Jahrgang 1937 Heft 7

DIE STIMME

Schrift

für Erstarkung im Wissen

und Können.


VERLAGS A..- G. ,,DIE STIMME“, ZÜRICH


































Copyright by Verlag A - G „Die Stimme“, Zürich

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung. Vorbehalten

Druck: Buchdruckerei Thurtal, Müllheim (Schweiz)



Wir schließen, schließen uns zusammen

Zu einem Ring von reiner Glut,

Du gibst uns Kraft, die Kraft der Flammen, In der die Reinheit lodernd ruht.

Wir klingen, klingen hell zusammen

In einem Liede glockenklar,

Du bist der Ton, aus dem wir stammen, Denn Du bist der, der ist und war.

Wir reichen, reichen uns die Hände,

Daß festgefügt die Kette schwingt,

Sie weiß von Anfang nicht und Ende,

Sie weiß nur, daß sie jubelnd klingt.

So glühe, Ring, in reinem Lichte,

Ertöne hell im Glockensang,

Daß sich an Deinem Sein vernichte,

Was nicht vom Licht, nicht reiner Klang!

Prophetentum und Neuzeit


Von Kurt Halseband


Vor nicht allzulanger Zeit erschien auf einer Londoner Kunstausstellung ein Bild, das Christus darstellte, wie er durch die Straßen einer modernen Großstadt wandelt Das wäre an und für sich nicht allzu überraschend und ausgefallen, da ja eine weitverbreitete Auslegung eines Bibelwortes von der Wiederkunft Christi auf Erden wissen will.

Der Künstler stellte jedoch den Heiland in der Art gekleidet dar, wie durch die Jahrtausende die Gewandung jener fernen Tage und Länder auf uns kam. Diese gänzlich anachronistische Auffassung beleuchtet schlagartig die Unklarheit, die darüber herrscht, wie man sich heute das Kommen eines Propheten oder gar eines Gottessohnes vorstellen will.

Die meisten werden bestimmt wenn eine diesbezügliche Frage an sie gestellt würde, überlegen lächeln mit der Begründung, es sei ja ganz zwecklos, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, denn erstens käme keiner und wenn es schließlich doch einmal sein sollte, dann würde man ja sehen . . . es sei doch schließlich Sache eines Propheten und Gottgesandten selbst, seine Mission zu beweisen.

Damit ist die Angelegenheit für diese Menschen erledigt Jeder, der aber etwas tiefer blickt, weiß, wie es mit dem Beweis göttlicher Sendung bei dieser Sorte Menschen ist. Sie werden nicht glauben, da der Glaube Opfer fordert, und sei es nur in der anderen Einstellung. Opfer wollen sie nicht bringen, wie sie überhaupt die Sache verkennen, daß der Mensch von heute es nötig hat denn je, sich mit einer solchen Frage auseinander zu setzen.

Die Notwendigkeit erhält schon dadurch Berechtigung, daß die Beschäftigung mit einer Frage auf geistigem Gebiet, und um eine solche handelt es sich hier zweifellos, der wirksamste Gegenpol zum heute herrschenden Materialismus ist.

Wer den Materialismus als Ursprung aller heute herrschenden Irrtümer und Fehler erkannt hat, wird das ohne weiteres verstehen. Die Bibel weist zudem auf eine Zeit hin, in der das Kommen eines Sohnes aus Gott sich wiederholen soll und deren Merkmale mit unserer Jetztzeit übereinstimmen. Das merkwürdige Sichhäufen falscher Propheten!

Viele haben davon noch gar nichts bemerkt, weil sie den Begriff „Prophet“ viel zu eng begrenzen. Im allgemeinen versteht man unter einem Propheten einen Menschen, der von Gott eine Sendung erhalten hat in Ausübung dieser Berufung wird er zum Prophet.

Von dieser ganz richtigen Feststellung ausgehend will man heute nur den als falschen Propheten erkennen, der wissentlich verbreitet, eine göttliche Sendung erfüllen zu müssen, ohne daß es der Tatsache entspricht. Hiermit ist aber nur ein ganz kleiner Teil derer erfaßt, die mit dem Bibelwort gemeint sind. Zu ihnen zählen vor allem auch diejenigen, die ein bestehendes oder erst im Aufbau begriffenes System zur Weltanschauung stempeln wollen, des weiteren alle, die im Verfolgen einer einseitig materialistischen Einstellung das Geistige im Menschen - das ist das Unsterbliche - verneinen wollen.

Diese falschen Propheten findet man überall, auf allen Gebieten; im geistigen, kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Leben. Es sind Tausende! Derjenige aber, der erwartet wird, und der der wirkliche Gottgesandte sein soll, ist nur ein Einziger unter einer Masse ihm feindlicher Nachahmer. Und doch ist der Mensch, der nach geistigen Werten strebt, vor die Notwendigkeit gestellt, alles an seinem Wege liegende Prophetentum mit Schärfe zu prüfen, um den Verheißenen zu erkennen.

Auf den ersten Augenblick erscheint das ungeheuer schwer und für den Menschen nahezu unlösbar. Es erscheint aber nur so. Jedem Menschen ist ein untrüglicher Maßstab gegeben, Falsches vom Wahren zu unterscheiden. Er muß den Maßstab wieder finden, was ihm allerdings nicht leicht wird; denn es verlangt ein Auferwecken der Werte, die einen Menschen erst zum Menschen machen. Das ist der einzig gangbare Weg.

Dem Menschen ist die Schlußfolgerung erlaubt, daß ein Gottgesandter und seine wahren HeIfer bestrebt sein werden, in allererster Linie auf das Innere der Menschen einzuwirken, um diesen den Weg zum wahren Menschentum zu erleichtern, ja, ihn überhaupt erst wieder gangbar zu machen und damit einen gesunden Grund zu schaffen.

Der Gottgesandte wird den Menschen die vollste Klarheit über die Vorgänge in ihnen und um sie verschaffen müssen, um ihnen damit einen festen, geistigen Halt zu geben. Wir werden den Kommenden schon darin erkennen, daß er den Glauben zur wissenden Überzeugung werden läßt.

Überraschend bei der so aufgeklärten Menschheit ist die unbekümmerte Naivität, wie sie sich das Kommen eines Gottgesandten vorstellt. Diejenigen, die überhaupt die Möglichkeit des Kommens eines solchen nicht von vornherein ablehnen oder für unzeitgemäß halten, es gibt leider genug Menschen, die der Ansicht sind, Gott richte sich nach ihren Wünschen und Ansichten, stellen sich das Kommen so vor, daß er in den Wolken einhergefahren käme und den Erdenaugen sichtbar zur Erde herniederstiege, damit allein schon damit seine Echtheit beweisend.

Diese Ansicht ist ungemein bequem und erübrigt das gerade unumgängliche Prüfen und Suchen! Der Glaube an eine solche Möglichkeit enthält bei aller scheinbaren kindlichen oder besser gesagt „kindischen“ Unbekümmertheit eine ungeheure Anmaßung, aber keine Größe. Er stellt ganz unverblümt die Erwartung, daß Gott sich den Menschen, die sich von ihm abwandten, nähern müsse und nicht der Mensch seinem Schöpfer.

Die Berufung darauf, daß es in alten Überlieferungen so laute, zeugt von Denkfaulheit, denn es ist doch nicht schwer zu erkennen, daß damit nur geistige Vorgänge gemeint sind und mit dem irdischen Kommen nur indirekt zu tun haben.

Auch die schon erwähnte Auffassung des Künstlers auf dem Londoner Gemälde erhebt keinen Anspruch auf große Vertiefung. Ist es denn nötig, daß ein Prophet durch Ausgefallenheit seine Sendung bezeugt? Liegt denn nicht viel mehr Größe darin, wenn Gott seinen Gesandten Mensch werden läßt unter Menschen? Wenn wir es recht bedenken, ist es überhaupt die einzige Möglichkeit, wie den Erdenmenschen vom Lichte aus noch Hilfe werden kann. Das Wissen, daß der Gottgesandte dadurch Bescheid weiß um alle unsere Fehler und Nöte, indem er selber Mensch wurde, kann uns schönster Trost sein und Zuversicht, daß die Hilfe auf Wegen zu uns kommen wird, auf denen wir sie erkennen und verwerten können.

Wer von der Vollkommenheit Gottes überzeugt ist, weiß, daß dieser Weg der richtige ist, den der Kommende von der Verstrickung, Verwirrung und Verbogenheit der Erdenmenschen, um diesen helfen und ihnen ihren Lohn zukommen lassen zu können.

Ja, das ist es, das fühlen wir alle, die wir an sein Kommen glauben; er wird Gericht halten, Gericht halten müssen, wenn die wenigen Guten nicht noch in den Schlingen des Bösen versinken sollen. Das will Gottes Gerechtigkeit nicht, denn Gott ist die Vollkommenheit. Darum wird er Gericht halten lassen.


Auch die, die nicht an etwas derartiges glauben wollen, fühlen unbewußt, wie jetzt schon ein allgemeiner Druck lastet auf der Menschheit. Woher käme dieses immer mehr auffallende Hasten, diese Unrast. Das Suchen, das krampfhafte Sichklammern an Werte, die, aus besseren Zeiten übernommen, auch jetzt noch Bestand verbürgen sollen, oder wenn sie dazu nicht mehr in der Lage sind, das willenlose Nachfolgen den Versprechungen neuer Menschheitsbeglücker.

Es ist auch kein Zufall, daß unsere Zeit Diktaturen zustrebt, denn auch sie sind nur der Ausdruck eines unbestimmten inneren Dranges und Suchens, das in der Gefolgschaft eines Führers Form gewinnen will.

Alle diese Anzeichen sprechen doch eine so beredte Sprache, daß sie jedem ernsten Menschen eine stete Mahnung sein müßte, Augen und Ohren offen zu halten. Bei der wenig schönen Mentalität unserer Zeitgenossen ist der Schluß noch nicht einmal verfehlt, daß man dort vielleicht am ehesten Wahrheit finden kann, gegen den man sich nicht genug tun kann in Schmähungen und Verfolgungen, denn dort ist unter Umständen auch die echte und lebende Wahrheit zu finden.

Wir wollen doch nicht so optimistisch sein und annehmen, daß der Kommende unangefeindet seinen Weg wird gehen können. Das, was Jesus geschah, ist uns noch viel zu deutlich vor Augen! Jesus wurde seinerzeit das Streben nach irdischer Macht zum Vorwurf gemacht, dasselbe wäre z. B. auch heute bei dem herrschenden allgemeinen Mißtrauen ebenso ohne weiteres möglich. Damals erkannte man dafür den Tod, heute hat man andere Methoden. Es wäre gut möglich, daß man versuchte, den Gottgesandten moralisch unmöglich zu machen und somit seine Sendung von vornherein zu untergraben.

Darum ergibt sich für uns als weitere Notwendigkeit, um nichts zu versäumen, immer das Wort, das uns geboten wird, anzusehen und nicht die Person, die es bringt. Wenn wir im Worte das Rechte gefunden haben, sind wir sicher, daß die Person auch als solche allem die Krone aufsetzen wird. Wird jedoch zuerst die Person ins Auge gefaßt, so ist die Gefahr vorhanden, daß durch irgend etwas Gehörtes, Verleumderisches oder Ähnliches, die Aufnahmefähigkeit für das Wort getrübt wird und man am Besten, was uns überhaupt werden kann, vorübergeht.

Fast bei allen Propheten und vor allem auch beim Gottessohne Jesus von Nazareth, erleben wir dieselben Erscheinungen. Die staatliche Obrigkeit und vor allem die herrschende Geistlichkeit stellt sich von vornherein in Gegensatz zu diesen Gesandten.

Wenn nun auf die Einstellung der Staatsleitungen vielleicht gerade noch menschlich verständlich erscheinen mag - entschuldbar ist es deshalb keineswegs. So ist die jedesmalige Einstellung der Geistlichkeit mehr als überraschend; denn sie spricht ja gerade den von ihr vertretenen Prinzipien der Gottanbetung und des Gottesdienstes Hohn.

Sie war immer ein Schlag ins Gesicht für jeden, der in der Geistlichkeit den Wegvermittler zu geistigem Aufstieg sehen wollte. Jeder Mensch mußte erkennen, daß die Geistlichkeit aller vergangenen Zeiten irdische Machtentfaltung auf Grund eines tiefgehenden Einflusses auf das Seelenleben der Gläubigen vor die wahren Priesterpflichten stellte.

Trotz dieser Vorkommnisse, aus der Erdenzeit Jesus Christus und früherer Wahrheitsbringer lernte aber die Menschheit nicht das Geringste, wie die vergangenen Jahrhunderte zur Genüge beweisen und die Frage ist daher nicht unberechtigt, ob es heute nicht auch noch so ist! Wir wollen und können diese Frage nicht erschöpfend beantworten, aber wir wollen alle Möglichkeiten ins Auge fassen, um nichts zu versäumen.

Es ist doch klar, daß ein Gottgesandter von für Menschenbegriffe unfaßbarer Reinheit sein muß, sonst könnte er ja kein solcher sein. Ebenso klar ist aber auch, daß dessen Grundbegriffe und Anschauungen in vielen Dingen ganz anderer Art sein können oder müssen, weil sich ja die Erdenmenschen weit vom Erfassen oder Verstehen des Gotteswillens entfernt haben und nur noch ihre eigenen Ansichten gelten lassen und sich zum Gesetz machten.

Selbstverständlich ist uns aber auch die heutige Fehlerhaftigkeit der ganzen Menschheit, selbst der Gutwollenden. Das sind, wie leicht zu verstehen, von vornherein zwei scharfe Gegensätze!

Wo Gegensätze herrschen sind Reibungen unvermeidbar und diese Reibungen sind um so stärker, je größer die Gegensätze sind - alles ganz bekannte Tatsachen. Die Folge davon ist naturgemäß eine arge Bedrängnis für jeden Gottgesandten, der gegen eine ungeheure Übermacht anzukämpfen hat.

Während nun Gutwollende, die ihre FehIerhaftigkeit empfinden, die Möglichkeit erhalten, sich selbst zu erkennen und zu reinigen, wird wohl der böswillige Teil der Menschheit die Hebel in Bewegung setzen um die Verbreitung einer Gottesbotschaft zu verhindern.

Wir sehen hier bereits eine Scheidung der Menschheit in sich eingetreten. Auch die Bibel spricht von einer solchen Trennung, die die Böcke von den Schafen sondert. Zu den Böcken müssen wir wenn wir streng und sachlich denken, eigentlich auch die Lauen rechnen, von denen es heißt, sie sollen ausgespien werden. Die Lauen sind die Gleichgültigen, die Denkfaulen, die nicht kalt und nicht heiß sein wollen und meinen, dann ihre Lebensweisheit gefunden zu haben.

Darin liegt keine Ungerechtigkeit, denn in dem Verhältnis zu Gott gibt es für den Menschen als einer Kreatur Gottes nur das eine: Eine dankbare, bejahende Einstellung und ein sich bedingungsloses Einfügen in seine Gesetze und Gebote. Die Lauen wollen das aber nicht, da sie nicht in Gegensatz zu den Übelwollenden kommen möchten, wie sie aus Bequemlichkeit jeden Gegensatz meiden. Dabei müssen sie natürlich geistig einschlafen. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Sie ist aber für jeden von größter Wichtigkeit und aus diesem Grunde sollen solche Worte hier nicht ungesprochen bleiben.

Für jeden, der mit allen Fasern seines Herzens empfindet, wie unsere Zeit in Wirklichkeit ist, der mit seinen Augen und Ohren alles sieht und hört, was sie uns bringt, der muß es wissen und erkennen:

Die Zeit ist reif für die große Wende, für die verheißene letzte Sichtung! Darum soll jeder Suchende sich mit der heißen Bitte zu Gott, dem Allerhöchsten wenden:

„Herr, wir wissen, Deine Zeit ist gekommen und bitten Dich, laß uns zur rechten Zeit erkennen!“






lll

„Der heilige Gral“ und Pasifal

in Dichtung und Legende.


Von Henri Huber.


In jüngster Zeit kann man periodisch in größeren Zeitungen und Zeitschriften Abhandlungen finden mit den für Wissende etwas pompös anmutenden Überschriften „Das Geheimnis des Grals enthüllt“ oder „Wer war Parsifal?“ usw.

Es dürfte deshalb vielleicht nicht unangebracht sein über Entstehung und Wesen der Legenden und Dichtungen über „den Heiligen Gral“ im Nachfolgenden einige Ausführungen zu bringen, soweit es das uns zur Verfügung stehende Quellenmaterial erlaubt.

Vorausgeschickt sei, daß ursprünglich die Sagen vom Heiligen Gral und von Parzival zwei völlig getrennte Legenden waren und erst lange nach ihrer Entstehung miteinander in· Zusammenhang gebracht wurden.

Das Wort Gral von dem altfranzösischen Worte „graal“; in provenzalischer Mundart „grazal“ oder mittellateinisch „gradalis“ abgeleitet bedeutet Schüssel Gefäß, Trinkschale. An diesen Namen knüpfte sich bereits im frühesten Mittelalter ein großer Sagenkreis. Die ersten Ursprünge dieser Legenden weisen nach Spanien hin und scheinen sich aus einer Verschmelzung maurisch-arabischer, jüdischer und christlicher Literatur gebildet zu haben, obwohl bereits im 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung in England in Troubadour die Gralslegende besungen haben soll. Genaue Angaben darüber liegen nicht vor.

Im 11. Jahrhundert finden wir die ersten schriftlichen Abhandlungen in provenzialischer Mundart eines südfranzösischen Dichters namens Guiot über den Gral, wo er selbst als Quellen den arabischen Schriftsteller Flegetanis, von dem er in Toledo diesbezüglich Niederschriften gefunden haben will, sowie eine lateinische Chronik von Anjou angibt. Ein Zeitgenosse Guiots namens Chrétien von Troies hat die Gralslegende gleichfalls bearbeitet.

In die deutsche Poesie wurde die Sage vom Heiligen Gral in Verbindung mit der Legende von „Parsifal“ erst später vom Dichter Wolfram von Eschenbach übernommen. An Ideengehalt übertrifft sein zwischen den Jahren 1205 und 1215 entstandenes Gedicht „Parsifal“ bei weitem alle früheren aus anderen Quellen.

Der Heilige Gral soll diesen Sagen entsprechend ein Gefäß aus reinstem Jaspisstein sein, dem edlen Steine, von dessen Kraft der Phönix aus der Asche sich verjüngte. Einst wurde er von Engeln zur Erde gebracht und von ihnen persönlich eine Zeitlang behütet. Jesus soll seinen Jüngern daraus das letzte Abendmahl dargeboten und Joseph von Arimathia darin das Blut des gekreuzigten Heilandes aufgefangen haben.

Später kam er unter die Obhut einer auserwählten Ritterschaft, „Templeisen“ genannt, die einem reinen Könige unterstanden und das Gefäß in einer herrlichen tempelähnlichen Burg auf einem Berge in den Südpyrenäen aufs strengste behüteten. Dieser Berg war „Monsalvat“ oder „Monsalvage“ genannt.

Seinen Hütern verleiht der Heilige Gral ewiges Leben. Wer ihn erblickt, kann nicht sterben. Alljährlich am Karfreitag wird die Wunderkraft durch eine Hostie erneuert, die eine weißglänzende Taube vom Himmel bringt und auf den Gral legt.

Durch himmlische Schrift auf der Schale werden die Hüter des Heiligen Grales berufen, doch Demut, Treue und reiner Sinn sind unerläßliche Vorbedingungen zu der großen Auszeichnung und Ehre des Dienstes.

In der Folge sollte dieser Stoff noch vielen Dichtern und Schriftstellern Anreiz zur Bearbeitung geben und es sind auch noch ganz verschiedenartige Niederschriften darüber entstanden.

Der Heilige Gral wurde auch noch mit einer mittelalterlichen französischen Sekte, den Albigensern, in Verbindung gebracht, den sogenannten Cathari d. h. auf deutsch „den Reinen“. Dokumente aus jener Zeit melden die Namen von Edelfrauen, Rittern und Troubadouren, die auf Montségur ihre „Minnekirche hüteten“. Auf Montségur soll der Tempel der „höchsten Liebe“ gestanden haben, der seine Tradition teils aus der damals vorwiegend herrschenden ritterlichen Vorstellungswelt, teils aus der Lehre der Albigenser bezog.

„Reine Ritter“, Albigenser, hüteten auf Monségur einen Edelstein, Stein des Lichts genannt, oder auch Heiliger Gral. Dieser Stein soll ein aus der Krone Luzifers gefallener Edelstein sein, der den Wunsch und die Sehnsucht nach der Reinheit des verloren gegangenen Paradieses versinnbildlicht.

Vor 700 Jahren wurde nun vom Papst Innozenz III. gegen ,die ketzerische Ritterschaft von Montsérgur und den Gral, der gewaltige Albigenserkreuzzug angeordnet, der damit endete, daß Montségur in Schutt und Trümmer gelegt wurde. Eines Tages wurde der König der Gralshüter vergiftet und die Ritter und Jungfrauen, die den Gral hüteten als Märtyrer ihres Glaubens verbrannt. Vier waghalsigen Anhängern soll es gelungen sein, unter Einsetzung ihres Lebens den Gral zu retten und ihn in einer Höhle der Pyrenäen zu verbergen.

Einem Richard Wagner war es jedoch vorbehalten, in viel vertiefterer Inspiration in einer reinen Oper „Parsifal“ ein Werk von überragender Größe zu schreiben, engere und lebendigere Wechselbeziehung zwischen den ursprünglich in zwei Arten geteilten Sagenkreis zu bringen. Sein Parsifal, der den irdischen Zauber erlegen und dadurch krank gewordenen Priesterkönig Amfortas heilt, um nachher selbst inmitten der in Ekstase geratenen Ritter und Hüter als Gralskönig die Stufen zum Altar empor zu schreiten und mit dem Heiligen Gefäße die Anwesenden zu segnen, gehört mit zum Erhabensten, was bisher menschliche Formungskraft in Sprache und Musik gestalten konnte.

Nun bringt uns jedoch die Gralsbotschaft Abd-ru-shins wie in allem anderen, auch hierin etwas ganz überzeugend folgerichtig aufgebaut über den Heiligen Gral und Parsifal. In seinem Vortrag „Der HeilIge Gral“ schreibt Abd-ru-shin:

„Vielfach sind die Auslegungen der Dichtungen, die über den Heiligen Gral vorliegen. Die ernstesten Gelehrten und Forscher befaßten sich mit diesem Geheimnis. So manches davon hat hohen, sittlichen Wert, doch alles trägt in sich den großen Fehler, daß es nur einen Aufbau vom Irdischen aufwärts zeigt, während die Hauptsache, der Lichtstrahl von oben herab, fehlt, der erst die Lebendigmachung und Erleuchtung bringen könnte. Alles, was von unten nach oben strebt, muß Halt machen an der Grenze des Stofflichen, auch wenn ihm das Höchsterreichbare gewährt ist. In den meisten Fällen kann jedoch bei günstigen Vorbedingungen kaum die Hälfte dieses Weges zurückgelegt werden. Wie weit aber ist dann der Weg zur wahren Erkenntnis des Heiligen Grales!“

Und weiter:

„Die Forscher weichen von dem richtigen Wege ab, den die Dichtungen zum Teile schon in sich tragen. Nur diese lassen die Wahrheit ahnen. Aber auch nur ahnen, weil die hohen Inspirationen und visionären Bilder der Dichter durch den bei der Weitergabe des geistig Empfangenen das Bild ihrer derzeitigen Umgebung, um damit den Menschen den Sinn ihrer Dichtung verständlicher zu machen, was ihnen trotzdem nicht gelang, weil sie selbst dem eigentlichen Kerne der Wahrheit nicht nahekommen konnten.“

Geradezu überwältigend wirkt dann die Offenbarung darüber, daß der Heilige Gral etwas Tatsächliches ist, jedoch ähnlich dem Paradiese nicht hier auf dieser Erde, sondern in unermeßlich lichten Höhen zu suchen ist. Abd-ru-shin schreibt darüber:

„Am höchsten Ausgangspunkte des ewigen Geistig-Wesenhaften nun steht die Gralsburg, geistig sichtbar, greifbar, weil noch von der gleichen geistig-wesenhaften Art. Diese Gralsburg birgt einen Raum, der wiederum an der äußersten Grenze nach dem Göttlichen zu liegt, also noch ätherisierter ist als alles andere Geistig-Wesenhafte. In diesem Raume befindet sich als Unterpfand der ewigen Güte Gottvaters und als Symbol seiner reinsten göttlichen Liebe, sowie als direkter Ausgangspunkt göttlicher Kraft: der heiIige Gral!

Er ist eine Schale, in der es ununterbrochen wallt und wogt wie rotes Blut, ohne je zu überfließen. Vom Lichtesten Lichte umstrahlt, ist es nur den Reinsten aller Geistig-Weswenhaften vergönnt, in dieses Licht schauen zu können. Das sind die Hüter des Heiligen Grales! Wenn es in den Dichtungen heißt, der Menschen Reinste sind dazu bestimmt, Hüter des Grales zu werden, so ist dies ein Punkt, den der begnadete Dichter allzusehr verirdischt hat, weil er sich nicht anders auszudrücken vermochte.

Kein Menschengeist kann diesen geheiligten Raum betreten. Auch in seiner vollendetsten geistigen Wesenhaftigkeit nach seiner Rückkehr von dem Laufe durch die Stofflichkeit ist er doch nicht ätherisiert genug, um die Schwelle, also die Grenze zu diesem Raume zu überschreiten. Er ist auch in seiner höchsten Vollendung in der Wesenhaftigkeit noch zu dicht dazu. Eine weitere Ätherisierung für ihn aber müßte gleichbedeutend mit völliger Zersetzung oder Verbrennung sein, da seine Art vom Ursprung aus sich nicht dazu eignet, noch strahlender und lichter, also noch ätherisierter zu werden. Sie erträgt es nicht.

„Die Hüter des Grales sind Ewige, Reingeistige, die niemals Menschen waren, die Spitzen alles Geistig-Wesenhaften.“


Und über Parzival erklärt uns Abd-ru-shin in späteren Vorträgen: (Die geistigen Ebenen I und II ):

„Die Dichter der heute bekannten Gralssagen sind durchaus nicht die ersten, welche sich damit befaßten und bei der Vertiefung in ihre Arbeiten nochmals einige Lichtblicke erahnen konnten.“

Weit, weit zurück liegt die Zeit, da die ersten Hinweise auf die Lichtburg und deren Bewohner aus den geistigen Ebenen herab bis zur Erde drangen, mit ihnen die Kunde vom Heiligen Gral. . . .

. . . .Wohl haben Erdendichtern irdische Personen vorgeschwebt, die den äußerlichen Anstoß zu der Form der Dichtung gaben, doch manches schöpften sie bei ihrer Arbeit in der geistigen Vertiefung unbewußt aus Quellen, die sie selbst nicht kannten.

Da sie jedoch zuletzt wieder mit dem Verstande feilten und es dadurch irdisch schön und leicht verständlicher zu machen suchten, wurde auch das Wenige, das ihnen aus den unbekannten Ebenen zufließen konnte, in der Grobstofflichkeit eingezwängt, verkleinert und entstellt.

Besonders darauf noch erklärend einzugehen, lohnt sich nicht. Ich gebe das Tatsächliche und jeder Mensch kann für sich daraus nehmen, was sein Geist vermag. Doch ist es notwendig, von vornherein auf einiges noch hinzuweisen, was für Viele manchen Irrtum klären muß und denen, die in höhere Erkenntnisse eingeweiht werden können, vieles erleichtert, da sie sich dadurch gleich im Anfang über alles Falsche, was auf Erden eingenistet ist, hinwegzuschwingen vermögen.

Es gibt in Wirklichkeit eine Burg, wo ein Amfortas weilte, und dort eine Zeit als der oberste Hüter galt. In dieser Burg ist ein Gefäß, der „Gral“ genannt, das von den Rittern treu behütet wird. Dort war einst Amfortas auch tatsächlich zu Fall gekommen und ein großer Helfer verheißen.

Aber das war weder auf der Erde noch war es die hohe Lichtburg der Urschöpfung, in welcher dies geschah.

Die Burg, von welcher da gekündet ist, befindet sich auch heute noch als höchster Punkt auf einer Ebene, in welcher die Geschaffenen ihr Wirkungsfeld besitzen. Diese haben in dem reinsten Wollen und Gottanbetung nur eine Nachahmung geschaffen von der Lichtburg, die von höchster Stelle in der Urschöpfung herabstrahlt und als eigentliche Burg des Heiligen Grales auch das Ausgangstor aus der göttlichen Strahlungs-Sphäre bildet.

In dieser tiefer liegenden Nachahmung wirkte einst Amfortas und stürzte, als er dem üblen Einfluß Luzifers erlag, der bis zu ihm heraufschwang aus der Tiefe. Sein Fehler war, daß er sich diesem Einfluß folgend kurze Zeit einmal behaglichem Genießen stolzen Ritterlebens hinzugeben suchte.

Damit trat er aus dem Gleichmaß der notwendigen Bewegung seiner Ebene, weIche das Schöpfungsurgesetz selbsttätig einzuhalten zwingt den, der auf gleicher Höhe bleiben will Er kam für kurze Zeit zum Stillstand und schuf damit hemmend eine Lücke für das Durchfluten der Kraft des Lichtes.

So war ein Stürzen unvermeidlich und es riß ihn nieder. Die Lücke war die Wunde, die er trug. Auf das Flehen der getreuen Ritterschaft hin wurde von dem Kommen des helfenden Reinen schon vorher gekündet, welcher dem Verderben Einhalt geben kann.

Und Parzival erfüllte die Verheißung bei der Wanderung durch alle SchöpfungsteiIe, wie er alle Verheißungen erfüllt, die je den Kreaturen der gesamten Schöpfung einst gegeben sind. Doch die Erfüllung war ganz anders, als sie in der Dichtung angegeben ist.

Die Schilderung der Schöpfung bringt auch hierin volle Aufklärung und scheidet alles bisher Falsche aus.

Es sind also nur Teile einer Kunde aus der Nachahmung der Lichtburg , welche bis zu den vertieften Geistern dieser Erdendichter dringen konnte und von diesen aufgenommen wurden während ihrer Arbeit, nicht aber von der lichten Gralsburg selbst; denn dort war es unmöglich, Parzival erst zu verkünden, weil Parzival der Erste in der ganzen Schöpfung war und ist, aus ihm die ganze Schöpfung erst erstehen konnte. . . . .

. . . . Außer ihm ist niemals jemand König des Heiligen Grales gewesen!

Aus diesem Grunde muß auch ganz selbstverständlich jene Burg von der die Dichter sprechen, tiefer als die eigentliche Gralsburg sein, weil Parzival dann später noch die Welt durcheilte, um sie zu erlösen von dem üblen Einfluß Luzifers und diesen selbst zu fesseln für das Gottesreich der Tausend Jahre in der Stofflichkeit.

So kam er auf der Wanderung durch die Schöpfungsteile auch zu jener Burg, die in der Dichtung falsch geschildert ist. Doch er hielt seinen Einzug, dort als König des Heiligen Grales , der er ist von Anfang an und ewig bleiben wird, weil er selbst aus dem Lichte stammt. Auch blieb er nicht dort, sondern setzte für Amfortas einen neuen höchsten Hüter ein für das Gefäß, das sie als Abbild des Heiligen Grales ehren.“

Vor unsrem Auge wird ein Vorhang weggezogen und es erstehen Bilder von solcher Göße und Erhabenheit, daß empfindsame und für alles tatsächlich Reine und Hohe geöffnete Menschen die Knie beugen ob solch blendender Pracht.


Man sieht wie von jeher vom Lichte aus vorgearbeitet worden ist für die jetzige Zeit. Dichter durften von ihr künden, und wenn auch arg entstellt, so waren dies alles Hinweise auf eine Zeit, in der wir jetzt leben, wo uns die hohe Gnade zuteil wird, all das bisher durch begnadete Menschengeister nur schwach angedeutete in wahrhafter Lebendigkeit und lebendiger Wahrhaftigkeit vor unserem geistigen Auge auferstehen zu lassen und zu gleicher Zeit auch den Weg erkennen zu dürfen, der uns in die Nähe dieses Wunders führt.


Noch einmal kommt vom Himmel eine Kunde,

Die uns den Weg in unsre Heimat weist.

Wir stehen in der Menschheit größten Stunde,

Die aller Welt die neue Zeit verheißt.


Alte Mär aus längst verklungenen Zeiten,

„Im Licht der Wahrheit“ steh'n sie wieder auf,

Und jubelnd dürfen wir zum Grale schreiten

Mit Parzival, dem König, himmelauf!.














Die Erlösung.


Von Bernhard Hermann, Zürich.


Andächtig und dankerfüllt lauscht die Christenheit aller Bekenntnisse auf, wenn ihr von Kanzeln und Kathedern in Sprechzimmern, Büchern und Blättern immer wieder verkündet wird: „Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde!“ (1. Joh. 1, 7)

Nachdrücklich werden Menschen, die durch das Empfinden ihrer Verlorenheit unruhig geworden sind, von ihren Seelsorgern „unter das Kreuz Christi geführt“, das heißt, es wird ihnen nahegebracht, daß sie ihre Sünden nur ruhig unter das Kreuz legen, den Heiland vertrauend um Vergebung bitten und in festem Glauben an sein vergossenes Blut die darin enthaltene Erlösung annehmen müssen.

Befolgt dies ein Mensch, dann gilt er als „bekehrt“, dann glaubt er sich als „Kind Gottes“, welches sagen darf: „Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden.“

(2.Kor. 5, 17).

Und in der Tat, ein solches Erleben kann der Wendepunkt zum Guten werden. Es kann zu einem neuen Leben führen; jedoch die meisten „Bekehrten“ bleiben bei der „Erlösungstatsache“ stehen und ein großer Teil der Erlösungsfreude besteht in dem Glauben, daß die Sündenlast in so einfacher Weise getilgt worden sei.


Törichter Wahn! Steht nicht gerade in den Briefen der Apostel, aus denen die Christenheit die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben abgeleitet hat, das Wort vom Trachten nach der Heiligung, ohne welche niemand den Herrn sehen wird? (Hebr. 12, 14). Und ist uns aus den Überlieferungen der Bibel auch nur ein Wort von Jesus bekannt, daß er etwa gesagt hätte: „Seid getrost, meine Lieben, mögt Ihr Euch an Sünden aufgeladen haben was Ihr wollt, ich werde hingehen und mich für Euch kreuzigen lassen. Wenn der Vater dann mein Blut fließen sieht, wird er Eurer Schuld nicht mehr gedenken. Am Ende Eurer Erdentage werdet Ihr dann von Engeln sanft ins Paradies getragen.“

Wer ist so abgehärtet, daß er nicht erschrickt wenn das Erlösungsdogma der Christenheit in solch nackten Worten vor seine Augen gestellt wird?

Jedermann empfindet sofort, daß Jesus niemals so gesprochen haben kann, denn er kam aus Gott, und Gott ist vollkommen gerecht und seine Gesetze sind ewig. Nach diesen ewigen Gesetzen ist es unmöglich, daß ein Reiner, Unschuldiger, ja ein Teil der Heiligen Gottheit seIbst, welcher der Menschheit nichts als unendliche Liebe entgegengebracht hatte, für uns Menschengeister, die wir uns aus eigenen falschen Entschließungen mit Schmutz und Schuld beladen haben, durch einen grausamen Tod als Opferlamm Gottes sich hätte schlachten lassen müssen, damit wir, die Urheber unserer Sündenlast, ungeschoren davonkommen könnten!

Niemals! Was auf Golgatha geschah, war der gemeinste Mord, der je in der Schöpfung geschehen ist! Denkt Euch den heiligen, gerechten Gott, der durch ein solches Verbrechen mit der Menschheit, die es verübte, versöhnt werden soll! Wenn aber ein Gedanke daran in einem gläubigen Christen aufkommen will, wird er sofort wieder unterdrückt mit dem Hinweis auf die „unfaßbare Liebe des Vaters, der seines eingeborenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben.“

Abd-ru-shin schreibt hierzu: 1)

„Werfet auf ihn alle Schuld. . . . denken sie mit inbrünstiger Andacht und wissen nicht, was sie eigentlich tun. Sie schlafen, aber ihr Erwachen wird einst furchtbar sein! Ihr anscheinender demütiger Glaube ist nichts als Selbstgefälligkeit und grenzenlose Hoffart, wenn sie sich einbilden, daß ein Gottessohn, um dienend für sie den Weg zu bereiten, auf dem sie dann stumpfsinnig direkt in das Himmelreich hineintrotten können. Eigentlich müßte jedermann sofort die Hohlheit ohne weiteres erkennen. Sie kann nur von unbeschreiblicher Bequemlichkeit und Leichtsinnigkeit geboren werden, wenn sie nicht Klugheit als Lockmittel irdischer Vorteile schuf!

Die Menschheit hat sich in tausend Irrgängen verloren und betrügt sich in ihrem törichten Glauben selbst. Welche Herabwürdigung Gottes liegt darin! Was ist der Mensch, daß er sich erkühnt, zu erwarten, ein Gott sendet seinen eingeborenen Sohn, also ein Stück seiner eigenen, wesenlosen Lebendigkeit, damit die Menschen ihre Sündenlast auf ihn zu werfen vermögen, nur, damit sie sich nicht selbst zu bemühen brauchen, ihre schmutzige Wäsche zu waschen und die sich aufgebürdete dunkle Last abzutragen. Wehe denen, die solche Gedanken einst zu verantworten haben! Es ist die frechste Beschmutzung der erhabenen Gottheit! Christi Sendung war nicht solch niedriger Art, sondern sie war hoheitsvoll fordernd nach dem Vater weisend.“

Wir wollen uns nun daraufhin einmal einige durch die Bibel von Jesus überlieferte Worte vor Augen führen, welche uns zeigen, daß er fordernd vor uns steht, z. B. „Es sei denn, daß ihr umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen“ (Matth. 18, 3); „Bittet, so wird Euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an so wird Euch aufgetan,“(Matth. 7, 7): „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel“ (Matth. 21); Wenn Ihr meine Gebote befolgt, so bleibet Ihr in meiner Liebe“ (Joh. 15, 10); wenn Ihr an meinem Worte festhaltet, so seid Ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird Euch freimachen!“ (Joh. 8, 31)

Wer möchte nach innerem Überlegen dieser Aussprüche noch im Ernst behaupten, daß wir zu unserer ErIösung außer festem Glauben nichts beizutragen hätten, sondern uns vom Heiland alles schenken lassen müßten? Die angeführten Worte zeigen ganz klar, daß wir uns auf dem Wege zum Licht selbst zu bemühen haben; daß wir unseren persönlichen Willen anstrengen müssen, wenn wir je das Ziel der Menschensehnsucht, das Paradies, erreichen wollen. -

Auch von anderen Seiten her beleuchtet, ergibt sieh die Tatsache, daß nicht der Tod des Gottessohnes, sondern die von ihm gebrachte Wahrheit die Erlösung der Menschheit in sich schließt:

Wenn Jesus von den Aufstiegsmöglichkeiten der Menschen sprach, bezog sich seine Rede stets auf die Gegenwart.

„Ich bin als Licht in ,die Welt gekommen, damit keiner, der an mich glaubt, in der Finsternis bleibe“ (Joh. 12, 46); „Ich bin die Tür; so jemand durch mich eingeht, der wird selig werden“ (Joh. 10, 9); selig sind die Sanftmütigen, Barmherzigen, Friedfertigen, Reinen usw.“ (Matth. 5, 3, 12); „Ihr seid das Salz der Erde, . . . .Ihr seid das Licht der Welt . . . .“ Matth. 3, 13-14); „Ihr seid rein, aber nicht alle“ (Joh. 13,10). Somit konnte also Jesus zu einigen der ihm Nachfolgenden bereits sagen: „Ihr seid das Salz, Ihr seid das Licht der Welt, Ihr seid rein!“

Das sind vollendete Tatsachen. Diese Menschen hatten zu jenem Zeitpunkt das ewige Leben in sich, weil sie begonnen hatten, sich auf den von Jesus gezeichneten Weg vorwärts zu bewegen. Jeder Mensch, der das Wort der Wahrheit in sich aufnahm und lebendig machte, hatte damit einen Schlußstrich unter seinen bisherigen falschen Weg gesetzt und begann aus freier Entschließung, aus innerem Bedürfnis, sich nach diesem Worte einzurichten, seinen Kurs zu ändern; nicht mehr gegen die Gesetze anzulaufen, sondern sich ihnen bewußt einzufügen. Sich den Gesetzen Gottes einfügen bedeutet aber nichts Geringeres, als im Grade des guten Wollens von ihnen emporgehoben zu werden zum Licht!


Damit ist wiederum erwiesen, daß man durch das Befolgen der Gesetze Gottes, welche immer wieder durch lichtgesandte Boten und schließlich durch Jesus von Nazareth der Menschheit gekündet wurden, schon vor seinem Tode am Kreuz Erlösung finden konnte. Bedurfte es da wirklich seines Blutes? Hätte Jesus wohl in Gethsemane den Vater gebeten, womöglich den Kelch an ihm vorübergehen zu lassen, wenn er mit der Tatsache seines Todes die Menschheit hätte retten können?

Es sind aber der Tatsachen noch mehr, die zeigen, daß das Geschehen von Golgatha die Menschheit nicht erlöste, sondern schwer belastete.

Sehen wir uns das Gleichnis des Gottessohnes von den treulosen Weingärtnern (Matth. 21, 33-43) einmal daraufhin an:

Der Besitzer eines Weinberges hatte zur Zeit der Ernte wiederholt einige Knechte hingeschickt, die Früchte zu holen. Die Weingärtner aber mißhandelten oder töteten sie. Da sandte der Herr seinen Sohn in den Weinberg um den Treulosen damit zu zeigen, wie ernst es ihm mit seiner Forderung war. Statt aber auf seinen Sohn zu hören, töteten sie ihn, weil sie hofften, dann das Besitztum an sich reißen zu können. Als Folge davon verloren sie nicht nur den Weinberg, sondern auch ihr Leben!

Wenn das Erlösungsdogma der Kirchen richtig wäre, so müßte dieses Gleichnis einen andern Ausgang nehmen. Etwa den, daß der Herr den Mördern seines Sohnes nicht ,nur nicht zürnte, sondern sie in den Adelsstand erhob und ihnen den Weinberg und seine übrigen Güter zum Geschenk machte.

Was Jesus in seinem Gleichnis zum Ausdruck brachte, hat sich später furchtbar erfüllt: Beim Kreuzestod des Heiligen Sohnes bebte die Erde, Felsen zerbarsten, die Sonne verlor ihren Schein und im Tempel zerriß der Vorhang von unten bis oben. Darin zeigte sich der Schmerz der unzählbaren Diener Gottes über die unbegreifliche Mißhandlung und Tötung seines Sohnes, ausgerechnet von der Menschheit, der zu helfen er aus der Herrlichkeit seines Vaters herabgestiegen war. -

Judas, dessen betont verstandesmäßige Einstellung vom giftschäumenden Dunkel zum Verrat an dem Gottessohne benützt worden war, ging nach seiner unseligen Tat in den Tempel, warf sein Blutgeld den Priestern vor die Füße und erhängte sich darnach (Matth. 27, 3). Hätte er wohl, wenn er ein Werkzeug Gottes gewesen wäre, um sein Opferlamm zu schlachten, ein solches Ende nehmen müssen? -

Wenige Jahrzehnte nach dem Mord von Golgatha verloren in kriegerischen Verwicklungen viele Hunderttausende des Judenvolkes ihr Leben, der herrliche Tempel in Jerusalem wurde zerstört, die überlebenden Juden aus dem Land vertrieben. Ihre Nachkommen gehen noch heute heimatlos, mißachtet, gehaßt und verfolgt durch die Welt.-

Wäre dies alles wohl geschehen, wenn sie nicht die untreuen Weingärtner gewesen wären die den Sohn umbrachten, statt auf ihn zu hören?

Abd-ru-shin schreibt darüber (Vortrag: der Kreuzestod des Gottessohnes und das Abendmahl).

„Bei Christi Tod zerriß im Tempel der Vorhang, der das Allerheiligste von der Menschheit abschloß. Dieser Vorgang wird als Symbol dafür genommen, daß mit dem Opfertod des Heilandes im gleichen Augenblicke die Trennung zwischen der Menschheit und der Gottheit aufhörte, also eine unmittelbare Verbindung geschaffen wurde.

Die Deutung ist aber falsch. Mit der Kreuzigung lehnten die Menschen den Gottessohn als den erwarteten Messias ab, wodurch die Trennung größer wurde! Der Vorhang zerriß, weil das Allerheiligste daraufhin nicht mehr notwendig war. Es wurde den Blicken und unreinen Strömungen geöffnet, da, symbolisch ausgedrückt, das Göttliche nach dieser Tat seinen Fuß nicht mehr auf die Erde setzte, womit das Allerheiligste überflüssig wurde. Also gerade das Gegenteil der bisherigen Deutungen, in denen sich wiederum wie so oft nur die große Überhebung des Menschengeistes zeigt.

Der Tod am Kreuze war auch nicht ein notwendiges Opfer, sondern ein Mord ein regelrechtes Verbrechen. Jede andere Erklärung ist eine Umschreibung, die entweder als Entschuldigung gelten soll, oder aus Unwissenheit erstand. Christus kam durchaus nicht auf die Erde in der Absicht, sich kreuzigen zu lassen. Darin ruht auch die Erlösung nicht! Sondern Christus wurde gekreuzigt als lästiger Wahrheitsbringer, um seiner Lehre Willen.

Nicht sein Kreuzestod konnte und sollte die Erlösung bringen, sondern die Wahrheit, die er der Menschheit in seinen Worten gab!“

Christus wurde also gekreuzigt um seiner Lehre willen. Er wußte wohl, daß dunkle Menschen, voran die religiösen Führer der Juden, ihm in bitterer Feindschaft gegenüberstanden, weil sein kraftvolles Wort als ständige Anklage gegen ihre Fadheit wirkte und sie sich gestehen mußten, daß ihre Macht raschem Zerfall entgegenging. Darum wollten sie Jesus zum Schweigen bringen, solange es für ihre Macht noch Zeit war.

Jesus starb um der Sünde der Menschheit willen; doch tilgen kann er unsere Schuld damit nicht! Es ist allein unsere Sache, unsere schmutzige Wäsche zu waschen!

Wie können wir uns aber reinigen, uns unserer Last entledigen?

Schon nach menschlichen Rechtsbegriffen steht fest, daß für ein Vergehen der Urheber und nicht irgend ein Unbeteiligter büßen muß. In der ganzen Schöpfung herrscht das Gesetz der Wechselwirkung, durch das jede Tat, sei sie nun gut oder böse, unweigerlich früher oder später wieder auf den Urheber zurückkommt. Wie man etwas in die Welt setzt, so kehrt es verstärkt wieder. Was der Mensch säet, das muß er ernten!

Wo ist nun der Mensch, der sich nicht gestehen muß, daß er in einer Kette von Schuld verstrickt ist, welche fest an ihm haftet? Und der bei dieser Erkenntnis sich nicht nach Erlösung sehnt? Doch glaubt der Mensch gewöhnlich, die Erlösung in weiter Ferne suchen zu müssen, statt zu erkennen, daß mit der Erlösung heute begonnen werden muß und begonnen werden kann! Aber wie sollte dies geschehen?

Indem der Mensch das Wort der Wahrheit in sein Innerstes aufnimmt, es dort bildhaft zu erfassen sucht. Dann wird es ihm so groß, daß es in ihm lebendig wird und er gar nicht anderes mehr will, als mit allen Kräften sein Leben nach dem Willen Gottes einzurichten, nicht mehr wissentlich Unrecht zu begehen.

Von diesem Punkte an ist schon ein Ende der schuldhaften Verstrickungen abzusehen, denn er wird der alten Schuld keine oder nur noch unwesentliche neue hinzufügen und kann nun damit beginnen, die alten Verknotungen zu lösen. Die Schuld als solche kann niemals erlassen werden, sondern muß Punkt für Punkt auf uns kommen, bis alles abgelöst und damit getilgt ist.


Bei anhaltend gutem Wollen und wachsender Erkenntnis der Wahrheit wird nach und nach die Menschenseele immer heller und leichter; schließlich bildet sich ein Lichtpanzer um sie, der dunkle Rückwirkungen, weil andersartig, nur noch abgeschwächt durchdringen oder gar ganz abprallen läßt. Somit kann ein Lichtstrebender dahin kommen, daß auf ihn zurückfallende Schuld, die sich als schwerer Schicksalsschlag über ihm entladen müßte, nur noch symbolisch an ihm ausgelöst wird. Dem Gesetz der WechseIwirkung ist aber damit Genüge getan, die Schuld ist getilgt, ein Glied der Kette abgefallen!


Durch das Erfüllen des Gotteswillens also besteht die Möglichkeit der Tilgung aller Schuld, wodurch der Mensch aufsteigen kann in lichte Sphären, um schließlich eingehen zu dürfen, in das Geistige Reich zu den Füßen der Gottheit.


Allerdings fällt es uns nicht in den Schoß, sondern wir müssen uns ernstlich darum bemühen. Aber das ist für unzählige Menschen schon zuviel verlangt. Nicht umsonst mußte Jesus einstmals sagen: „Die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und nur wenige sind es, die ihn finden!“ (Matth 7, 14). -


Durch die Botschaft Abd-ru-shins wird uns auch ohne weiteres klar, weshalb trotz vielfach getrübter Weitergabe der Worte des Heilandes und trotz wesentlich falschen Auslegungen derselben dennoch der Weg zum Leben für die Menschheit geöffnet sein konnte.


Gleich den jüdischen Gelehrten, welche die durch Moses gekündeten zehn Gebote Gottes durch ihre Klügeleien entstellten, errichteten christliche Kirchenlehrer und Konzilien um die überlieferte Lehre Jesu ein umfangreiches Gebäude von Auslegungen und GIaubenssätzen, welche nie vermochten, der breiten Masse der Christenheit echtes Geistesleben zu vermitteln. Wären denn sonst die Folterungen und Meuchelmorde, Kirchenstreite und Religionskriege innerhalb der christlichen Bekenntnisse möglich gewesen?

Und doch gab es zu allen Zeiten Menschen, die wahrhaftig in der Kraft der Botschaft Jesu Christi lebten und triumphierend ihre Erdenkörper verlassen konnten! Wer aber waren diese?

Es waren nicht die, die „Herr, Herr“ riefen, sondern diejenigen, welche den Willen des Vaters im Himmel taten! Mögen sie auch mit ihren Zeitgenossen geglaubt haben, daß in der Tatsache der Kreuzigung Jesu Christi unsere Erlösung begründet sei, so war ihnen aber die große Liebe des Heilandes ein steter Ansporn, nach seinen Worten zu leben. Und dieses von Herzen kommende Bedürfnis hat sie dann ganz naturgemäß auf den Weg zum Leben gebracht, ihre Seelen hell und leicht werden lassen und nach ihrem körperlichen Tode in beseligende Sphären gehoben.


Es kommt in unserem Sein nicht auf religiöse Bekenntnisse, sondern auf unsere innerste Einstellung, auf unsere Gesinnung an. Es kommt darauf an, daß wir das Wort der Wahrheit tief in unser Innerstes aufnehmen, es in uns lebendig machen, so, daß es uns ganz durchdringt, uns - bildlich gesprochen - „in Fleisch und Blut übergeht“ – so, daß es uns in Kenntnis der Gottgesetze ein natürliches, inneres Bedürfnis ist, ganz in denselben zu leben.

Vielgeschäftige, gesuchte, sklavische Werkgerechtigkeit ist ebenso verkehrt wie die bequeme Annahme, daß der Heiland ja alles für uns getan habe und wir uns vor Gott nur auf seine Liebe zu berufen brauchen, um damit im Gericht bestehen zu können.


Vor seinem Tode sprach Jesus zu seinen Jüngern:


„Ich hätte Euch noch viel zu sagen, doch Ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener gekommen ist, der Geist der Wahrheit, der wird Euch in die ganze Wahrheit einführen!“ (Joh. 16, 12-13). Jesus war durch das Unverständnis seiner menschlichen Umgebung und durch den vorzeitigen Abbruch seines Erdenlebens daran verhindert, den Menschen das Wissen von Gott geben zu können, und mußte an dessen Stelle Glauben von ihnen verlangen. Gleichzeitig aber wies er seine Umgebung aber auf den kommenden „Geist der Wahrheit“, welcher den Menschen in die ganze Wahrheit einführen werde!

Gläubiger, ringe Dich los aus der Verkapselung blinden Glaubens; werde wissend und damit lebendig!

Es hat seine tiefe Bedeutung, wenn Abd-ru-shin spricht: (Vortrag: Der Kreuzestod des Gottessohnes und das Abendmahl:

„Wer ernsthaft nachdenkt, der wird auch die Wahrheit und somit den wahren Weg erkennen! Die Denkfaulen und Trägen aber, die das ihnen vom Schöpfer überlassene Lämpchen, also die Fähigkeit des Prüfens und Durchleuchtens, gleich den törichten Jungfrauen in dem Gleichnisse nicht mit aller Aufmerksamkeit und Mühe dauernd in Ordnung und bereit halten, können leicht die Stunde versäumen, wenn das „Wort der Wahrheit“ zu ihnen kommt. Da sie sich einschläfern ließen in müde Gemächlichkeit und blinden Glauben, so werden sie durch ihre Trägheit nicht fähig sein, den Wahrheitsbringer oder Bräutigam zu erkennen. Sie müssen dann zurückbleiben, wenn die Wachsamen eingehen in das Reich der Freude.“

Darum: Glaubt Euch nicht zu Tode, sondern werdet frei! „Legt ab die naturwidrigen Scheuleder, die Euch am freien Ausblick hindern! Steht als Lebendige in Eures Gottes wundervoller Schöpfung!“



Die Lilie.


Von Susanne Schwarzkopff.


„Soll ich Dir eine Geschichte erzählen?“ fragte die Mutter ihr kleines Mädchen, das mit großen, erwartungsvollen Augen um sich blickte.

Sie saßen im Garten auf ihrer Lieblingsbank. Vor ihnen breitet sich das Tal im vollen Licht des Silbermondes aus. Weich und geheimnisvoll flutete es über die Landschaft und verklärte sie mit einem Hauch der Unberührtheit. Über ihnen rauschte leise der Wipfel der alten Linde, als wollte auch sie flüstern:

„Soll ich Dir eine Geschichte erzählen?“

Aber ehe das kleine Mädchen antworten konnte, fuhr die Mutter fort:

„Es ist aber eine traurige Geschichte. Vielleicht kannst Du sie noch nicht verstehen, Liane. Was meinst Du?“

Das Kind schmiegte sich dichter an die Mutter.

„Erzähle, Mutter, Du kannst so schön erzählen. Und wenn es zu traurig wird, dann rufe ich das Lachen. Du weißt, zu mir kommt es gern, und dann freuen wir uns wieder!“

Schon im Gedanken daran klatschte sie erfreut in die Hände und malte sich aus, wie das Lachen die Augen der Mutter erhellen würde und sie selbst zum Umhertollen auf dem weichen Gras treiben, bis sie nicht mehr konnte.

Zärtlich strich die junge Mutter über das seidenfeine Haar der Kleinen. Sie war ihr Sonnenschein und vertrieb mit ihrem Frohsinn immer wieder die Schatten, die zuweilen den Pfad der Frau kreuzen wollten.

Träumerisch glitten ihre Augen über die köstliche, in schimmerndes Silber getauchte Landschaft, als wollte sie das sanfte, reine Licht ganz in sich hineintrinken.

Dann begann sie:

„Es war einmal - so muß es ja wohl anfangen, Liane?“

„Es ist aber kein Märchen, nicht wahr, Mutter?“ unterbrach sie die Kleine lebhaft. „Wahr muß es sein, dann ist es erst schön!“

„Ja, sie ist wahr, meine Geschichte“, beteuerte die Mutter,

„aber nun laß mich erzählen.“

Es war einmal eine junge Menschenseele. Lange hatte sie in ihrem reinen Blütenkelch in der Hut der schönen Feen geruht. Eines Tages aber traf sie ein so starker Lichtstrahl, daß er die Blüte sprengte und das Auge der schlummernden Seele öffnete.

Verwundert schaute sie sich um. Dann ergriff sie ein so gewaltiges Sehnen und Drängen, daß sie sich aufrichtete und leise aus ihrer Blütenwiege herausglitt.

Zaghaft berührten ihre Füße den Boden, aber bald fühlt sie, daß sie sich vorwärts bewegen konnte, ohne zu fallen. Leicht und schwebend glitt sie davon, in die Ferne, in die es sie unwiderstehlich hinauszog.

Sie wußte nicht, wohin die Reise ging. Sie fühlte nur, daß sie fort mußte, ihrem inneren Drange folgend. Dann schwand ihr das Bewußtsein, und nach langer Zeit erwachte sie in einem Erdengarten.

Wie eine Blume wuchs sie in der liebevollen Hut treuer EItern auf. Froh und sonnig ging ihre Kindheit dahin, die Jahre reihten sich aneinander. GespieIen teilten ihre Freuden, Liebe geleitete alle ihre Wege, und ihr Leben war wie ein einziger schöner, lachender Sommertag.

Und doch - -“

Hier unterbrach sich die junge Frau. Sinnend blickte sie hinaus in das abendliche Tal. Was mochte vor dem Spiegel ihres Inneren aufsteigen an Bildern der Erinnerung?

„Mutter, wart Du das Kind?“ fragte Liane eifrig. Aber sie erhielt keine Antwort. Es war als käme die Seele der Mutter aus weiter Ferne zurück beim Klang der Kinderstimme.

„Kennst Du das Liane, daß mitten im Lachen und Scherzen, mitten in froher Gesellschaft einem plötzlich etwas an das Herz greift, daß man zusammenzuckt, weinen möchte und doch nicht weiß, warum?

Aber wie solltest Du, flüsterte sie vor sich hin. Du bist noch viel zu klein, Du kennst nur das Lachen. Du sollst auch nichts anderes kennen!“ fuhr sie leidenschaftlich fort.

Ernsthaft blickten die Augen des Kindes sie an, aber sie bemerkte es nicht.

„Weißt Du, Liane, es geschah zuweilen, daß das Kind mitten in seinem Spiel innehielt und aufhorchte, als wollte es einen Ton auffangen, oder war es eine Stimme, die ihr etwas sagen wollte? Sie wußte es selber nicht! Manchmal kam diese Stimme oder dieser Klang aus der Ferne zu ihr, wenn sie ganz für sich im Garten spielte, manchmal riß er sie aus der Schar vieler Freundinnen heraus. Aber sie konnte die Worte nicht verstehen.

Oft lag das Mädchen, damals war es noch ein Kind, abends lange schlaflos auf ihrem Lager. Sie versuchte, in die Ferne hinauszulauschen, ob nicht der Ton wieder erklang, ob nicht eine Stimme zu ihr sprach. Aber nie kam es, wenn sie rief. Immer trat es an sie heran, wenn sie einem Spiel oder einer Freude oder einer Unterhaltung ganz. hingegeben war.

Das Kind wuchs heran zur Jungfrau. Immer noch war ihr Lebensweg geebnet von Liebe, überschüttet von Sonnenschein. Aber immer noch konnte sie plötzlich zusammenfahren und davonlaufen aus einer großen Schar in die Einsamkeit. Und wenn sie zurückkehrte, stand ein Geheimnis in ihren Augen geschrieben, das sie selber nicht enträtseln konnte.

Je mehr sie heranwuchs, desto öfter kam ihr die Frage: „Ist dies alles? Ist dies das Leben? Ist es nicht mehr? Ist Leben immer so: glücklich sein keine Not kennen, Menschen um sich haben, die einen lieben und die man selber liebt, mit ihnen Tag für Tag zusammensein, lachen plaudern arbeiten, zuweilen auch weinen? Schön ist dies, aber - ist dies alles?“

Es darf nicht alles sein!“ schrie es dann in ihr auf. „Irgend etwas in mir hungert in allem Sonnenschein! Was ist es nur?“

Da trat etwas Neues in ihr Dasein. Ein Mann bat sie, die Gefährtin seines Lebens zu werden und sie willigte ein. Sie fühlte sich geborgen in seiner Nähe, beschützt von seiner Kraft, sein frohes, helles Lachen tat ihr wohl.

Sie wurde eine glückliche Frau. Ihr Glück erreichte den Höhepunkt, als sich ein Kind zu ihnen gesellte, das in seinen Augen das frohe Lachen des Vaters trug.

Und doch sagte eine Stimme in ihr immer aufs neue:

„Ist das alles? Gibt es weiter nichts? Lebe ich nur dazu, meine Lieben glücklich zu machen?“

„Nein!“ bäumte es sich dann in ihr auf. „Es muß mehr geben, aber wo finde ich es? Das, wonach meine Seele hungert?“

Wieder hielt die junge Frau inne. Sie hatte ganz vergessen, daß das Kind an ihrer Seite saß und Liane, die das fühlte, schwieg und verriet sich durch keine Bewegung.

Nach langem Sinnen nahm die Frau wieder den Faden ihrer Erlebnisse auf.

„In stillen Mondnächten, so, wie es heute ist, da war es der Frau zuweilen, als hörte sie ein Weinen in der Ferne. Und es war ihr, als fielen Tränen aus der Höhe herunter auf die Erde. Aber sie wußte nicht, wer die Tränen weinte und von wem sie geweint wurden.

Da hielt es sie nicht länger in ihrem schönen Garten des Glücks. Sie mußte hinaus, dorthin wo das Unglück und die Not wohnte und die Verlassenheit sich härmte.“

„Ist sie wirklich fortgegangen Mutter?“ fragte Liane ängstlich. „Fort von ihrem Mann und ihrem Kinde?“

„Nein, nein fürchte Dich nicht, Kleines“, sagte die Mutter und zog das Kind an sich. „Sie kam immer wieder. Aber sie wollte wissen, wie das andere Gesicht des Lebens aussieht, sie wollte wissend werden!“

„Und was hat sie gesehen?“ fragte das Kind unschuldsvoll.

„O Kind, Schreckliches!“ rief die Mutter und barg in Erschütterung ihr Gesicht in den Händen. „Schreckliches sah sie überall! Wo Not und Unglück war, da waren auch Neid und Haß. Wo Vereinsamung die Menschen quälte, da hockte die Schuld neben ihnen. Und am schlimmsten waren die unreinen Augen, die nach allem tasteten, alles begehrten! Sogar die Frauen haben solche Augen da draußen, und das tut am wehesten!

Aber das kannst Du nicht verstehen Kind, und ich danke Gott, daß Du es nicht zu sehen brauchst!

Aber wie lange noch? Dann wird es seine schmutzigen Hände auch nach Dir ausstrecken, mein armes Kind!“ rief die Mutter jetzt in Verzweiflung aus. Noch bist Du eine reine Blüte, was wird aus dir werden, wenn Du unter die Menschen mußt?“

„Sei nicht traurig, Mutter“, bat das Kind. „Ich bleibe bei Dir, ich gehe nicht fort von Dir!“

„Hörst du es nicht, Liane“, horchte die Mutter in die Nacht hinaus. „Mir ist wieder, als fielen Tränen auf die Erde, Tränen aus der Himmelshöhe und als klage dort etwas in unermeßlicher Ferne!“

„Mutter wie geht Deine Geschichte weiter?“ mahnte das Kind. „Warum hat die Frau nicht das Lachen gerufen? Ich gehe jetzt auf die Wiese und will es suchen, wart nur bald bin ich wieder da!“

Und leichtfüßig enteilte Liane der Mutter Arm.

Da falteten sich die Hände der jungen Frau in stillem Gebet. Ihre Seele wandte sich suchend empor um Hilfe.

„Du gabst mir alles, das ein Mensch sich wünschen kann, Allmächtiger. Gerüttelt voll ist das Maß meines irdischen Glückes! Aber doch hungert meine Seele in mir, Du siehst es, Du weißt es! Hilf mir!“

Lange betete sie so und langsam zog Frieden in ihre Seele ein.

Und wie sie aufblickte in das Silberlicht des Mondes, da rissen plötzlich Schleier entzwei, sie teilten sich auseinander, und wie von einer Last befreit, schwebte die junge Frau in die Höhe, hinein in das Licht.

Zurückblickend sah sie noch kurz sich selber auf der Bank schlafend sitzen. Verwundert wollte sie fragen: Wie ist das möglich? Ich bin doch hier? Da zog es sie schon weiter, höher und höher hinauf in eilendem Fluge, bis sie sanft niederglitt in einem fremden Garten von unirdischer Schönheit.

Und zu ihr herab schwebte aus rosigen Höhen eine wundersam liebliche Gestalt, umwoben von königlichem Silberlicht. Sie sah auf und traf einen Blick, der von unnahbarer Hoheit sprach und sie doch zu sich zog.

Und sie hörte einen Nahmen - war es der ihre? Er war ihr fremd und doch so vertraut, als kenne sie ihn schon immer, und mit dem Namen wurde sie gerufen. Sie horchte auf als der Name erklang - - das war ja die Stimme, die sie ihr Leben lang gesucht, die sie vernommen als Kind, nach der sie sich gesehnt als Frau auf Erden!

Das war der Klang, das war die Stimme!

Und was sprach sie zu ihr?

„Ich habe dich gerufen, Du hast mich vernommen, Ailina. Du sollst in meinem Dienste stehen! Willst Du der Reinheit Licht leuchten lassen auf Erden? Willst Du helfen, daß die Frauen wieder rein werden und Gott, den Herrn, erkennen? Daß ihre Seelen nicht mehr hungern, sondern sich mit Licht füllen bis zum Rande?

Siehe, ich gebe Dir eine Blume aus meinem Reiche mit. Pflanze sie in Deinen Garten auf Erden, hege und pflege sie, liebe sie von ganzem Herzen, und sie wird Dir in der Reinheit ihrer Blüten ein Erinnern schenken an die himmlische Reinheit, aus der sie stammt. Sie wird Dir erzählen von den unvergänglichen Gärten, zu denen die Frauen einst einkehren dürfen, wenn ihre Seelen licht geworden sind!

Willst Du tun, wie ich Dir sage? Willst Du Deinen Schwestern auf Erden helfen, heimzufinden in die ewigen Gärten der Reinheit?“

„Ich will!“ antwortete Ailina, fast betäubt von dem wunderbaren Erleben.

Aber sie ergriff doch die Blume, die ihr dargereicht wurde und hielt sie fest. Eines nur brannte ihr auf dem Herzen, eine Frage: „Wessen Tränen fallen zu weilen auf die Erde? Und warum werden sie geweint?“


Da zog es wie ein Schleier über die herrlichen Augen der lieblichen Gestalt vor ihr, und wie aus weiter Ferne hörte sie noch die Antwort klingen:

„Die Reinheit weint über die gefallene Menschenfrau!“

War es ein Traum, war es Wirklichkeit gewesen? Wo war sie?

Die junge Frau hatte Mühe sich zu recht zu finden.

Da fiel ihr Blick auf eine wunderschöne Lilie, die sie in der Hand hielt, schöner, weißer, leuchtender als sie je eine geschaut.

So hatte sie nicht geträumt?

Ein Jubelruf entrang sich ihrer Brust, sie hielt das kostbare Geschenk der Reinheit in ihrer Hand!

„Liane, Liane“, rief sie laut, „komm, sieh, was ich hier habe!“

Von weitem kam das Kind herbeigesprungen und sah voller Entzücken die Lilie in der Mutter Hand.

„Sieh hier das Ende meiner Geschichte!“ rief die Mutter ihr zu.

„Und nun ist auch das Lachen ganz nah bei Dir, ich muß es Vater sagen!“ jubelte Liane.

Aber ehe sie fortlaufen konnte, hielt sie die Mutter noch einen Augenblick fest.

„Liane, Du mußt mir helfen die Lilie pflegen! Sie soll den besten Platz in unserem Garten bekommen, wir wollen jeden Tag zu ihr gehen und schauen, ob sie gedeiht, ob es sie auch nicht heimverlangt nach den himmlischen Gärten! Und dann wollen wir sie allen Frauen zeigen, daß sie sich an den Blüten erfreuen und sich Gewänder nähen, die so schneeweiß sind wie die Lilienblüten, nicht wahr?“

„O ja, das wollen wir tun, Mutter! Ich gieße die Lilie jeden Tag, darf ich?“

„Wir wollen es gemeinsam tun, mein Kind, und ich werde Dir dabei von den himmlischen Gärten der Reinheit erzählen, von ihrer Königin die weint über die Frauen, weil sie unrein geworden sind.

Jetzt weiß ich, wer mich gerufen hat mein Leben lang, jetzt weiß ich, wonach meine Seele hungerte in allem Glück, und nun weiß ich vor allem, wozu ich auf der Erde bin! Ich werde es Dir sagen, und Du sollst es auch wissen. Vielleicht wirst Du dann auch eines Tages gerufen und darfst der Reinheit dienen auf Erden, wie ich es nun darf!“

„Mutter, nun brauche ich das Lachen nicht mehr zu rufen, es ist in Dir, ich sehe es an Deinen Augen!“ -


Noch oft hörte die junge Frau die Stimme aus der Ferne und immer horchte sie, ob sie auch nicht klage.

„Es dürfen keine Tränen mehr auf die Erde fallen, die die Reinheit um uns weinen muß!“ sagte sie immer wieder zu ihren Schwestern. „Helft alle mit, daß die Tränen sich in Perlen der Freude verwandeln!“

Willig blühte die Lilie in ihrem Garten, erquickte die Frauen mit ihrem Duft und beschämte sie mit der Weiße ihres königlichen Kelches. Sie weckte das Sehnen In den Herzen, ihr ähnlich zu werden, und die Sehnsucht nach den ewigen Gärten.

Segen lag auf allem Tun der Frauen, die die Lilie der Reinheit als ein Heiligtum hüteten.









Pfingsten.


Von Abd-ru-shin.


Pfingsten ist die Lichterfüllung eines jeden Erdenjahres, die der Schöpfung neue Kraftströmungen gibt, damit sie noch erhalten bleibt und sich erweitern kann, um immer mehr ganz neue Strecken zu durchdringen und damit zu formen in Bewegung und Erwärmung, wozu der Menschengeist ein Glied der langen Kette bilden muß, die Strahlungsvorgänge ermöglicht bis in weite Fernen.

Bisher hat diese Menschheit dazu vollständig versagt und nicht nur die Erweiterungen aller Schöpfungen verhindert, sondern das Vorhandene auch noch vergiftet und mit allerlei Zerstörunsswirrungen durchsetzt.

Das wird im Wirken der Schöpfungsgesetze nun bald anders sein durch die gründliche Reinigung von allem Aufbau-Störenden. Dann gibt es durch das rechte Strahlen aller Menschengeister nicht nur lichtstrebende Schönheit des Bestehenden, sondern auch andauerndes Weiterbauen, Ausdehnung der Grenzen aller Schöpfungen, die nie ein Ende finden können, wenn alles Geschaffene in Harmonie des Gotteswillens schwingt. Das ewige und freudevolle Schaffen der seligen Menschengeister kann dann seinen Anfang nehmen. Es wird ewig, also ohne Ende sein.

Der Gottsohn Jesus kam zur Erde, um den Menschen auch das Paradies zu öffnen durch sein Wort. Das Paradies, welches bis dahin den Entwickelten verschlossen war durch deren mangelnde Erkenntnis des höheren Wissens, das zu einem Aufenthalt im Paradies gehört.

Erst damit konnten sie auch als Entwickelte die Ewigkeit im lichtgewollten Schaffen sich erringen. Doch durch die Schuld des Mordes an dem Gnadenbringer schlug das Tor zum Paradiese, das sich bereits öffnen wollte, für die Erdenmenschheit wieder zu und nahm damit auch jede Anwartschaft. auf ein ewiges Leben.

Die Lichtsehnsucht jedoch. die in einigen Menschengeistern noch verblieb, hielt Fäden aufrecht, welche eine Wiederholung der Erlösung durch das Wort noch einmal möglich machen konnte in der Zeit des Heiligen Gerichtes für die Menschen, welche sich dem Worte öffnen durch das Leid, das in den Wechselwirkungen aller Geschehen auf der Erde kommen muß.

Damit die letzte Gnadenzeit nicht ungenützt vorübergehen muß, ist es heilige Pflicht der Weiblichkeit, daß sie zu ihrer eigentlichen Aufgabe zurückzukehren sich bemühen soll mit aller ihrer Empfindungsfähigkeit, die sie in erster Linie dazu erhielt, als Hüterinnen der Heiligen Flamme reinster Lichtsehnsucht zu wirken auf der Erde! Die Lichtsehnsucht ist der Kanal für alle Hilfe, alle Kräfte aus dem Licht, die zu den Erdenmenschen strömen. Wo keine Sehnsucht nach dem Lichte sich befindet, dort ist ein jeder Weg für den Empfang göttlicher Gnaden und somit auch für das Leben selbst verschüttet.

Deshalb rüstet Euch nun, Ihr Frauen und Ihr Mädchen, werdet Priesterinnen der Heiligen Flamme reinster Lichtsehnsucht, damit der Boden gut bereitet wird für den Empfang des Wortes aus Gott selbst, welches allein Erlösung bringen kann allen in Dogmen-Irrungen Verstrickten und im Geiste schwer Gefesselten.

Lichtsehnsucht! Wie oft sprechen Menschen von der Sehnsucht, ohne selbst zu wissen, was die Sehnsucht wirklich ist , was sie Euch sagen, bringen soll.

Der Menschengeist sollte nur eine Sehnsucht kennen, weil es tatsächlich auch nur eine Sehnsucht gibt. Das ist die Lichtsehnsucht, die in dem Geiste ruht, auf die der falsche Weg der Erdenmenschen aber eine Last von Schlacken häufte, um die Sehnsucht zu ersticken, welche ihnen unbequem zu werden droht bei ihrem Hange nach irdischer Geltung, bei dem Machthunger, der Gier nach irdischen Genüssen.

So wurde auch dies hehre Wort der Sehnsucht im Begriffe vollständig verbogen und entstellt, verirdischt zu den niedersten Gedanken, und damit entweiht.

Der Erdenmensch spricht oft von Sehnsüchten, welche in ihren Arten so verschieden sind, daß man schon an dieser Verschiedenheit sehr leicht erkennen müßte, wie die EinheitIichkeit dabei fehlt, die doch zu einen wirklichen Begriffe unentbehrlich ist.

Verworrenheit und Willkür zeigt sich deutlich, und damit das Fehlen jeglichen Begreifens. Da gibt es Sehnsucht nach der Erdenheimat, Sehnsucht nach Personen, nach dem Weibe oder Manne, auch nach Reichtum, leiblichen Genüssen, manchmal auch nach Ruhe und Erholung, nach der Abwechslung oder Vergnügen aller Arten, kurz, der Ausdruck „Sehnsucht“ wird für irdisches Verlangen nach so manchen Dingen angewendet.

Trotzdem aber derartige Sehnsüchte sehr oft zu Krankheit und sogar zum Tode führen können, andere dagegen zu Verbrechen, sieht doch niemand ein, daß dabei etwas nicht ganz recht sein muß, da alles, was im Gottessinne schwingt, nur aufwärts führen kann und stets zum Segen werden muß. Die Sehnsüchte jedoch, die Erdenmenschenmund als solche nennt, haben als Folgen und Begleiterscheinungen nur Übles, führen abwärts anstatt aufwärts, drücken anstatt zu erheben, schwächen, machen unfroh, mürrisch, unzufrieden.

Da stimmt etwas nicht, das muß sich schließlich wohl ein Jeder sagen, und es ist auch so.

Die Sehnsucht in den jetzigen Vorstellungen ist gar nichts anderes, als eine Folge unerfüllter Wünsche, ist krankhafte Steigerung eines Gedankenhanges rein irdischer Art, deren Erfüllung meist zuletzt Enttäuschung bringt, sobald der erste Rausch vorüber ist.

Wie oft sehnt sich ein Mensch nach dem Geburtsorte, wenn er als Kind hinausgezogen ist oder in jugendlichem Alter. Hat er es dann einmal erreicht, zurückzukehren nach dem Orte seiner Sehnsucht, so greift es in den meisten Fällen schmerzvoll an sein Herz; denn nichts will sich mit dem vereinen, was er in der Ferne davon dachte. Das Bild der Wirklichkeit zeigt sich ganz anders als das Bild der sehnsuchtsvollen Träume.

So ist es überall. Das unerreichte Bild der Sehnsucht wird mit der Erfüllung oft sehr schnell zu grauer Wirklichkeit, welche Enttäuschung in sich trägt.

Das Wort, in der Abbiegung nach dem Irdischen gerichtet, ist zum Zerrbild seines eigentlichen Sinnes lange schon geworden.

Versetzt Euch einmal in die Lage eines derart Sehnsüchtigen. Aus den jeweiligen Verhältnissen heraus ersteht ein Wunsch für etwas, das er zur Zeit nicht besitzen oder sich selbst nicht erfüllen kann. In seiner Unzufriedenheit mit der Gegenwart hängt er nun einem solchen Wunsche nach, gleichviel, ob nur in seiner freien Zeit einem schönen Traume sich hinzugeben, ob zur Beruhigung oder zum Schwelgen in nur eingebildeten und vorgegaukelten Genüssen, die noch unerreichbar sind, oder zur Stillung .seines Ärgers, zur Dämpfung seiner Unzufriedenheit.

Derartige Gedankenspielereien, die im Anfang oft nur zeitausfüllende Selbstunterhaltung sind, finden dann, sich immer mehr verstärkend, bald Verbindung mit umherirrenden Gleicharten, zuletzt auch mit angesammelten Zentralen ähnlicher Gedankenformen und erhalten dadurch Zufluß ungeahnter Art.

Es handelt sich dabei immer nur um Wünsche, die einer Erfüllung ganz persönlichen Verlangens gelten und rein irdischer Art sind. Dazu gehört selbstverständlich auch das bekannte Heimweh! Es ist im Grunde nichts anderes als Selbstsucht, nur in einer Form, die edlere Empfindung vorzutäuschen ermöglicht. Derartige Schwächen als Größe hinzustellen oder als edle Liebe zu besingen, ist vollständig falsch. Es ist Mangel an Selbsterziehung, die Schwäche des sich Gehenlassens.

Anziehung der Gleichart läßt nun Ähnliches einstürmen auf einen derart Wünschenden und weckt in ihm ein immer festere, dichtere Form gewinnendes, brennendes Verlangen, das sich entwickelt zu sehnender Sucht, eine entsprechende Erfüllung zu erreichen.

Das brennende Verlangen, die sehnende Sucht verzehrt die körperliche Kraft wie auch die geistige. So kommt es dann zur Krankheit oder unbedachter Handlung. Das ist die Auswirkung der sehnenden Sucht, welche nach unten, nach dem Irdischen gerichtet ist.

Der echte Begriff aber dieses heute so entstellten Wortes ist sehnendes Suchen nach dem Licht, der Wahrheit, das in seiner Eigenschaft den Geist emporzuheben fähig ist, ihn aber nie nach abwärts führt, das einen Schacht ergibt, in dem die Segnungen des Lichtes einzuströmen fähig sind in einem solchen Menschengeist, um ihn zu stärken, froh zu machen für den Wandel auf der Erde!

Und für diese Menschen, die sehnendes Suchen nach dem Lichte und der Wahrheit in sich tragen, die dadurch einer Fackel gleich leuchten in den Tiefen dieser Erde, ist das Pfingsten gnadenvoll gegeben mit der Krafterneuerung aus lichten Höhen, nur für diese Menschen ganz allein; denn andere vermögen gar nicht teilhaftig zu werden, weil sie nicht dafür geöffnet sind.

Wer Pfingsten, die Erneuerung der Kraftströmungen aus dem Lichte, tatsächlich in sich erleben will, der muß die Sehnsucht nach dem Lichte und der Wahrheit in sich tragen, ungetrübt. Nur dadurch kann er sich der Einströmung der Gottesgnade öffnen!

Laßt alle anderen Sehnsüchte fallen, welche nach dem Irdischen gerichtet sind, dann werdet Ihr im Segen aus dem Lichte mehr erhalten, als Ihr Euch nur wünschen könnt, auch an irdischen Erstrebenswertem aller Art!

So Ihr für Euch nichts wünschet, wird es Euch gegeben! Sobald Ihr Euch dem Lichte darbietet mit allem Eurem Wollen, Eurem Sein, dann seid Ihr erst geöffnet der Heiligsten Kraft die sich in alle Schöpfungen ergießt!




Etwas für kleine und große Kinder!


Das Schlangenkrönlein


Von Maria Halseband.


Es war einmal eine Prinzessin, die hatte schlanke, schöne Glieder, gerade und fein, wie es sich für eine Prinzessin gehört Sie hatte auch weiße, kleine Hände und zierliche Füße, aber auf dem hübschen Körper saß ein so häßliches Gesicht, daß niemand bei Hofe sie lange ansehen mochte. Selbst ihr Vater, der König, bekam jedesmal eine Gänsehaut, wenn sie sein Zimmer betrat, trotzdem er sie doch als sein Kind lieb hatte.

Aus dem häßlichen Gesicht der Prinzessin aber schauten die schönsten braunen Augen und ein gütiges, hilfsbereites Herz schlug in ihrer Brust. Das wollte aber niemand so recht beachten außer ihren Kammerfrauen, und diese hielten es für selbstverständlich, daß sie so viel Freundliches von ihr empfingen. Sie sagten:

„Wenn die Prinzessin häßlich ist, so ist sie das unnützeste Ding auf der Welt!“

Diese Denkweise bekam denn auch die kleine Prinzessin bei jeder Gelegenheit zu spüren. Sie weinte sich manchmal nachts die Augen rot und wollte schließlich gar nicht mehr zu Hofe gehen. Meist bedeckte sie ihr Gesicht mit einem Schleier, damit sich die Menschen nicht erschrecken sollten. Nur ihre großen, schönen Augen blieben unbedeckt

Sie wohnte in einem kleinen Pavillon am Ende des Schloßparkes, wo es ganz einsam war. Da spielte sie mit ihren Hunden, mit den zahmen Rehen und Hirschen, und die Vöglein pickten ihr das Futter aus der Hand.

Da aber der König ein sehr reicher König war, kamen immer wieder Freier aus allen Teilen des Landes und warben um die Prinzessin. Doch die meisten gingen wieder, sobald sie diese gesehen hatten. Vor den Wenigen aber, die bleiben wollten, entsetzte sich die Prinzessin so sehr, daß der König es nicht übers Herz brachte, sie zu einer Heirat zu zwingen,

Eines Tages hörte die Prinzessin frohen Sang zu ihrem versteckten Hause dringen. Als sie neugierig durch die Büsche schaute, sah sie einen frischen stattlichen Mann, hoch zu Roß, begleitet von zwei großen Hunden, daherkommen. Er blickte zur Mauer hinauf, gewahrte das verschleierte Mädchen und rief sogleich:

„Mägdelein, was hast Du für wunderschöne Augen!“

Das hatte noch keiner der Prinzen gesagt. Beinahe hätte sie geweint vor Freude.

„Wo reitet Ihr hin?“ fragte sie schüchtern.

„Ich will um die Prinzessin freien“, lautete die überraschende Antwort. „Ist sie wohl sehr häßlich?“

Da wandte sich die Prinzessin, lief eiligst in ihren goldenen Pavillon und war ganz verzweifelt; denn sie wußte, daß der Mann, der ihr so gut gefallen, sicher entsetzt sein würde, wenn er ihr Gesicht sähe.

„Warum hat Gott mich so häßlich gemacht?“ dachte sie und war zum :ersten mal in ihren Leben bitter und undankbar vor dem Herrn.

Da zupfte etwas an ihrem Kleid. Aufblickend gewahrte sie ein altes, kleines Weiblein. Das blinzelte sie aus schlauen Augen spöttisch an und meinte:

„Warum holst Du Dir nicht ein Schlangenkrönlein? Dann kannst Du die schönste Prinzessin sein.“

Erstaunt lauschte das weinende Mädchen. Endlich meinte es zaghaft:

„Wird es die Schlange mir wohl geben wollen?“

„Du mußt es Dir nehmen, wenn sie im Wasser baden. Drüben beim großen Teich wohnt der Schlangenkönig. Jeden Mittag, wenn die Sonne scheint, legt er sein Krönlein ab und schwimmt weit hinaus.“

„Aber ich muß doch den Tieren etwas dafür geben, ich kann doch nicht einfach wegnehmen, was ihnen gehört!“ rief die Prinzessin.

„Mir sollst Du etwas geben für den guten Rat“, krächzte die Alte. „Ich sorge dann schon, daß auch die Schlangen ihr Teil bekommen.“

„Und was willst Du haben?“ fragte die Prinzessin.

Es wurde ihr schwer ums Herz.

„Deine Seele! flüsterte das Weib.

„Dann bin ich ja tot!“ schrie die Prinzessin. „Die Seele hat uns der Allewige gegeben und nur Er kann sie doch von uns fordern.“

„Dumme Trine!“ knirschte die Alte zwischen den Zähnen. „Du sollst doch jetzt erst recht leben. Ich will Deine Seele auch gar nicht für immer haben! Ich will nur das Helle' das um sie webt und das mich so stört, von ihr entfernen. Du hast das auch nicht mehr nötig als künftige Königin. Du wirst schön sein! Genügt Dir das nicht?“

Aber die Prinzessin wollte nicht, etwas in ihr warnte sie vor der AIten. Doch diese überredete sie mit den süßesten Worten, sie malte die schönsten Bilder vor der Prinzessin Augen. Schließlich sagte sie:

„Du willst doch dem fremden Prinzen gefallen! So folge meinem Rat wenigstens einmal auf Probe, wenn Du den Schlangen vor dem nächsten Vollmond das Krönlein zurückgibst und wieder häßlich sein willst, dann ist auch Deine Seele frei und darf ihren Lichtschein behalten.“

Da endlich ließ sich die Prinzessin herbei, nachzugeben. Sie folgte der Alten zum Teich, der ganz verborgen im stillen Teile des Schloßparkes lag, wo kaum ein Mensch hinkam.

Als sie angelangt waren, begannen gerade die Glocken der Residenz Mittag zu läuten. Da verschwand die Alte wie ein Schatten.

Im Wasser sah die Prinzessin zwei grüne Schlänglein spielen. Am Ufer aber lagen im Sonnenschein die kleinen, goldenen Kronen. Da faßte sie eine solch heftige Begier, daß sie vor stürzte und eine Krone nahm. Sogleich wurde diese zu einem schweren Ring, den die Prinzessin an den Finger steckte. Das Gold brannte sofort wie Feuer, der Schmerz ging ihr durch Mark und Bein! Eiligst lief sie zurück, als seien die Schlangen hinter ihr her und es war, als lachte es grell und triumphierend aus Bäumen und Büschen.

Atemlos betrat sie ihr kleines Haus und eilte vor den Silberspiegel. Merkwürdig -- es waren noch die gleichen Züge, aber alles, was vordem häßlich, breit und ungeformt geschienen, war schön und wohlgeformt. Einzig die Augen hatten eine kühle Starre bekommen, die die Prinzessin störte.

Aber je länger sie in den Spiegel schaute, desto weniger bemerkte sie die Veränderung. Je kälter ihre Augen wurden, um so schöner strahlte das Gesicht, und desto fremder wurde sich die Prinzessin selbst. Dabei kam sie sich trotzdem so bekannt vor, als hätte sie früher schon einmal so ausgesehen in einer bösen, bösen Zeit. Dann war der Gedanke vergessen und die Prinzessin klingelte ihren Kammerfrauen um sich festlich ankleiden zu lassen.

Den Frauen erstarrte der Gruß auf den Lippen, als sie eintraten. Dann aber gingen sie mit zitterndem Eifer ans Werk. Die Hunde der Prinzessin lagen jedoch in den Ecken und wollten nicht zu ihr kommen. Da stieß sie mit den Füßen nach ihnen.


Wunderschön war die Prinzessin, als sie bald darauf das Schloß betrat, sprachlos begrüßt von den sich tief verneigenden Dienern. Dem Hofmarschall fiel der Stab aus der Hand, als er sie sah, und der Obersthofmeisterin blieb der Mund offen stehen. Sie mußte sich niedersetzen vor Überraschung, zwei Tatsachen deren sie sich dann während ihres ganzen Lebens schämte.

Der König aber klatschte vor Freude ganz unfürstlich in die Hände, als er seine verwandelte Tochter sah und der Prinz, der nun in kostbaren Kleidern am Throne stand, staunte sie an.

Als er aber in die kalten Augen der Prinzessin schaute, mußte er an die schönen Augen des verschleierten Mädchens denken und sehnte sieh nach diesen. Die Prinzessin dachte aber nur, daß sie schön sei und darum der Prinz sie auch lieben müsse.

Es wurde nun auch gleich Verlobung gefeiert. Die Hochzeit sollte recht bald sein, denn der alte König fürchtete im stillen, die Schönheit seiner Tochter könnte am Ende so rasch wieder vergehen wie sie gekommen war. Dann hätte das Land wieder keinen Thronfolger gehabt.

Die nächsten Tage hatte der Prinz Gelegenheit, seine schöne Braut näher kennen zu lernen Er war erschreckt von ihrer HerzenskäIte. Die Tiere wichen ihr aus, einsam war’s um sie, wenn sie im Park spazierenging. Nur einmal, als die kleine, grüne Schlange über den Weg huschte, schrie die Prinzessin und wünschte heftig, daß man alle derartigen Tiere töten sollte.

Der Prinz verstand das nicht. Sobald er allein war, kamen ihm die Tiere so zutraulich entgegen, wie sie früher der Prinzessin genaht waren und ließen sich willig streicheln.

Der Prinz aber durchstreifte Schloß und Garten und suchte nach dem verschleierten Mädchen mit den schönen Augen.

Jetzt war die Prinzessin schön, aber so eiskalt und unfreundlich, daß sich plötzlich jeder erinnerte, wie lieb und gütig sie früher gewesen. Alle dachten bald, daß ihre Häßlichkeit viel liebenswerter gewesen war als ihre jetzige Schönheit.

Indessen hatte die Prinzessin schwere Tage. Wo sie ging und stand, vermeinte sie die grüne Schlange zu sehen. Nachts vernahm sie feine Stimmen, leises Scharren am Fenster. Dann klang es vernehmlich zu ihr hin:


„Nun bist Du schön, Prinzessin fein,

Weil Du genommen mein Krönelein.

Und bist doch worden böse und kalt,

Weil Du Deiner Reinheit Lichtgestalt

Hast abgegeben um Erdengewinst.

Ohn' sie Du nicht zum Himmel find'st!

Prinzessin, bring mir mein Krönlein zurück!

Dann wird auch Dir geschenkt das Glück!“


Die Prinzessin stopfte sich die seidenen Kissen um die Ohren und wollte nicht hören, denn sie wollte nicht wieder häßlich werden. Und doch war sie unglücklich und unzufrieden. Sie fühlte, daß etwas Schönes, das sie früher besessen, aus ihrem Leben geglitten war. Sie mußte nachdenken und gerade immer, wenn sie dachte, nun müsse sie es finden, dann wurden fremde Kaufleute gemeldet, die herrliche Stoffe und Schmucksachen brachten, die ihrer Eitelkeit schmeicheln sollten.

So waren nun schon drei Wochen vergangen, und übermorgen sollte die Hochzeit sein. Alles seufzte unter der Prinzessin Launen, auch der alte König weinte eines Abends in sein großes gelbseidenes Taschentuch und sagte zu seinem Schwiegersohn:

„Sie war viel schöner, als sie noch häßlich war!“

Auch der Prinz grübelte über diesem Rätsel und faßte einen Entschluß. Er ging zu der Prinzessin und sagte der Erschrockenen, er könne sie nicht heiraten, denn er dächte nur an das verschleierte Mädchen mit den schönen Augen.

„Aber sie ist doch so häßlich!“ entfuhr es der Prinzessin.

,,Die Augen sind der Spiegel der Seele», erwiderte der Prinz. „Wer so schöne Augen hat, der kann nicht häßlich sein, weil seine Seele gut ist.“

Da durchzog es die Prinzessin in jähem Schrecken. Das war es, was sie quälte; ihre Seele verlor das Licht, weil sie dieselbe verraten hatte an das Weib! Ihre Seele schrie in ihr um Erlösung und hatte kein Gehör gefunden bei ihrer Eigensucht.

„Kennst Du das Mädchen?“ fragte nun der Prinz.

Die Prinzessin bejahte. Sie bat ihren Verlobten morgen wieder zu dem kleinen Pavillon zu kommen dann wolle sie ihm nähere Nachricht geben.

In dieser Nacht lag die Prinzessin schlaflos und überlegte was sie tun sollte. Drei Tage hatte sie noch, dann war die Frist verstrichen und sie war gebunden an das Böse für immer. Da klangen die Stimmen der Schlangen zu ihr empor:


„Drei Tage noch hast Du Zeit

Dann verlierst Du die Ewigkeit.

Dann geht Dir das Licht des Himmels verloren

Und es wäre Dir besser Du wärst nicht geboren!

Bring mir mein Krönlein Prinzessin Braut,

Bevor der Mond in Dein Fenster schaut!“


Da wußte die Prinzessin auch plötzlich, was ihr am meisten gefehlt hatte, sie fand zum ersten mal seit Wochen wieder innige Worte des Betens und damit die Klarheit für das, was sie tun mußte.

Am andern Tage, als die Mittagglocken läuteten, ging sie zum Teich. Dornen hingen sich in ihr Kleid, Zweige schlangen sich um ihre Füße, aber sie schritt unbeirrt weiter. Raunende Stimmen zischelten ihr zu, wie töricht sie sei, ihre Schönheit aufzugeben, jetzt, wo sie tausend Freier haben könnte.

Als sie ans Ufer trat, strahlte ihr aus dem Wasser ihr Bild entgegen, schöner denn je, aber mit kalten, toten Augen. Das schmerzte sie sehr. Rasch entschlossen streifte sie den Ring vom Finger, der sogleich wieder zum funkelnden Krönlein wurde und legte es ins Gras. Da wand sich auch schon die grüne Schlange aus dem Gebüsch und nahm ihr Eigen an sich.

Um die Prinzessin aber war ein neues, lachendes Leben. Die Vögel sangen hell und hüpften zutraulich um sie, die Rehe kamen aus dem Gesträuch und rieben die schlanken Hälse an ihrem Kleid. Das Wasser aber warf kleine Wellen und aus ihnen blickten zarte Gesichtchen freundlich nach ihr hin. Eine Nixe kam näher ans Ufer geschwommen und sagte:

„Menschenkind, konntest Du nicht in Geduld tragen, was der Herr Dir auflegte? Jeder Mensch trägt doch den Körper und das Gesicht, das er sich selbst geformt durch sein früheres Sein. Nun warst Du die kurzen Wochen wieder so schön wie einst, oder so häßlich, wie Du es nennen willst. Jetzt bist Du wieder so häßlich, wie Du in diesem Leben sein wirst und kannst doch so schön werden, wenn Du wahrhaft gut bist und der Reinheit lebst!“

Die Prinzessin weinte bitterlich, als sie diese Worte hörte; denn nun wurde ihr klar, wie sie gehadert mit Gott um ihr Geschick.. In den Tränen löste sich in ihr die Starrheit, die sich bereits um sie gelegt in den letzten Wochen.

Da vernahm sie Schritte. Verwirrt zog sie den Schleier über ihr nun wieder häßliches Gesicht. Der Prinz trat auf die Lichtung.

„Das ist ja mein Mädchen mit den schönen Augen!“ rief er froh.

Die Prinzessin schlug ihren Schleier zurück und zeigte ihm ihre Häßlichkeit. Dann erzählte sie ihm alles. Da sie dachte, daß er nun sicher gehen werde wie die anderen, so reichte sie ihm die kleine Hand zum Abschied. Aber der Prinz hielt die Hand fest und sagte:

„Nun bist Du erst meine allerschönste Prinzessin!“

Er führte sie zum Schlosse, und die Rehe und Tiere des Parkes gingen hinter ihnen her wie ein Festgeleite.

Der alte König rieb sich die Augen, setzte die Brille auf und klatschte wieder in die Hände, so froh war er über seine verwandelte Tochter. Alle Hofdamen und Herren neigen sich und sprachen:

„Wie schön sie ist!“

Das sagten sie, weil sie zum ersten Mal bemerkten, welche Klarheit und Güte um die Prinzessin waren.

Von diesem Tage an hat niemand im ganzen Lande mehr gesehen, daß die Prinzessin häßlich war; denn sie mühte sich, ein guter Mensch zu werden dies ihren Frauen und dem ganzen Lande vorzuleben, wie es sich für eine echte Königin geziemt.

Sie wurde sehr glücklich mit ihrem Prinzen, auch ihre Kinder konnten nie verstehen, daß ihre Mutter häßlich sei; denn ihnen war sie die schönste und beste Mutter von der Welt.




In den Wäldern Afrikas.

(1. Fortsetzung)



Hell strahlte die Sonne wenige Tage später über Tuimah-Uru, der Siedlung der Tuimah-Leute.

Sie schien auf lauter runde, aus Stroh, Zweigen und Gras geflochtene Hütten, die umgekehrten Körben nicht unähnlich sahen. Am Boden der Hütten war eine Öffnung, in die man nicht aufrecht hineingehen, sondern nur nach Art der Tiere hineinkriechen konnte.

Oben aber, wo die Steile des Korbes in die Deckelrunde übergehen wollte, befanden sich mehrere schräge Löcher, die wohl Licht und Luft, aber keinen Regen hineinließen, wenn er nicht tückisch von der Seite kam. Dann mußte die Nässe eben ertragen werden.

Innen war die ganze Hütte mit Fellen ausgepolstert und reinlich gehalten. Wer die Hütte verunreinigte, durfte sie niemals wieder betreten. Die Felle wurden sogar zu bestimmten Zeiten im Jahr draußen ausgeschüttelt und in die Strahlen der Sonne gelegt, damit sie von ihr Heilkraft aufsaugten. Erbeutete der Mann neue Felle, so wurden die älteren fortgeschenkt, meist an Witwen.

An jede dieser merkwürdigen Hütten war im Windschutz aus Holz eine Art offenen Schuppens gebaut, wo alle Geräte der Familie aufbewahrt wurden. Es war der Stolz der Frauen, möglichst schöne Schalen, Körbe, Messer und Behälter zu haben und sie wohlgeordnet aufzureihen.

Daneben lehnten die Werkzeuge und Waffen der Männer. Auch eine Kiste aus Stein stand dort, in der die Gewänder lagen. Diese Kiste bis zum Rande mit guten festen und schön gearbeiteten Sachen zu füllen war höchster Ehrgeiz der Frauen.

Außerhalb der Ansiedelung weideten bis in weite Ferne hinaus die stattlichen Herden der Ziegen, Schafe, Rinder, Büffel und der gestreiften struppigen Pferde.

Sorgfältig wählten die Männer den Weidegrund für die Tiere aus, die allen gemeinsam gehörten. Für das Gedeihen der ihnen Anvertrauten waren sie dem ganzen Stamm verantwortlich.

Wurden Schafe geschoren, so lagerte man die Wolle ein, bis die Zeit gekommen war, daß die Frauen etwas daraus fertigen konnten. Dann verteilte Bu-anan nach der Kopfzahl der Familienglieder und es war Sache der Frauen, möglichst viel und gutes daraus zu machen. .

Ebenso wurde es mit den Fellen der Ziegen gehalten, aus denen die Männer geschmeidiges Leder herzustellen verstanden, das ihnen zur Festbekleidung diente.

Viehzucht und Jagd waren die eigentliche Beschäftigung der Männer. Daneben gerbten sie Leder, errichteten Hütten und taten schwere Arbeit, deren die Frauen manchmal bedurften.

Diese bestellten die wenigen Felder in der Nähe der Hütten. Eine Art magere Hirse wuchs dort, aus der die Frauen gemeinsam Brot buken, nachdem sie die Hirse zwischen großen Steinen zerrieben hatten.

Dieses Brot bildete neben der Ziegenmilch die Hauptnahrung aller. Den Rindern nahm man keine Milch ab, da die Männer glaubten, dann würden die Kälber sterben. Sie wollten aber viele Jungtiere haben, deren Fleisch ihnen besser mundete als das der Alten.

Datteln, Feigen und andere Früchte zur Vervollständigung der Nahrung (mußten die Kinder suchen, die früh zur Arbeit angehalten wurden. Ebenso mußten sie die Eier ausfindig machen, die man mit Bu-anans Erlaubnis einzelnen Vogelarten nehmen durfte.

Nicht weit von der Ansiedelung breitete sich ein mäßig tiefer See aus, dessen Wasser aber weder Mensch noch Vieh erquicken konnte, da es meist grau zerwühlt war. Viele große Tiere kamen abends dort zur Tränke und außerdem wimmelte dieses Gewässer von eklen Krokodilen, die ihre schuppigen Leiber darin wälzten.

Es war ein Glück, daß ein kleiner Fluß sein Wasser diesem See zutrug und sich vor seiner Einmündung in eine Art gemauertes Becken hatte leiten lassen, aus dem man Wasser genug schöpfen konnte. Freilich, wenn der Regen allzu lange ausblieb, dann trat Mangel ein, aber Anu half immer wieder.

An diesem schönen Sonnenmorgen trat Bu-anan vor ihre Hütte hinaus. Es war die schönste und größte der ganzen Ansiedelung und sie bewohnte sie ganz allein. Ihre Frauen lebten in zwei nahe gelegen Behausungen, die dunklen Diener oder Sklaven noch etwas weiter entfernt in einer sehr großen runden.

Vorsichtig hatten die Frauen ein weißes Gewebe vor den Einschlupf der Hütte gebreitet, damit Bu-anan sich beim Herauskriechen das Gewand und die Hände nicht beschmutze.

Es war nicht leicht, nach Art der Tiere aus der Wohnung zu schlüpfen und sich sofort auf die Füße zu stellen.

Bu-anan beherrschte diese schwere Kunst so vollkommen, daß bei ihr anmutig erschien, was bei den anderen oft Anlaß zu Gelächter gab. Manche der Frauen kugelten geradezu aus dem Loch heraus und brauchten geraume Zeit, bis sie imstande waren, aufzustehen.

Einmal auf den Füßen, ging die weiße Mutter sofort zum Flusse, wo sie Gesicht und Hände netzte. Danach setzte sie sich an den Rand und hing die Füße in das rieselnde Wasser.

Eine andere Frau trat zu ihr.

„Woran denkt Bu-anan?“ fragte sie zutraulich, wenn auch ehrerbietig.

Die Angeredete wendete den Kopf.

„Du bist es, Pa-uru?“ wunderte sie sich. „Ich dachte, Du seiest längst am Weben.“

Die andere empfand wohl den Vorwurf, wollte ihn aber für dies Mal nicht hören.

„Ich habe Pa-un, die Tochter, an den Webstuhl gestellt und bin ausgegangen, Dich zu finden, weiße Mutter. Wichtiges habe ich Dich zu fragen.“

Bu-anan zog die Füße aus dem Wasser und wandte

sich voll der Fragerin zu.

„So rede“, ermunterte sie und ihre Augen waren freundlicher als ihre knappen Worte.

„Du weißt, Bu-anan, daß ich nicht aus diesem Stamm entsprossen bin. Amru, der Mann, raubte mich, als er mich einst auf der Jagd nach dem Gelben traf. Ich war's zufrieden und blieb gern. Die Meinen hielten mich für tot.“

„Woher weißt Du das, Pa-uru?“ fragte Bu-anan. „Sie haben vielleicht nach Dir gesucht.“

„Ich weiß, daß sie das nicht taten; denn seit heute mit dem Sonnenaufgang ist mein Bruder in unserer Hütte. Er hatte sich auf der Jagd verirrt. Gestern verriet ihm unser Feuer unsere Siedelung. Aber er wagte sich nicht heran und blieb hinter dem Stachelwall liegen. Dort mag er eingeschlafen sein. Heute suchte er mich, weil er mich gestern gesehen und erkannt hatte. Nun ist er da.“

Aufatmend schloß die Frau, deren Rede ihr selbst ungebührlich lang erschien.

Durch Bu-anans Kopf schossen mehrere Gedanken, aber sie mußten späterem Überlegen vorbehalten bleiben. Für jetzt mußte die Frau ihre Antwort erhalten auf die unausgesprochene Frage.

„Und nun willst Du wissen, ob Du ihn herbergen darfst? Ist es nicht so, Pa-uru?“ fragte sie freundlich.

Die Frau nickte.

Bu-anan überlegte kurz. Es schien, als spräche sie mit jemand, aber die Frau sah niemand. Dann blickte sie auf und entschied:

„Es ist nicht Sitte bei uns, daß wir dem Verirrten Nachtlager und Wegzehrung weigern. Die Tuimah haben auch nicht nötig, irgend jemand zu fürchten. Wenn Dein Bruder sieht, daß Du glücklich bist, wird er Deinen Mann in Frieden lassen.“

„Ich danke Dir, Bu-anan. Morgen mit Sonnenaufgang will der Bruder weiterziehen.“

Die Frau ging eilig.

Bu-anan aber überlegte. So sicher vor Späheraugen hatte sie den Feuerplatz geglaubt. Nun war es möglich gewesen, daß ein Fremder unbemerkt hinter dem Wall hatte verborgen liegen können! Das war in Zukunft nicht mehr zuläßig.

Wohl hatten die Tuimah nichts zu verbergen. Aber die Nachbarn waren unruhige Stämme, die oftmals auf Mädchenraub auszogen. Es war nicht angängig, daß blinde Sorglosigkeit ihnen hierzu die Möglichkeit bot.

Und dann ... der Frau gegenüber war sie unbekümmert gewesen. Sie sah aber voraus, daß mit der Rückkehr des Bruders zu den Seinen Schwierigkeiten für den ganzen Stamm entstehen würden.

Am besten wäre es, die Frau würde mit dem Bruder gehen, aber das war unmenschlich, ihr das zuzumuten. Also mochte kommen, was kommen mußte. Anu würde helfen!

Bu-anan erhob sich und ging zu einer Hütte, neben der das Klappen eines großen Webstuhles ertönte. Mehrere Frauen saßen an der Arbeit und sangen ein Lied dazu, immer auf den gleichen Ton, nur durch die Stärke, mit der dieser Klang hervorgebracht wurde, Abwechslung schaffend.

Die weiße Mutter prüfte das Gewebe und lobte die Arbeiterinnen.

Von Hütte zu Hütte schritt sie, überall nach dem Rechten schauend. In ihr war eine ihr sonst ungewohnte Unruhe. Sie merkte es und strebte, sobald als möglich in die Stille zu kommen, damit sie sich sammeln könne. Wenn sie nicht gleichmäßig war, was sollte sie von den anderen verlangen?

Da traf sie unerwartet auf einen Mann, der anscheinend müßig herumschlenderte, dabei aber scharfe Blicke nach allen Seiten warf und sogar seine Schritte zu zählen oder doch nach einem gewissen Rhythmus zu machen schien.

Ein kurzes innerliches Zusammenraffen, dann wußte sie, was zu geschehen hatte. Sie rief den Fremden an:

„Wer bist Du, Fremdling, der hier umhergeht, nachdem die Männer den Ort verlassen haben?“

„Wer bist Du, Weib, daß Du mich anzureden wagst?“ kam die rasche Gegenfrage.

Der Mann war nicht gewillt, Auskunft über sich und sein Tun zu geben. Noch weniger aber war Bu-anan ge-sonnen, sich beiseite schieben zu lassen.

„Du scheinst nicht an gute Sitte gewöhnt zu sein, sonst wüßtest Du, daß der Fremde, auch wenn er als Gast in einem Orte weilt, sich den dort herrschenden Gebräuchen zu fügen hat. Bei uns gehen die Männer mit Tagesanbruch an ihre Arbeit außerhalb der Siedelung, die den Frauen vorbehalten bleibt. Sind sie aus irgend einem Grunde daran verhindert, so verlassen sie ihre Hütte nicht. Nun weißt Du es. Richte Dich danach.“

Ganz anderes hatte sie ihm sagen wollen, wenn sie ihn nachher aufsuchte, nun aber die Begegnung unerwartet früher erfolgt war, war alle Überlegung vergessen. Sie hatte so sprechen müssen, wie sie es jetzt getan.

Der Mann schaute die Frau an, die so anders aussah als alle anderen, und die es wagte, so mit einem Manne zu reden. Noch gab er sich nicht geschlagen.

„Bei uns ist es nicht Sitte, daß Weiber einen Mann anreden“, sagte er geringschätzig. „Ich kann mit Deinen Worten sprechen: Du scheinst nicht an gute Sitte gewöhnt zu sein.“

„Ich bin Bu-anan“, erwiderte die Frau hoheitsvoll, als sei damit alles erklärt.

Der Mann lachte.

„Die weiße Mutter heißest Du? Was bedeutet das? Geh zu Deinen Kleinen, sie werden nach Dir schreien, weiße Mutter.“

Er wandte sich verächtlich weg und wollte sein Schreiten wieder aufnehmen. Das mußte verhindert werden. Klar sah Bu-anan, daß er unter dem Vorwand, verirrt zu sein, in die Siedlung gekommen, daß er gar kein Bruder der Pa-uru war, die ihn leichtgläubig aufgenommen.

Sie machte es wie Ra-a, von der sie erzählt, und schrie zu Anu um Kraft und Weisheit. Dann sagte sie ruhig, mit großer Bestimmtheit:

„Unnötige Worte sind jetzt genug gesprochen! Ungebeten kamst Du zu uns. Nun bleibe, bis es uns gefällt. Dich von uns zu lassen!“

Unbedacht erwiderte er:

„Wie wollt Ihr mich festhalten, Ihr Weiber? Eure Männer sind schon längst weit hinaus gezogen? Ich bleibe, solange es mir gefällt! Danach gehe ich, nicht früher und nicht später.“

Bu-anan schöpfte tief Atem. Danach stieß sie einen lauten, klagenden Eulenruf aus, den sie noch zweimal wiederholte.

Als wenn ein Zauber wirke, so schien es dem Manne. Von überall her sprangen dunkle, fast unbekleidete Männer herbei, alle Hindernisse überrennend. Im Augenblick war er umringt, so eng, daß er sich nicht zu rühren vermochte, trotzdem ihn niemand angefaßt hatte.

Wie ein Wall aus Stein standen die niedrigen, aber breiten, kräftigen Körper um ihn. Alle hatten sie ihm den Rücken zugewendet und schauten auf Bu-anan, die innerlich erleichtert aufatmete.

„Nehmet diesen Mann mit Euch!“ gebot sie in einem Ton, dem niemand das vorhergehende innere Zagen anhören konnte. „Er ist ein Fremder, der sich mit einer Lüge bei uns eingeschlichen hat. Er kam, um uns auszuspähen. Lasset ihn nicht entschlüpfen!“

Ein halblauter Zuruf der Schwarzen antwortete ihr, dann fühlte der Fremde sich ergriffen und unwiderstehlich fortgeschleppt. Er wurde nicht mißhandelt, aber die Gewalt war so stark, daß Auflehnen dagegen vergeblich gewesen wäre.

Mit großer Schnelligkeit ging es aus der bebauten Gegend hinaus. Eine gute Strecke Weges war in raschem Schritt zurückgelegt worden, da blieben die Männer stehen.

Der Fremde befand sich vor dem Eingang zu einer unterirdischen Höhle. Man wies ihn an, hineinzugehen. Schon aus Neugierde gehorchte er. Mehrere Männer folgten ihm und trieben ihn weiter vor sich her durch enge Gänge, die gewunden unter der Erde hin zu laufen schienen. „Was treibt Ihr hier?“fragte der Mann, erhielt aber keine Antwort.

Sein Weg hatte das Ziel erreicht. Er befand sich in einer mäßig großen Kammer, in die keinerlei Tageslicht fiel. Ein großes Bündel Späne lag aufgehäuft. Einer derselben wurde an den mitgebrachten Bränden entzündet und in eine Steinspalte gesteckt. Dann wies ein Mann auf einen Stein, der mit zerschlissenen Fellen überdeckt war.

Kaum hatte der Fremde sich darauf niedergelassen, da verließen ihn die andern und verschlossen den Eingang zu der Kammer mit einem riesigen Felsstück, das genau hineinpaßte. Augenscheinlich war diese Höhle das Gefängnis des Stammes.

Zwei der Schwarzen lagerten sich behaglich zu Füßen dieses Eingangs und grinsten befriedigt. Sie mußten den Fremden bewachen, aber eine gewisse Schadenfreude an seiner Gefangennahme machte ihnen die Aufgabe angenehm.

Die andern eilten fast laufend an die auf den Eulennotruf hin verlassene Arbeit.

Gleichfalls unterirdisch befand sich eine gut angelegte Schmiede, die ihren Rauchabzug nach oben hatte. Es waren eigentlich mehrere Schmieden, die miteinander in Zusammenhang standen: in der einen wurden die Bronzemesser und Dolche gefertigt, in der anderen arbeiteten sie feinere Dinge, zum Beispiel breite verzierte Bronzeringe für Arme und Fußknöchel und kleine Ringe, die manche Männer als Schmuck an der Nase trugen.

In der dritten Abteilung entstanden flache und tiefe Schalen, ebenfalls aus Bronze und einem Gemisch, das heller leuchtete als die dunkle Bronze.

Noch glosten die Kohlen. Rasch wurden die Feuer wieder entfacht und die Arbeit begann in großer Freude. Gespenstisch flackerten die Flammen über die halbnackten, dunklen Körper.

Geraume Zeit mochte verstrichen sein, da klang ein schriller Pfiff durch die Räume, der allen Arbeitslärm übertönte.

Mehrere der Männer legten die Geräte aus der Hand und begaben sich raschen Schrittes durch einen schmalen Gang in ein sehr großes, besonders luftiges Gemach. Fertige und halbfertige Geräte und Zierrate standen und lagen dort umher, Metall und edle Steine waren zu großen und kleinen Haufen getürmt.

Inmitten aller dieser Dinge stand ein sehr kleiner, alter Mann. Ein langer weißer Bart reichte ihm bis zu den Knien herab, auch die Kopfhaare quollen silberweiß unter der spitzen Kappe von Ziegenleder hervor, die das Haupt bedeckte. Gleichfalls aus Ziegenleder war die eng anschließende Bekleidung, die aus Beinkleid und Rock bestand. Sogar die Füße staken in Leder.

Ohne eine Aufforderung abzuwarten, scharten die Männer sich um den Alten, der schweigend eine Metallarbeit aufnahm und ihnen wies.

Es war ein scharf geschliffenes Werkzeug aus hellem Metall, das, an einen Holzstiel befestigt, etwa dem heutigen Beile glich.

Sie staunten es an, ohne indessen zu ahnen, zu welchem Zweck dieses Ding zu gebrauchen sein könnte. Wahr-scheinlich war es ihnen auch nicht wichtig. Sie wußten nur: zeigte der Alte ihnen solche Gegenstände, so mußten sie versuchen, sie nachzubilden. Anleitung erhielten sie dazu.

Nun ergriff der Alte ein bereitliegendes Stück Holz, stellte es aufrecht und spaltete es mit dem neuen Werkzeug glatt durch.

Ein Freudenschrei zeigte, wie entzückt die Männer von der ungeahnten Wirkung waren. Viele Hände faßten gleichzeitig nach dem Ding.

Der Alte zog es rasch zurück und musterte die Männer. Danach händigte er es einem ein, der helleren Auges als die anderen dreinschaute.

Wie einen kostbaren Schatz nahm dieser es in Empfang. Danach enteilten die Männer schweigend, wie sie gekommen. Auch der Alte hatte kein Wort gesprochen.

Als der Tag zur Rüste gehen wollte, machten sich mehrere der Schwarzen auf, in der Siedelung die Mahlzeit zu holen. Sie kehrten beladen mit Brot, Milch und Früchten zurück, und alle begaben sieh ins Freie, um gemeinsam die Gaben zu verzehren.

Vorher brachten zwei der Männer dem Gefangenen seinen Anteil. Sie fanden ihn kleinlaut und wortkarg auf seinem Lager und ließen ihn liegen. Die Speisen stellten sie vor ihn auf den Boden. Sorgsam wurde danach der Eingang wieder verbaut.

Später zeigte es sich, daß diese Schwarzen auch hier unter der Erde schliefen. In den Gängen, die zu der Höhle des Fremden und zu den Schmieden führten, lagerten sie sich auf rasch ausgebreiteten Matten und bald verkündete das gleichmäßige Atmen, daß sie in Schlaf verfallen waren.

Auch in der Siedelung war es still geworden. Aus einzelnen Hütten klang rasch beschwichtigtes Weinen einer Kinderstimme, sonst ließ sich kein Geräusch vernehmen.

(Fortsetzung folgt)

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Fragen-Beantwortungen


durch Abd-ru-shin.


Frage: Eine Frage-Beantwortung in Heft 6 veranlaßt mich zu einer neuen Frage: Es müßte Abd-ru-shin doch leicht fallen, alle Blößen und Mängel der Kirchen oder Sekten zu beleuchten, womit die Angriffe derselben wohl schon aus Klugheit verstummen würden.

Antwort: Erwartet der Fragende von mir, daß ich darin die üblichen dunklen und verwerflichen Wege einschlage, welche die Gegner so kennzeichnen? Wohl könnte ich es und es würde Bände füllen, aber meine Aufgabe liegt nicht darin, sondern sie ist, den ernsthaft nach Gott und Wahrheit suchenden Menschen den Weg zu zeigen und ihnen damit helfend das zu bieten, was sie suchen.

Das erklärt auch so manche Frage, warum ich mich nicht durch die üblichen Werbewege bemühe, Leser und Anhänger zu finden und deren Kreise schnell zu erweitern.

Ich biete den Suchenden dar, aber ich werbe nicht. Wer wirklich suchet, der wird finden! Er findet, weil es von Gott so gewollt ist und helfende Kräfte aus den lichten Höhen jeden ernsthaft Suchenden dazu führen. Dieselben Kräfte helfen damit auch mir und die Menschheit wird zu rechter Stunde erfahren müssen, daß ich in Gottes Heiligem Schutze stehe. Damit wird auch dann die Falschheit aller Angriffe von selbst offenbar und das Ende wird so sein, daß gerade diese Angriffe und alles ähnliche Tun am meisten dazu beigetragen haben, meine Aufgabe zu fördern, trotzdem sie das Gegenteil beabsichtigen.

Es liegt im Gottgesetz, daß zu dieser Zeit nun auch das Dunkel mit seinen bösen Absichten wider Willen dem Lichte dienen muß.

Mein eigenes Wissen im unbedingten Vertrauen auf meine Sendung und deren Ausgang gibt mir das Recht auch den bittenden Menschen selbst für sich entscheiden zu lassen, ob sie den Gehässigkeiten Glauben schenken werden. Sie brauchen dabei doch nur an die Worte des Gottessohnes Jesus zu denken:

„An ihren Werken sollt ihr sie erkennen.“ Das ist gleichbedeutend mit: „An der Art des Wirkens sollt ihr sie erkennen!“

Das Erkennen der wahren Gegner ist dann doch nicht mehr so schwer.

Außerdem wird mit solchen Unterdrückungsversuchen und Verfolgungen gerade gegen eines der Hauptgesetze Gottes schwer gesündigt: Der Mensch soll seinen freien Entschluß bei seinen Entscheidungen haben, was von seiner Verantwortlichkeit nicht zu trennen ist; denn wo Verantwortung ist, muß auch freie Entschlußfähigkeit sein! Diese hört aber dort auf, wo Prüfungs- und Überlegungsfreiheit unterbunden wird von Stellen, die deutlich genug kennbar nur ihren eigenen Einfluß damit zu erhalten suchen.

Wo wirklich Wahrheit ist, dort kann sie ruhig beleuchtet werden, da ist nichts zu fürchten, und da wäre doch am wenigsten Grund, gegen Anderes oder Neues zu eifern. Im Gegenteil, jedes Andere kann die Wahrheit nur festigen.

Des Menschen heiligste Pflicht ist es, im Gotterkennen wie in seiner geistigen Entwickelung voran zu schreiten. Jede Unterbindung daran und Fesselung an Bestehendes ist Stillstand, der Rückgang zur Folge hat. Das verstandeswissenschaftliche Forschen und Entdecken schreitet immer unentwegt voran, wenn dabei das Geisteswissenschaftliche nicht gleichen Schritt hält, muß es mit der Zeit erschüttert werden und ins Wanken kommen, weil der Ausgleich zur Harmonie dieser beiden verschiedenen Arten, die Hand in Hand gehen sollen, fehlt. Das Ende ist dann unvermeidlicher Zusammenbruch, weil dem Verstandeswissenschaftlichen der ihm notwendige geistige Halt fehlt; denn Mystik vermag diesem Verstandeswissen nichts zu geben.

Anscheinend gehören diese Bemerkungen nicht zu dieser Frage, aber nur anscheinend. In Wirklichkeit vertieft es den Sinn der Antwort und ich hoffe, daß es mancher Mensch erfaßt.





vvv

Öffnet Auge und Ohr, damit Tropfen

des Lichtes guten Boden finden:


Wenn aber der Mensch alles besäße, und hätte der Liebe nicht, so wäre er doch nur ein tönend Erz oder eine klingende Schelle, also ohne Wärme, ohne Leben ... nichts!

Findet er jedoch zu irgend einem seiner Nächsten die wahre Liebe, die nur darnach strebt, dem anderen geliebten Menschen Licht und Freude zu bringen, ihn nicht durch unsinniges Begehren herabzuzerren, sondern schützend emporzuheben, so dient er ihm, ohne sich dabei des eigentlichen Dienens bewußt zu werden, da er sich dadurch mehr zu einem selbstlosen Geber und Schenker macht. Und dieses Dienen ringt ihn frei!

* * *

Wenn ein Mensch seinem Nebenmenschen gegenüber Hypnose anwendet, so bindet er damit dessen Geist! Diese Bindung an sich ist geistiges Vergehen oder Verbrechen. Es entschuldigt nicht, wenn Hypnose zum Zwecke der Heilung einer körperlichen Krankheit angewendet wird, oder als Mittel zu einer psychischen Verbesserung.

* * *

Nutzbar machen kann sich der Mensch die Kräfte, die den Willen Gottes tragen, nur dann, wenn er sie genau studiert, also erkennt, und sich dann darnach richtet. Das Mit-ihnen-rechnen oder Sich-darnach-richten ist in Wirklichkeit aber weiter nichts als ein Sich-einfügen also ein Sich-beugen! Sich nicht gegen diese Kräfte stellen, sondern mit ihnen gehen.

* * *

Die falsche Rücksichtnahme den Zweiflern gegenüber kann nicht damit entschuldigt werden, daß den „Gläubigen" die Sache zu „heilig und zu ernst" ist, als daß sie sie etwaiger Verspottung aussetzen möchten. Es ist auch keine Bescheidenheit mehr zu nennen, sondern lediglich niedere Feigheit! Heraus endlich mit der Sprache, wess' Geistes Kinder Ihr seid! Furchtlos jedem Menschen gegenüber, mit dem Stolze, der der Gotteskindschaft gebührt! Nur dann werden auch die Zweifler ihren nur Unsicherheit verratenden Spott endlich zu zügeln gezwungen sein. Jetzt aber wird er durch das furchtsame Verhalten vieler „Gläubigen" nur großgezogen und genährt.

* * *

Wenn es heißt, daß der Mensch nicht an irdischen Gütern hängen darf, sobald er nach dem Himmelreiche strebt, so ist damit nicht gesagt, daß er irdische Güter verschenken oder wegwerfen soll, um in Armut zu leben. Der Mensch kann und soll froh genießen von dem, was ihm Gott durch seine Schöpfung zugänglich macht. An irdischen Gütern „nicht hängen dürfen" bedeutet nur, daß sich ein Mensch nicht so weit hinreißen lassen soll, ein Zusammenraffen von irdischen Gütern als obersten Zweck seines Erdenlebens auzusehen, sich also dadurch vorwiegend an diesen Gedanken „zu hängen".

Abd-ru-shin.











Mitteilungen an die Leser.


Auf Anregung eines Lesers hin werden die „Lichttropfen“ durch Künstler illustriert und vom Verlag als „Lesezeichen“ geliefert, die sich viele Leser auch als Bild einrahmen lassen. Bis jetzt ist eine Serie von sechs verschiedenen Bildern vorrätig.

Nr. 1. Siehe nebenstehend.

Nr. 2. „Frohlocket, ihr Unwissenden und Schwachen, Euch ist die selbe Kraft gegeben, wie den Starken. Das Übel kann nicht nahen, wenn Ihr es nicht ruft! Wie Ihr es wollt, so wird es Euch geschehen!“

Nr. 3. „Es gibt nur einen Feind der Menschen auf der ganzen Linie: Die unbeschränkte Herrschaft des Verstandes.“

Nr. 4. „Geistiges Brot erfrischt unmittelbar, Wahrheit erquickt und Licht belebt!“

Nr. 5. „Achtet und ehret das Weib als solches, und es wird sich darnach formen, wird das werden was ihr in ihr seht, und damit hebt ihr Euer ganzes Volk!“

Nr. 5. In dem Schwingen weiblicher Empfindungsfähigkeit liegt, wenn sie der Reinheit und dem Licht entgegenstrebt, das andauernde Wachen und das schönste Beten, das Gott wohlgefällig ist!“

Bestellungen sind an „Die Stimme“ erbeten. Preis pro Stück 25 Cts. Weitere Feststellungen von Illustrationen werden jeweils angekündigt

VERLAGS-A.- G: „DIE STIMME“

ZÜRICH 7, Drusbergstaße 17

Telephon 46.575 – Postcheckkonto VIII 5345

Abonnementspreise:


Monate: 1 2 3 6 12

    1. 3,20 4,80 9,60 19,60

      Fürs Ausland 30 Cts. mehr




Blinder Glaube bleibt immer gleichbedeutend mit Unverständnis, kann daher auch niemals Überzeugung sein und demnach auch keine Befreiung, keine Erlösung bringen.

* * *

Wer ungefragt wichtige Dinge als seine Überzeugung aufnimmt und bekennt, zeigt damit grenzenlosen Gleichmut, aber keinen wahren Glauben.

* * *

Mit jedem Wollen hat der Mensch im sogenannten Jenseits, der andersstofflichen Welt etwas geformt, in dem er später einmal leben muß.





























(Aus „Denkst Du daran?“, Bausteine aus den Vorträgen Abd-ru-shin’s, zusammengestellt von Hofrat Professor Alfred Börckel. Bestellungen sind an „Die Stimme“ erbeten.)





Inhalt:

Seite

1. Spruch. Von Susanne Schwartzkopff. . . . . . 4

2. Prophetentum und Neuzeit. Von Kurt Halseband.   . . . . . 5

3. „Der heilige Gral” und „Parsifal” in Dichtung     . . und Legende.Von Henri Huber . . . . . . 11

4. Die Erlösung. Von Bernhard Hermann, Zürich. . . . 18

5. Die Lilie. Von Susann Schwarzkopff. . . . . . . . 27

6. Pfingsten. Von Abd-ru-shin. . . . . . . . . . . . 34

7. Das Schlangenkrönlein. Von Maria Halseband. . . . . 38

  1. In den Wäldern Afrikas.(1. Fortsetzung) . . . . . . . . 45

  2. Fragen-Beantwortungen. Von Abd-ru-shin. . . . . . . 53

10. Tropfen des Lichtes. Von Abd-ru-shin. . . . . . . 55

11. Mitteilungen an die Leser. . . . . . . . . 57

Herausgeber: Verlags A.-G. ,,Die Stimme”, Zürich, Drusbergstraße17.Verantwortlich: Für die einzelnen Artikel und Mitteilungen die Verfasser. Für den übrigen Teil: Herr Arthur Giese, Zürich.


„Im Lichte der Wahrheit“, Seite 363.


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