstellung, von einer Verbindung mit höheren, übersinnlichen Kräften abhängig machen, so kommen sie damit dem Begriff des wahren Glückes beträchtlich näher, das immer schon wie ein köstliches Kleinod, wie ein starker Magnet in der Schöpfung bereit liegt für die nach dem Lichte strebende Menschheit.
Das wahre Glück liegt ohne Ausnahme für einen jeden Menschen in der Schöpfung bereit, es ist aber weder durch irdische Verstandesschulung noch durch Autosuggestion (Selbstbeeinflussung) zu erreichen.
Gerade der heute herrschende falsche Begriff über Autosuggestion wirkt sich wie eine todbringende Seuche aus, die den damit Befallenen in eine Gottesferne führt, aus der er in den seltensten Fällen zum Licht zurückfindet.
Falsch ist schon der Begriff, daß die Kraft der Beeinflussung in dem Menschen selbst liege, daß der Mensch aus eigener Kraft in der Lage sei, sich sowohl von Krankheiten zu heilen, als auch sich sein Glück selbst zu schmieden.
Es ist schon richtig, daß jeder seines Glückes Schmied ist. Aber woher nimmt er das Material zum Schmieden? Da ist schon die große Lücke, die er nie und nimmer überbrücken kann.
Die Anschauung von einer Selbstbeeinflussung steht in krassem Gegensatz zu Gott, der allein die Kraft ist, aus deren Ausstrahlung die Schöpfung erstand und mit ihr auch der Mensch. Diese Kreatur „Mensch” aber kann nach ihrer Entstehung nur durchdie göttliche Kraft auch weiterhin bestehen!
Bei dieser Erkenntnis bleibt von einer Selbstbeeinflussung aus eigener Kraft nichts übrig!
Im Gegenteil, der Mensch ist von der von Gott in die Schöpfung strömenden Kraftstrahlung in jeder Beziehung abhängig, er muß sich ihr fügen, sonst wendet sie sich gegen ihn und bringt ihn zum Sturze.
Und diese Kraft ist auch das Material, was er zum Schmieden seines Glückes braucht, ohne das er niemals glücklich werden kann.
Es ist frevelhafte Anmaßung und Dünkelhaftigkeit, den Ursprung der von Gott kommenden Kraft in den Menschen zu verlegen als ihm gehörend, sondern er ist stets abhängig von der alles durchströmenden Gotteskraft! In ihr lebt und stirbt er!
Wenn wirklich einmal ein Erfolg angeblich durch „Autosuggestion” zu verzeichnen ist, so ist es immer geschehen durch die unbewußte Nutzbarmachung dieser Kraft, die in vielen Abspaltungen die ganze Schöpfung durchpulst!
Wie eine Antenne vermag sich der Mensch einzustellen auf diese Kraftströmungen, die wir ruhig „äußere Einflüsse” nennen können. Für alles, was er zum Vorwärtskommen braucht, ist Hilfe da; es fließt in ihn ein in der einfachsten Weise, ohne daß es einer großen Anstrengung bedarf, und immer in der Stärke, die seiner Wunschkraft, seiner Empfindungsfähigkeit entspricht.
In der Art des Sichöffnens den aus Gott kommenden Kraftstrahlungen, die tatsächlich überall in der verschiedensten Weise geformt zu finden sind, liegt der Schlüssel zum wahren Glück!
Wie muß es der Mensch aber anfangen, mit dieser. Kraft in Verbindung zu kommen? Wie kann er sich dieser Kraft öffnen, so öffnen, daß er sie bewußt aufnimmt und um alles in der Welt dieses wissende Aufnehmen der Kraftströme nie mehr missen möchte, weil er dann erkannt hat, daß nur das bewußte Verbundensein mit ihnen sein höchstes Glück ist, wo er sich auch befinden mag in den unermeßlichen Weiten der Schöpfung?
Das sind Fragen und Wünsche, die jeder Suchende in seiner Seele bewegt und deren Erfüllung ihm auch wird in dem Maße, wie ernst und wahr er sein Suchen nimmt.
Die Sehnsucht, sich ganz von der Gotteskraft beeinflussen zu lassen, sich ihr hinzugeben mit weit geöffneter Seele, vorbehaltlos, ohne die geringsten Eigenwünsche, bringt die Erfüllung des Wunsches.
Wo diese Sehnsucht noch unter einer dünnen Decke schlummernd sich verbirgt, kann sie geweckt und gefördert werden, wo sie schon erwacht ist, kann der Mensch sie stärken und noch mehr erglühen lassen durch regelmäßige Einstellung auf die von Gott kommende Kraft im Gebet.
Aus der Gralsbotschaft Abd-ru-shins wissen wir, daß es zwei Arten von Gebeten gibt. Das Gebet, das augenblicklich aus einer aufwallenden Empfindung heraus entsteht und dann erst in Worte gefaßt werden kann, und das Gebet, bei dem zuerst Worte zusammengesetzt werden, die dann rückwirkend auf den Geist die Empfindung auslösen, und damit dem Gebet jene Richtung geben; die durch die Worte gewollt ist.
Es gibt also kurz gesagt Gebete ohne Worte und Gebete mit Worten. Die ersteren sind deshalb wertvoller, weil bei ihnen der Geist sich frei und unbeengt entfalten kann, und nicht an Worte gebunden ist, die nur unter Mitwirkung des erdgebundenen Verstandes geformt und aufgenommen werden können, dadurch eine bestimmte Einengung der Empfindung mit sich bringend.
Trotzdem können die Menschengeister während ihres Aufenthaltes in der Stofflichkeit das in Worte gekleidete Gebet nicht entbehren, weil gerade hier der Geist die mannigfachsten Eindrücke zur Höherentwickelung nötig hat, unter denen das in Worte geformte Gebet mit an erster Stelle steht.
Es ist nun nicht gleichgültig, welche Worte bei solchen Gebeten verwendet und wie sie zusammengesetzt werden. Denn auch Worte sind etwas Lebendes und Bewegendes im Schöpfungswirken.
Wie sie der Mensch gebraucht, zu Sätzen zusammenreiht, wie er sie ausspricht, so formt er sich auch einen Teil seines Schicksals!
Dies ist besonders wichtig für das Gebet, das in Worte eingeschlossen werden soll. Je mehr diese Worte im Innersten des Menschen anklingen, desto größer ist auch die Möglichkeit, die Empfindung, wachzurufen, die als eine Eigenschaft des Geistes für das Schicksal des Menschen stets einschneidend ist.
Abd-ru-shin, der Bringer der Gralsbotschaft, hat den Menschen unter anderem zwei Gebete gegeben, die in dieser Hinsicht alles erfüllen. In ihrer einfachen und daher so wirksamen Art sprechen sie sofort zur Seele.
Sie sind eine starke Hilfe für das Hervorrufen und Kräftigen jener Sehnsucht, die nötig ist für die vollständige und lückenlose Verbindung mit den helfenden und fördernden Strahlen aus der Kraft Gottes.
Diese Gebete schwingen lebendig in den Gottgesetzen, verschaffen jedem ehrlich Wollenden Erleichterung und Hilfe und sind daher keinesfalls mit den sonst üblichen Formgebeten zu vergleichen! Wer sie hersagen will, ohne dabei zu versuchen, die Worte innerlich nachzuempfinden, wird keinen Segen davon haben.
Wie leicht aber muß es um einen Menschengeist werden, wie befreit wird er sich fühlen und welche Fülle himmlischen Segens wird auf ihn niederströmen, wenn er sich so ganz den Worten hingibt, die Abd-ru-shin in dem Morgengebet der Menschheit schenkte!
„Dein bin ich, Herr! Mein Leben soll nur Dir zum Danke sein.
O nimm dies Wollen gnädig an und schenke mir dazu
auch diesen Tag die Hilfe Deiner Kraft!“
Wer diese Worte in sich aufnimmt, sie lebendig nachempfindet, dessen Tagewerk ist gesegnet vom frühen Morgen bis zum späten Abend, sie werden immerfort in ihm erklingen wie leises Mahnen oder stilles, frohes Glück.
Es wogt und webt in diesen Worten heilige Gotteskraft, und wer die Worte mit dem Geiste in. sich aufnimmt, der nimmt auch die Kraft mit auf. Sie allein gibt ihm die Möglichkeit, zum Danke für den Schöpfer nur zu leben.
Es wird nicht immer gleich gelingen, durch dieses Gebet Verbindung mit der Gotteskraft zu erhalten, weil es immer auf die Tiefe der Empfindung ankommt, mit der es erlebt wird. Aber wie schwach eine solche auch zuerst sein mag, in andauerndem Erwecken wird sie doch zuletzt so stark und sieghaft, daß sie den Weg frei gibt für das beglückende Erleben der Wunderkraft aus dem Lebensborn des Schöpfers.
Da kann der Schwächste in kurzer Zeit zu voller Stärke sich entfalten, wenn er nicht nachläßt in dem regelmäßigen Nachempfinden dieser wunderbaren Worte.
So begonnen hat die Morgenstunde Gold im Munde Es ist das Gold in diesem Falle ein geistiger Wert, der für die Ewigkeit gilt, allerdings auf Erden dann ganz naturgemäß auch irdische Werte mit sich bringt.
Wie am Morgen und am Tage, so steht auch am Abend dieselbe Kraft bereit zur Verbindung mit dem Menschen, wenn er sie herbeisehnt. Auch hier gab Abd-ru-shin den Menschen eine große Hilfe in dem Abendgebet.
„Herr, der Du über allen Welten thronest, ich bitte Dich,
laß mich die Nacht in Deiner Gnade ruhen!“
Wie erquickend; erfrischend und beruhigend wird der Schlaf auf einen Menschen wirken; der das Erleben dieses Gebetes mit hinüber nimmt in eine andere Welt, in eine Traumwelt, die aber keine solche ist, sondern nur so erscheint, weil sie nicht mit irdischen Sinnen wahrzunehmen ist. Wir nennen sie deshalb übersinnlich und jeder Menschengeist kann ihre Schwelle überschreiten, wenn das grobstoffliche Gehirn durch den Schlaf ausgeschaltet bleibt, stillgelegt wird.
Dazu will das Abendgebet verhelfen. Der Menschengeist kann während des Schlafes noch viel inniger und nachhaltiger mit den verschiedensten Kraftströmungen in Berührung kommen und sogar geistige Warnungen, Mahnungen oder plötzliche Lösungen irgendwelcher Fragen und Probleme erhalten.
So sieht in Wirklichkeit die Nachtruhe aus. Das grobstoffliche Gehirn, das den Verstand hervorbringt, schläft, aber der Geist ist wach und gibt sich selig den stärkenden Einflüssen hin, wenn sich nicht übertriebene Verstandestätigkeit störend und hemmend bemerkbar macht.
Dieses zu verhindern und vollständig auszuschalten, gibt das tiefe Nachempfinden des Abendgebetes die Möglichkeit.
Die Menschen ahnen nicht, daß diese Gebete weit mehr als Worte sind, daß sie Leben in sich bergen, einen erfrischenden Quell lebendigen Wassers, den man nur anzuschlagen braucht, um daraus zu trinken und dann gesund zu werden an Leib und Seele; von Grund auf.
Solche Gebete sind unschätzbare Hilfen für die Menschheit; sie haben vor allem aber den Vorteil, daß sie jeder erwachende Menschengeist, auch der Ärmste unter ihnen benützen kann, um sich geistig und irdisch emporzuarbeiten zu einer bisher nie gekannten Höhe, wo er das findet, was alle wahrhaft Suchenden schon lange sich ersehnten: „Das höchste Glück“, das gleichbedeutend ist mit der Erfüllung des Gelöbnisses:
„Dein bin Ich, Herr! Mein Leben soll nur Dir zum Danke sein!“
„Nomen est Omen.“
Von Hermann Wenng.
So sprach der Lateiner: Name ist Vorbedeutung. Er drückte damit eine Empfindung aus, die eigentlich jeder Mensch dem „Namen“ gegenüber hat, ohne sich dessen klar bewußt zu werden.
Es ist ihm eigentlich ganz und gar nicht gleichgiltig, wie er von seinen Mitmenschen genannt wird, ohne daß es ihm so recht klar wird, was es mit dem „Namen“ auf sich hat und warum ihm dieser vertraut klingt. Er denkt nicht darüber nach, warum er sich in ihm gewissermaßen wohl fühlt, wie etwa in einem Anzug, der ihm gut paßt, wie in einem Kleid, dessen Farbe und Art ihm besonders entspricht.
Ein „Konrad“ wird sich kaum vorstellen können, daß man ihn „August“ nenne und eine „Mathilde“ wird wohl in den meisten Fällen energisch dagegen protestieren, daß sie etwa „Gertrud“ genannt werde, wie denn „Wilhelm“ eben wieder nur mit diesem Namen oder höchstens mit Ableitungen von diesem zufrieden sein wird.
Jedenfalls wird ein jeder an sich feststellen können, daß ihm sein Name „angewachsen“ ist, und wenn er doch einmal einen anderen annimmt, so hat er das Gefühl und meistens auch von vornherein die Absicht, sich dahinter zu verbergen - sich unerkannt zu wissen.
Die wenigen Fälle, in denen ein Mensch seinen Namen nicht „leiden“ kann, sprechen nicht gegen die Wichtigkeit, die man dem Namen beimißt, sondern dafür! Denn hier tritt das Empfindungsmäßige noch viel deutlicher hervor, als in dem gewöhnlichen Falle des Anerkennens.
Diese unbestreitbare Tatsache der Sympathie oder Antipathie gegen den eigenen Namen (gegen die Namen anderer glaubt man meistens neutral zu sein, obwohl auch hier Zu- und Abneigung einem gehörten Namen gegenüber sofort deutlich bewußt werden) wird nun kurzerhand so erklärt, daß man „ihn“ eben von Jugend auf so gewohnt sei - und Gewohnheit sei ein eisern Hemd.
Gegen diese Auffassung spricht aber, wie schon erwähnt, klar und deutlich die Empfindung des Widerwillens gegen Namen, wie auch die besondere Vorliebe, die manche für bestimmte Namen haben. Frauen treiben ja oft einen wahren Kult mit Namen! Männer sind dem weniger unterworfen, er aber, der Mann ist auch weit weniger Gemüts - und Empfindungsmensch als das Weib. Trotzdem ist es einem „Franz“ ganz gewiß nicht sympathisch, sich „Karl“ nennen zu hören. Mit dem Geschlechternamen (Vatersnamen) ist dies alles noch viel deutlicher! Es ist ganz eigentümlich, welchen Wert der Mensch auf seinen Familiennamen legt, wie er sich, je älter er wird, desto deutlicher dafür oder dagegen einstellt!
Sonderbarerweise aber ist es noch keinem Menschen dabei eingefallen, einmal darüber nachzudenken, was es denn eigentlich nun damit auf sich haben könnte, was eigentlich an dem „Namen“ sei. Man begnügt sich damit, daß es eben ein Unterscheidungszeichen zwischen den einzelnen Menschen geben müsse, ein Erkennungszeichen, daran man ihn erkennen könne, und findet es völlig in der Ordnung, daß der Staat einen sehr großen Wert auf den Namen legen müsse aus nun, aus praktischen Gründen.
Wenn man aber einem „fremden“, noch nicht bekannten Menschen, gegenübertritt, so ist niemand zufrieden, ehe er nicht den Namen des anderen weiß. Man glaubt dann auf einmal, diesen auch schon zu kennen, ihn erkannt zu haben; er ist dem, dem er genannt wird, oft schon ganz vertraut. Die Fremdheit, die sich erst wie eine Mauer zwischen die beiden schob, ist großenteils gewichen!
Und dennoch weiß man von dem „Andern“ eigentlich noch gar nichts, als daß man eine „Hildegard Müller“ oder einen „Max Meier“ vor sich hat, was doch eigentlich, rein verstandlich gesehen, so viel wie nichts ist - oder doch? Ist es doch etwas mehr als nichts?
Das Gefühl, die Empfindung spricht jedenfalls nicht von einem Nichts, sondern von einer ganzen Menge! Es ist so, als ob mit der Nennung des Namens plötzlich blitzartig ein Schleier von dem fremden Gesicht fällt. Man meint empfindungsgemäß sofort das Gegenüber nun völlig zu kennen.
Dann aber schiebt sich wieder etwas dazwischen - nämlich der Verstand. Die Unsicherheit setzt ein, das erste Gefühl des Wissens vom Anderen wird wieder verschleiert, obwohl immer noch ein ganz Bedeutendes zurückbleibt. Man meint nun dennoch, das Vis-à-vis zu kennen, meint, daß sich dieses mit Nennung des Namens zu erkennen gegeben habe.
Das Wissen darum, daß man nun imstande sei, sich bei den Behörden nach den äußeren Umständen des Trägers dieses Namens zu erkundigen, ist es aber nicht, welches dieses Gefühl größerer Sicherheit auslöst, denn man wird dies ja überhaupt nicht tun oder doch nur unter ganz besonderen Umständen, sondern es ist ein tatsächliches Vertrautsein, das durch das Wissen um den Namen ausgelöst wird.
Es dürfte somit bei näherem Eingehen und bei Selbstprüfung über diesen Gegenstand einem jeden klar werden, daß es sich bei dem „Namen“ doch um etwas ganz anderes handeln müsse als um ein bloßes Unterscheidungszeichen, daß es eine eminent lebendige Sache ist und der Ausspruch des Lateiners „Nomen est Omen“ etwas auf sich hat. Die rein verstandliche Aufklärung hat dies Ahnen, das in dem Namen liegen soll, in das Gebiet des Aberglaubens verwiesen, ohne jedoch imstande zu sein, auch nur das Geringste über die vorgeschilderten, unleugbaren „Wirkungen“ des Namens aussagen zu können.
Das Dunkel, das für den menschlichen Verstand über alledem liegt, wird darum nicht aufgeklärt, sondern es wird eine wichtige Erscheinung des Lebens und Seins einfach beiseite geschoben.
Und doch wären handgreifliche Beweise für den Wert des Namens in großer Zahl sofort zu finden, wenn man sie sehen will, wenn nicht böser Wille und Rechthaberei sich absichtlich dagegen verschlösse! Wohl geht ein Ahnen von der großen Bedeutung des Namens noch durch das „gewöhnliche Volk“, durch den Teil der Menschheit, dessen natürliches Empfinden nicht durch die Verstandes-Gelehrsamkeit verdorben und verbogen wurde. Vielen Künstlern namentlich ist es durchaus nicht gleichgiltig, wie sie sich „nennen“; denn sie empfinden stärker als andere Menschen und so ist es ihnen auch stärker bewußt, daß Glück und Unglück an dem Namen „hängt“, sich in ihm ausdrückt, ja, die ganze Wesenheit sich in ihm kundgibt.
Dennoch ist auch diesen das Ganze nicht erklärlich, sondern alles in Dunkel gehüllt, aber ihnen als Empfindungsmenschen ist mehr als anderen Menschen der Name Vorbedeutung!
Und wieviel Hinweise auf des Namens Bedeutung sind überall zu finden! Man sehe nur einmal die Bibel ernstlich daraufhin an, so wird man staunen, was aus ihr für die Namensgebung Bedeutendes zu lesen ist!
Warum geben denn, um es als Wichtigstes und Erstes zu nennen, die Engel, als Verkünder göttlicher Botschaft, die den Herrn und Johannes verkündeten, die Namen an? Warum sagen sie: „Du sollst ihn „Jesus“ nennen? “ Warum mußte wohl Johannes gerade Johannes heißen, wenn es gleichgiltig wäre, wie ein Mensch genannt wird? Im Sinne des Erdenlebens war ja auch Christus Jesus Mensch. Es mußte Johannes eben Johannes heißen und nicht „Jochanaan“ wie der Name hebräisch lautete, weil es eben ein „Johannes“ und kein „Jochanaan“ war! Nicht nur heißen sollte er so, sondern er war es!
Glaubt man denn, daß der Herr hätte anders genannt werden können als „Jesus“? Er konnte nicht anders heißen; denn in diesem Namen drückt sich aus, was er als Mensch erleben sollte, ja - erleiden. Es sei hier nebenbei erwähnt, daß es sonderbar anmutet, daß niemandem auffällt, daß der Herr eben „Jesus“ genannt ward und nicht „Imanuel“, daß „Jesus“ also nicht „Imanuel“ sein kann.
Es ist jedem Menschen völlig in Fleisch und Blut übergegangen, daß der Verräter des Herrn „Judas ist und nicht einen anderen Namen trägt. Dies ist nur darum so eindringlich geworden und so selbstverständlich, weil eben nur in diesem Namen die Möglichkeit des Verrates liegt und in keinem anderen, weil einem anderen die Wesenheit dazu gefehlt hätte.
In den Menschen jener Zeit war noch eine Ahnung von der Art und dem Wesen des Namens, nun aber ist das Wissen über ihn gänzlich erloschen. Niemand weiß mehr seine Eigenart zu deuten, niemand weiß mehr über ihn etwas zu sagen. Ein altes Wissen, das einst die Menschheit besaß, war verloren gegangen. Erst jetzt brachte die „Botschaft Abd-ru-shins“, wie über so vieles Lebenswichtige, auch über ihn wieder Wissen und Klarheit. Nun wissen wir wieder, daß der Name nichts „Zufälliges“ ist in der Bedeutung des Wortes, wie sie jetzt geläufig ist. Zufall ist eben etwas, das einem Menschen „zufällt“, womit aber nicht gesagt ist, daß es Willkür sei, was da geschieht.
Wir wissen nun wieder, daß der Name etwas Erworbenes ist, daß er in Klang und Farbe genau demWesen und aus diesem wachsend auch dem Schicksal dessen entspricht, der ihn trägt, daß er ihn sich erworben hat in einem Leben auf Erden, in dem er diesen Namen nicht trug. Wir wissen wieder, daß der Name dem Menschen mitgegeben ist in das Leben, von göttlicher Weisheit, daß er ihm sogar werden mußte aus seinem eigenen Wollen und Tun, seinem Erleben in seiner Vorzeit Tagen, daß er dem Menschen eine Mahnung sei, eine Warnung manchmal, aber immer auch eine Verheißung.
Er ist ihm wie die innere Stimme, die zu ihm spricht, wie die Führung, die ihn einen bestimmten Weg führt, daß ihm auf diesem Wege begegne, was ihm begegnen muß, daß in des Gesetzes Harmonie gelöst werde, was einst unharmonisch geendet. Immer wird dem Menschen wieder begegnen müssen, was einen Fehler in sich trägt, was dem Gesetze zuwider gewesen; es können die Fäden nicht eher abfallen, nicht eher sich von ihm lösen, ehe nicht dem Gesetze Genüge getan.
Über dies alles, über sein Sein und Wesen, über seine Aufgabe im Leben, über alles, was ihm begegnen kann und wird, daß er sich mit ihm auseinandersetze nach dem Gesetz, über alles dies gibt dem Menschen sein Name „Auskunft“! Es ist der Name des Menschen ja nichts außer ihm, sondern in ihm, er selbst ist es, der zu sich selbst spricht, was der Name, den er trägt, zu ihm redet.
Dies geht hervor aus dem, was der allein in Wahrheit Wissende unter uns Menschen uns kündete über den Namen. Die es noch nicht aufgenommen haben, mögen sich in Ruhe überlegen, daß alles Lebende, alle Dinge Strahlen aussenden, teils reflektierte, erborgte, teils eigene. Dies weiß sogar die Wissenschaft, die nur Erwiesenes glaubt. Ein wenig weiter wird sie wissen, daß alles Leben überhaupt nur Strahlung ist, Form, Bild gewordene Strahlung. Alles wirkt aufeinander durch Strahlen, die es aussendet, nicht anders, und diese können wiederum nicht anders sein, als das Sendende selbst ist, dieselbe Schwingung, dieselbe Farbe, jeder Strahl wie ein Teil des Sendenden, in ihrer Gesamtheit das Bild des Ganzen.
Der Mensch aber - so ist es nach Abd-ru-shin - ist geartet wie ein Kristall, ein Umforme-Apparat, der die ihm zuströmenden Kräfte-Strahlungen umformt und ihnen ganz gesetzmäßig einen dem Empfangenen möglichst gleichkommenden Ausdruck, irdisch sichtbar und hörbar, verleiht.
So wird es klar sein, daß die Eltern des werdenden Kindes, die dem zu inkarnierenden Geiste eines Menschen zur Brücke in dieses Erdenleben werden, nach einem Namen suchen müssen, der die Schwingung, die sie von ihm empfangen, möglichst getreu wiedergibt und, wo einer dazu nicht genügt, werden es mehrere sein, wozu oft die ganze Verwandtschaft ihre Namen leihen muß, die in ihrer Mischung sodann den Klang und die Farbe haben, die dem neuen Mitglied dieses Familien-Namens zukommt!
Dies ist, kurz gesagt, der innere Vorgang bei der Namensgebung, die ebenso gesetzmäßig erfolgt wie die Bildung der Sprache des Menschen überhaupt, im Laufe derer der Mensch jedem Ding den Namen geben mußte, der ihm gesetzmäßig zukommt und die innere Wesenheit eines jeden in Bezug auf den Menschen und seine Eigenart widerspiegelt.
Schwerlich vermag der Verstand zu begreifen und zu durchdringen die Wunderwerke göttlicher Schöpfung. Was über die Erde hinausragt und einen Teil seines Werdens in Sphären hat, die anders sind, leichter, beweglicher als der Erde harter Stoff, in den der Geist des Menschen hier gebettet ist, vermag auch nur annähernd die Empfindung zu begreifen, die dem Menschen gegeben ward als die Verbindung mit den Teilen des Seins, die mit den gröberen Sinnen nicht zu erfassen sind.
Eines dieser Wunderwerke der Schöpfung und nicht das Kleinste - ist die Namensgebung des Menschen, seine Sprache, die dieser Namensgebung entstammt. Der Schlüssel zu jeglichem Namen, in welcher Sprache er auch immer gegeben sei, ist die deutsche Sprache, die geschaffen ward von berufenen Geistern, daß in ihr verkündet werde, was der letzte Wahrheitsbringer - denn es wird kein anderer mehr nach ihm kommen - dem Menschengeschlechte zu künden hat! Eine Sprache mußte dies ja sein, nicht alle zugleich konnten dazu ausersehen werden. Nun es die deutsche Sprache wurde, so ist auch Deutsch der Schlüssel!
Ein jedes Zeichen, gesetzmäßig geworden nach dem schwingenden Laut, die Schwingung in den einfachen Linien der lateinischen Druckbuchstaben sichtbar dem Auge wiedergebend, drückt in jeder Sprache den gleichen Begriff aus. Den geistigen als höchsten Begriff zuerst, denn der Geist ist es, der da lebt und nicht die Erde und das Erdgebundene.
In jeder Sprache bedeutet der Laut, das Zeichen, den Laut wiedergebend, das Gleiche! Ob auch das Wort, in dem es vorkommt, einen anderen Sinn hat in jener Sprache, welcher ein Name angehört, es drückt das Zeichen doch immer den Begriff aus, den die deutsche Sprache ihm beilegt Dafür sind tausend Beispiele anzuführen, die jeder Verstand zu begreifen vermag, der nicht verbogen ist und böswillig. Es wird mitgeteilt, wenn die Zeit dafür gekommen ist.
Für jetzt mag diese Anregung jedem genügen, einmal über seinen eigenen Namen nachzudenken, zu versuchen, seine Laute und Zeichen bewußt zu empfinden; Gewiß wird er, ob Weib oder Mann, gewahr werden, daß sein Name ihm, gerade ihm, etwas ganz Besonderes zu sagen habe. Es wird ihm eine Ahnung kommen, daß dem Namen für ihn ein ganz besonderer Sinn innewohnt, daß des Namens Zeichen die Sterne sind, von denen der Dichter ahnend spricht, daß sie in seiner eigenen Brust wohnen und die sein Schicksal sind, sein eigener Wille.
Kein Kismet, dem nicht zu entrinnen - ist, sondern der Name ist dem Menschen gegeben von göttlicher Weisheit, daß er ihn überwinde, daß er in ihm sich selbst besiege, über ihn hinauswachse in diesem Erdenleben, um sich einen anderen zu erwerben, der höher ist denn dieser! Es ist ja das „Esse“ des Menschen, sein Sein, eine veränderliche Größe, keine feststehende. Er kann sich ändern, nichts ist nötig zu dieser Änderung als ein fester Willensentschluß.
Nun ist die Zeit, da alles lebendig wird, was in die Namen geschrieben werden mußte. Alles dies, das in dem Menschen ruht, gleich, als ob es schliefe den Todesschlaf, muß lebendig werden, Gutes wie Schlimmes! Das Gute, daß es gestärkt werde und große Früchte bringe, das Schlimme, daß es erkannt werde zu rechter Zeit und falle ab im Gericht bei der großen Reinigung!
Der aber Hilfe möchte, der zu wissen wünscht, was sein Name ihm zu sagen hat, kann es erfahren durch das Wissen, das die Menschheit besaß vor vielen Erdenzeiten.*)
vvv
Was ist religiöses Empfinden?
Von Agnes Laute.
Religiöses Empfinden in uns ist der erwachende Drang nach etwas Höherem, Edlerem; es ist die Sehnsucht nach Wahrheit. Wohl dem Menschen, welcher solchem Empfinden noch Raum gewährt.
Die meisten Menschen aber kennen dieses Empfinden nicht mehr, sie haben es begraben und fühlen sich wohlgeborgen in dem Glauben ihrer Väter, dünken sich fromm und gottesfürchtig und erwarten nach dem Erdentode mit Sicherheit einen Platz im Himmelreich. Selbstverständlich erscheint ihnen das. Wieso und warum macht ihnen keine Sorge.
Ihr Erwachen in der anderen Welt aber wird nicht so sorglos sein, sondern sie werden ernten, was sie verdient haben.
An zweiter Stelle gibt es Menschen, welche „Gott“ überhaupt ablehnen, sich als die Herren der Schöpfung ansehen, in irdischen Genüssen schwelgen, nur Erdenziele kennen und ein Leben nach dem irdischen Tode ins Lächerliche ziehen.
Solche Menschen stehen in der Schöpfung weit tiefer als das Tier. Für sie wird es nach dem Ablegen des grobstofflichen Körpers ein Wachwerden geben, das an Fruchtbarkeit nichts zu wünschen übrig läßt und einen Sturz nach dem anderen, von einem Entsetzen in das andere bringt.
Oft findet man Menschen, bei denen durch irgend ein Erleben, durch Schmerz oder Leid - auch Freude kann der Urheber sein - ein Empfinden nach etwas Höherem, Unbekanntem erwacht; sie werden dadurch aber beunruhigt und suchen durch Anregung von außen diese Unruhe schnell wieder zu beseitigen, womit sie aber auch den aufdrängenden Keim der Empfindung unterdrücken, vielleicht sogar töten.
Dies alles zeigt den Tiefstand der heutigen Menschheit im Hinblick auf das eigentliche Leben, das eigene„ Ich“. Sie befindet sich bereits im Todesschlafe, aus dem es nur noch ein Erkennen mit Grauen, in Angst und Schmerzen gibt.
Doch denen, welche noch ein Fünkchen Wahrheit offen in sich tragen, soll geholfen werden, wenn sie nur ehrlich wollen.
Religiöses Empfinden findet man am meisten noch bei solchen Menschen, welche wenigstens innerlich - keiner bestimmten Konfession angehören, bei Menschen, die sich mit der durch die Familie übernommenen Religionsausübung nicht zufrieden geben, sie oft ganz ablehnen. Ihr innerlich erwachendes Empfinden treibt sie dazu, sie erleben, daß es mehr gibt, wie nur das irdische Dasein, daß auch noch eine Welt vorhanden ist, in der nach dem Erdentode das „Leben“ sich fortsetzt, daß eine Kraft im Weltenall wirkt, aus der wir Menschen und alles, was lebt, wurden, die Tiere in, auf und über der Erde, Pflanzen und Blumen, Wald und Feld.
Aus der gleichen Kraft formten sich auch Gesteine und Berge, Menschen schufen durch diese in sich aufgenommene und wieder nach außen wirksame Kraft Bauten und Städte. Es entstand die Kunst durch Menschen, welche sich in erhöhtem Maße der Kraft aus der Höhe zu öffnen vermochten.
Wenn wir erleben, wie in der Natur alles vergeht, um zu neuem Leben wieder zu erblühen und dabei ahnen, daß auch wir nach dem Erdentode wieder zu einem neuen Leben erwachen, dann spüren wir auch, daß es eine Kraft gibt, die aus „Gott“ kommt. Wenn wir uns dieser Kraft, die uns innerlich etwas sagen will, in Demut fügen, dann werden wir durch unser religiöses Empfinden zum Gottsucher, bis wir eines Tages das Licht der Wahrheit finden.
Religiöses Empfinden ist etwas ganz Natürliches, das dem Menschen von seinem Ursprung her noch geblieben ist. Es ist ein Besinnen auf sich selbst und der durch Sehnsucht erwachende Wunsch - wirklichMensch zu sein!
Und Gott, die Urkraft allen Seins und Lebens, hat gerade in das Weib die Fähigkeit reinsten und stärksten Empfindens gelegt.
Darum, Weib, erwache und kehre zurück zu natürlichem Empfinden!
Schauen wir uns Frauen aber um, müssen wir schnell erkennen, daß wir uns nicht auf natürlichen, gottgewollten Wegen befinden. Doch müssen wir dahin zurück.
Wir müssen- wieder lieben lernen: Kinder, Tiere, Blumen, Pflanzen, den Wald, das Feld und alles, was unseres Gottes Wille schuf und formte.
Uns Frauen muß Gebot werden, die Welt um uns zu hegen und zu pflegen, damit alles in Schönheit erblühe zur Ehre des Schöpfers.
Bereiten wir unser Heim, und wenn es noch so klein ist, zu einer Stätte auf Erden, welche Erinnerung auferstehen läßt an die Heimat aller Menschengeister.
Halten wir wach das religiöse Empfinden in uns, es ist der beste Maßstab für Gut und Böse.
Eltern und Erzieher! Achten wir auf das uns von dem Schöpfer anvertraute Gut, das uns in der Natur tausendfältig sich bietet. Lernen wir daran beobachten, so beobachten, wie Kinder Erwachsene beobachten und ihnen nachahmen. Darin können wir noch von den Kindern lernen.
Wenn wir in der Natur richtig lauschen, werden wir das Wesen unserer Kinder, ihren Ausdruck, ihr Gebaren in Bewegung und Spiel, verstehen und bald finden, in welchem Kinde der Drang nach Schönem und Edlem ruht, wann er erwacht. Dann ist es unsere Aufgabe, dieses Sehnen nach Schönem und Edlem, aus dem ein feines Empfinden spricht, wach zu halten und zu fördern.
Leider sehen wir dann auch, wie bei vielen Kindern schon der Verstand und was aus ihm spricht, vorherrschend ist. Dann muß der Erzieher in wahrer Liebe versuchen, das Kind in rechte Bahnen zu lenken.
Wenn Eltern und Erzieher wüßten, daß das Kind ein getreues Spiegelbild seiner Umgebung wiedergibt und sich der nachteiligen Folgen für das Kind bewußt wären, würden sie selbsterkennend manches anders und besser machen. Mit Kindern dürfen wir nicht reden wie mit Erwachsenen, wir dürfen sie nicht teilhaben lassen an der Unterhaltung Erwachsener. Kind müssen wir Kind sein lassen.
Wir müssen wahr werden in uns, dann sind wir es auch unseren Kindern gegenüber und dadurch geben wir ihnen viel mit auf den Weg für ihr späteres Leben. Dann wird es auch den Kindern leichter, wahr zu bleiben, wodurch dem jungen Menschen ein starker Halt im Erdensein ersteht; es wird dadurch ein feines Empfinden geweckt, das einstens auch zur Wahrheit finden läßt.
Halten wir wach in uns das religiöse Empfinden, dann, Frauen und Mädchen, werden wir die Wahrheit erkennen, wenn sie enthüllt vor uns steht, werden sie erleben. Dann erst leben wir auch in der Erfüllung unserer Pflichten „Gott“ und den Menschen gegenüber und unser Leben wird Frieden, Glück und Freude für uns und unsere Umgebung sein.
Suchet, so werdet Ihr finden!
Fördernde Werte.
Von Margarete Fritsch
Ein Ruf ging durch die Welt! Jeden Menschengeist sollte er erreichen. Doch nur wenige haben ihn vernommen und folgten ihm.
An jede Frauenseele sollte er zuerst rütteln und Mauern niederreißen, damit ein Funke dort erglühe und zur Flamme emporlohe! Eine Flamme, die zuerst alles Falsche versengt und verbrennt. Erst dann kann eine gereinigte Weiblichkeit sich aus dem Sumpfe emporheben, den sie sich selbst geschaffen hat und damit die gesamte Menschheit mit in das Verderben hineinzog.
Wie kam es, daß die Weiblichkeit so tief sinken konnte, da ihr doch alle Möglichkeiten gegeben waren, nur veredelnd in der gesamten Schöpfung zu wirken? War sie doch begnadet, durch ihre feinere Empfindungsfähigkeit alles dem Lichte zuzuführen. Darin lag ihre Macht, ihre Größe.
Nicht unverschuldet steht jede Frau diesem Versagen gegenüber. Weit zurück liegt die Zeit, wo die Lichtkraft in reiner Harmonie durch die Schöpfung fließen konnte. In Reinheit wurde sie von der Frau aufgenommen und Segen spendend weitergegeben.
Doch dann kam die Zeit, da sie den Einflüsterungen Luzifers Gehör schenkte und damit dem Verstand die Oberherrschaft einräumte. Ihr feineres Empfinden, die Tätigkeit des Geistes, erlitt mehr und mehr Schaden. Die frühere Reinheit wurde durch Eitelkeit verdrängt und damit allen sich daraus folgernden üblen Eigenschaften Tür und Tor geöffnet. Allmählich wurde dadurch die gesamte Menschheit mit in den Abgrund gerissen.
Wohl werden die Schäden, die heraufbeschworen sind, nicht abgeleugnet, doch für die Wurzel des Übels fehlt das wahre Erkennen, und nur wenigen sind die Augen geöffnet.
Aus diesem Grunde wird der Hebel stets an der falschen Stelle angesetzt, wenn es gilt, sich mit der Frauenfrage zu befassen. Meistens geschieht es vom staatsrechtlichen oder beruflichen Standpunkt aus, darin die Pflichten und Rechte der Frau beleuchtend.
Selten gedenkt man dem stillen Wirken der Frau in Heim und Familie. Es tritt leider in den Hintergrund. Und gerade hier ist der Brennpunkt, von dem fördernde Werte ausgehen.
Man kann die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, daß sich längst andere Einflüsse geltend machen, bei denen staatliche Bestimmungen oft die Richtlinien geben, welchen sich die Familie mehr und mehr unterordnen muß. In den meisten Fällen wird es gar nicht als störender Einfluß empfunden, wenn die einzelnen Familienmitglieder sich in Organisationen einfügen müssen, in denen sie zu einem Sammelbegriff vereinigt werden, der meistens die Entfaltung der Einzelpersönlichkeit verhindert oder gar ertötet. Hierdurch werden die veredelnden Einwirkungen der Frau unwirksam gemacht.
Klar und deutlich wird in der Gralsbotschaft der Weiblichkeit zum Bewußtsein gebracht, welche verantwortungsvolle Stellung ihr in der Schöpfung zugewiesen ist. Daß gerade sie die Vermittlerin fördernder, geistiger Werte ist. Die lebendige Gotteskraft, die durch die Schöpfung fließt, empfängt zuerst die Frau. Sie ist dazu befähigt als der feinere und passive Teil, und ist infolge ihrer größeren Empfindsamkeit doch die Führende und Stärkere. Der Mann empfängt diese Kraft nur teilweise, er ist der Ausführende und setzt sie in Taten um. Daher ist die Frau beschenkt und begnadet, einen entscheidenden Einfluß auf Familie und Volk auszuüben.
Nicht Mutterschaft ist heiligste Bestimmung der Weiblichkeit, denn diese wurzelt genau wie die des Tieres im Wesenhaften. Selbst bei höchster Entfaltung der Mutterliebe ist sie doch nicht höchste Aufgabe des Weibes, denn diese ist geistiger Art. Geistig muß der Ausgangspunkt ihres Wirkens sein!
In der falschen Auffassung der Frauenfrage muß fast die ganze Menschheit zu einem anderen Begriff gelangen.
Schon der Begriff der Reinheit ist von den Menschen getrübt und gefälscht. Anstatt der Empfindung des Geistes hat man die engeren Grenzen des Gefühles. gesetzt, die aber vom Verstand erzeugt werden. Und da dieses Verstandesdenken heute an erster Stelle steht, wurde das an höherer Stelle stehende Empfinden unterdrückt.
Vergegenwärtigen wir uns nun die heutige Frau, müssen wir feststellen, daß sie weit entfernt ist von dem wahren Begriff reiner, hoher Weiblichkeit.
Schon die heranwachsende weibliche Jugend zeigt in ihrer Sportbegeisterung Auswüchse, wie sie kaum mehr zu überbieten sind. Beherrscht sind viele nur von dem einen Gedanken: Höchstleistungen um jeden Preis. Und der Preis, den sie dafür zahlen, sind - Frauenwürde und Frauenanmut! Diese kostbaren Güter werden mit einem Leichtsinn aufgegeben, ohne dabei zu bedenken, daß jedes Mädchen sich dabei ihres edelsten Schmuckes beraubt. Aber was gilt es ihnen, wenn nur Eitelkeit und Geltungsbedürfnis dafür eingetauscht werden!
Nicht anders verhält es sich bei allen Schamlosigkeiten der Mode. Hierauf näher einzugehen erübrigt sich, denn ein jeder wird seine Beobachtungen im Gesellschaftsleben wie am Badestrand gemacht haben. Hier ist von echter Weiblichkeit nichts mehr zu erkennen, denn von Frauenreinheit kann hier nicht mehr die Rede sein.
Betrachtet man nun an Stelle dieser Auswüchse die wirklich gutwollende Weiblichkeit, die ihr Heim zu einem Hort des Friedens gestalten will, dann muß in den meisten Fällen festgestellt werden, daß das Augenmerk nur auf irdische Belange gerichtet ist. Alle Bemühungen für die Familie und Umwelt gelten dem Erdenkörper und rein irdischen Zielen. Hierin rechtschaffen zu wirken, wird als Hauptaufgabe der Frau angesehen.
Aber den Geist läßt sie hungern, ebenso bei den ,Menschengeistern, die ihrer Obhut anvertraut sind. Nur selten glüht ein Funke einer Sehnsucht nach geistigen Zielen durch. Hierbei sei gleich eingeschaltet, daß, wenn von einem geistigen Ziel gesprochen wird, nicht Verstandesregsamkeit gemeint ist. Denn gerade dieser überzüchtete Verstand ertötet jeden geistigen Höhenflug.
Nun wäre noch eine der vornehmsten Pflichten der Frau zu erwähnen, die von ihr verlangt, Schönheit um sich zu verbreiten. Wahre Schönheit kann aber nur erblühen, wo das Wollen nach Reinheit herrscht. Es muß die Empfindung für die Schönheit alles Natürlichen wieder erwachen. Das Gesetz der Schönheit hat Verbindung mit lichten Höhen, wo alles in Schönheit erstrahlt.
Bei einigem Bemühen ist es leicht, sich von Nachahmungen frei zu halten. Jede Frau vermag Eigenpersönliches zu entfalten und Schönheit zu erwecken in allem, was sie tut.
Als Empfängerin und Mittlerin von Strahlungen muß die Weiblichkeit nun erwachen und ihren eigentlichen Wert in der Schöpfung erkennen lernen. Sie hat nun wieder voranzugehen im Aufstiege.
Damit löst sie nicht nur eine Schuld, sondern erfüllt auch gleichzeitig eine selbstverständliche Pflicht.
Im verheißenen tausendjährigen Gottes-Reich auf Erden kann nur ein neu erstandenes wahres Weib den Ankergrund geben, damit alles richtig in den Gottgesetzen schwingt. Ein mühevolles Ringen aller muß erst einsetzen, damit alles Gift und alle Fäulnis beseitigt werde.
Dankender Jubel wird dann jede Frau erfüllen, wenn sie den richtigen gottgewollten Weg erkennt und sich bewußt wird, welche großen Werte sie zu fördern imstande ist. Dann wird wieder erblühen:
Frauenreinheit - Frauenwürde - Frauenanmut!
Das große Opfer.
Von Susanne Schwartzkopff.
Im ewigen Lichte der goldenen Himmelsgärten lebten zwei Königskinder. Glück und selige Freude strahlten in leuchtender Schönheit rings um sie. Lächelnd ruhte der Blick ihres Vaters auf den beiden, aus deren reiner Freude alle Blüten in ihrer Nähe sich zu immer reicherer Schönheit entfalteten.
Prangend umgab sie eine Fülle herrlichster Blumen, linde Lüfte umgaukelten sie und streichelten ihre Wangen mit zarten Fittichen. Selig schauten sie empor in das Auge des Vaters, aus dem sie Liebe und nur Liebe überschüttete auf allen ihren Wegen.
Schwert war der Name des Königssohnes und an seiner Seite schritt seine liebliche Gemahlin Rose. Beide waren eins in der Liebe des Vaters, eines im jubelnden Dank für diesen Reichtum.
Lange lebten die beiden in frohem Schaffen in den himmlischen Gärten. Da traf sie eines Tages ein Wort des Vaters. Er rief sie zu sich in die strahlende Lichtburg auf steiler, unnahbarer Höhe und deutete mit seiner Hand hinaus in weite Fernen.
„Dort hinten, weit, weit von Euerem Glück entfernt, liegt das dunkle Land. Blickt näher hin, meine Kinder! Seht Ihr in dem schwarzen Gewirr, das wie ein enger Schleier über ihm sich ausbreitet, die kleinen Lichtfünkchen glimmen? Seht Ihr, wie sie zucken und flattert, aufflammen und zu vergehen scheinen? Einige glühen nur noch ganz leise, andere kämpfen verzweifelt um ein wenig Nahrung für ihre Flämmchen, wieder andere schwelen nur noch mühsam unter Haufen von Asche und Staub. “
„Ja, ich sehe alles“, antwortete Schwert. „Was für ein furchtbares Ringen!“
„Die Ärmsten! “ rief Rose. „Könnte ich ihnen helfen!
Ernst blickte der Vater seine Kinder an. In beiden erwachte gleichzeitig der Wunsch, einen Strahl ihres hellen Lichtes hinabzutragen in das dunkle Land, um der wenigen Fünkchen willen, die sich noch mühten, ihr Licht nicht ganz verlöschen zu lassen.
„Gesegnet seid Ihr, meine Kinder“, sprach die gütige Stimme des Vaters. „Gesegnet, daß Ihr das große Opfer bringen und Euren Garten des Glücks verlassen wollt, um in die Finsternis hinauszuziehen. Gehet und traget mein Licht in das Dunkel! Meine Diener werden um Euch sein bei jedem Eurer Schritte, meine Liebe begleitet Euch und verläßt Euch nie. Auch wenn es noch so dunkel um Euch wird, ich werde immer bei Euch sein, Ihr meine geliebten Kinder!“
Und der Vater selber legte einen schimmernden Mantel aus reinstem Licht gewoben um sie. Wie flüssiges Sonnengold schien er ihre Glieder zu umhüllen und war doch fest und undurchdringlich wie der härteste Panzer. Um beide zusammen schlang seine liebende Hand den schützenden Mantel mit den Worten:
„Unzertrennlich seid Ihr beide, in meiner Liebe und in meinem Schutze stehet Ihr. Gehet hin und entzündet mein Licht! “
Eng schmiegte sich Rose an Schwert und legte ihre Hand in die seine. Er zog den Mantel dicht um sie beide und schickte sich an, den Opfergang anzutreten.
Da löste sich die lieblichste Blume aus dem Garten, der ihre Heimat war und trat auf die Königskinder zu. Lilie war es, die holdseligste Jungfrau, die die Königskinder innig liebte. Bittend hob sie ihre Hände den beiden entgegen und bat:
„Nehmet mich mit auf Euere Wanderung! Laßt mich den weißen Glanz meiner Blüten vor Eure Füße legen, daß Ihr nicht in den Staub und Schmutz des dunklen Landes zu treten braucht! Laßt meiner Reinheit Strahl Eure Wege bereiten und erhellen! “
Flehend ruhte der Blick ihrer leuchtenden Augen auf ihnen und suchte dann den Blick des Vaters, der ihr lächelnd Gewährung zunickte.
Da nahm Rose Lilie an ihre andere Hand und schlug den weiten Lichtmantel auch um Lilie, die sich glückselig an die Königskinder anschmiegte.
Noch einen Augenblick hielt der Vater die Scheidenden bei sich zurück.
„Ihr kommt nicht nur in ein Land der Finsternis“, sagte er bedeutungsvoll, es ist auch ein Land des Sterbens. Die dort Lebenden verhungern und verschmachten; denn versiegt sind ihre Quellen und ihre Erde bringt keine Nahrung mehr hervor, weil ihr das Licht geraubt wurde. Nehmt also Speise und Trank mit Euch, daß Ihr nicht hungern und dursten müßt dort in der Ferne. Speiset und tränket auch die, die demütig um Eure Hilfe bitten. “
Und er reichte Schwert einen Laib Brot und Rose einen Becher kühlen, sprudelnden Wassers. Lilie aber rief er zu sich und legte ihr leicht seine lichtschimmernde Hand auf die Augen.
„Ich schärfe den Blick Deines Auges, daß Du Wahrheit untrüglich von Lüge unterscheiden kannst. Lüge und Unreinheit, die dort unten herrschen, sind Dir fremd. Sie werden den Weg meiner Kinder zu verdunkeln suchen, soviel sie es vermögen. Hilf Du ihnen mit der Reinheit Deines Blickes! “
Unbeschreibliche Kraft erfüllte Lilie, die niederkniete bei dem Gnadengeschenk des Vaters.
Und dann begann der Opfergang.
Eine goldene Treppe hatte der Vater bauen lassen für seine Kinder. Sie führte aus der Lichtburg hinaus in die Ferne, hinab in die lichtlose Tiefe. Auf jeder Stufe standen zu beiden Seiten Engel und Diener des Vaters, die die Hinabsteigenden stützten und geleiteten.
Von Zeit zu Zeit kam ein Abgesandter des Vaters und legte behutsam noch einen neuen Mantel auf die Schultern der Drei, die dadurch immer enger miteinander verbunden wurden.
Schwer dünkte sie die Last, immer drückender wurde die Luft, die sie einatmen mußten, immer dunkler breitete sich zu beiden Seiten der Lichttreppe das Land aus. Noch streuten Engel Rosenblätter auf jede Stufe, noch leuchteten weißschimmernde Fittiche rechts und links der goldenen Treppe, noch blitzte leuchtende Wehr an ritterlichen Schützergestalten.
Dann kam die letzte Stufe. Sie waren angelangt vor einem hohen Tor. Auf der Seite, von der die Königskinder kamen, war das Tor mit Blüten bekränzt und von leuchtendem Lichte überstrahlt. Aus der Öffnung aber quoll ihnen Schwärze entgegen, aus der sich nur die kleinen Lichtfünkchen abhoben, die sie schon von oben erspäht hatten.
Einen Augenblick blieben alle drei stehen, um tief Atem zu schöpfen.
„Laßt mich vorangehen“, sagte Schwert. „Ich schaffe Euch Bahn, damit Euch kein Unheil zustoßen kann. “
„Nein, laß mich zuerst“, rief Rose bittend. „Ich bringe ihnen meine Liebe. Sie werden auf mich hören; denn ich will ihnen ja helfen. “
Tränen schimmerten bereits in ihren Strahlenaugen, als sie in der Nähe den lautlosen Kampf ums Leben erblickte, den die Lichtfünkchen kämpfen mußten gegen dunkle Gestalten, die von einem zum andern eilten und sie grausam auszulöschen trachteten.
Lilie aber stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor die beiden Königskinder. Sie sprach kein Wort, aber sie war fest entschlossen, selbst die schützende Mauer zu bilden, die alles Dunkel von den beiden Geliebten abhalten sollte.
Ehe es aber entschieden war, wer der erste sein würde, um das dunkle Land zu betreten, war durch die finstere Öffnung eine hohe Gestalt herangetreten.
Ein feuerroter Panzer wand sich in geschmeidigen Schlangengliedern eng um seinen Körper. Jede seiner Bewegungen ließ einen der Schlangenleiber, aus denen der Panzer zusammengesetzt war, aufgleißen so daß es das Auge jedes anderen als der reinen Himmelskinder geblendet haben würde.
Einen funkelnden kupferroten Speer hielt er lässig in der Hand, stellte sich aber doch mitten vor die Öffnung und suchte den Kommenden den Eintritt zu verwehren.
„Wer seid Ihr und was wollt Ihr hier in meinem Reich? “ herrschte er sie an.
„Wir kommen im Auftrag des Himmelskönigs, unseres Vaters, dem auch Du untertan bist“, war die ruhige Entgegnung Schwerts der dabei nach der Waffe an seiner Seite griff.
Ohne eine weitere Antwort schleuderte der Dunkle seinen Speer, den er scheinbar so lässig in der Hand gehalten hatte, auf Schwert ab.
Aber der heimtückische Angriff mißlang; denn mit Blitzesschnelle griff Schwerts Hand nach der Waffe, fing sie im Fluge auf und warf sie zurück auf den Angreifer, der von ihr getroffen wurde und zu Boden sank.
Aus seinem Lichtmantel löste Schwert goldene unzerreißbare Fäden und flocht eine Schnur daraus, mit der er die Glieder des Dunklen fest umwand, so daß er sich nicht mehr zu rühren vermochte.
Dieser schlug wieder die Augen auf und brach in wilde Verwünschungen, Worte glühendsten Hasses aus, als er sich gefesselt sah. Drohend rief er:
„Warte nur, meine Getreuen werden Dich töten! Noch habe ich meine Stimme und kann sie rufen, kann sie anfeuern, kann sie anstacheln, meinen vernichtenden Haß gegen Dich auszuspeien! Es soll Dir nicht gelingen, mir mein Reich zu entreißen. Noch ist es mein und mein soll es bleiben in alle Ewigkeit! “
Er wand sich in wütendem Schmerze über seine Gefangennahme, er tobte in seinem Grimm und seine Stimme gellte über das dunkle Land hin:
„Es gilt, Ihr meine Treuen! Rüstet Euch zum Kampf! Kampf dem lichten Königssohn! Tod dem Feinde! “
Schaudernd wandten Rose und Lilie sich ab von diesem Hasse. Alle drei aber traten nun durch die Pforte ein in das dunkle Land. Voran ging Schwert, die blanke Waffe in der Hand, seine Blicke ruhig nach allen Seiten schickend. Dann folgte Rose, deren Hand Schwert nicht einen Augenblick losließ und deren Herz flehende Worte zum Vater in die Ferne schickte.
Es kam ihr Antwort aus der Lichtburg. Leise. vernahm sie die geliebte Stimme des Vaters, der ihr Trost und Zuversicht einflößte, und wundersame Ruhe kehrte in ihr Inneres ein. Das fühlte Schwert und von hohem Mute beseelt zog er weiter seine Straße.
Wo sie allzu dunkel wurde, wo sich häßliche Gestalten aus dem Hinterhalt ihr nahen wollten, da trat Lilie mit schützend ausgebreiteten Armen vor die Königskinder. Aus ihrer blütenhellen Weiße fiel jedesmal ein leuchtender Strahl der Reinheit auf den dunklen Weg, der das Gewürm vertrieb.
Suchend wanderten dann ihre Augen umher. Sie suchten die reinen Frauenseelen, die sie zu sich heranziehen wollte als Verstärkung ihres Schutzes; denn Reinheit war der sicherste Wall, den sie um die Königskinder erbauen konnte.
Und der Strahl ihrer Augen traf schlafende Frauen, die ihr Wissen um Reinheit betäubt, aber noch nicht ganz vergessen hatten. Voller Freude öffneten sie sich wieder für den Himmelsstrahl und fingen an, sich um Lilie zu scharen.
Rose aber suchte die Kranken, Betrübten, Verzweifelten und forschte, ob in ihnen Sehnsucht nach Licht zu finden sei. Wo sie diese Sehnsucht fand, da gab sie den Trauernden, Mühseligen und Beladenen einen Trunk des kühlen Nasses aus ihrem goldenen Becher zu trinken, und nie wurde er leer, so viele auch daraus tranken.
Schwert aber kam nicht einen Augenblick zur Ruhe. Unaufhörlich mußte er Wege schlagen durch das Dickicht und Gestrüpp, das die finsteren Mächte um jedes kleine Lichtflämmchen aufgehäuft hatten. Es war eine Qual, zu sehen, wie oft die umherfliegenden Trümmer von dunklen Händen auf die Fünkchen geworfen wurden und sie völlig erstickten, weil diese den einen einzigen Augenblick versäumten, in dem sie aufatmend erstarken konnten, so daß die Kraft ihrer neu entzündeten Flamme die Trümmer verzehrte.
Fast wollte Schwert die Waffe müde aus der Hand sinken bei dem immer wieder vergeblichen Bemühen, Hilfe zu bringen. Nur in wenigen gelang es ihm, die Flamme hell zu entfachen. Diese wenigen rief er in seine Nähe, daß sie an seiner hellen, hohen, gewaltigen Lichtsäule sich die Kraft holten, die sie unbesiegbar machte.
Dumpf und stickig war die Luft im dunklen Lande. Hätten die Königskinder nicht Speise und Trank aus ihrer himmlischen Heimat mit sich geführt, sie hätten umkommen müssen in dieser Enge.
Dankbar gedachten sie täglich der Liebe ihres Vaters, der sie mit allem versehen hatte, dessen sie bedurften. Dankbar fühlten sie sich umgeben von Dienern und Helfern, die ihnen Kunde brachten aus der Lichtheimat. Rose labte Schwert täglich mit dem kühlen Trunk aus des Vaters Hand, und Lilie legte zarte, schneeige Blütenblätter unter die Füße beider, daß sie sich nicht beschmutzten im Staub des dunklen Landes.
Ein verworrenes, undurchdringliches Gewirr von häßlichen, schmutzigen Fäden hing über dem dunklen Lande. In unzähligen Knoten war es durcheinander verwirrt und anscheinend unentwirrbar verknüpft. In jedem dieser Knoten aber wand sich eine Menschenseele, die durch ihren heftigen Kampf, sich zu befreien, die Knoten nur noch fester anzog. Da sie das gemerkt hatten, so waren die meisten schon in die völlige Erstarrung der Hoffnungslosigkeit gesunken und rührten sich nicht mehr.
Entsetzt schauten die Königskinder auf dieses Wirrsal. sie kannten nur die goldenen Fäden des Lebens, durch die die helle Kraft des Vaters strömte und glühte. Harmonisch fügte sich Faden an Faden in ihrer himmlischen Heimat, und wo sich zwei Fäden kreuzten, da blühte jedesmal eine herrliche Wunderblüte auf, die noch schöner war als die Blüten, die die Fäden lebendig rieselnd begleiteten.
Ein liebliches Geläut tönte durch diese Fäden des Lebens, das sich beglückend ins Ohr schmeichelte, das Herz mit Freude und Anbetung erfüllend. Und hier?
Klagen, Wehgeschrei, Aufheulen der Verzweiflung erklangen aus den schmutzigen, dunklen Knoten. Es war unmöglich, daß einer von den dreien sie auch nur berühren konnte.
„Sieh, die gefesselten Seelen! “ klagte Rose.
„Sie haben sich freiwillig fesseln lassen, die Unseligen! “ rief Lilie in heißem Schmerz.
„Es gibt nur eine Hilfe für die Verstrickten“, sagte der Königssohn. „Mein Schwert! Es wird die Knoten zerschneiden und die Gefangenen befreien. “
Er ließ sein Schwert niedersausen auf das Gewirr von Fäden. Auf einmal sprangen alle Knoten auf und die schmutzigen Fäden fielen zur Erde. Ein Wutgeheul aus der Tiefe, in die der dunkle Führer gestürzt war, war die Antwort. Dann folgte eine unheimliche Stille. - Lauschend hielt Schwert den Atem an. Was sagten die Befreiten?
Die meisten von ihnen waren wie leblos zu Boden gesunken. Die Fäden hatten sie scheinbar bisher noch gestützt. Nun hatten sie jeden Halt verloren und wimmerten um Hilfe. Jetzt erst schienen sie sich ganz verlassen und unglücklich.
Da sandte Rose einen liebenden Strahl ihres Auges den am Boden Liegenden zu und mühsam erhob sich hier einer und dort einer, betastete seine Glieder, ob sie noch zu gebrauchen wären und versuchte, wieder festen Fuß zu fassen auf der Erde, die ihn nur als Gefangenen gesehen hatte.
Lilie schickte einen Strahl der Kraft in die Herzen der Frauen, daß sie sich aufraffen konnten und ihr einen Schritt entgegengehen.
Doch viele, viele blieben träge am Boden liegen. Sie versuchten nichts mehr. Tot war ihr Inneres und die dunklen Gesellen hatten reiche Beute. Sie sammelten diese Leblosen ein und schleppten sie mit sich. Hätten die Gesunkenen gewußt, was ihrer harrte dort, wohin sie geschleppt wurden, sie hätten ihre letzten Kräfte zusammengerafft, wären lieber mit dem letzten Atemzug auf dem Boden dahingekrochen, um ihnen zu entgehen. Aber jetzt schien es ihnen noch eine Erleichterung, von einem anderen Arm fortgebracht zu werden, ohne sich selber mühen zu müssen.
Die dunklen Gesellen schleppten alle scheinbar Leblosen an den Rand eines tiefen Abgrundes. Dort stießen sie sie hohnlachend hinab und lachten schallend auf, wenn im Hinabfallen das winzige Lichtfünkchen in ihren Körpern auslöschte.
Für die Königskinder aber begann nach dieser ersten Reinigung das größte Opfer. Wohl war das Opfer die himmlischen Gärten zu verlassen, sie einzutauschen gegen die Finsternis und den Schmutz, den atemraubenden Druck des dunklen Landes, unermeßlich groß gewesen. Aber das Bitterste erwartete sie erst jetzt.
Wohl war Licht um sie her, wohl umflutete sie die Liebe und stärkende Kraft des Vaters in jedem Augenblick. Aber sie mußten sich herabbeugen zu den verlöschenden Flämmchen, mußten ihnen helfen, den Schmutz wegzuräumen, der sie umgab.
Unrein war das Gewand auch derer, die sie näher an sich heranzogen, die sie hofften noch retten zu können. Lilie sah das fleckige Kleid der Frauen, die ihr dienen wollten und sie war sehr traurig. Schwert suchte nach Dienern, denen er vertrauen konnte, damit er weiter und weiter vordringen könnte in das dunkle Land, um es seinem Vater wieder zurückzuerobern. Aber wenn er sie auf kurze Zeit verließ, so ließen sie sein Werk verfallen und suchten nur das Ihre.
Oft kam etwas wie Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit über ihn, wenn er daran dachte, daß so die waren, die ihm noch folgen wollten. Wie sollte er jemals seine Aufgabe erfüllen? Mußte nicht alle die Schärfe seiner Lichtwaffe vernichtend treffen?
Er setzte allen seinen Dienern eine lange Frist, in der sie ihre Flamme stärken sollten in seiner reinen Nähe. Aber nur wenige erglühten in heißem Dienenwollen. Bei vielen ward die zu schwache eigene Lichtflamme verzehrt von der Kraft der ewigen Flamme, die in den Königskindern brannte. Sie erloschen in der Nähe des Retters.
Schwert mußte zusehen, wie einer nach dem anderen von denen, die als erste zu ihm gekommen waren, schwächer und schwächer glühte, statt feuriger und lebendiger, freudiger und strahlender von Tag zu Tag.
Wie furchtbar rächte sich jetzt die lange Gefangenschaft in den Netzen des dunklen Herrschers, in die sie einst blind hineingelaufen. Wie hatte sie die Glieder so träge, so steif gemacht! Wie schwer wurde ihnen die rege Bewegung, in der ihre Heilung lag.
Aber Schwert durfte hier nicht mehr eingreifen. Zwar rüttelte Rose die Einschlafenden wieder und wieder, zwar traf sie noch manch ein Wort des Königssohnes und zornig warf Lilie einen kristallscharfen Lichtstrahl vor die Füße der Trägen, daß sie den Abgrund hätten sehen können, dem sie sich näherten - es war bei vielen vergebens.
Kleiner wurde der Kreis der Lichtflämmchen um die Drei. Würde er genügen gegen den letzten Ansturm des Dunkels, das sich rüstete, seine Herrschaft mit äußerster Anstrengung zurückzuerobern?
Der Vater sah den ermüdenden Kampf seiner Kinder. Er sah das Versagen der Geretteten. Er mußte auch noch das Furchtbarste erleben: daß das Dunkel sich für einige Zeit seines Sohnes bemächtigte und schon zu triumphieren glaubte über ihn.
Bitteres Leid brachte dies Geschehen über Rose und Lilie, ihre Tränen fielen als die schwerste aller Anklagen auf die Erde und aus ihnen erstanden zornige Rächer, die ohne Erbarmen das gleiche Leid vertausendfacht erweckten für die ganze Menschheit.
Dem Dunkel schien der Sieg sicher. Doch im Augenblick, als es die Beute heimbringen wollte, als die Königskinder das Leiden nicht mehr ertragen zu können vermeinten, da fiel ein Schlag aus der lichten Höhe des Vaters nieder und befreite den Sohn.
Nie wird die Menschheit aufhören, Tränen bitterer Anklage zu vergießen über das furchtbare Leiden, das sie selber über den heiligen Gottessohn gebracht!
Er aber nahm den täglichen Opfergang von neuem auf. Er schritt durch die Reihen seiner Diener und fand Lauheit und Stumpfheit unter ihnen. Er sah, wie sie sich einhüllten in neue Netze. Er sah Trübnis nach ihren Seelen greifen, die sie nicht abwehrten. Er sah viele Flämmchen verlöschen. Nichts blieb ihm verborgen und wer heute noch treu war, von dem wußte er schon, daß er ihn morgen verraten würde.
Opfer war sein tägliches Leben, Opfer war jedes Wort, das er sprach und das selten verstanden, kaum je in seiner ganzen Tiefe erfaßt ward. Opfer war es, daß er blieb, unsagbares Opfer, das er sich täglich aufs neue abringen mußte.
Er blieb nur um des Vaters willen. Weil er ihm versprochen hatte, zu retten, was noch zu retten war, harrte er aus in Schmutz und Dunkel, in Anfeindung und Unverständnis.
Und er spendete den Verhungernden von seinem Lebensbrot, wie Rose sie labte mit einem Trunk aus ihrem goldenen Becher. Wäre dies nicht gewesen, sie wären alle gestorben. - - -
Noch ist das Opfer nicht beendet Noch brandet das Dunkel um die Königskinder. Von Zeit zu Zeit schlagen sie ihren Lichtmantel ganz eng um sich und schweben auf der goldenen Treppe empor, getragen von Engeln und Dienern des Vaters. Für eine kurze Zeit dürfen sie wieder die Luft der himmlischen Gärten einatmen, dürfen sich baden im goldnen Licht. Gütig und verstehend blickt sie das Auge des Vaters an und sein Mund spricht:
„Wollt Ihr das Opfer vollenden? Sie sind es nicht wert!“
Dann sehen sich die Drei an und antworten:
„Wir wollen es vollenden! “
Noch liebevoller ruht das väterliche Auge auf ihnen und er schenkt ihnen noch gewaltigere Kraft aus dem Born seines Lebens. Er füllt ihnen die Hände mit neuem Lebensbrot, neuem Wasser der Genesung, er erleuchtet ihre Augen aufs neue.
Dann steigen sie wieder herab in die Tiefe, nehmen auf jeder Stufe die Hüllen wieder um, werden schwerer und schwerer, bis das Tor wieder vor ihnen steht, durch das sie jedesmal einige neue Flämmchen erblicken, die ringend und kämpfend langsam erstarken. Aber jedesmal sind auch Flämmchen ausgelöscht, die nie wieder zum Leben erwachen können.
Noch ist das Opfer nicht vollendet. Noch wird es täglich aufs neue gebracht.
Und wer sieht es?
Wer dankt dafür? Wer dient dafür mit seinem ganzen Leben? Wehe über das gefallene Menschengeschlecht, das immer nur das eigene kleine Ich wichtig nimmt, das das Große nicht sieht über dem Kleinen, das das Glück beiseite stößt um seiner Schwachheit willen.
Wer Ohren hat zu hören, der höre: Es kommt der große Schlag hernieder aus dem Licht, der aller Menschenschwachheit, Menschenfalschheit unbeirrt ein Ende macht!
Einsendung aus dem Leserkreise:
Betrachtungen eines Priesters aus dem tschechoslowakischen Reiche, dessen nachstehendes Schreiben an die Redaktion sicherlich vielen ernsten und wahrheitssuchenden Menschen Anregung zum Nachdenken geben wird. Dabei können wir erwähnen, daß die neueren Vorträge Abd-ru-shins nur durch „Die Stimme“ veröffentlicht werden.
Die. Redaktion.
An die Redaktion „Die Stimme“, Zürich.
Ich hatte Gelegenheit, alle Ihre Veröffentlichungen,
besonders das Buch „Im Lichte der Wahrheit“*) und nun auch Ihre neue Zeitschrift „Die Stimme“ zu lesen. Erlauben Sie mir meine Kritik bzw. mein Urteil als Geistlicher über dieselbe abzugeben.
Es ist Aufgabe des Priesters, den Menschen geistige Hilfe und Trost zu spenden. Ich kam in eine Familie, wo ein dreizehnjähriges, an Knochentuberkulose und eitriger Entzündung der Wirbelsäule erkranktes Kind unter fürchterlichen Qualen im Sterben lag. Die Familie war erschüttert. Was sollte ich ihnen sagen?
Ich stand vor der Frage: Woher und wozu das Leiden, der Schmerz, Unglück und Tod?
Viele Richtungen habe ich studiert: Katholizismus, Protestantismus, moderne deutsche Theologie, Unitarität mit unaussprechlichem Heißhunger lauschte ich dem Schriftsteller Premysl Pitter, Dr. Sommer - Batek, Dr. N. F. Capek, dem Verleger F. Koci, besuchte eine ganze Reihe evangelischer Denominationen: Baptisten, Adventisten, die Heilsarmee, die Methodisten ... las die Schriften der Schriftstellerin Pauline Moudrá, des Dr. Velenovsky, Dr. Simsa... aber Antwort auf diese Fragen erhielt ich nirgends.
Ich mußte mich bloß mit dem biblischen Ausspruch begnügen: Unbekannt sind die Wege der Vorsehung Gottes! Nichtsdestoweniger schwirrte Mißtrauen in meinem Kopfe. Und wo ist Gottes weise Gerechtigkeit? Ist Willkür im Menschengeschick?
Ihre Veröffentlichung - und wieder das goldene Buch „Im Lichte der Wahrheit “ - zeigte mir deutlich, worin Gottes Gerechtigkeit ist und wie ich sie anderen beweisen kann!
Unsere Kirche*) hat allen übrigen etwas voraus: sie ist nicht dogmatisch gefesselt, daher nicht starr und sehnt sich nach Fortschritt und innerem Gedeihen. Sie bestreitet nicht die Wissenschaft. Aber wie die Brücke schlagen zwischen unserer Kirche und der Wissenschaft? Ist es z. B. möglich, an Wunder zu glauben? Ist es möglich, diese mit der Wissenschaft in Einklang zu bringen? Wenn ja, dann wie? Lenken das Menschenleben Gesetze oder Willkür? Besteht Zufall oder gesetzliche Genauigkeit: was ist geistige Führung?
Welche Antwort geben uns unsere Lehren auf die sozialen Fragen? Wie sollen wir den Menschen in den entsetzlichen gesellschaftlichen Umstürzen und Verschrobenheiten, der Arbeitslosigkeit, im Kampfe des Kapitals und der Arbeiterschaft helfen? Und wie lösen wir das schreckliche Problem des Krieges, ohne an der Lehre Christi zum Verräter zu werden? Ist es recht, daß die Geistlichkeit die Waffen beider Gegner segnet? Wie stellen wir uns zu dem Weltkampfe um neue wirtschaftspolitische Anschauungen, Kommunismus, Faschismus, Demokratie? Sind wir für die Technik oder gegen sie? Was ist mit der Rationalisierung der Arbeit und der damit zusammenhängenden Arbeitslosigkeit? Und wie verhält es sich mit der Rationalisierung der Landwirtschaft, welche damit schließt, daß die landwirtschaftlichen Produkte in Lokomotiven verheizt und ins Meer geworfen werden, während Tausende hungern? Wie stellen wir uns zu all dem, wenn wir fortschrittlich bleiben wollen?
Wenden wir uns nun zu der Frage: woher kommt das Übel? Wie ist es möglich, daß Gott, der die Vollkommenheit selbst ist, solche Unvollkommenheiten zuläßt?
Und die letzten ungelösten Fragen: Wenn Christus Mensch war, der den Willen Gottes offenbarte wenn er als Mensch, das ist als Mensch, der Menschengeist in sich trug, überhaupt fähig war, den Willen Gottes zu offenbaren - wie konnte er Wunder wirken? Wie
kommt es, daß er sich nach seinem physischen, wirklichen Tode den Aposteln und anderen zeigte? Wie konnte er in den Himmel auffahren?Wollen wir all das - Tod, Auferstehung, sich offenbaren, Himmelfahrt, Wunder vielleicht symbolisch aufklären? Und was ist mit unseren Vorstellungen vom Himmelreich, Paradies, der ewigen Verdammnis?
Vielleicht wird jemand einwenden, daß dies dogmatische Fragen sind, welche den Fortschritt behindern. Sind aber unklares Denken, die verschiedenen und verschiedenartigen, sich gegenseitig widersprechenden Aufklärungen grundsätzlicher Punkte, das bewußte Vermeiden einer genauen Formulierung der Ecksteine im Christentum und der Wunsch, ihnen absichtlich auszuweichen, nicht sittliche Ansteckungsgefahr und Geistesträgheit? Ist es nicht ein Versteckenspiel? Ist es ehrenhaft, weder Krebs noch Fisch zu sein?
Gewissensfreiheit und persönliche Überzeugung sind der große Vorrang unserer Kirche... aber auch die Gefahr, welche in nicht zu hemmender Anarchie endet.
Das Leben stellt immer größere Anforderungen an den Menschen, Der Mensch fragt, warum soviel Unheil, soziale Ungerechtigkeit und Elend? Können wir ihm so antworten, daß er den Glauben an Gottes Gerechtigkeit nicht verliert?
Was antworten wir Tausenden Sterbender, wenn es zum Krieg kommt? Sind wir vorbereitet? Wissenschaft, Technik, Politik, Wirtschaft, Handel, Landwirtschaft, Sittlichkeit und selbst die Menschheit liegt in schrecklichen, schmerzhaften Krämpfen verschiedener Krisen. Die ganze Welt macht eine Krise durch. Ist es möglich, dagegen ein Heilmittel zu finden?
Ich habe mich soviel gesehnt, soviel gesucht! Ich studierte außer dem bereits Angeführten auch noch als Zweige verschiedener Wissenschaften: Suggestion, Autosuggestion, Hypnose, Spiritismus, Okkultismus, Mystik, Theosophie, Antroposophie... und fand nicht. Entweder entsprach es nicht dem wissenschaftlichen Forschen oder es war nur in dem oder jenem ein Stückchen Wahrheit. Ich blieb daher bei der sogenannten Synthese, das heißt, von dem bisher Erkannten im christlichen und außerchristlichen Glauben, sowie aus den verschiedenen geistigen Richtungen behielt ich mir die Zusammenfassung der höchsten Wahrheiten.
Dies war zwar gut, aber nicht vollkommen. Wiederum kannte ich damit nur teilweise Wahrheit und nicht volles Wissen.
Heute jedoch kann ich mit unaussprechlicher Freude und innerer Befriedigung allen, die wachen Geistes sind, denen das Priestertum nicht bloß ein Beruf ist, sondern der Dienst Gott gegenüber, Gott dem Heiligen und höchst Gütigen, sagen, daß ich klare und schlichte Antwort auf die gesamten, hier angeführten strittigen Fragen, Rätsel und Probleme gefunden habe. Ich will sie den anderen nicht aufdrängen, bitte jedoch, daß sie selber suchen möchten.
Alle jene, die nicht Steine statt Brot reichen wollen, bitte ich, zu suchen! Wenn ich selbst jemandem helfen kann, so bitte ich, mir zu schreiben; denn Antwort zu wissen auf die dringendsten, heutigen Lebensfragen ist eine überaus ernste und verantwortungsvolle Sache. Ich kann und darf nicht schweigen.
Den Willen Gottes habe ich klar erkannt. Dasselbe wünsche ich von Herzen meinen Mitbrüdern, den Priestern aller Bekenntnisse, sowohl im Interesse ihres eigenen Seelenheils, als auch in dem der ihnen anvertrauten Seelen. Schwere Verantwortung vor Gott liegt auf den Schultern jedes Geistlichen.
Hochachtungsvoll
Mai 1937.
Pfarrer J ...
(Eingehende Briefe werden von dem Verlag weitergeleitet.)
Etwas für
kleine und große Kinder
Am Wiesenhang.
Von Maria Halseband.
Zwischen Wald und Wiese lag der Hang. Einzelne Bäume und kleines Gebüsch wuchsen auf ihm und die herrlichste Frühlingssonne lachte auf ihn nieder. Sogleich steckte die Grille ihren dicken, schwarzen Kopf zur Wohnung hinaus und begann zu singen:
„Wie schön scheint die Sonne! Der Winter ist vorbei! Dem Herrn sei Dank, der uns das Licht wieder geschenkt hat! “
Überall guckten aus den kleinen Erdhöhlen die Nachbarn und beteiligten sich an dem Gesang. Bald klang es in frohem Chor über den Hang:
„Dem Herrn sei Dank! “
„Ein schönes Lied! “ meinte der Wichtelmann und lockerte eifrig die Erde, damit die Pflanzen schneller blühen konnten. Er freute sich, daß der Hang schon ganz von einem lichtgrünen Schimmer überzogen war.
„Auferstehung des Lebens! Der Herr ist wieder auf Erden! Alles wird doppelt blühen und leuchten und dienen in Liebe und Freude! Wenn nur die Menschen anders wären!“
„Aber Wichtel, wer wird an Menschen denken, wenn die Sonne so herrlich scheint!“ rief der Baumelf von der alten Buche herüber und reckte und dehnte sich im Sonnenschein, daß alle Äste nur so knackten. Der lange Winterschlaf hatte ihn ein wenig rheumatisch gemacht.“
„Hast recht!“ meinte der Wichtel. „Nur die Kinder bringen einem Freude. Hoffentlich kommen sie wieder, sie sind den ganzen Winter nicht vorbeigekommen.“
Ein Feldmauseherr kam den Rain entlanggehuscht und ließ voll Behagen die Sonne auf sein braunes Fellchen scheinen.
„Wie gut das tut!“ sagte er und nickte dem Wichtel zu. „Man bekommt ordentlich Lust auf Brautschau zu gehen!“
„Das ist nichts für unsereinen“, rief der Wichtel vergnügt. „Aber ich will gerne Gevatter stehen, wenn das erste Dutzend Mausekinder im Nest liegt.“
Der Mauserich rieb sich das spitze Schnäuzchen mit den kleinen Pfoten, um ein Schmunzeln zu verbergen und meinte dann, es würde ihm eine Ehre sein wenn er nur erst seinen Hausstand gegründet hätte. Drüben am Waldrand wohnten ein paar ganz reizende Mausejungfrauen es könnte gut sein... nun, der Wichtel würde dann sicher gleich eine Anzeige bekommen. Und damit huschte der Mauserich davon.
„Tzschü-lü-lü!“ begann die Amsel schüchtern auf einer Esche zu locken und lauschte, ob Antwort käme.
„Dumme Pute!“ rief das Wiesel zu ihr hinauf, das sich gerade vor seiner Höhle aufrichtete und umheräugte.
„Ruf doch lauter! Es weiß ja keiner sonst, daß Frühling wird!“
Damit machte das Wiesel einen Satz und zerknackte voll Behagen eine fette Grille, die sich unvorsichtig aus ihrer Behausung gewagt hatte.
„Grillen sind der beste Anreiz vor dem Mittagessen. Finden Sie nicht auch?“ wandte es sich höflich an den Wichtelmann, doch der tat als hörte er es nicht.
Im vergangenen Jahr hatte der kleine Räuber aus allen Nestern am Wiesenhang die Eier gestohlen, so hatten die Vögel zu des Wichtels Kummer neue Nistplätze suchen müssen. Darum mochte er das Wiesel nicht leiden, denn die Vögel waren seine besten Freunde. Das Wiesel wartete einen Augenblick auf Antwort, dann zuckte es ein wenig schnippisch die geschmeidigen Schultern und drückte sich in die braune Ackerfurche, die, frisch gepflügt, herrlich nach feuchter Erde roch.
Der Wichtelmann aber arbeitete weiter im Summen der Grillen, das nur kurz verstummt war nach des Wiesels keckerndem Ruf. Er nickte der Amsel einen frohen Gruß zu, die lauter zu rufen begann, denn eine ferne Antwort war zu ihr gedrungen.
Zwischen den Haselbüschen lag, wunderbar versteckt und geschützt, ein sonnenbeschienenes Plätzchen, dem wendete er seine besondere Sorgfalt zu. Immer wieder hatte er dort etwas zu ordnen, zu streichen, zu pflegen und auch, als alle Arbeit getan schien, wandte er doch stets wieder den Kopf sorgend der Stelle zu, die jetzt ein feines liebliches Leuchten überzog.
Kläffend kam ein junger Hund den Hang heraufgejagt und schnupperte an den Grillenlöchern. Hurtig fing er an zu graben, daß die Erde im Bogen weiterflog.
„Von meinem Platz bleibst Du weg, Du Übermut!“ rief der Alte ihn an und stellte sich schützend vor das so sorgsam bereitete Stückchen Land.
„Ach was!“ bellte der Hund voll Sonnenfreude. „Hier ist es gerade schön warm zum Wälzen! Juchheh, wie ist das Leben schön! “
Da funkelten plötzlich die Augen des Wichtelmannes böse.
„Hier ist lichtbereiteter Boden!“ herrschte er den Hund an. „Hast Du mich verstanden?! “
Der kleine Hund zog den Schwanz ein.
„Nun, sei nur nicht böse, ich gehe ja schon. Es roch hier doch so gut nach Wiesel. Nichts für ungut, alter Herr! “
Und damit raste er in frisch erwachter Lebensfreude den Hang hinauf, um sich dort ausgiebig auf einer Waldlichtung zu wälzen.
„Dort hat der Fuchs letzte Woche das Huhn gefressen“, sagte befriedigt das Wiesel, das aufmerksam den Hund beobachtet hatte. „Jetzt wird er riechen und das können die Menschen nicht leiden.“
Es freute sich schon im Voraus über den Ärger, den bald Hund und Herr haben würden, denn beide waren ja seine angestammten Feinde.
Da tönten Stimmen vom Waldrand her. Der Wichtelmann horchte auf, nickte zufrieden vor sich hin, dann warf er noch einen letzten Blick auf das Stückchen Boden, auf dem die Blumen aufgeblüht waren, zwischen denen ein feines Elfenkind lächelnd umherhuschte.
Die Stimmen klangen schon ganz nahe und gleich darauf traten ein junges Mädchen und drei Kinder auf die Lichtung. Sie sangen ein einfaches, kleines Frühlingslied, aber es klang rein und hell und schwang in der Herbheit der frischen Erde und des jungen Grüns.
„Es klingt gut!“ meinte der Wichtelmann. „Ihr könnt Euch dort in die Sonne setzen“.
Als hätten die Mädchen ihn verstanden, folgten sie seiner Erlaubnis und setzten sich auf die Baumstümpfe oben am Hang, wo man den schönsten Blick hatte über das Hochtal. Das junge Mädchen schaute selig um sich, streckte die Hände aus und rief plötzlich in hellem Jubel:
„Wie schön ist doch Gottes herrliche Welt! Wie schön, daß wir in ihr wohnen dürfen!“
„Wo wohnt denn aber der liebe Gott selbst? “ fragte das kleinste Mädchen.
Überall und nirgends, Klein-Hilde“, erwiderte Lisa.
„Gott ist allgegenwärtig. “
„Wie soll man ihn dann aber finden? “ fragte Anni, die Siebenjährige.
„In seinen Werken! Blickt doch um Euch, Kinder! Seht, wie schön die Welt ist, wie herrlich alles geschaffen bis ins Kleinste. Da sitzt eine Hummel auf Hildes rotem Schürzchen, ist sie nicht wunderschön in ihrem braungelben Pelz?
Welcher Mensch könnte es fertigbringen etwas so Feines, Schönes zu formen und selbst wenn es ihm gelänge, lebendig machen kann es doch nur der Liebe Gott. Er gibt allein Leben und Licht, Tier, Mensch und Pflanze, er läßt die Sonne scheinen und den Wind wehen, läßt regnen und schneien, überall ist seine Heilige Hand zu spüren, wenn wir sie nur merken wollen! Wißt Ihr nun, was ich meinte mit dem: Er ist überall und nirgends?“
„Da muß er sich aber um mächtig viel kümmern“, rief nun Hertha, die bis dahin Rindenstücke abgebrochen hatte, um festzustellen, ob wohl Käferlarven dort überwintert hätten.
„Er hat seine Diener, die alles in seinem Willen vollenden“, sagte Lisa ernst. „Gott ist viel zu fern und heilig, um sich um so etwas Kleines wie Erde und Mensch zu kümmern. Bedenkt doch, er hat hunderttausend und mehr solcher Welten, auf denen unzählige Lebewesen leben. Und doch weiß und sieht er alles!“
„Sehr richtig! “ nickte das Wichtelmännlein zufrieden. Es saß in der Nähe der Mädchen auf einer lockeren Baumwurzel und schaukelte. „Vielleicht zeige ich Euch doch noch meinen Platz. Bald werde ich wissen, ob ich es darf. “
Die Mädchen begannen wieder zu singen. Hilde kletterte zum Wald hin und kam bald darauf mit einigen Blümchen wieder, die sie Lisa in den Schoß legte. Es waren ein paar kurzbeinige Gänseblümchen, zwei Schlüsselblumen und Leberblumen. Lisa nahm sie auf und betrachtete sie voll Liebe.
„Alles lebt aus Gottes Gnade“, sagte Lisa nachdenklich. „Alles Schöne hat er den Menschen gegeben, das Schönste aber aus seiner Hand gekommene sind die Blumen. Wißt Ihr, Kinder, als der Herr die Schöpfung schuf, da wollte er, daß seine Diener so recht in Freude leben und wirken sollten. Darum hieß er seine Engel aus den himmlischen Gärten die schönsten Blumen nehmen und sie überall verteilen auf allen Welten.
Reizend zarte Lichtwesen - Elfen heißen sie - pflegten die Blumen und sorgten, daß sie sich immer weiter verbreiteten zur Ehre des Herrn und zur Freude für alles Lebendige. So brachten sie auch die Blumen bis zum äußersten Ende der Schöpfung, wo die Menschen wohnen, weil sie die Kleinsten sind unter des Herrn Kreaturen im Geiste. Durch der Blumen Schönheit sollte die Sehnsucht nach dem Licht in ihnen wach bleiben und das weckende Streben nach der Herrlichkeit des Paradieses.
Die ewigen Helfer aber legten ihre schönsten Blumengaben auf die Welten der Menschen nieder, denn sie wußten, daß die Menschen viel Hilfe nötig hatten, weil sie so fern vom Lieben Gott und seiner Lichtkraft lebten. Da wuchsen gelbe Blumen, die sie stets an das Heilige Licht erinnern sollten, aus dem sie ihnen geschenkt worden waren. Da blühten rote Blumen, damit sie allezeit an die Liebe des Herrn denken konnten, der ihnen Leben und Schöpfung gegeben. Weiße Blumen leuchteten im Licht der Reinheit, damit auch der Reinheit Bild den Menschen ewig wach vor Augen stehe. Blaue Blumen aber blühten auf zum Zeichen des Bundes zwischen dem Herrn und seiner Kreatur, sie sollten die Menschen mahnen, in Treue zu dienen und des Willens des Herrn nie zu vergessen.
Die Elfen kamen hernieder vom Himmel und pflegten die Blumen, deren zarte Schönheit von ihrer Kraft durchglüht wurde, denn die Elfen kommen aus dem Licht und schwingen ganz in dem Willen Gottvaters. Die Menschen aber freuten sich der Blumen, dankten dem Herrn für seine Güte und waren glücklich.
Aber wie es nun leider so geht, allmählich nahmen die Menschen alles, das der Herr ihnen geschenkt, für selbstverständlich, sie vergaßen das Danken, sie vergaßen sogar ihres Schöpfers und Herrn und wollten von allein alles noch viel schöner und besser machen wie Gott. Die dummen, bösen Menschen!
Da waren ihnen auch bald die Blumen nicht mehr schön genug, denn sie hatten vergessen, was die Lichtfarben bedeuteten, woran sie erinnern sollten. Sie züchteten große und vielfarbige Blumen, aber sie taten alles ohne Liebe und Gebet. Darum blieb auch der Segen des Lichtes aus und die Elfen wandten sich entrüstet ab. Deshalb müssen diese von Menschenhand gezogenen Blumen viel schneller verwelken.
Und wie mit den Blumen, so machten sie es mit allem. Damit verscherzten sich die Menschen aber alle Helfergüte der unsichtbaren Diener des Herrn und verschlossen sich selbst die Lichtwege in die Ewigkeit.
Trotz allem sind die Blumen auch heute noch die Wegweiser zur Höhe, wenn die Menschen dies nur sehen wollen.“
„Und die Elfen? “ fragte Anni und legte ihr Köpfchen an Lisas Arm. „Sterben die nun auch so schnell mit den Blumen?“
„Die betreuen die Blumen, aber sie sind nicht mit ihnen verbunden. Wenn die Blumen gepflückt werden oder eine Pflanze gar ganz abgeschnitten wird oder verdorrt, dann gehen sie wieder hinauf in die lichteren Ebenen und warten, daß sie neue Arbeit bekommen. Nur einmal habe ich gesehen, daß sie mit den Blumen gingen und selig waren. “
„O Lisa, Du kannst die Elfen sehen! “ riefen die Kinder staunend.
„Einmal nur habe ich sie gesehen, bei einer herrlichen Feier. Der Tisch des Herrn war bedeckt mit Rosen und über dieser herrlich duftenden roten Pracht schwebten die Elfen in jubelnder Anbetung. Ihre zarten Körperchen glühten im Licht der Gottesliebe, die aus der Höhe strahlte.
Als ich nach der Feier noch ganz benommen hinaustrat ins Freie, da lebten ringsum Wiese und Wald von lauter kleinen Gestalten, die auf das Wort Gottes gelauscht hatten mit uns Menschen.“
„Jetzt weiß ich, wofür meine Blumen bestimmt sind!“ rief der Wichtelmann vergnügt und schlug einen Purzelbaum. Dann huschte er zu den Haselstauden und schlug die Zweige auseinander.
„0!“ jubelte plötzlich Hilde und lief auf das Plätzchen zu. „Ein Stück Himmel ist auf die Erde gefallen! Seht nur, wie schön!“
Sie kniete entzückt nieder vor dem geschützten Winkelchen, das Kopf an Kopf bedeckt war von leuchtend blauen Enzianblüten.
„Welch liebliches, blaues Himmelswunder“, sagte Lisa nähertretend.
Der Wichtel aber stand daneben, die Hände in den Hosentaschen und hüpfte begeistert von einem Bein auf das andere.
„Es sind die Blumen der Treue“, fuhr Lisa versonnen fort. „Ich glaube, ich darf sie morgen in einem Stück ausgraben und mitnehmen zum Berg.“
Da machte der Wichtelmann einen Sprung vor Freude und rief:
„Na endlich! Dafür haben wir sie doch gezogen und gepflegt! Das Elfenkind aber wird mitgehen, damit sie ganz frisch bleiben. “
„Lisa, Du gehst fort?“ fragte Hilde.
„Ja, nur für zwei Tage. Ich gehe wieder zu einer Feier, die Gott zu Dank und Ehre gehalten wird. Ich werde Gottes Wort dort hören dürfen.
„Dürfen wir Dir auch unsere Blumen mitgeben?“ fragten die Kinder durcheinander. „Ich habe Osterglocken in meinem Garten!“ „Und ich rote Tulpen! “
„Ich habe nur eine weiße Hyazinthe!“ meinte Hilde traurig. „Glaubst Du, daß man die auch nehmen wird?“
„Wir schmücken mit Euren Blumen den Korb, in den die Enziansterne hineinkommen. Es wird eine Pracht werden!“ rief Lisa froh. „Und wenn ich wiederkomme, kann ich Euch sicher viel Neues erzählen von dem herrlichen Gottesweben in der Schöpfung, das jetzt wieder die Menschen in die Lichtbahn des Gotteswillens lenken wird.“
Voll Freude und Eifer eilten die vier Mädchen dahin. Der Wichtelmann sah ihnen nach mit in die Seite gestemmten Fäusten.
„So!“ nickte er zu der Amsel hinauf. „Nun singe, was Du kannst, denn der Frühling ist gekommen für die Erde und für alle Diener des Lichtes: Der Gottesfrühling des neuen Menschenlebens!“
In den Wäldern Afrikas.*)
Braune Gestalten huschten um das Feuer, dessen rötliches Flackern nur einen kleinen Umkreis des Tales erhellte.
Es schien über einen Wall von Stachelgewächsen, deren Blüten sich zur Nacht erschließen wollten und süßen Duft aussandten. Große, bunte Schmetterlinge zog dieser Duft an. Sie umschwebten die Blüten mit leisem Surren, während unten am Boden kluge, grüne Köpfchen flinker Kriechtiere sich hoben, nach dem Ursprung des Duftes forschend.
Die Menschen aber, die sich zum Feuer drängten, um einen guten Platz zu erhalten, die sahen und spürten die Schönheit nicht. Sie hatten auch sonst keinen Blick dafür. Gröber und größer mußte das sein, das ihnen auffallen sollte.
Jetzt schien eine gewisse Unruhe in das Hasten und Drängen gekommen zu sein. In dichtem Kranze hockten sie am Boden, so daß die braunen, halbbekleideten Leiber einander berührten, ohne daß die Menschen dessen gewahr wurden. Sie waren es nicht anders gewöhnt.
Ihre Augen hingen gierig-lüstern an dem großen Fleischstück, das über dem Feuer langsam gebraten wurde. Der herabtropfende Saft fiel in die Flammen und entsandte einen scharfen, brenzlichen Geruch, der alles Duften ringsum übertäubte.
Das Tropfen hörte auf, eine braune Kruste bildete sich um den Braten. Lippen begannen zu schmatzen, hastig fuhren rote Zungen darüber im Vorgeschmack des Genusses.
Seitwärts füllten zwei Frauen Ziegenmilch in viele kleine Tonschalen, deren keine der anderen glich. Erzeugnisse, die aus den Händen der Frauen des Stammes hervorgegangen waren. Jede der Frauen hatte eine andere Art, ihre Tonwaren zu schmücken. Es war ihr Stolz, immer Neues zu erdenken.
Nun waren sie mit ihrer Arbeit fertig, die sie schweigend, mit lässigen Bewegungen verrichtet hatten. Zu gleicher Zeit kündete vermehrtes Schmatzen an, daß die Speise gar sei.
Zwei Männer erhoben sich auf einen scharf klingenden Zuruf der den Braten betreuenden Frau. Sie hatten kleine Beintrommeln, mit denen sie taktmäßig einen ohrenbetäubenden Lärm vollführten, -der nach einer augenscheinlich bestimmten Spanne Zeit genau so gleichzeitig abbrach, wie er begonnen hatte. Nun lauschten sie.
Aus der Nähe klang der Schrei einer Eule. Da setzten sie sich befriedigt wieder auf ihren Platz und warteten mit den anderen.
Die Ungeduld der Harrenden aber wurde auf eine harte Probe gestellt. Geraume Zeit verging, da endlich sah man Lichtschein nahen. Nach wenigen Augenblicken konnte man menschliche Formen erkennen, die sich auf das Feuer zu bewegten.
Unter dem Vorantritt von zwei schwarzdunklen, fast unbekleideten Männern, die brennendes Holz in Händen trugen und vorsichtig den Pfad erleuchteten, kamen fünf weibliche Gestalten.
Nun waren sie im Feuerkreis angekommen. Die Sitzenden sprangen empor und stießen eigenartig singende Töne aus, die Ergebenheit und Willkommen bedeuten sollen. Sie ähnelten aber mehr dem Schrei des wilden Tieres nach Nahrung.
Die Lichtträger ließen sich hinter dem Kreis in der Nähe des Gebüschwalles nieder, während die fünf Frauen an das Feuer traten, das sie hell beleuchtete.
Vier von ihnen ähnelten einander in der Kleidung: sie trugen einen aus Fasern geflochtenen farbigen Lendenschurz, der sie ringsherum umschloß, dazu ein großes viereckiges Stück Flechtwerk, das in der Mitte ein Loch hatte, groß genug, daß der Kopf hindurchschlüpfen konnte.
Dieses Stück verhüllte den Oberkörper. Die Beine waren unbekleidet, wenn man nicht die dicken Faserbüschel, die um die Knöchel gelegt waren, als Bekleidung rechnen wollte.
Im Alter waren diese Frauen verschieden. Während zwei noch ziemlich jung zu sein schienen, waren die beiden anderen betagt. Wohlgenährt waren sie alle.
Die dicken Wangen glänzten von Fett, ebenso die Glieder, soweit sie nicht von dem Flechtwerk bedeckt waren. Wulstig vorstehende Lippen gaben den an sich nicht unschönen Gesichtern einen abstoßenden Zug.
Durch die Nase, ganz unten, war ein Elfenbeinstäbchen geschoben, wie sich ähnliche in den krausen schwarzen Haaren vorfanden.
Ganz anders die fünfte Frau: ihr bräunliches Gesicht war lang, schmal die nicht großen Lippen, unentstellt die Nase. Ihre Kleidung bestand aus einem weißen Gewand, das gewebt zu sein schien.
Ebenso wie bei den anderen Frauen war in der Mitte eine Öffnung eingeschnitten, aus der der nicht große Kopf herausragte. Diese weiße Hülle aber reichte bis auf die Füße herab und umschloß die ganze Gestalt. In der Mitte war sie von einem aus Fasern geknüpften bunten Strick gehalten und zum Gehen etwas geschürzt.
Wie ein Wesen aus der Fremde stand sie zwischen den anderen. Ihr Alter war schwer zu bestimmen, die erste Jugend mochte sie aber hinter sich haben.
„Bu-anan!“ riefen die Leute ihr zu. „Bu-anan, weiße Mutter!“
Ohne zu antworten schritt sie zu dem für sie bestimmten Sitz, der durch ein mehrfach übereinander gelegtes Löwenfell gekennzeichnet war. Dadurch saß sie höher als die anderen, die auf dem Erdboden ihren Platz hatten.
Die beiden jüngeren, mit ihr gekommenen Frauen blieben hinter ihr stehen, die beiden anderen aber traten zu dem Fleischstück und halfen der Bewahrerin es vom Feuer heben und auf flache Steine legen.
Danach kamen zwei Männer, die es mit ihren kurzen Bronzemessern in soviel Teile schnitten, als die Frauen ihnen angaben.
Bu-anan erhob sich mit einer gewissen Anmut. Sie streckte die Arme waagerecht vor sich hin, die Handflächen nach oben gekehrt.
„Anu, Gott, wir ,danken Dir für diese wohlschmeckende Speise! “ sagte sie mit angenehm klingender, etwas singender Stimme.
Zu ihr wurden nun die Steine mit dem zerschnittenen, dampfenden Fleisch getragen. Mit einem dolchartigen Gerät stach sie eins ums andere auf und reichte es den herantretenden Frauen und Männern, die es ebenfalls mit einem Speisedolch in Empfang nahmen.
Aber nicht wahllos ,gab sie die Stücke fort. Sie schaute erst die Heischenden genau an, sagte wohl auch ein paar Worte, während sie das Fleisch austeilte.
„Du hast heute wenig gearbeitet, Du wirst von weniger Speise satt werden “, redete sie ein Mädchen an, das sich mit seinem Anteil hastig hinter den andern verbarg, als schäme es sich.
Einem Manne gab sie zwei Stücke mit den Worten:
„Deine Wachsamkeit rettete uns heute unser Vieh vor dem Gelben. Nimm, was Dir dafür gebührt!“
Sie waren alle zufrieden und begaben sich auf ihre Plätze zurück, nicht ohne vorher aus den Händen der Mädchen Schalen mit Milch empfangen zu haben.
Ein hastiges, lautes Schmausen begann, bei dem kein Wort gesprochen wurde. Bu-anan beteiligte sich nicht daran. Sie nahm nur eine Schale mit Milch und leerte sie langsam und, wie in tiefen Gedanken.
Gegen das Ende der Mahlzeit begannen die Leute nach ihr zu schauen.
„Bu-anan sinnt, Bu-anan wird uns etwas sagen“, raunten sie einander zu.
Augenscheinlich freuten sie sich darauf. Das Fleisch war restlos verzehrt, niemand konnte mehr bekommen, als er erhalten hatte. Dagegen füllten die Mädchen die Schalen ein zweites und wohl auch ein drittes Mal mit Milch, wenn es begehrt wurde.
Dann war auch dieser Vorrat erschöpft. Die Leute lehnten sich zurück und blickten erwartungsvoll auf Bu-anan.
Plötzlich begann sie leise zu sprechen, so leise, daß es fast wunderbar war, daß die Menschen ihre Worte verstehen konnten. Aber sie waren daran gewöhnt und wußten, daß die Stimme an Stärke gewinnen werde, je länger die Seherin sprach.
„In fernen, fernen Zeiten, die so weit fort sind, daß nur noch rückwärts gewendete Augen sie schauen können, lebte hier der Büffelmann. Stark war er, aber auch wild. Sitten kannte er nicht. Er brauste daher nach seinem Gefallen. Was ihm in den Weg kam, das überrannte er. Sein Atem war heiß wie Rauch des Feuers, er blies ihn durch die Nasenlöcher. Er trug keine Kleidung; denn braunes krauses Fell bedeckte seinen. Körper.“
Sie unterbrach sich, wie um das Bild recht lebhaft vor den Seelen der Hörer auftauchen zu lassen. Danach fuhr sie fort, diesmal schon etwas lauter:
„Nun denkt Ihr Euch einen wirklichen Büffel und wundert Euch, daß ich ihn Büffelmann nenne. Es war aber ein Mensch! Er lief auf zwei Beinen, wie Ihr es tut, die anderen beiden streckte er vor sich her. Auch waren ihm die Hörner nicht am Kopf angewachsen, sondern er trug sie an einem Rindenband befestigt, wie Ihr die Federkronen tragt.“
Ein neues Bild entstand vor den Lauschenden, aber es war nicht mehr so klar. Einen Büffel sahen sie oft, ihn konnten sie sich vorstellen. Aber einen Büffel auf zwei Beinen zu denken, schien fast unmöglich.
Bu-anan aber meinte, ihnen nun lange genug Zeit gelassen zu haben. Sie hob das Haupt ein wenig und leise hoben sich auch ihre Hände, die im Gegensatz zu den kurzen, runden Händen der übrigen Frauen lang und schmal geformt waren.
„Der Büffelmann hatte ein Weib. Ich weiß nicht, wie er dazu gekommen. Ra-a hieß sie und war ein richtiges Menschenweib, nur größer als wir heute sind. Sie war noch nicht lange bei ihm, da bemerkte sie, daß das Licht des Tages erloschen war. Dunkel war es rings umher; denn die Sterne der Nacht waren schlafen gegangen. Sie begann zu weinen. Der Büffelmann aber lachte sie aus.
„Laß uns schlafen, Ra-a“, sagte er, „einmal wird es auch wieder hell werden.“
Sie aber hatte Angst, es könne lange dauern, bis das Licht wieder scheinen werde. Und wenn das Dunkel die Herrschaft erhalte über die Welt, dann werde alles Nachtgetier, alles Böse und Ungute sich hervorwagen.
Nun aber wußte sie, daß über der Welt ein Herr lebt, zu dem man in höchster Not gehen kann. Da schickte sie ihre Gedanken auf den Fittichen der weisen Eule in heißem Flehen hinauf.
Ich weiß nicht, ob die Eule ganz hinauf konnte, unterbrach die Seherin mit kindlicher Stimme ihre bisher feierlich vorgetragene Erzählung. „Ich denke mir, da werden Wesen ihr entgegen gekommen sein, die mit leisen, gütigen Händen die Bitten abgenommen und dem Herrn gebracht haben.“
Danach fuhr sie wieder erzählend fort:
„Ra-a aber hatte gebeten, daß der Herr ihr Hilfe senden möge; denn sie wolle die Sonne suchen gehen. Und sie verließ den Büffelmann, der es ihr schwer machte, da er sie nicht missen wollte.
Sie ging über Sand und Stachelkraut, über Schlangen und Kröten; denn sie konnte ja nicht sehen, wohin sie trat. Ihre Füße wurden wund. Ihre Angst war groß, aber sie ließ nicht nach. Immer, wenn sie ermatten wollte, rief sie: „Herr!“ und dann kam neue Kraft.
Und dann fand sie die Sonne!
In eine große, steinerne Kiste hatte der Böse sie gesteckt, zusammen mit einem Widder. Die Kiste aber hatte er unter ein tiefes Wasser gelegt. Durch einen Spalt in der Steinkiste sah Ra-a die Strahlen der Sonne und sie wurde so froh, daß sie fast gestorben wäre.
Dann rief sie dreimal „Herr “; denn sie brauchte dreifache Kraft.
Da konnte sie den Spalt um soviel erweitern, daß der Widder sein Horn hindurchzwängen konnte. Danach brauchte es nicht mehr viel und die Sonne, die hehre, lichte, konnte herausschlüpfen. Der Widder machte sich dann vollends selber frei.
Ra-a führte die Sonne aus dem Wasser und an den Himmelsbogen zurück. An ihrer Hand konnte der Böse dem Himmelslicht nicht schaden, weil in Ra-a die Kraft des Herrn war.
Seitdem ist die Sonne niemals wieder verschwunden. Sie heißt von dem Tage an Ra-na, wie wir alle sie nennen. Vorher rief man sie Ta-te-ki, wie unsere Kinder noch sagen.“
Bu-anan verstummte, die anderen wurden lebendig. Die Erzählung hatte ihnen gefallen. Wie entsetzlich wäre es, wenn heute die Sonne wieder gestohlen würde!
„Bu-anan würde sie uns wieder holen, wie Ra-a es getan“, tröstete eine Frau.
„Was wurde aus dem Widder?“ wollte ein Mann wissen.
„Ach ja, der Widder! Der Widder! Von dem hast Du nichts weiter gesagt!“ drängten sie alle.
Bu-anan blickte auf und ein ganz leises Lächeln huschte um ihre Lippen.
„Der Widder konnte nicht mehr auf die Erde zurückkehren, weil er zuviel von dem Glanz der Sonne getrunken hatte“, sagte sie belehrend. „Er darf am Himmel stehen! Zur Nachtzeit könnt Ihr ihn sehen.“
„Ist es seitdem, daß Widderopfer gebracht werden?“ fragten einige Männer.
Bu-anan bejahte.
„Das ist richtig, nur bringen wir sie nicht mehr Ra-a; denn sie war nur ein Menschenweib. Dem Herrn, Anu, opfern wir den weißen Widder mit dem schwarzen Kopf, seinem Sohn den ganz weißen oder auch ein Lamm, wenn einmal bei der Herde kein ganz weißer Widder ist!“
Weiter schwatzten die erregten Menschen, aber sie standen so stark unter dem Einfluß der weißen Mutter, daß sie sogar jetzt ihre Stimmen dämpften. Sie hatten es einmal erlebt, daß Bu-anan das Feuer verlassen hatte, als sie unbeherrscht geschrien hatten. Ein zweites Mal wollten sie solches nicht veranlassen.
Keinen Augenblick ließen sie das Gesicht der Seherin außer Acht. Sie wollten nicht hindern, falls sie abermals zu ihnen reden wollte. Und richtig. Jetzt hob das schmale Antlitz sich nochmals und Bu-anans Stimme erklang:
„Ra-a, die Frau war es, die das Dunkel überwand. So soll es nach dem Willen des Herrn allezeit sein. Die Frauen und Mädchen haben mehr Helles in sich als die Männer, denen dafür mehr Verstand und mehr Menschenkraft gegeben ist.
Die Frauen sollen ihre Bitten auf die Schwingen der Eule legen und Anus Kraft erflehen, wann immer sie deren bedürfen. Die Frauen sollen dafür sorgen, daß die Sitten des Stammes immer lichter und reiner werden, so daß sie vor Anus Augen bestehen können.
Damit die Frauen das können, müßt Ihr sie halten als Euer Kostbarstes, Ihr Männer! Rührt sie nicht an mit unreinen Händen, betastet sie nicht mit unreinen Gedanken. Strahlen sollen sie sein, die Anu Euch von oben gesendet, Euer Leben zu erhellen! Würdet Ihr wagen, die Sonnenstrahlen zu trüben?“
Sie beteuerten alle, daß es ihnen niemals einfallen würde. „So wollen wir uns trennen. Der Abend war schön. Lasset uns Anu dafür danken!“
Die Seherin trat vollends in die Mitte des Kreises, wo die Flammen bereits im Verlöschen waren. Wieder streckte sie die Arme gerade vor sich hin. Das weiße Gewand floß an ihnen hernieder, daß sie großen Schwingen glichen.
„Anu, Gott, wir danken Dir! Lege von Deiner Kraft in meine geöffneten Hände, daß ich sie weitergebe. Dein Segen sei über unserer Nacht.“
Als sie geendet, hob sie die Arme und wendete die Handflächen abwärts, als wolle sie die erhaltene Kraft über die geneigten Häupter ihres Stammes ausschütten.
Die beiden Dunkelfarbigen waren eilfertig herbeigeglitten und hatten Feuerbrände aus den Flammen gerissen. Nun beleuchteten sie den Pfad, den Bu-anan zu schreiten hatte, umgeben von ihren vier Frauen.
Niemand sprach ein Wort. Damit hätte man die erhaltene Kraft unwirksam gemacht.
Als die weiße Mutter weit genug entfernt war, rissen auch die anderen brennende Hölzer an sich und eilten ihren Behausungen zu. Wo das Feuer gelodert, lag nur noch ein Berg Asche. -
(Fortsetzung folgt)
Fragen - Beantwortungen
durch Abd-ru-shin
Frage: Ich kenne die Geschichte der Inkas, der „Sonnensöhne“. Diese waren gutmütig und fanden doch ein so schreckliches Ende durch den berüchtigten Pizarro. Haftete diesem Volke ein so schweres Karma an, daß sie es nicht bei ihrer Reinheit und Kindlichkeit symbolisch hätten ablösen können? Wie ist bei ihrem harmlosen Leben das über sie hereingebrochene Gräßliche zu erklären?
Antwort: Sehr einfach! Mit der Harmlosigkeit, in der die Inkas lebten, wären sie zum Stillstand gekommen! Sie fühlten sich dabei wohl und hatten keinen Drang, sich aus freien Stücken heraus weiter zu entwickeln.
Sie lebten wie harmlose Lämmer dahin. Es befanden sich auf der Erde aber auch noch andere Menschen, die sich bereits dem unheilvollen Einflusse der Verstandesherrschaft hingegeben hatten und dadurch Wölfen glichen. Bekanntlich können aber Lämmer unter Wölfen nicht ungeschoren leben.
Außerdem muß der Fragesteller sich darüber klar sein, daß nicht alles Ungemach Folgen eines vorhandenen Karmas sein können; denn auch das Karma mußte doch einmal einen Anfang haben.
Jeder Leser meiner Botschaft weiß, daß sich auch heute noch neben dem laufenden Karma jede Stunde nicht nur Karmafäden lösen, sondern auch stets neue knüpfen.
So knüpften diese übelwollenden Menschen, welche die Inkas überfielen, ein neues Karma, während den Inkas dabei trotz des irdischen Ungemaches Nutzen entstand; denn sie wurden wach, um geistig und irdisch sich weiter zu entwickeln!
Aus diesem Vorgang kann die Menschheit wieder lernen, daß es der Menschen Pflicht ist, immer wach zu sein. Geistig und irdisch. Der Erdenmensch kann geistig noch so hoch stehen, noch so gut im Lichte leben, ist er dabei nicht gleichzeitig auch irdisch wach, vergißt er seine irdische Umgebung, in der er doch zu leben hat als Erdenmensch, will er sie nicht beachten, sondern hier auf Erden nur dem Geiste leben, so wird und muß er Schaden leiden, da er dann den übelwollenden Nebenmenschen freien Lauf gewährt. Er läßt also die Schwächen seiner Nebenmenschen und deren Fehler wachsen und gibt ihnen sogar noch Gelegenheit, sich darin auszutoben. Das ist falsch!
Ich habe auch in der Botschaft ausdrücklich darauf hingewiesen, daß auf Erden das Irdische mit dem Geistigen Hand in Hand zu gehen hat.
Wachsein ist die beste Verteidigung und der schärfste Kampf!
Das ist für jeden Erdenmenschen wichtig.
Im Wachsein kann schon vieles Übel abgewendet werden, bevor es noch zum Angriff kommt. Das ist der rechte Kampf, wie er im Sinne des Gotteswillens verlangt wird. So sollen alle kämpfen: im und durch das unentwegte Wachsein!
Frage: Es ist mir aufgefallen, daß gerade gegen Abd-ru-shin mit einer Gehässigkeit immer wieder neue Angriffe versucht werden, deren Art und Weise eigentlich abstoßend wirken muß auf gesittete und denkende Menschen. Ich erfuhr dies nicht nur von verschiedenen Sekten, sondern mußte dies nun auch bei Kirchen sehen.
Mir gibt das deshalb viel zu denken, weil solche Handlungen eigentlich das Gegenteil von einem christlich vorbildlichen Leben zeigen, wie man es von allen unmittelbar zu einer Kirche gehörenden und in ihr dienenden Menschen erwarten und fordern müßte, wenn man an die Echtheit von deren Worten und Lehren glauben soll.
Im Sinne des Gottessohnes Jesus ist es auf keinen Fall, worauf doch die christlichen Kirchen aufgebaut sind, so viel steht fest für jeden Christen, der es ernst mit seinem Christentume meint. Wie ist es zu verstehen, daß diese Dinge vorkommen, die doch durch ihre Art den ganzen Grundbau erschüttern müssen? Oder denke ich darin irgendwie falsch?
Antwort: In dieser Frage liegt ja schon die Antwort deutlich genug. Es ist ganz folgerichtig gedacht und bedarf keiner weiteren Erklärungen. Es sind in der ganzen Weltgeschichte nachweisbar immer nur Vertreter der jeweils herrschenden Religionen gewesen, die gegen Wahrheitssuchende und Lichtbringer gekämpft haben, sobald diese über die Grenzen der gegebenen Religionsvorschriften hinausgingen, um der Wahrheit näher zu kommen.
Diesen weltgeschichtlichen Beweisen kann niemand widersprechen und es ging ja dem Gottessohne Jesus selbst nicht anders, das ist allgemein bekannt. Wenn er heute wiederkommen würde, so erginge es ihm wieder genau so, nur den jetzigen Verhältnissen angepaßt. Das haben sogar Geistliche mehr als einmal in voller Ehrlichkeit von der Kanzel gekündet, und es wird wohl auch ein jeder Mensch, der die Menschen und ihr Gebaren kennt, nichts anderes erwarten.
Die Art solcher Angriffe aber, gleichviel ob diese heimlich oder offen erfolgen, kann immer nur die betreffenden Personen, von denen es ausgeht, kennzeichnen, die ja auch den Gottgesetzen gegenüber verantwortlich bleiben, welche sich selbsttätig auf jeden Fall zuletzt gegen sie auswirken müssen. Die ausführenden Personen allein kennzeichnet die Art und Weise, und drückt ihnen einen entsprechenden Stempel auf. Der Fragende soll damit aber nicht die Kirchen selbst als Ganzes belasten.
Öffnet Auge und Ohr, damit Tropfen
des Lichtes guten Boden finden:
Die Frau wird immer nur das getreue Spiegelbild jener Welt von Gedankenformen sein, die über ihrem Volke lagert... Achtet und ehret das Weib als solches, und es wird sich darnach formen, wird das werden, was Ihr in ihr seht.
* * *
„Wache und bete“ heißt nichts anderes als die Forderung zur Verfeinerung und Verstärkung der Empfindungsfähigkeit des Erdenmenschen, gleichbedeutend mit Lebendigmachung des Geistes, der der einzige Ewigkeitswert des Menschen ist, welcher allein zurückzukehren vermag in das Paradies, die Urschöpfung, von dem er ausgegangen ist.
* * *
Dort, wo der Mann nicht aufzublicken fähig ist zum Weibe in deren Weiblichkeit, vermag keine Nation, kein Volk emporzublühen!
* * *
Wenn überhaupt von dem Gebet gesprochen werden soll, so ist es selbstverständlich, daß die Worte nur denen gelten, die sich mit dem Gebet befassen. Wer nicht den Drang zu einem Gebet in sich fühlt, kann ruhig davon Abstand nehmen, weil seine Worte oder die Gedanken doch in nichts zerfließen müssen.
* * *
Vielseitigkeit eines Gebetes wird es immer abschwächen. Ein Kind kommt auch nicht mit sieben Bitten gleichzeitig zum Vater, sondern immer nur mit dem, was sein Herz gerade am ärgsten bedrückt, sei es nun ein Leid oder ein Wunsch.
* * *
Das Gebet erfordert tiefsten Ernst. Man bete in Ruhe und Reinheit, damit durch Ruhe die Empfindungskraft erhöht wird und sie durch Reinheit jene lichte Leichtigkeit erhält, die das Gebet emporzutragen fähig ist bis zu den Höhen alles Lichtes, alles Reinen. Dann wird auch diejenige Erfüllung kommen, die dem Bittenden am meisten nützt, ihn wirklich vorwärts bringt in seinem ganzen Sein!
* * *
Aus jeder Gottesbotschaft machtet Ihr Religion! Zu Euerer Bequemlichkeit! Und das war falsch! Denn einer Religion bautet Ihr eine ganz besondere, erhöhte Stufe, abseits von dem Alltagswirken! Und darin lag der größte Fehler, den Ihr machen konntet; denn Ihr stelltet damit auch den Gotteswillen abseits von dem Alltagsleben, oder, was dasselbe ist, Ihr stelltet Euch abseits vom Gotteswillen, anstatt Euch mit ihm zu vereinen, ihn mitten in das Leben und das Treiben Eures Alltags zu setzen!
Abd-ru-shin.
Mitteilungen an die Leser.
Da die vollständige Niederschrift über „Is-ma-eI als Wegbereiter für den Geist der Wahrheit durch die sieben Weltenteile der Schöpfung“ in einem Buch erscheinen wird, unterlassen wir weitere Bekanntgaben darüber und bringen ab heute Erzählungen aus der irdischen Menschheitsgeschichte, die bisher noch nicht bekannt sind, sich aber als Tatsachen erweisen lassen werden, sei es durch Funde, Ausgrabungen oder Überlieferungen.
Jedenfalls geben diese Erzählungen den Lesern Bilder über das Leben und Treiben früherer Menschenstämme, wobei die große Führung durch einzelne dazu Begnadete immer wieder deutlich sichtbar wird. Führung, die sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsschicksale zieht und immer einem einzigen Ziele zustrebt: Der Erkenntnis des großen Webens lichter Kräfte in der Schöpfung.
So beginnen wir heute mit der Erzählung:
„In den Wäldern Afrikas.“
Dabei finden auch gleichzeitig Anfragen verschiedener Leser Beantwortung, die wissen wollen, woher der Name Abd-ru-shin kommt.
VERLAGS - A.- G. „DIE STIMME“
Zürich 7, Drusbergstraße 17
Telephon 46.575 - Postscheckkonto VIII 5345
Inhalt:
Seite
1. Spruch. Von Susanne Schwartzkopff. 4
2. Was ist Glück? Von Herbert Vollmann. 5
3. Nomen est Omen. Von Hermann Wenng. 12
Was ist religiöses Empfinden? Von Agnes Laute. 19
Fördernde Werte. Von Margarete Fritsch. 22
Das große Opfer. Von Susanne Schwartzkopff. 26
Einsendung aus dem Leserkreise 36
Betrachtungen eines Priesters.
8. Am Wiesenhang. Von Maria Halseband. 40
9. In den Wäldern Afrikas. 47
10. Fragen - Beantwortungen. Von Abd-ru-shin.
Inka-Schicksal. 54
Anfeindungen 55
11. Tropfen des Lichtes. Von Abd-ru-shin 57
Mitteilungen an die Leser. 59
Herausgeber: Verlags A.-G. „Die Stimme”, Zürich, Drusbergstraße 17.
Verantwortlich: Für die einzelnen Artikel und Mitteilungen die
Verfasser. Für den übrigen Teil: Herr Arthur Giese, Zürich.
*)Anfragen darüber leiten wir gerne an die zuständige Stelle weiter. Interessenten wollen alle ihre Vornamen, Rufname besonders bezeichnet, Geburtsdatum und Ort der Geburt angeben.
Die Redaktion.
*)von Abd-ru-shin,
*)Tschechoslowakische Staatskirche
*)siehe Mitteilungen an die Leser Seite 59